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Susanne Grahn (gra)14.04.11

Shatner. Aber welcher?

Die vielen Facetten des William Shatner

Pat Jordan begleitete William Shatner einige Tage für ein ausführliches Profil in der "New York Times". Lesen Sie in Auszügen die Eindrücke des Reporters in deutscher Übersetzung.

Er verspätet sich und ruft an, um zu erklären. "Eine Verwechslung", sagt er, und dann: "Wie heißen Sie?" Ich sage es ihm. Er antwortet: "Ja natürlich." Ich frage ihn nach seinem Namen. "Mein Name? Ich bin WILLIAM SHATNER!"

Anfänge als Shakespeare-Darsteller
Das ist natürlich klar, aber welcher William Shatner? Der kanadische Kinderstar, der einer Familie osteuropäischer Rabbiner entstammt? Der 23-jährige vielversprechende Shakespeare-Darsteller? Der junge Schauspieler, der zwei Jahre später, 1956, in "Tamburlaine the Great" sein Debüt am Broadway gab und 1958 an der Seite von Yul Brynner seine erste Rolle in einem Hollywoodfilm spielte ("The Brothers Karamazov")? Dieser Schauspieler wurde in einem Atemzug mit seinen Zeitgenossen Steve McQueen, Paul Newman und Robert Redford genannt - bis seine Karriere unerklärlicherweise zum Stillstand kam, noch bevor sie richtig begonnen hatte.

Die Angebote für große Filmrollen blieben aus. Deshalb nahm er in den 60er-Jahren, während er auf den Ruhm wartete, Rollen in längst vergessenen Filmen an und spielte kleinere Serienrollen. Mit 35 Jahren war er ein hart arbeitender Schauspieler, der pünktlich zum Dreh erschien, seine Texte konnte, für wenig Geld arbeitete und immer ans Telefon ging. 1966 akzeptierte er das Angebot für eine Hauptrolle in einer Science-Fiction-Serie mit dem Namen "Star Trek". An seiner Seite spielten lauter unbekannte Schauspieler, von denen ihn später einige als aufgeblasen, selbstherrlich, ahnungslos und unausstehlich bezeichnen sollten. Viele Jahre später schuf er mit der Darstellung eines eben solchen William Shatner seine größte Rolle.

Nachdem "Star Trek" im Jahr 1969 abgesetzt wurde, spielte er erneut Rollen in B-Movies. Dann aber wurde "Star Trek" in den 70er-Jahren plötzlich zum Kultphänomen. Conventions wurden abgehalten, es entwickelte sich ein Starkult um die Schauspieler. Er wehrte sich zuerst dagegen - Jahre später rief er die Trekkies in einer Parodie in "Saturday Night Live" dazu auf, endlich erwachsen zu werden -, erlag aber schließlich den Schmeicheleien. Von 1979 bis 1994 spielte er die Hauptrolle in den ersten sieben "Star Trek"-Filmen. Später schlug er daraus noch Kapital, indem er (zusammen mit verschiedenen Co-Autoren) eine Reihe von "Star Trek"-Romanen auf den Markt warf.

Noch heute sein größter Erfolg: Als Captain Kirk in "Star Trek"
Nachdem die Macher der "Star Trek"-Filme seine Figur im siebten Film sterben ließen, begann er Werbung zu machen, weil ihm, wie er sagte, jeden Tag aufs Neue klar wurde, dass er kein Star werden würde. Er war 66 Jahre alt, von bulliger Statur und nicht mehr so attraktiv wie zu den Zeiten, als er der Schwarm der Matineen war. Wie immer arbeitete er für wenig Geld. 1997 wurde er für ein bescheidenes Gehalt (zuzüglich einiger Aktienoptionen) Sprecher von Priceline, einer wenig bekannten Internetfirma, die Reisen zum Discountpreis anbot. Als wichtigtuerischer Werbesprecher für Priceline wurde er zu einer Sensation in den Kreisen der angesagten und zynischen Blogger, die es urkomisch fanden, wie er sich selbst parodierte.

Er kannte diesen William Shatner zwar selber nicht, aber er spielte ihn einfach trotzdem. Das brachte ihm im Jahr 2000 eine Rolle in der Fernsehserie "The Practice" ein, und für seine schauspielerischen Leistungen in der Spin-off-Serie "Boston Legal" gewann er zwei Emmys und einen Golden Globe. Er spielte Denny Crane, einen etwa 70-jährigen aufgeblasenen, selbstherrlichen und ahnungslosen Anwalt, der an den ersten Symptomen der Alzheimer-Krankheit leidet, die Crane als "Rinderwahnsinn" bezeichnet. Die reale Person William Shatner spielte also den Charakter des unausstehlichen William Shatner. Dieser verkörperte Denny Crane, der wiederum den William Shatner-Charakter spielte.

Es regnete in Strömen, als ich um 10 Uhr morgens an einem Julitag den mittlerweile 79-jährigen Shatner und seine vierte Ehefrau Elizabeth (sie ist inzwischen Mitte 50) auf der Bret and Susi Day's Grey Ridge Farm traf, mitten im hügeligen Pferdeland westlich von Lexington, Kentucky. Seit 25 Jahren beschäftigt Shatner sich mit Zucht, Ausbildung und Show von Saddlebred-Pferden. Auch seine Frau, mit der er seit neun Jahren verheiratet ist, hat seit ihrer Kindheit in Indiana eine enge Beziehung zu Pferden. Am Abend unseres Treffens und auch am nachfolgenden Tag nahmen die Shatners an einem Pferde-Wettkampf teil, der Lexington Junior League's Horse Show.

Shatner ist mit inzwischen 80 Jahren weiterhin als Schauspieler aktiv.
Shatner stieg aus seinem roten Geländewagen und schien den Regen gar nicht wahrzunehmen. Er wies mich an, ihnen zu Starbucks zu folgen. "Wir stecken gerade in einem ganz schönen Trubel", sagte er, "und nun sind Sie in unserem Sog gefangen".

Schwierig wurde es bereits, als ich versuchte, Shatner in meinem Auto durch den strömenden Regen zu folgen. Er schlängelte sich durch den Verkehr, als wollte er mich abhängen. Beim Starbucks stieg Liz aus, um das Frühstück zu besorgen. Shatner parkte, und ich stieg zu ihm in den Wagen. "Ich gebe Interviews oft in meinem Truck", sagte er, "ich dachte, das würde Ihnen gefallen." Dann gestand er mir, dass er wegen dieses Interviews nervös war. "Warum?", fragte ich. "Mittlerweile sind Sie doch unantastbar."

"Aber Sie könnten bizarre Dinge über mich schreiben", antwortete er. "Zum Beispiel, dass ich sabbere! Es ist mir unangenehm, etwas über jemanden zu lesen, in dem ich mich nicht wiedererkenne. Es macht mir Angst." Wenn es um seine Schauspielerei und sein Image in der Öffentlichkeit geht, ist Shatner geradezu schamlos. Es gibt kaum etwas, was er nicht tun würde, um seine Fans zum Lachen zu bringen, und er lässt selten eine Gelegenheit zur selbstironischen Demütigung aus. Und dennoch hat der Privatmann Shatner Angst davor, lächerlich gemacht zu werden. Er hat in einem seiner Bücher einmal geschrieben, dass er nach jedem Job fürchtete, dass es sein letzter gewesen sein könnte. "Selbst nach 70 Jahren hat mich diese Angst niemals verlassen", erzählte er mir.

Shatner zufolge wurde er in dem Moment zum Schauspieler, als ihm klar wurde, dass er "Menschen zum Lachen und zum Weinen bringen konnte". Damals war er sechs Jahre alt. Shatner grinste. "Manchmal lachte das Publikum, wenn ich etwas Dramatisches spielte, und weinte dafür, wenn ich komisch sein wollte." Im Auto vor Starbucks sagte Shatner zu mir: "Diejenigen, die meine Schauspielerei kritisieren, haben vielleicht recht. Manchmal sollte man nicht so hart arbeiten, um andere zu unterhalten." Etwas sanfter fährt er fort: "Ich habe mich nie für einen großartigen Schauspieler wie zum Beispiel [Laurence] Olivier gehalten. Ich war ein Arbeits-Schauspieler. Ich wollte die Leute unterhalten und habe mich immer bemüht, so gut wie möglich zu sein, egal wobei." Genau das war sein Problem und seine Rettung zugleich. Er hat so viele verschiedene Rollen gespielt, dass die Menschen ihn "nicht so einfach einordnen konnten wie zum Beispiel Robert De Niro. Ich habe einfach jedes Angebot angenommen, selbst wenn es schlecht war, um meine Rechnungen bezahlen zu können." Sein Motto war "Arbeit ist gleich Arbeit".

Diese Einstellung zerstörte ihm jegliche Hoffnung darauf, als Schauspieler ernstgenommen zu werden, aber sie brachte ihm letztlich Langlebigkeit, Reichtum und Ruhm. Er brachte sein Gesicht ganz nah an meines heran, als wenn er mir ein großes Geheimnis verraten wollte. "Wenn Sie ein Auto und ein Hotelzimmer dazu nehmen, bekommen Sie bei Priceline.com sogar einen noch günstigeren Preis." Dann richtete er sich auf und erklärte sehr sachlich, wie viel Erfüllung ihm dieser eine Satz gegeben hatte. "Wenn ein Profi so eine Arbeit annimmt, weiß er natürlich, dass das keine große Rolle, sondern einfach ein bezahlter Job ist. Aber in jedem Wort steckt Musik, und ich empfinde große Befriedigung bei dem Versuch, diese Musik zum Klingen zu bringen."

"Reue ist die schlimmste menschliche Emotion"
Ich fragte ihn, ob er irgendetwas an seiner Karriere bedaure. "Reue ist die schlimmste menschliche Emotion", sagte er. "Wenn du einen anderen Weg genommen hättest, wärst du vielleicht von einer Klippe gestürzt. Ich bin zufrieden."

Die Internet-Generation war es, die seinen Ruhm auf den momentanen Höhepunkt gebracht hat. Shatner sagte verwundert: "Ich erfuhr, dass der Name Priceline.com ist. Das heißt dot-com, ist ein Ding? Jemand hat dot-com lizensiert? Damit verdienen sie Geld? Das war mein Bildungsstand im Bezug auf das Internet." Also hat er kürzlich jemanden von einer Hochschule engagiert, der ihn in die Mysterien des Internets einführen sollte. Priceline hatte den Weg zu Denny Crane geebnet, als David. E. Kelley, der Schöpfer von "The Practice" und "Boston Legal", den Werbespot sah. Diese Rolle führte wiederum zu "$#*! My Dad Says", auch wenn Shatner an dieser Serie zunächst Zweifel hatte. "Sitcoms sind problematisch", sagte er. "Wie überbrücke ich schauspielerisch die Lachkonserven?"

20 Minuten später erreichten wir die Ställe von Alliance Stud. Als wir drinnen waren, sagte Shatner zu mir: "Ich bin ein Meistersportler." Liz verschwand, um ihr Pferd Call Me Ringo in seiner Box zu besuchen. Kurze Zeit später kam sie zurückgelaufen und sagte atemlos: "Er hat sich hingelegt." Als einer der Trainer kam, um Ringo als Vorsichtsmaßnahme eine Spritze zu geben, war das Pferd schon wieder aufgestanden. Liz sagte: "War es nicht ein Glück, dass ich ihn gefunden habe, Liebling?"

Wir gingen in eine Trainingshalle, in der Shatners Pferd Thunderbold schon vor einen Sulky gespannt war. Shatner kletterte hinein und sagte: "Mein Trainer hat die Steigbügel schon für den Wettkampf heute Abend eingestellt." Shatner trabte in seinem Sulky um die Bahn, erhöhte die Geschwindigkeit, nahm die Kurven zunehmend schärfer und kam ordentlich ins Schwitzen bei dem Versuch, das 750 Kilogramm schwere Pferd zu kontrollieren. Liz stand neben mir und sagte: "Winston Churchill hat gesagt: 'Das Äußere eines Pferdes ist gut für das Innenleben eines Mannes.'"

Shatner stieg schwer atmend aus seinem Sulky, während Liz ihr Pferd bestieg, das nicht vor einen Sulky gespannt war. Sie saß kerzengerade und lächelte, kämpfte um die Kontrolle über das kraftvolle Tier, während sie die Bahn schneller und schneller umrundete. Shatner rief: "Nicht langsamer werden! Lass ihn nicht durchdrehen!" Er nahm seine Kamera und machte Fotos von Liz. Shatner sagte: "Schneller!" Liz rief: " Ich höre jetzt auf." Shatner sagte: "Nein, du hörst noch nicht auf. Noch ein Bild."

Seine Freizeit widmet Shatner unter anderem seinen Pferden.
Shatner sagte einmal, dass ihm nie in den Sinn gekommen ist, dass er einmal alt werden würde. Dann wurde er alt und fand immer noch nicht, dass er alt war, obwohl er mittlerweile zugibt, "ein paar Schritte langsamer zu gehen". Er fügte hinzu: "Ich träume davon, leichtfüßig umherzulaufen, durch die Luft zu fliegen." Wenn er in Bewegung bleibt, immer auf der Flucht ist, wird der Tod ihn nicht einholen. Sein Alter ist ihm peinlich. Es ärgert ihn, wenn andere ihn für alt halten. "Als wäre es endlich an der Zeit, dass ich in ein Altersheim gehe und dort vor mich hin sabbere! Meine Säfte fließen noch!"

Ich fragte ihn nach "Star Trek". Nun wieder ernsthaft, antwortete er: "Ich hätte niemals gedacht, dass es mal etwas Großes werden würde, einfach 13 Folgen und dann Schluss. Ich glaube nicht, dass ich im Umgang schwierig war. Da waren ein paar unzufriedene Schauspieler, die einmal in der Woche zum Dreh kamen. Ich hatte nichts mit denen zu tun. Sympathisch! Ich habe sieben Tage in der Woche gearbeitet, dabei täglich zehn Dialogseiten auswendig gelernt. Die hatten eine Zeile! Dann, nachdem die Serie abgesetzt war und das Phänomen 'Star Trek' begonnen hatte, traten diese Schauspieler auf den Conventions auf. Sie bekamen den Applaus, das Lob und begannen zu denken: 'Hey, ich war wunderbar, und Shatner hat mir das Rampenlicht gestohlen.'"

Das waren die Anfänge von William Shatner, der Rolle, so Shatner: "Denn diese Rolle wurde mir von Leuten wie Ihnen in der Presse aufgezwungen. Das ist Ihre Schuld!" Shatner beschwerte sich, dass er sich niemals in den Artikeln, die über ihn verfasst werden, wiederfinden kann. Ich sagte ihm, das liegt daran, dass er den Autoren die falschen Antworten gibt.

Das ausführliche, vollständige Porträt über William Shatner lesen Sie online bei der "New York Times".

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(gra - 14.04.11 - Quelle: NYTimes.com)

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