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Julian Wangler (jw)02.04.09

Die Borg - Der schlimmste Feind

Theorien zum Ursprung der kybernetischen Wesen

Sie sind die schlimmsten Feinde der Föderation, eine Geißel des Antiindividualismus und des immerwährenden Gleichklangs. Es scheint sie schon gegeben zu haben, als auf der Erde das Feuer entdeckt wurde. Und doch sind die gerade einmal zwei Jahrzehnte, seit die Menschheit wenig freiwillig mit ihnen in Kontakt trat, auch an den Borg nicht spurlos vorbeigegangen. Quo vadis, Kollektiv? Der essayistische Versuch, mithilfe der Star Trek-Literatur ein wenig "Ordnung ins Chaos zu bringen".

Counterpart

Es war der DS9-Drehbuchautor Ira Steven Behr, der das Dominion als "Antiföderation" gesetzt haben wollte, als der VFP völlig gegenläufiges Konzept, als deren Nemesis. Aber wer genauer darüber nachdenkt, wird erkennen, dass das Dominion trotz seiner religiös unterfütterten Hierarchie noch viel zu disharmonisch ist, um dieser Rolle gerecht zu werden. Nein, der eigentliche Antagonist der Föderation im Hinblick auf einen Gesellschaftsentwurf ist das Borg-Kollektiv.

Die Borg, ein naturgemäßer Widersacher der Föderation
"Freiheit ist irrelevant. Selbstbestimmung ist irrelevant. Unterwerfen Sie sich." Wer solche Worte hört, wer sich die Bienenstockanordnungen mit ihren gleichgeschalteten Drohnen auf den kubischen Schiffen ansieht oder den Fortschrittsfanatismus, mit dem ganze Welten "abgewickelt" werden, mag Assoziationen bekommen über eine Art steinzeitkommunistisches Schreckensgespenst, gepaart mit dem Albtraum eines Hightechzombies. Und in der Tat scheint der Vergleich gar nicht einmal so abwegig.

Während die Planetenallianz eine liberale Wertorientierung zugrunde liegen hat, basiert die Lebenswelt der kybernetischen Invasoren auf einer Wertauslegung dessen, was Rousseau einst so verhängnisvoll "volonté générale" getauft hat, den "Willen aller". Philosophen stritten sich über die Jahrhunderte, ob es so etwas überhaupt geben könne, und als die Borg dann auf der Leinwand erschienen, schien der Beweis erbracht. In der Wirklichkeit der Utopie von "Star Trek" ist der "volonté générale" das Hivebewusstsein, dem die Drohne unterliegt, dieser unerbittliche Zwangs- und Ordnungsgeist, der daherkommt als Lied hinter der Stirn des Einzelnen und dem man sich unbedingt zu fügen hat. Damit sind die Borg - nach den letztlich an dem natürlichen Interessenspluralismus der Menschen gescheiterten Kommunismusexperimenten des 20. Jahrhunderts - ein Fleisch gewordenes Was-wäre-wenn. Was wäre, wenn es den "Willen aller" gegeben hätte, und wie sieht ein Gesellschaftsentwurf aus, der diese Denke bis zur Spitze treibt?

Sehen wir uns die drei Ebenen an, auf denen ein soziales System normalerweise funktioniert. Die Makrostruktur - man könnte auch sagen: das politische System oder die allgemeine Ordnung - der Föderation ist binnendifferenziert und somit auf der Mesoebene - auf der Ebene der Normen - heterogen organisiert. Die Borg hingegen weisen eine undifferenzierte, binnenhomogene Makrostruktur auf. Es existieren keine Lebenskulturen oder soziale Gruppen, die man als Mesoebene bezeichnen könnte. Auf der Mikroebene haben die Individuen der Föderation einen autonomen Status inne, während die Borg auf Basis ihres kollektiven Hives gleichgeschaltet sind und sich höchstens in funktionalen Aspekten unterscheiden.

Es ist insofern eine Frage der Sichtweise, ob man die Borg als Persiflage auf den ganz und gar Kommunist gewordenen Menschen ansieht - oder, wie die Föderation sagen würde, schlicht und ergreifend als totalitäre Diktatur. Denn nur aus der Warte einer pluralistischen Demokratie kann ein solches Urteil gefällt werden. Aus Sicht des Kollektivs ist das mitnichten so. Es würde argumentieren, dass Assimilation und Ankoppelung an das Hive so eine Art Türöffner, so eine Art Mittel zum Zweck zur Erleuchtung sind, und dass nach diesem Übergang niemand mehr etwas anderes sein wolle als Borg, sei das doch der einzig wahre Weg, der Weg zur Perfektion, ins Paradies. Niemand wird auf diesem Weg alleine gelassen; jeder wird gebraucht, "jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen". Wobei auch die Bedürfnisse maßgeschneidert sind. Die Partei hat immer Recht. Sie weiß, was für dich, für mich, für uns alle am besten ist. Und wenn das so klar wie Kloßbrühe ist, dann würde doch nur eine makelbehaftete, noch nicht erleuchtete Föderation behaupten, eine solche Zivilisation lebe ein Dogma.

Viel Stoff, viele Fragen, viele Deutungen

Sicherlich ist das Obige nur ein Deutungsversuch unter vielen; mit Sicherheit gibt es viele andere Interpretationen und vor allem Rücktransfers des Borg-Themas auf unsere reale Gesellschaft - soweit man so etwas überhaupt unternehmen will. Daran zeigt sich, dass die Borg nicht so einfach sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mögen. Aus guter Erfahrung wissen wir um eine Reihe innerer Widersprüche, die selbst das Kollektiv begleiten, das sich so sehr als Inkarnation des erstrebenswerten Seins begreift. Hinzu kommt ein über die Jahre veränderter Umgang der Produzenten mit diesem Volk. Das hat umso mehr zu Knackpunkten und vielen offenen Fragen über die bionische Gesellschaft geführt, die uns Film und Fernsehen nicht beantworten konnten. Es lohnt sich also vielleicht, in der Literatur nachzuschlagen. Was bieten die Trek-Bücher über die Borg? Können sie die zentralen Fragen klären? Stützen oder widersprechen sie gar der offiziellen Faktenlage? Und welche Theorien gibt es in Bezug auf den Ursprung des Kollektivs? Weil hier auch die Erklärungen aus der "Destiny"-Trilogie einfließen sollen, sei vorsorglich eine kleine Spoilerwarnung ausgesprochen.

Wie alt sind die Borg?

Die "Destiny"-Trilogie liefert eine Erklärung zum Ursprung der Wesen
Schon in den TV-Serien wurden Angaben zum vermeintlichen Alter der Borg gemacht. Doch das schwankte ziemlich stark. In der ersten Borg-Folge überhaupt, "Zeitsprung mit Q", ließ sich Guinan, ziemlich selbstsicher klingend, vernehmen, es gebe das Kollektiv bereits seit "Millionen von Jahren". "Voyager" widerrief diese Angabe nicht explizit, war aber deutlich bescheidener. Die Episode "Die Zähne des Drachen" stellt das Volk der Vaadwaur, eine ehemalige Großmacht vor, das bereits vor 900 Jahren - also im 15. Jahrhundert - einen Erstkontakt mit den Borg hatte. Es wird zumindest angedeutet, dass die Borg zu diesem Zeitpunkt noch längst nicht die Ausdehnung im Delta-Quadranten erreicht haben, wie sie im 24. Jahrhundert vorherrscht, sondern vielmehr auf eine Handvoll Sternensysteme beschränkt sind. Die "Offiziellen Fakten & Infos", eine "Star Trek"-Zeitschriftenreihe zum Sammeln aus den 90er-Jahren, datieren das Alter der Borg auf "Jahrtausende", ohne konkreter zu werden.

Was sagt die "Star Trek"-Belletristik? Die Kurzgeschichte "The Hunted" führt aus, die Borg hätte es schon vor mehr als 100.000 Jahren im Delta-Quadranten gegeben. Darüber hinaus gibt es lediglich zwei echte Romane, die ein paar Worte über ihr Alter verlieren. Peter Davids TNG-Roman "Vendetta" sagt relativ nebulös, die Existenzspanne der Borg belaufe sich auf ein "Zigfaches der Föderation". Ergiebiger scheint da schon der Classic-Roman "Die Sonde", die bereits Assimilationsfeldzüge vor über 100.000 Jahren verortet und damit mindestens die Schilderungen aus "The Hunted" deckt. Nun ist freilich die Frage, ab wann die Spezies existierte und ab welchem Zeitpunkt man von "Borg" im engeren Sinne spricht. Was ist da sozusagen der Stichtag? Vermutlich der Zeitpunkt, an dem sie lernten, die Kybernetik für sich fruchtbar zu machen. Und die Assimilation.

Seit wann assimilieren die Borg?

Schenkt man einer Erklärung aus "Der erste Kontakt" Glauben, waren die Mitglieder des Kollektivs früher organisch, also rein humanoid. Sie entwickelten sich aber ab einem bestimmten Zeitpunkt grundlegend weiter und verbesserten auf der Suche nach Perfektion ihr Leben mittels kybernetischer Implantate. Das war ein erster Schritt, sich von der Methode normalen Erwerbs von Wissen und Stärke loszusagen. Schließlich gingen die Borg dazu über, das Beste aus anderen Kulturen zu absorbieren, indem sie deren Angehörige als Drohnen in ihr riesiges Hive-Netzwerk einbanden. Damit einher ging wohl auch die endgültige Aufgabe einer biologischen Fortpflanzung. Geschehen sein muss das ungefähr im Zeitraum des Kontakts mit den Vaadwaur. Laut "Fakten & Infos" wissen die Borg zu diesem Zeitpunkt auch noch nichts von Subraumkorridoren. Das heißt, selbst wenn sie bereits assimilieren konnten, war ihr Dunstkreis noch sehr eingeschränkt.

Um 2145 herum sollen immerhin über 260 Spezies assimiliert worden oder zumindest ein derartiger Versuch unternommen worden sein. Dass dem Kollektiv auch Ferengi aus dem Alpha-Quadranten angehören, zeigt, dass die Borg zu dieser Zeit schon Transwarpkorridore benutzen. Diese Informationen decken sich durchaus mit Bemerkungen in bestimmten Romanen. Im TNG-Relaunch-Buch "Before Dishonor" wird davon ausgegangen, dass die Assimilationskarriere des Kollektivs schon beinahe so lange anhält wie es selbst existiert. Das würde der These tendenziell zuwiderlaufen, dass die Borg ohne ihre kybernetische Hälfte vorstellbar sind - obwohl gewisse "Voyager"-Episoden da durchaus ein Einfallstor für Diskussionen sein mögen.

Die TNG-Kurzgeschichte "The Beginning" sagt, die Borg seien "erschaffen" worden und hätten dann ihr Eigenleben entwickelt, das immer mehr mit Selbsterweiterung und -verbesserung auf kybernetischer Basis schwanger ging. Das Hive sei zu Anfang nicht so strikt gewesen, sondern habe Emotionen zugelassen. Erst der Gedanke, perfekt sein zu wollen - der den Borg später inhärent wurde -, brachte den Wunsch zu assimilieren ins Spiel. "The Beginning" thematisiert überdies, die Borg hätten zunächst ihre Heimatwelt und damit höchstwahrscheinlich ihre Erschaffer assimiliert und seien dann übergangen zur Konstruktion ihrer Kuben. Der zweite Band des Shatner-Universe, "Die Rückkehr", spekuliert über die Möglichkeit, die Borg hätten sich selbst assimiliert, möglicherweise durch einen Unfall. Wäre dem so, würde sich die Frage nach einem Kollektiv unabhängig von dieser Lebens- und Eroberungsweise erledigen.

Last but not least gibt es eine mit Vorsicht zu genießende, nichtsdestoweniger interessante Interviewaussage des ehemaligen Editors Marco Palmieri, der das dominante Borg-Thema für den TNG-Relaunch damit rechtfertigte, dass es sich bei Föderation und Kollektiv um zwei grundlegende Antagonisten handele. Man dürfe nicht vergessen, dass gerade die Menschheit für die Borg kein gewöhnlicher Feind sei. Diese Bemerkung hat durchaus etwas für sich, bietet sie doch Raum für Überlegungen, inwieweit die "offizielle" Begegnung mit der Enterprise-D die Bionischen erst in ein Assimilationsfieber versetzt haben mag. So oft, wie die Borg verbissen wieder und immer wieder versuchen, sich der Erde zu bemächtigen, lässt sich auch hier ein gewisser Verdacht nicht von der Hand weisen. Man denke auch an das herausgehobene Verhältnis von Locutus zur Königin. Womit wir bei der nächsten Frage angelangt wären.

Wie ist der Status der Borgkönigin?

Das Auftauchen der Borgkönigin in "Der erste Kontakt" traf einige Fans hart, andere fanden die Idee wiederum brillant. Auf jeden Fall schien es das bisherige Bild von den Borg umzukippen - in einen knallharten, simplen Totalitarismus. Doch dann stellte Data seine Frage und erhielt von der Königin eine Antwort, die manche Befürchtungen abfederte: "Ich bin die Eine, die viele ist. [...] Sie vermuten eine Unvereinbarkeit, wo keine existiert: Ich bin das Kollektiv." Dennoch bedeutete die Existenz einer Königin - ob sie auch nur administrativen und nicht herrschenden Charakter haben mag - eine Verlagerung. Fortan waren die Borg kein gleichgeschaltetes Kollektiv mehr, sondern glichen mit ihrer Königin eher einem Insektenstaat. Jemand sagte dazu, das "Star Trek"-Universum hätte sich damit ein Stück weit entideologisiert. Die Königin verblieb ziemlich in der Schwebe - was sicherlich auch ihren Reiz ausmacht. Wie verhalten sich einschlägige Romane zu ihrer Figur? Treffen sie Aussagen darüber, wer sie ist und was sie qualifiziert? Lüften sie das Rätsel, ob es nur eine oder mehrere Königinnen gibt?

Die Eine, die alle ist
In "Voyager: Unimatrix Zero", Teil 2 sagte die Königin, sie sei selbst einmal assimiliert worden, als Angehörige der Spezies 215. Damit zerstreuten sich Vermutungen, sie wäre der Ursprung des Kollektivs oder hätte maßgeblich an seiner Erschaffung mitgewirkt. Das, was man aus den Trek-Büchern erfährt, wertet die konkrete Königin, wie sie beispielsweise Picard begegnete, prinzipiell weiter ab. Sie scheint nämlich ersetzbar. Sowohl der "Voyager"-Relaunch als auch das TNG-Relaunch-Buch "Resistance" beschäftigen sich mit der Frage nach dem Status der Königin und wie er zu erlangen ist. Offenbar ist dafür ein bestimmter Algorithmus zuständig, der gemeinhin als Royale Protocol bezeichnet wird und die Königin generiert. Wer in den Besitz dieses Protokolls gelangt und es für sich fruchtbar zu machen versteht, kann tendenziell zur Königin aufsteigen. So war beispielsweise Seven of Nine in "The Farther Shore" für eine Millisekunde Borgkönigin, nachdem sie einen weiblichen Admiral tötete, auf die die Borg vorher das Royale Protocol angewandt hatten. Wichtig scheint zu sein, dass es sich bei der Vorlage um eine Frau handelt, weil die Beschaffenheit des weiblichen Gehirns wohl günstiger für die Multitaskingfähigkeiten einer Königin ist als das männliche. Weiter lässt sich sagen: Die Königin bringt tatsächlich "Ordnung in das Chaos", indem sie erst die notwendigen Strukturen für die Funktions- und Steuerungslogik des Kollektivs und seines virtuellen Hives schafft. Ohne sie wäre ein hierarchisches Arbeiten nicht möglich. Konsequenzen davon konnte man in der TNG-Doppelfolge "Angriff der Borg" oder in den "Voyager"-Folgen wie "Überlebensinstinkt" sehen. Somit muss es eine Königin geben - ob mehr als eine, ist fraglich, denn darüber schweigen sich auch die Trek-Bücher bis dato aus.

Es gibt allerdings auch hier eine heiße Spur. Der TNG-Relaunch entfaltet in "Resistance" die Geschichte eines vom Kollektiv abgeschnittenen Kubus, der im Alpha-Quadranten strandet und dort um die Errichtung eines neuen Kollektivs bemüht ist. Wieder wird eine Königin benötigt. Picard und die Enterprise-E können die erste Königin zur Strecke bringen und die Borg an Bord des Kubus somit in einen Ruhezustand versetzen. Später lösen diese mutierten Drohnen aber mithilfe eines Tricks das Royale Protocol aus und schaffen es, Kathryn Janeway zu assimilieren und zu ihrer neuen Königin zu machen. Es scheint also: Jeder für sich eigene Schwarm braucht seine eigene Königin.

Machen die Borg nur Evolution oder unterliegen sie ihr auch?

Eben dieser isolierte Kubus, von dem soeben die Rede war, demonstriert, dass vom Kollektiv getrennte Drohnen nicht immer dazu tendieren müssen, auf ihre ursprüngliche Identität zurückzufallen. Denn das Hive ist nach wie vor innerhalb der Kubusgemeinschaft aktiv, aber anders als die Borggruppe um Hugh in TNG gibt es hier keine Auflösung oder Zerstreuung des Kollektivgeistes. Vielmehr verändert sich, wie "Resistance" und später "Before Dishonor" zeigen, das Hive in dieser Einheit. Indem die Borg darauf angewiesen sind, ein neues Kollektiv aufzubauen mit einer neuen Königin, kommt es zu einer Veränderung in ihrer Entwicklung, zu einer Mutation ihrer virtuellen Identität, die sie nicht selbst bestimmt haben. In der Folge versetzt sie diese Verwandlung in die Lage, neue Strategien zu entwickeln (sie wollen plötzlich vernichten) und ihren Kubus zu einer Waffe verwandeln, die die bisherige Assimilationstechnik weiter perfektioniert - zu einem sprichwörtlichen Absorbtionsmechanismus, mit dessen Hilfe der Würfel wachsen kann wie ein organisches Wesen. Insofern hat es den Anschein, als würden selbst die Borg von den unsichtbaren Gesetzen der Evolution mitbestimmt.

Wie privat ist eine Drohne?

Hier gibt es ausnahmsweise eine so gut wie völlige Redundanz der Informationen aus der Literatur mit TV und Film. Es herrscht ein Common Sense darüber, dass die Individualität einer Drohne innerhalb des Hive unterdrückt, aber nicht ausgelöscht wird. Schon TNG machte da klare Vorgaben, und "Voyager" ging diesen Weg weiter. Mehr oder minder wegweisend für die "Star Trek"-Literatur war - noch vor Erscheinen der TNG-Episode um Hugh Peter Davids "Vendetta", das bereits mit der Rückentwicklung zu einem Individuum spielte und gewissermaßen das vorwegnahm, was wir später in vielen Variationen, vor allem aber bei Seven of Nine sehen konnten. Hier wurde auch betont, je länger man im Kollektiv ist, desto schwerer ist eine Rückkehr in die Individualität und umso größer ist das Bedürfnis nach dem Hive. Was sich zwischen TNG und "Voyager" veränderte, war, dass immer mehr der Zwangscharakter des Hive herausgestrichen anstelle eines freiwilligen Kollektivverbundes herausgestrichen wurde. So entstand auch eine Lücke für die Frage, inwieweit Drohnen Rückzugsorte haben, um dort ihre unterdrückte Individualität ausleben zu können. Unimatrix Zero war ein erster Ölzweig in diese Richtung. Obwohl die in TNG "Resistance" und "Before Dishonor" auch zu Emotionen neigen und jede Drohne mehr Spielraum für sich zu haben scheint, wurde das Thema eines virtuellen Kompensationsraums, eines Ausstiegsmodus, bislang nicht in der Literatur aufgegriffen.

Woher kommen die Borg?

Wenden wir uns der wahrscheinlich reizvollsten aller Fragen zu, jener nach dem Entstehen der Borg. Sicher ist, dass die Geburtsstunde des Kollektivs einen der Wendepunkte in der Geschichte der Milchstraße darstellt. Aber wie und warum die Borg zum Leben erwacht sind, ist bis zum Erscheinen der "Destiny"-Trilogie zur Mutmaßung verdammt gewesen. Deshalb sollen sämtliche Theorien, die sich in den Trek-Büchern finden lassen und halbwegs stichhaltig entfaltet wurden, noch einmal durchgegangen werden, bevor wir die literarische Antwort auf die Frage nach dem Ursprung erteilen.

Theorie 1: Die ungewollte Erweckung

Die TNG-Kurzgeschichte "The Forgotten Light" entwirft ein Szenario, wonach die Borg auf einem Planeten namens Havarrnus im Alpha- oder Beta-Quadranten kreiert wurden. Die technologisch weit fortgeschrittenen Bewohner der Kolonie wurden von einer viralen Seuche befallen und sahen sich genötigt, die Schäden an ihren Körpern durch kybernetische Komponenten auszugleichen. Später war der Planet dem Untergang geweiht, weil der Stern des Systems sich in einen Roten Riesen zu verwandeln begann. Als Antwort auf die bevorstehende politische Anarchie, die die Verwüstung der Welt mit sich bringen würde, schälte sich eine Gruppe von Techologiefanatikern aus der Gesellschaft heraus, die den Interlink Act propagierten.

Der erste "Destiny"-Teil "Mere Mortals"
Die Kolonisten, denen klar war, dass sie zusammenhalten mussten, willigten in ihrer Not ein, und jeder erhielt einen Neuroprozessor, der die Geister harmonisch zusammenhielt. Aber etwas geschah: Das Hive bekam seine Eigendynamik, und obwohl es maßgeblich dazu beitrug, dass die Kolonisten überlebten, veränderte es sie nachhaltig. Die Idee, eines Tages wieder die Neuroprozessoren ablegen zu können, fand keine Verwirklichung mehr. Die neu entstandenen Borg verließen innerhalb von zweihundert Jahren Havarrnus, bevor es gänzlich unbewohnbar wurde, und durch die Möglichkeiten, die ihnen nun offen standen, gingen sie in den Delta-Quadranten. Die andere TNG-Kurzgeschichte, die sich über die Wurzeln des Kollektivs ergießt, ist "The Beginning". Im Prinzip schlägt sie in dieselbe Kerbe wie "The Forgotten Light", indem sie die Borg als unbeabsichtigt, ja gar als Unfall präsentiert.

In dem Szenario, das diese Geschichte präsentiert, ist die Rede von einer todkranken Spezies, die mithilfe von Nanotechnologie versucht haben soll, sich zu retten. Und auch hier gerät ihre Erfindung außer Kontrolle: Die Nanosonden bekommen ihr Eigenleben, und es ereignet sich eine planetenweite Kontamination. