Raphael Kallensee (rk), Nina Ruzicka (ru)
24.07.01
Patrick Stewart, der Außenseiter
Vergleiche des Hollywood-Stars mit Scrooge und Shylock
This is Leeds hat vor kurzem ein Interview mit Patrick Stewart (Jean-Luch Picard) veröffentlicht, in dem der Schauspieler unter anderem über seine Kindheit und seine Liebe zu Shakespeare spricht. Folgend die komplette deutsche Fassung des Interviews.
Seine Geschichte ist wie der Inhalt eines Disney-Abenteuers. Er begann völlig bescheiden - ein schüchterner Junge wächst auf und erobert Hollywood ... und den Weltraum. Nun hat Patrick Stewart eine neue Wegscheide seines Lebens erreicht.
Es ist ein Bild, auf dem er gerade das Knabenalter vollendet hat. In einem kleinen Familienhaus - wie es so viele Familien in der kleinen Stadt Mirfield besitzen - bekommt er von seinem älteren Bruder eine Geschichte zum Einschlafen vorgelesen. Er fühlt sich sicher und geborgen. Das Kind liebt seinen Bruder, liebt die Sprache mit dem starken Akzent, wie sie im Buch zu lesen ist ... und er versteht kein Wort davon.
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Patrick Stewart braucht das Theater wie die Luft zum Leben |
Aber dies ist der Anfang einer großen Liebesaffäre des jungen Patrick Stewart mit
Shakespeare. Dies war, wie er selbst stark betont, der Anfang einer Leidenschaft, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollte. Die Geschichte, die er hörte, war von "
Heinrich IV."
Auch jetzt, als Hollywood-Legende, als ein Filmstar, der überall auf der Welt gefeiert wird und dessen Gesicht überall bekannt ist, hält seine erste Liebe an. "Ich könnte es schaffen, nie wieder einen Film in meinem Leben zu machen, nie wieder im Fernsehen zu sehen zu sein", sagt er. "Aber Theater ist mein Leben. Ohne Theater könnte mein Leben nicht weitergehen. Ich brauche es so, wie ich Luft zum Atmen brauche."
Patrick tritt im West Yorkshire Playhouse auf und präsentiert seine Ein-Mann-Show "Shylock: Shakespeare's Alien", ein paar Monate später wird er dort bei der Aufführung von J.B. Priestleys "Johnson Over Jordan", das zum ersten Mal seit 50 Jahren aufgeführt wird, mitwirken.
Das Besondere an Shylock als eine missverstandene, verfolgte und geschmähte Person geht durch Patricks Kopf, seit er ein kleiner Junge war. "Ich glaube, ich habe mich einen Großteil meines Lebens als Außenseiter gefühlt", sagt er. "Meine am weitesten zurückliegenden Erinnerungen sind, dass ich mich irgendwie anders gefühlt habe. Ich war das Baby der Familie, dies war schon der Anfang. Aber ich konnte nie erklären, warum ich Shakespeare lieber mochte als meine Comics, obwohl ich die auch gelesen habe."
"Ich kann nicht erklären, warum - ich war verrückt nach Doris Day, aber ich hätte eher Shakespeare im Radio gehört, als ihre Filme anzusehen. Aber außer dieser Tatsache fühle ich mich trotzdem anders als andere Jungs."
Das Anderssein muss für die Leute um ihn herum offensichtlich gewesen sein. Als kleiner Junge hat er Stunden damit verbracht, auf der Toilette der Familie Bücher zu lesen. Privatsphäre war bei einem Zweiraumhaus, das er mit seiner Mutter, seinem Vater und einigen älteren Brüdern teilen musste, eher Luxus. Die Toilette bot da für einige Minuten Einsamkeit und Ruhe. Dort tauchte Patrick in eine Welt ein, die er zu seiner eigenen Welt machte.
Patricks Mutter, eine kleine Frau, die ihr Arbeitsleben als Weberin in der Textilfabrik in der Nähe verbrachte, war unheimlich begeistert von den dramaturgischen Fähigkeiten des Sprösslings. "Zu der Zeit gab es in Mirfield ein Dutzend Gruppen", sagt er. "Meine Mutter war Teil einer Gruppe. Sie spielte öfters die Rolle eines Mannes. Ich habe ein Foto, auf dem man sehen kann, wie sie gerade einen Butler spielt. Niemand hätte das je gedacht."
"Wenn heutzutage Jude Kelly eine durchwegs mit Frauen besetzte Produktion eines Shakespeare-Stückes inszenierte, in der auch die Männerrollen von Frauen gespielt würden, würde man großes Aufhebens drum machen."
Vielleicht hat er also von seiner Mutter die Hingebung zum Theater geerbt. Vielleicht auch von seinem Großvater väterlicherseits: William - ein Mann, der den Ruf eines Tunichtguts trug, der seine Familie im Stich gelassen hatte und wegen ausständiger Unterhaltszahlungen vor dem Gesetz floh.
