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Julian Wangler (jw)16.03.16

Ein großes Versprechen und viele verpasste Chancen

Als "Deep Space Nine" erstmals über die Leinwände flimmerte, hatte die Serie ein klares Ziel: Mit dem Bajoranischen Sektor und dem angrenzenden cardassianischen Raum sollte ein bislang nahezu unbekannter Fleck des Alls näher beleuchtet werden – inklusive Ausflügen in den noch weit fremdartigeren Gamma-Quadranten durch das neu entdeckte Wurmloch. Nicht nur Benjamin Sisko kam ursprünglich her, um Entdecker zu sein. Wie drückte es Julian Bashir doch gleich aus: Er wollte absichtlich in die „entlegenste Gegend der Galaxis“ auf einen der „abgelegensten Außenposten der Sternenflotte“ gehen, um in der „Wildnis“ Heldengeschichten zu schreiben. Für die Autoren der Serie war damals wohl noch nicht absehbar, dass sich DS9 in späteren Staffeln immer mehr zum gefühlten Zentrum des "Star Trek"-Universums entwickeln und alles, was Rang und Namen hat, auf diese Station kommen würde.

Einer solchen Entwicklung wollte die vierte Serie, "Voyager", unbedingt vorbeugen. Diesmal wollte man in die Wildnis gehen und in der Wildnis bleiben. Das Szenario: Es verschlägt eine zusammengewürfelte Mannschaft aus Sternenflotte und Maquis auf der brandneuen U.S.S. Voyager in die Tiefen des Delta-Quadranten, 75.000 Lichtjahre (und damit gut 70 Jahre bei maximaler Warpgeschwindigkeit) von der Heimat entfernt. Das Ziel: Nachhause kommen, irgendwie. Damit ist der Name des titelgebenden Schiffes auch zugleich Programm. Die Ausgangsidee war damals frisch und verheißungsvoll, denn sie bot Stoff für neue, unverbrauchte Geschichten. Außerdem durfte zum ersten Mal eine Frau im Stuhl des Captains Platz nehmen: Kate Mulgrew alias Kathryn Janeway

Tatsächlich hängt bereits die Auftaktdoppelfolge die Latte sehr hoch und weckt enorme Erwartungen in Bezug auf die weitere Entwicklung der Serie. Mit Sicherheit handelt es sich um den besten Pilotfilm aller "Star Trek"-Shows, der locker Stoff für mehr als nur einen Zweiteiler hergegeben hätte. Mit der Voyager und einer zunächst ziemlich militärisch wirkenden Kathryn Janeway wird ein Sternenflotten-Schiff eingeführt, das nicht unbedingt die Forscher- und Diplomatenabteilung à la Picard repräsentiert, sondern eher den polizeilichen Arm. Dazu passt auch die Mission: einen entlaufenen, hochrangigen Maquis namens Chakotay in den Badlands aufzuspüren und hinter Schloss und Riegel zu bringen. Bekanntlich kommen die Dinge etwas anders, und die Voyager verschlägt es aufgrund der Intervention eines Wesens, das ‚Fürsorger‘ genannt wird, auf die andere Seite der Galaxis.

Am Ende des Pilotfilms ist die Voyager nicht nur aufgrund von Janeways Entscheidung, das vom sterbenden Fürsorger protegierte Volk der Ocampa zu schützen, im Delta-Quadranten gestrandet. Auch das Maquis-Schiff wurde im Kampf gegen die habgierigen Kazon zerstört. Da bei der Verschleppung der Voyager in diesen Teil des Alls so manche Führungsoffiziere und Crewmitglieder ums Leben kamen, gibt es Platz an Bord. Janeway führt in Anbetracht der neuen Ausgangssituation beide Mannschaften zusammen und entschließt sich sogar dazu, Chakotay zu ihrem neuen XO zu ernennen. Schon in der nächsten Episode wird die halbklingonische Maquisadin B’Elanna Torres neue Chefingenieurin.

Der Pilotfilm verdient Lob und Respekt, das ist gar keine Frage. Doch gewissermaßen trägt auch er dazu bei, dass die Enttäuschungen schon zu Beginn der ersten Staffel umso größer ausfallen. Unmittelbar im Anschluss an Der Fürsorger beginnt die Serie stark abzufallen. Dies hat im Wesentlichen damit zu tun, dass die Handlungen, die man sich aus dem unkonventionellen Piloten verspricht, so nicht eintreten bzw. nicht von den Autoren weiterverfolgt werden. Allem voran zu nennen sind fünf zentrale Kritikpunkte, die alle miteinander zusammenhängen:

Erstens: Man nutzt das Potenzial, das der Maquis und eine bunt gemischte Besatzung bieten, nicht aus. Dass Chakotay – ausgerechnet jener Mann, den man gerade noch jagte – kurzerhand von Janeway zu ihrem neuen Stellvertreter ernannt wird, ist weder nahe liegend noch stört sich jemand in der Crew erkennbar daran. Man reibt sich schon etwas verwundert die Augen, wie schnell die Not der neuen Lage aus den ehemaligen Kontrahenten Freunde macht. Die Zusammenführung der beiden Besatzungen erfolgt insgesamt viel zu reibungs- und problemlos; nach der Post-Pilot-Folge Die Parallaxe ist sie bereits vollzogen. Dabei ist die Konstellation aus einer eher militärisch geprägten Sternenflotten-Besatzung auf der einen und ‚Rebellen‘ auf der anderen Seite an sich hochinteressant. Doch wer sich hier große Entwicklungen erwartet, wird bitter enttäuscht. Zum letzten Mal erfährt man in der sechzehnten Episode von Staffel eins etwas von Integrationsproblemen einiger Maquis-Crewmen (Erfahrungswerte). Bezeichnenderweise ist es der draufgängerische Tom Paris, der anfangs stellvertretend für den Maquis in die Rolle des Abtrünnigen schlüpft und sich Verurteilungen seitens der Sternenflotten-Crew ausgesetzt sieht. Das ist aber nicht der Konflikt, den man eigentlich erwartet. Ein hypothetisches Szenario, was hätte passieren können, bekommen wir noch einmal in Rebellion Alpha am Ende von Season drei geboten, doch es bleibt Fantasie.

Zweitens: Ebenso sehr, wie Chakotay ohne großes Wenn und Aber als neuer Commander akzeptiert wird, stellt – abgesehen von Torres‘ kleinlautem Protest im Pilotfilm – niemand ernsthaft Janeways Entscheidung in Frage, die erst zur Strandung im Delta-Quadranten geführt hat. Niemand zweifelt an ihrer Autorität, und niemand unterstellt ihr irgendwelche Motive. Warum? Wäre hier nicht großartiger Stoff, insbesondere in Verbindung mit dem Maquis-Thema crewinterne Konflikte zu schildern und glaubhaft darzustellen? Erst viel zu spät wird die Serie, gleichsam selbstkritisch, auf Janeways Entscheidung zurückkommen und versuchen, dieses Potenzial ansatzweise zu reaktivieren (Die Voyager-Konspiration). Stattdessen hätte man die ganze erste Staffel hochspannend damit füllen können. Es hätte auch entscheidend dazu beigetragen, die Tiefe der Charaktere und ihre Bindung aneinander deutlich zu intensivieren.

Drittens: Das Leitmotiv der Heimreise und des Abgeschnitten-Seins von allen Häfen geht streckenweise komplett verloren. Es wird teils so stark schleifen gelassen, dass Episoden wie Die 37er zu Beginn der zweiten Staffel plötzlich Aufsehen erregen. Hier wird dem Zuschauer endlich wieder in Erinnerung gerufen, dass der Rückweg der Voyager unglaublich lang und beschwerlich ist - dass die Chancen und Wahrscheinlichkeiten im Grunde gegen sie stehen -, und zum ersten Mal steht eine echte Alternative im Raum: nämlich den Flug aufzugeben und sich auf einem netten Planeten im Delta-Quadranten niederzulassen. Ein wesentlicher Grund dafür, dass das zentrale Motiv der Serie immer wieder in Vergessenheit gerät, ist, dass Janeway bereits am Ende des Piloten plötzlich eine Forschungsmission ausgerufen hat, was verwunderlich ist. Forschen by the way oder aus Versehen, das kann man sich noch hier und da vorstellen, aber die Proaktivität, mit der die Voyager-Crew dies nach kurzer Zeit tut, passt nicht zur existenziellen Lage des Schiffes im Delta-Quadranten. Hier wollte man offensichtlich die TNG-Fans ansprechen, tat dies aber auf Kosten eines klaren Profils für "Voyager".

Viertens: Viel zu schnell, ja beinahe schon mit unheimlichem Tempo findet die Voyager fernab der Heimat in den Sternenflotten-konformen Alltag. Das hängt damit zusammen, dass das Schiff jedes Mal aussieht wie frisch aus dem Raumdock und zudem über schier unerschöpfliche Energie- und Torpedoreserven verfügt, von den Shuttles ganz zu schweigen. Es ist von vorneherein dramatisch unverständlich, wie es einem kleinen Schiff der Intrepid-Klasse ohne geregelte Versorgung gelingt, so lange den ganz normalen Betrieb (und sogar die Holodecks!) aufrechtzuerhalten; erst recht bei den vielen Begegnungen mit feindseligen Aliens. Da sticht zu einem späteren Zeitpunkt in der Serie umso krasser ins Auge, wie es der ebenfalls vom Fürsorger versetzten U.S.S. Equinox ergangen ist (Equinox). Und die Doppelfolge Ein Jahr Hölle vermittelt einem einen Eindruck davon, wie eine realistische Strandung im Delta-Quadranten vermutlich ausgesehen hätte.

Fünftens: Der Pilotfilm hat nicht nur den potenziellen Konflikt zwischen Sternenflotte und Maquis etabliert, sondern auch einige Charakterbeziehungen. Immerhin hat Janeway auf einen ehemaligen Maquis - Tom Paris - gesetzt, um dessen frühere Gesinnungsgenossen ausfindig zu machen. Sie erkennt verschwendetes Potenzial in ihm, doch er selbst sieht sich als Versager, und die Maquis, allem voran Chakotay, erachten ihn als Verräter. Ebenfalls für einen Verräter hält Chakotay Tuvok, der als Spion der Föderation in seiner Mannschaft gearbeitet hat. Am Ende des Piloten gehören alle ein und derselben Brückencrew an. Wie bereits geschrieben, verändert sich die Serie danach schnell und schlägt einen ganz anderen Kurs ein. Man versteht sich in Kürze blendend, erforscht Planeten, Völker und Himmelskörper, besteht Holodeckabenteuer und reist gemeinsam durch die Zeit. Die ursprünglichen Charakterkonstellationen, die produktive Reibung versprachen, weichen einem aalglatten Miteinander. Man kann nicht stark genug unterstreichen, wie schade das ist.

In Summe dieser fünf Punkte entsteht sehr schnell ein Status quo, der der speziellen Situation der Voyager im Delta-Quadranten eigentlich nicht angemessen ist. Er wird verstärkt um eine wenig inspirierte Figurenzeichnung, die alte Rezepte abkupfert (Tuvok: wieder ein Vulkanier, B'Elanna Torres: wieder ein Klingone) und einige Charaktere links liegen lässt (Harry Kim, Kes). Besonders schwach kommt Chakotay daher, der schon nach kurzer Zeit zum weichgespülten Schoßhund Janeways mutiert und sich, abgesehen von einigen spirituellen Eigenheiten (u.a. Bewusstseinsverlust, Der Namenlose, Tattoo), in der ganzen Serie nicht mehr nennenswert fortentwickelt. Man kann ihm nur schwer abnehmen, dass er der Anführer einer militärisch agierenden Rebllengruppe gewesen sein soll. Aber das liegt womöglich auch einfach daran, dass Chakotays Vergangenheit sowie seine Motive nicht zufriedenstellend ausgeleuchtet und erklärt werden. Seine aufkommenden Gefühle für Janeway mögen zwar eine durchaus reizvolle Idee sein, sind aber in Entscheidungen wenig überzeugend, da sehr klischeehaft dargestellt. Angesichts der Schwäche und Weichheit des Chakotay-Charakters scheint ihn seine verkappte Liebe für seinen Captain noch mehr zu hemmen, auch mal auf den Putz zu hauen und seine eigenen Ansichten durchzusetzen.

Tom Paris hat das Problem, dass er sich als Enfant terrible nicht erst im weiteren Verlauf der Serie rehabilitiert, sondern dies bereits im Auftaktzweiteiler getan hat (inklusive Beförderung zum Lieutenant). So ist er während der nächsten Seasons kaum mehr als der Sprüche klopfende, waghalsige Pilot mit einem ausgeprägten Vaterkomplex. Die Rückschläge, die er später erleidet, wirken nur wie künstliche Versuche, seinen Charakterbogen neu aufzuziehen (u.a. Gewalt, Lebensanzeichen, Vis à vis, Dreißig Tage). Einer der wenigen Lichtblicke ist der holografische Doktor. An seiner Figur zeichnet sich frühzeitig ab, was später noch deutlich ausgebaut werden soll: "Voyager" als Sitcom im All. Erneut ein Bruch mit den Ansätzen in Der Fürsorger, aber immerhin etwas, das gut funktioniert. Während der Doktor in den ersten Staffeln noch sein Programm erweitert und in bester Tradition von Data seine Menschlichkeit entdeckt, übernimmt diese Rolle ab Staffel vier Seven of Nine. Doch der Holoarzt wird zu diesem Zeitpunkt bereits so vielseitig ausgebaut sein, dass er andere Nischen für sich reklamieren kann.

Als missglückt kann die Integration der beiden Charaktere aus dem Delta-Quadranten gelten: Die Aufnahme von Neelix und Kes in die Besatzung erscheint zwar rein logisch gesehen durchaus von Nutzen, es geht jedoch viel zu schnell und selbstverständlich vonstatten. Insbesondere nachdem es immerhin Neelix war, der einen Konflikt mit den Kazon vom Zaun brach, um seine Geliebte aus ihrer Gewalt zu befreien. Im Gegensatz zu Kes, die die Autoren bereits nach drei Staffeln aus der Serie herausschreiben, wird Neelix zwar in viele Episoden eingebunden, ihm fehlt aber eine dunkle oder verschlagene Seite, die ihn interessant macht. Ein wenig Garak wäre wünschenswert gewesen. So ist Neelix einfach ein exotischer, gutherziger Kauz mit zweifelhaften Kochkünsten und ein paar Kontakten im Delta-Quadranten. Man mag ihn zwar, kann ihn aber häufig nicht so ernst nehmen wie es die Serie gerne hätte. Es wirkt beinahe so, als hätten die Autoren von Enterprise bei der Erschaffung des Denobulaners Phlox aus den Fehlern gelernt, die bei Neelix begangen wurden, denn Gemeinsamkeiten zwischen beiden Figuren bestehen fraglos.

Abseits der Hauptfiguren kann sich "Voyager" gerade in seinen ersten drei Staffeln nicht vieler wiederkehrender Gastcharaktere rühmen. Die hervorstechende Figur ist hierbei die Verräterin Seska, welche anfangs noch interessant ist. Leider zeigt sich an ihrem Beispiel eine fürchterliche Inkonsequenz der Serie, die in die Irre führt. Seska verfolgt in Der Verrat das Ziel, die Kazon zu Alliierten der Voyager zu machen, indem letztere Sternenflotten-Technologie einzutauschen bereit ist (was Janeway aus Gründen der Obersten Direktive strikt ablehnt). Seskas Plan aber schlägt fehl, und am Ende der Folge beamt sie zu den Kazon hinüber und versucht fortan, die Voyager in ihre Gewalt zu bekommen. Das erscheint nicht logisch. Was hat Seska davon, als versprengte cardassianische Frau unter fremden, allzu patriarchalisch geprägten Kazon in den Weiten des Delta-Quadranten zu leben? Die Begründung 'Macht haben' springt zu kurz. Ihr Wunsch war doch, an Bord der Voyager schneller und sicherer nachhause zu kommen (Das oberste Gesetz). Ihre Motive werden nie ernsthaft erklärt, aber was man sieht, erscheint nicht recht wasserdicht. Plausibel wäre beispielsweise gewesen, dass Seska es – wie auch immer – gelingt, eine Meuterei auf der Voyager in die Wege zu leiten, z.B. nachdem Janeway Chakotay schwer vor den Kopf gestoßen hat, und dass sie als Chakotays ‚Einflüsterin‘ einen Politikwechsel der Voyager gegenüber den Kazon in die Wege leitet. Infolge dieser Entwicklung hätte gezeigt werden können, dass Janeway doch Recht gehabt hat, und der eines Besseren belehrte Chakotay hätte seine Übernahme des Schiffes rückgängig gemacht. Dazu hätte die Serie freilich bereit gewesen sein müssen, die Maquis-Karte deutlich stärker zu zücken und Janeways Autorität als Captain auch mal gravierend in Zweifel zu ziehen. Beides ist bekanntlich nie wirklich passiert, und deshalb blieb den Autoren nichts anderes übrig, als die böse Seska von der guten Voyager zu entfernen und zu den bösen Kazon zu schicken.

Relativ schnell werden in "Voyager" Geschichten erzählt, die größtenteils auch in jeder anderen Star Trek-Serie laufen könnten. Da werden mysteriöse Nebel, exotische Planeten und Völker sowie temporale Anomalien erforscht. Am Ende ist fast immer wieder alles beim Alten - es geht doch nichts über den Status-quo. Das ist nach vielen Jahren Star Trek schlicht altbacken. Die einzige Ausnahme bildet der bereits angesprochene Seska-Handlungsbogen (der einzige durchgehende Plot in der Serie) und Janeways Versuch, zu verhindern, dass eine ganze stellare Region dadurch destabilisiert wird, dass die wilden Kazon in den Besitz moderner Sternenflotten-Technologie kommen. Nur in Folgen, die in diesem Plot angesiedelt sind (Der Verrat, Das Signal, Allianzen, Der Verräter, Der Kampf ums Dasein), wird einigermaßen nachfühlbar, wie auf sich allein gestellt die Voyager ist. Bedauerlicherweise sind die Kazon und Maje Culluh, mit denen Seska sich verbündet, keine besonders beeindruckenden Antagonisten, sondern wirken eher wie eine verkorkste Vorversion der TOS-Klingonen. Gerade ihr letzter Auftritt im zweiten Teil von Der Kampf ums Dasein enttäuscht schwer. Immerhin machten die Autoren in den Folgen Der Namenlose und Allianzen etwas Boden gut, indem sie eine Erklärung dafür fanden, warum die Kazon sind, wie sie sind, und was ihr gesellschaftlicher Hintergrund ist (bis vor einem Vierteljahrhundert Sklaven der Trabe).

Beinahe noch flacher und uninspirierter als die Kazon erscheinen andere Völker, die in den ersten drei Staffeln auftauchen, wie zum Beispiel die wiederkehrenden Vidiianer (Transplantationen, Von Angesicht zu Angesicht, Lebensanzeichen, Die Verdoppelung, Entscheidungen, Der Wille). Von einer unheilbaren Krankheit befallen, die ihre Zivilisation bedroht, haben sie ihre Moral über Bord geworfen und trachten nun anderen Lebewesen nach ihren Organen. Allzu offensichtlich ist am Beispiel der Vidiianer der Versuch, eine Art von 'Zombiealiens' in "Voyager" einzuführen. Das ist ermüdend. Wenn man schon Entdeckungsgeschichten erzählen wollte, hätte man länger über wirklich neuartige Völker mit ungewöhnlichen Gesellschaften nachdenken können. Stattdessen präsentiert wurde ein eindimensionaler Neuaufguss von altbekannten Spezies aus dem Alpha- und Beta-Quadranten. Die Borg, mit denen der halbwegs kundige Zuschauer die ganze Zeit über latent rechnet (immerhin liegt ihre Heimat im Delta-Quadranten), lassen auf sich warten. In den ersten zwei Staffeln werden sie totgeschwiegen, im dritten Jahr nur auf Umwegen in der mäßigen Folge Die Kooperative thematisiert. Man fragt sich schon, ob die Taktik, die Borg so lange von der Serie fernzuhalten und sie ab Season vier dann plötzlich exzessiv zu behandeln, der richtige Weg war.

Nach so viel Kritik sollen auch noch ein paar positive Aspekte angesprochen werden. So findet Janeway im Gegensatz zu vielen anderen Charakteren relativ früh ihre Rolle als mütterliche und doch idealistische Kommandantin, wenn ihr auch häufig der Gegenpart fehlen mag, der für Chakotay reserviert war. Während es von ein paar Ausnahmen abgesehen einen bedauerlichen Mangel an Plotkontinuität gibt, ist die Kontinuität bei den Figuren durchaus gegeben. Man denke da beispielsweise an Toms rüpelhaftes Verhalten in Staffel zwei oder B'Elannas und Toms allmähliche romantische Annäherung am Ende von Staffel drei. Insgesamt fällt auf, dass insbesondere in der zweiten Hälfte des dritten Jahres ernsthafter mit bestimmten Figuren gearbeitet wird. Gemeint sind hier abseits der keimenden Torres-Paris-Beziehung der Doktor, der sein Selbst erforscht, das Verhältnis Tuvok-Neelix und der merklich erwachsenere Kes-Charakter. Neben ein paar der mit Seska verbundenen Episoden sind beispielsweise die Q-Auftritte recht gut gelungen, weil das Zusammenspiel mit Janeway funktioniert. Die Q-Figur wird so von einer ganz anderen Seite beleuchtet, und es werden Einblicke in das Q-Kontinuum gewährt, die in TNG nicht erfolgten (Todessehnsucht, Die Q-Krise). Weitere Einzelepisoden stechen in den ersten drei Staffeln positiv hervor. Dazu zählen Dr. Jetrels Experiment und Die Verdoppelung sowie Gewalt, in Grenzen auch Das Ultimatum und Temporale Sprünge. Durchaus sehenswert ist überdies Vor dem Ende der Zukunft wegen eines humoristischen Elements, das an den vierten Kinofilm, Zurück in die Gegenwart, erinnert.

Insgesamt gewinnt man bei den ersten drei Staffeln von "Voyager" jedoch den deutlichen Eindruck, dass die Produzenten nicht den Mut hatten, den im Pilotfilm eingeschlagenen neuen Weg auch wirklich zu beschreiten. Offenbar war die Angst zu groß, auf diese Weise TNG-Fans zu verprellen. So bemühte man sich in erster Linie darum, die Fangemeinde mitzunehmen - was beispielsweise auch erklärt, warum der Alpha-Quadrant doch noch so oft in der Serie auftaucht (Romulaner, Klingonen, Ferengi, ein cardassianischer taktischer Flugkörper, intelligent gewordene Dinosaurier, Zeitreisen zur Erde, Barclays, Rikers und Sulus Gastauftritte, Menschen in Die 37er und Die Kooperative etc.). Der Preis dafür ist, dass über weite Strecken altbekannte Geschichten erzählt werden. Ein ähnliches Prinzip zeigt sich auch bei den Figuren, von denen einige in erschreckend kurzer Zeit ihre Ecken, Kanten und Potenziale verlieren (Chakotay, Paris, Torres), während andere blass und uninteressant bleiben (Kes, Kim, Tuvok). Nur Janeway und der Holo-Doktor wissen dagegen zufriedenzustellen. So bekommt der Zuschauer in den ersten drei Staffeln eine ziemlich typische Star Trek-Serie geboten, was aber für den inzwischen vierten Ableger einfach nicht mehr genug ist. Immerhin wird ab Staffel vier der Mut für einen Neustart der Serie da sein, die in ihrem TV-Debüt so große Versprechungen machte und so wenig davon einlöste.

Fazit: Ein toller Pilotfilm, der neue Wege erkennen lässt. Danach verfällt "Voyager" aber allzu schnell in den üblichen Star Trek-Trott und geht in Friede, Freude, Eierkuchen-Mentalität im Delta-Quadranten auf Entdeckungsreise. Von einigen positiven Ausreißern abgesehen, sind Staffel eins bis drei weitgehend eine Dauerstagnation – die Serie fährt sich im Morast des Altgewohnten fest und bleibt den Beweis schuldig, was denn das Besondere an ihr ist. Den Befreiungsschlag bringen erst die Borg. Wohl keine Star Trek-Serie war über einen so langen Zeitraum so resistent gegen Innovation und Kreativität wie "Voyager" in seinen ersten drei Jahren. Mit Ach und Krach und einem zugedrückten Auge eine noch gerade so mittelmäßige Bewertung.

Gesamtbewertung: Befriedigend

(jw - 16.03.16)


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