Sebastian Kowald (sk)
01.12.09
Shatner bittersüß
Der Schauspieler zurück in Stratford - für eine Filmpremiere
Wenn sich Ihr derzeitiges Bild von William Shatner auf Priceline-Werbespots beschränkt, dann denken Sie noch mal nach. Der Mann, der Captain Kirk war (und es in den Augen mancher immer sein wird) ist im richtigen Leben eine tief melancholische Figur: mehr König Lear als der Hofnarr. TheStar.com sprach mit dem Mimen.
Er hat diese Seite von sich nicht allzu oft gezeigt, aber sie ist offensichtlich in dem preisgekrönten Streifen "William Shatner's Gonzo Ballet" ["William Shatners verrücktes Ballet"], welches Shatner zu der Stadt zurückbringt, in jener er drei Jahre lang spielte (beginnend 1954).
"Ich betrachte es nicht als triumphale Wiederkehr", insistiert Shatner per Telefon aus einem New Yorker Hotel, "außer dass ich in einer Limousine zurückkehre, obwohl ich damals in einem Morris Minor [Anm. d. Red: britischer Kleinwagen] gegangen bin."
Trotz der unbeschwerten Natur des Titels ist "William Shatner's Gonzo Ballet" ein zutiefst bittersüßes Werk. Es erzählt die Geschichte, wie der Choreograph Margo Sappington im Jahre 2007 ein Ballet namens "Common People" kreierte, welches auf dem 2007 von Shatner veröffentlichten Album "Has Been" basiert, welches wiederum Shatners selbstkritische Prosa-Gedichte mit der eindringlichen Musik von Ben Folds kombiniert.
Das Werbegesicht, welches uns ermutigte, zwei Wochen lang Müsli zu essen, findet man in einer deutlich anderen Form vor, insbesondere bei Liedern wie "It Hasn't Happend Yet" [Anm. d .Red: etwa "Es ist noch nicht passiert"], in welchem ein Spaziergang im Schnee in Ottawa am Weihnachtsabend als Sprungbrett zu einer Auseinandersetzung mit der lebenslangen persönlichen Unzulänglichkeit dient.
"Wann ist der Berg erklommen? Wann fühle ich, dass ich nicht versagt habe?" sind Beispiele für die Art von Fragen, welche er durchweg stellt.
Und Shatner teilt bereitwillig die Ursprünge des Liedes, welches mit den Worten beginnt, "Ich durchschritt die Schneefelder vor dem Regierungsgebäude..."
"Es war Weihnachtszeit", beginnt er, "ich hatte gerade meinen Abschluss an der McGill Universität gemacht und arbeitete am Canadian Repertory Theater in Ottawa. Ich kam gerade von einer Aufführung und war schrecklich einsam wegen der ganzen Familie und Freunden, die ich in Montreal zurückgelassen hatte."
"Ich konnte den Schnee fühlen, ich konnte das Glockenspiel hören. Dieser Moment hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt für fast 60 Jahre", seufzt der 78-jährige Schauspieler.
Er lenkte diese Gefühle von der Leere und der Angst in seine Lieder auf der Platte "Has Been". Viele Beobachter dachten, dass es eine Antwort auf den Spott ist, welchen er für sein voriges Album erhielt, "The Transformed Man" [Anm. d. Red: etwa "Der transformierte Mann"] von 1968, in welchem er ernsthaft Rezitationen der Texte von "Lucy in the Sky with Diamonds" und anderen Hits dieser Zeit vortrug.
"Ich dachte nicht nach dem Motto 'denen werde ich es zeigen'", blafft Shatner scharf. "Wer sind 'die' überhaupt? Ich wünschte, ich könnte singen. Ich hatte immer die Sehnsucht in meinem Herzen, die Art von Musik zu machen. Ich wollte niemandem etwas beweisen. Ich habe versucht, etwas zu erschaffen, das mir etwas bedeutet."
"Warum denken Sie, dass Leute überrascht sein werden zu entdecken, dass ich innerlich so ernst bin?", fragt er barsch. "Mein Gott, denkt denn jeder, dass ich all diese Charaktere bin, die ich über die Jahre gespielt habe? Wissen Sie nicht, was es bedeutet, Schauspieler zu sein? Nein, ich bin nicht Captain Kirk, nein, ich bin nicht der Mann aus der Werbung." Die Stille schwelt.
"Da sehen Sie, warum ich es geliebt habe, 'Boston Legal' zu machen", fährt er fort, in einem ruhigeren Ton. "David Kelly erlaubte mir beide Seiten zu spielen: Lustige Possen, die eine melancholische Seele verstecken... Das ist es, worum es mir wirklich geht."
Die dieswöchige Aufführung von "William Shatner's Gonzo Ballet" ist nicht nur eine Chance für sein Heimatland, einen Blick in seine Seele zu werfen, nein, es geschieht auch noch an einem Ort mit tiefgreifender Bedeutung für sein Leben.
Als ich Shatner im Jahre 2001 fragte, was das Stratford Festival für ihn bedeute, antwortete er, "Freude. Musik. Das Gebimmel von Glocken." Er führt dies nun weiter aus: "Stratford hat viele Stimmen, die es für mich spielt. Da gibt es das grelle Crescendo der Nacht, in welcher ich für Chris Plummer in 'Heinrich V.' einsprang, ohne vorher geprobt zu haben. Aber da gibt es auch die ruhigen Töne der Einsamkeit und des Fremdseins."
Unsere Unterhaltung kehrt zurück zu dem Text von "It Hasn't Happend Yet", einem Lied welche Sappingtons Ballet inspirierte. Wovon spricht er, wenn er in dem Lied sagt, "was ich hätte machen können, hätte machen sollen?"
"Ich denke nicht an Karriereschritte", erwidert er sofort. "Wenn ich zum Beispiel wirklich hätte Hamlet spielen wollen, hätte ich das hinbekommen. Das trifft auch auf andere Aspekte meines Lebens zu, die tiefe Leere als..." Er stoppt mit trüber Stimme. "Ich werde jetzt nicht ins Detail gehen, aber sie können es sich vorstellen."
Der Geist seiner dritten Frau, Nerine Kidd-Shatner, kommt klar in den Sinn. Shatner hat sie am Grund ihres Pools am 9. August 1999 tot aufgefunden. Es war ein Unfall, geschuldet einer Überdosis Alkohol und Valium. Er hat in "Has Been" darüber geschrieben. In einer Textpassage gibt er schmerzlich zu: "Meine Liebe sollte sie beschützen. Sie hat es nicht gemacht. Meine Liebe sollte sie heilen. Sie hat es nicht gemacht."
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(sk - 01.12.09 - Quelle: TheStar.com)
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