"Man munkelt, er hätte sich nach Amerika oder Kanada abgesetzt", sagt Patrick. "Aber zu jener Zeit erzählte man sich das von fast jedem. Er wurde Schauspieler, und ich habe den Verdacht, dass er, als ich schließlich als junger Mann nach Amerika kam, bereits da gewesen war und in einigen Theatern gearbeitet hatte."
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 Der Schauspieler fühlte sich lange Zeit als Außenseiter |
Das Gefühl, anders als die anderen zu sein, nicht mit dem Strom schwimmen zu können, hat Patrick all die Jahre hindurch nicht verlassen. Er gibt zu, dass die Intensität, mit der er sich und sein Leben dem Schauspiel verschrieb, bis zu einem gewissen Grad an Sturköpfigkeit grenzte. Obwohl er nie ein Einzelgänger gewesen ist, gesteht er sich doch ein wenig Selbstsüchtigkeit ein.
Fühlt er sich deshalb dem Shylock so verbunden? Verbindet ihn deshalb Sympathie - oder vielleicht gar Empathie - mit Ebenezer Scrooge [aus Charles Dickens "Eine Weihnachtsgeschichte", Anm. d. Übers.], einer weiteren Figur, mit der er oft verglichen wird - weil diese berühmten, unausgefüllten Charaktere der Literaturgeschichte ebenso unwillkürlich selbstsüchtig agieren, getrieben von ihrem unreflektierten Eigensinn?
Sie alle definieren sich gleichfalls durch ihren Beruf und gesellschaftliches Ansehen ... und wurden alle letztendlich zur Bescheidenheit geläutert. "Das ist gut beobachtet", sagt er. "Es kann schon sein, dass ich ebenfalls einen Wendepunkt in meinem Leben erreicht habe, so wie Shylock und Scrooge."
"Ich bin jetzt 60 Jahre alt und zu der Erkenntnis gelangt, dass es an der Zeit ist, einfach Spaß zu haben. Ich will mir keine Gedanken mehr machen, vielleicht verletzbar zu sein oder verletzt zu werden. Nicht jedem wird die Möglichkeit einer Änderung seiner selbst zuteil, ich denke, diese Chance auf Veränderung zu erkennen und zu ergreifen, ist ein Geschenk. Ich bin in der glücklichen Lage, nicht mehr für mein Überleben arbeiten zu müssen. Für die letzten zehn, vielleicht 20 Jahre meines Lebens habe ich vor, mir weniger Sorgen zu machen."
Er spricht also davon, emotionale Risiken einzugehen, und dies ist ein mutiger Schritt - besonders für jemanden, der es sich eigentlich leisten könnte, sich zurückzulehnen und die Beine auszustrecken, die Verantwortung für alles und jedes abzugeben, und der für jedes Filmangebot nahezu unbegrenzte Forderungen stellen kann.
Doch diese Hollywood-Ikone ist im Herzen immer noch das Kind aus Yorkshire, das sich mit einer Taschenlampe und einer Ausgabe von "Der Sturm" auf der Toilette versteckt. Patrick Stewarts Charaktertiefe gründet in der Liebe und Loyalität zur Familie. Aus der Zeit, als er sich mit seinem Bruder ein Bett teilte, welches im selben Zimmer wie das seiner Eltern gestanden hat.
Er ist in diesen Erinnerungen verwurzelt. "Ein vierjähriger Junge, der rundum glücklich durch den Roundhay Park spaziert, sein rechter Arm nach oben gestreckt ... ich hielt die Hand meiner Mutter."
Erinnerungen, wie ein Besuch bei seiner Mutter in der Arbeit, überwältigt vom Lärm, Staub und dem Anblick der riesigen Webmaschinen. "Meine Mutter war so eine zarte, sanfte Frau - und sie hatte die Oberaufsicht über vier gewaltige Webstühle. Ich war enorm stolz auf sie!"
Er mag daran glauben, die Entscheidung, sein Leben zu ändern, sich in Zurückhaltung zu üben und sich mit seiner Verletzbarkeit anzufreunden, sei angesichts seines Ruhms, Wohlstands, einer Villa in Kalifornien, einer liebenden Ehefrau und der Sicherheit, niemals arm zu sein, einfach. Doch egal ob Prinz oder Bettelknabe, Shylock, Scrooge oder Hollywood-Star, es ist eine große Entscheidung, sich der Vielfalt zuzuwenden, ein Leben in der Öffentlichkeit voll Bescheidenheit und Großzügigkeit zu führen. In seinem Willen, dies zu tun, hat Patrick Stewart wohl seine Läuterung gefunden.
Kein Wunder, dass er, Shylock und Ebenezer in solcher Feierstimmung sind.
(rk, ru - 19.04.09 - Quelle: ThisIsLeeds.co.uk)