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Peter Tigmann (pt)23.11.08

Stewarts Rückkehr zu den Wurzeln

Der Schauspieler ist wieder in Shakespeare-Stücken zu sehen

Patrick Stewart spielt im Theaterstück "Hamlet" die Rolle des Claudius. Die Titelrolle wird von David Tennant, bekannt aus "Dr. Who" verkörpert. Terry Grimley, von der "Birmingham Post", traf sich mit Stewart zum Interview.

Als der ehemalige Captain der Enterprise im Hotel Thistle eintrifft, erkenne ich ihn fast nicht direkt. Der 68-jährige Stewart macht in einer sportlichen Kappe und Jeans eine junge und athletische Figur.

Hat Kamera gegen Bühne getauscht: Patrick Stewart
Nach einem kurzen Treffen an der Bar begeben wir uns in eine ruhigere Ecke und legen, mit einer Tasse Tee auf dem Tisch, los. Ich erinnere Stewart daran, dass ich ihn schon mal in Stratford interviewt habe. Er gibt zu, sich daran nicht mehr erinnern zu können, was wohl auch damit zusammenhängt, dass dies schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert war...

Zu diesem Zeitpunkt stand er gerade vor dem Ende seiner ersten Zusammenarbeit mit der Royal Shakespeare Company (RSC). Dort war er für fast 15 Jahre, was einige Leute schon danach fragen ließ, ob er jemals noch etwas anderes machen würde. Stewart erinnert sich: "Ich sagte damals: 'Wenn mir jemand eine Organisation finden kann, die mir Arbeit in dieser Qualität bieten kann, bei den Regisseuren, den Kollegen und den Möglichkeiten um die Welt zu reisen, dann ziehe ich es in Betracht.' Das konnte natürlich niemand, da es nirgendwo so ist wie bei der RSC. Das National Theatre war damals gerade erst im Aufbau und bis heute wurde ich auch erst einmal von dort angefragt."

Ich konnte mich von meinem damaligen Interview mit Stewart noch gut daran erinnern, dass er, im Gegensatz zu vielen anderen Schauspielern, die ich interviewt hatte, sehr genau wusste, was er als Nächstes machen wollte. Er wollte Filmschauspieler werden. "Es überrascht mich nicht, dass ich das damals gesagt habe. Zu dem Zeitpunkt hatte ich seit 1959 gearbeitet", so Stewart. "Ich hatte sechs Jahre in Repertoiretheatern und 15 Jahre mit der RCS hinter mir. Ich hatte schon die Fernseh-Version von 'Hamlet' gemacht, das war 1980 und zwei Staffeln von 'Maybury', 'The Devil's Disciple' und 'North and South'. Vier Jahre später war ich dann auf dem Weg nach Hollywood. Ich erinnere mich daran, zu meinem Agenten gesagt zu haben, dass ich nicht viele Filmangebote bekommen würde, bevor ich nicht schon einiges an Arbeit vor der Kamera gemacht hatte. Daraufhin habe ich dann sieben Jahre vor der Kamera gestanden. An dem Sprichwort 'Pass auf, was du dir wünschst!' ist schon was dran!"

Der Wechsel von der RSC zu "Star Trek" verlief erstaunlich problemlos. Stewart nahm regelmäßig an Workshops in der Universität von Kalifornien teil. Ein Freund bat ihn, während dessen Vorlesung etwas zu illustrieren. Ein "Star Trek"-Produzent und dessen Frau besuchten diesen Kurs. "Nach der Hälfte der Vorlesung drehte er sich zu seiner Frau um und sagte: 'Ich habe unseren neuen Captain gefunden.' Es hat aber noch sechs Monate gedauert, bis ich den Job hatte, da Paramount mich nicht wollte. Ich wurde drei Mal zum Vorsprechen nach L.A. gerufen. Zum Ende hin fiel die Entscheidung zwischen mir und einem anderen Darsteller. Ich habe nie wirklich erfahren, wer der andere Schauspieler war, aber ich hatte einen Verdacht und die Tatsache, dass mir nie gesagt wurde, wer der andere Darsteller ist, lässt mich vermuten, dass mein Verdacht richtig gewesen sein könnte."

Stewart beschreibt seine Hollywood-Karriere als Zufall. "Ja, es stimmt, ich wollte Filme machen, aber ich hätte nie gedacht, dass das wirklich eine Möglichkeit ist", erzählt er. "Es gibt Leute, die sagen, ich hätte meine Karriere überplant. Von dem Tag an, als ich die Dramaschule verlassen hatte, wusste ich genau, was ich machen wollte, und ich denke, dass ich das auch alles ziemlich gut erreicht habe. Zuerst wollte ich einen Job - irgendeinen Job - und den habe ich eine Anstellung als Darsteller in einer wöchentlichen Vorstellung in einem Repertoiretheater bekommen. Danach wurde mir ein Vollzeit-Schauspieljob im Sheffield Playhouse angeboten. Später war ich dann auch in Manchester und Liverpool in Repertoiretheatern tätig. Zuerst zwei und dann drei Mal die Woche. Nach all dem ging es weiter nach Bristol Old Vic, was schon immer mein Ziel gewesen war. Ich war in Bristol zur Dramaschule gegangen und mochte die Stadt sehr. Nach zwei Jahren in Bristol hatte ich nur ein Ziel: der RSC beizutreten. Ich bekam dann auch eine sehr kleine Rolle als Zweitbesetzung. Also verlief alles absolut nach Plan. Ich wollte immer mit so einer Schauspielgemeinschaft arbeiten. Ich hatte kein Interesse an Fernsehrollen. Ich wollte auf der Bühne sein und wenn möglichst klassische Rollen spielen."

Er begann mit einer Neuauflage von "Heinrich IV." mit Ian Holm. Es ging weiter mit David Warners berühmter Neuauflage von "Hamlet". Warner, der später einen Gastauftritt in "Star Trek: The Next Generation" absolvierte, ist letztes Jahr nach 40 Jahren wieder zur RSC zurückgekehrt, um die Rolle des Falstaff zu spielen.

Als Jean-Luc Picard wurde er berühmt, die Rolle wurde aber auch zum Klotz an Stewarts Bein
Stewart verbrachte seine Zeit in Amerika nicht nur mit "Star Trek" und den folgenden, sehr populären "X-Men"-Filmen. Er trat auch in anderen Rollen auf, darunter als Captain Ahab in einer Fernsehfilmversion von "Moby Dick". Der Film gewann einen Golden Globe. Auch versuchte er in dieser Zeit, eigene Filmprojekte zu starten, dies stellte sich aber als eine eher frustrierende Herausforderung da. Auch auf der Bühne war er weiterhin zu sehen, so zum Beispiel in der Broadwayaufführung von Arthur Millers "The Ride Down Mt Morgan".

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehnte Stewart sich wieder auf die englische Theaterbühne zurück. Er erinnert sich an einen speziellen Moment im Jahr 2001 oder 2002. Er verließ mit seinem Auto die Paramount Filmstudios, wählte einen Radiosender mit klassischer Musik aus und musste anhalten, als er eine Komposition von Vaughn Williams hörte. "Ich dachte mir: 'Ist da eine Nachricht für mich? Warum wühlt mich das so auf?' Ich war mit einer Amerikanerin verheiratet und lebte in L.A. Alles sah danach aus, als würde ich dort bleiben, aber dann wurde mir klar, dass ich keine große Karriere in Hollywood haben werde. Es stellte sich heraus, dass 'Star Trek', auch wenn es eine wunderbare Erfahrung war, ein Hindernis war. Regisseure sagten über mich, ich sei zwar gut, hätte aber diesen Klotz am Bein hängen."

Duncan Weldon, ein alter Produzent und Freund aus Stewarts Tagen in Manchester, gab ihm schließlich die Möglichkeit, in Ibsens "Baumeister Solneß" im West End mitzuspielen. "Wir haben in London in diesem wunderschönen Sommer von 2003 geprobt. Eröffnet wurde das Stück in Malvern und es war großartig. Ich kann mich daran erinnern, von London nach Malvern durch diese herrliche Landschaft gefahren zu sein. Da war ich also in diesem wunderbaren Sommer, meine Ehe in Amerika sah ihrem Ende entgegen und es war mir vollkommen klar, wo ich als Nächstes zu sein hatte. Ich drehte Hollywood meinen Rücken zu. Auch wenn ich sehr viel auf der Bühne am Broadway und in Washington, D.C. gearbeitet hatte, war mir klar, alles, was ich tatsächlich wollte, war, wieder mit der RSC zu arbeiten. Es hat ein paar Jahre gedauert, aber dann habe ich Greg Doran kennengelernt und wann immer sich die Gelegenheit ergab, habe ich ihn darauf angesprochen etwas mit der Company zu machen und daraus entwickelte sich dann die Zusammenarbeit bei 'Antonius und Cleopatra'."

Wie es scheint, will Stewart die verlorene Theaterzeit wieder gutmachen, da er direkt nach "Antonius und Cleopatra" noch als Prospero in Rupert Goolds Produktion von "Der Sturm" für die RSC zu sehen war. Danach ging es weiter nach Chichester, wo er Malvolio und Macbeth spielte. Seine Darstellung wurde unter Kritikern hoch gelobt und brachte ihn zurück nach Amerika. Nachdem er schon 1980 einmal als Claudius im Fernsehen zu sehen war, war es aber diese Rolle, die er einmal auf der Bühne spielen wollte.

In "Hamlet" spielt er sogar noch eine zweite Rolle, nämlich die des Bruders von Claudius, den Geist des alten Hamlet. Das erinnert an die "Hamlet"-Produktion von David Warner, in welcher Brewster Mason ebenfalls beide Rollen spielte. Wie wohl fühlt sich Stewart in der Doppelrolle? "In der ersten Szene muss ich mich sehr schnell umziehen, da ich zuerst den Geist und dann gleich darauf Claudius spiele. Das heißt, dass ich sehr schnell eine fürstliche Robe anziehen muss, dass schaffe ich nur mit der Hilfe von drei Leuten. Zum Glück passiert das sehr früh im Stück, wenn ich noch voller Energie bin."

Hilft es, dass er Claudius schon mal gespielt hat, auch wenn das schon fast drei Jahrzehnte her ist? "Ja, das tut es. Auch wenn das, was ich hier mache, nicht viel mit dem von 1980 zu tun hat, aber ich habe es immer noch in meinem System. Allerdings war das damals ja fürs Fernsehen, da dürfte ich jede Szene nur höchstens dreimal spielen. Jetzt darf ich die Rolle jeden Abend spielen."

Mit David Tennant stand Stewart gemeinsam in "Hamlet" auf der Bühne
Der Vergleich zwischen Macbeth und Claudius, zwei Charaktere, die Könige aus Gier töten, aber niemals davon profitieren, erscheint interessant. "Greg Doran hat vor ein paar Tagen zu mir gesagt: 'Ich glaube es war ein großer Vorteil, dass du gerade erst Macbeth gespielt hast. Macbeth kämpft, besonders im zweiten Teil des Stücks, mit den Konsequenzen seiner Tat. Er muss sie akzeptieren und einer Welt gegenübertreten, die ihn für ein Monster hält. Claudius hingegen versucht seine Schuld mit sich selbst auszumachen.'"

Claudius' Tat wurde schon begangen, bevor das Stück losgeht. Wie sehr hilft es, sich mit der Hintergrundgeschichte zu beschäftigen, um den Charakter zu formen? "Shakespeare hat uns viele Tipps gegeben. Es gibt keine detaillierte Hintergrundgeschichte und einige der Informationen, die es gibt, kommen von unverlässlichen Quellen, wie zum Beispiel dem jungen Hamlet. Ich halte ihn für eine unseriöse Quelle. Er hat eine sehr idealisierte Vorstellung von seinem Vater. Deshalb ist es für mich auch so interessant, beide Brüder zu spielen, eben weil sie so unterschiedlich sind. Jedes Mal, wenn der alte Hamlet erwähnt wird, ist von Hamlet, dem Krieger die Rede. Die erste Sache, die Claudius aber als König macht, ist, Friedensbotschafter auszusenden. Man hat dieses Gefühl als wollte Hamlets Vater das Land in einen ewigen Krieg führen. Claudius hingegen ist ein Friedenstifter. Ich bin sicher, dass er ein weit besserer König ist als der alte Hamlet.

Patrick Stewart hofft, dass dies nicht seine letzte Zusammenarbeit mit der RSC wird, könnte aber auch zur selben Zeit nicht glücklicher sein, dass die Symmetrie seiner Karriere ihn von den weit entfernten Galaxien wieder nach Stratford geführt hat. Er erzählt, das er und Oliver Ford-Davies, der Polonius spielt, immer hinter der Bühne auf Gertrudes Bett sitzen und David Tennant zuhören, wenn er Sätze wie "Sein oder nicht sein..." oder andere Monologe von Hamlet spielt. "Gestern Abend habe ich mir wieder einmal gedacht, was für ein Privileg das doch ist. Ich bin hier für über sechs Monate, darf einem großartigen Schauspieler zuhören, wie er eines der größten literarischen Werke aufführt und werde noch bezahlt dafür!"

Wie rechtfertigt er es, David Tennant einen "großartigen" Schauspieler zu nennen? "Als Darsteller hat er einen wunderbaren Sinn für Spontaneität. Das ist für einen wirklich guten Hamlet sehr wichtig. Er fürchtet sich nicht, Emotionen zu zeigen, ist der Rolle sehr verpflichtet und hat viel Energie und einst starke Konstitution. Dazu kommt, dass er ein wirklich netter Kerl ist!"

Denkt er, dass es vor 30 Jahren, als er in Tennants Alter gewesen ist, möglich gewesen wäre, auf der einen Seite eine Rolle wie Dr. Who und auf der anderen Seite Hamlet zu spielen? "Nein, absolut nicht. Schauspieler damals haben nicht wirklich zwischen Film, Fernsehen und Theater gewechselt. Das waren Karrieren, die nichts miteinander zu tun hatten. Schauspieler waren entweder auf der Bühne oder haben Film und Fernsehen gemacht. Sogar heute trifft man noch junge Schauspieler, die noch nie auf einer Bühne gestanden haben. Bei David vergessen viele, dass er schon einige große Rollen für die RSC gespielt hat. Ich habe ihn schon im National Theatre in 'Der Kissenmann' gesehen. Schon in dem Stück war er absolut brillant. Der Mann gehört einfach auf die Bühne!"

(pt - 08.02.09 - Quelle: BirminghamPost.net)


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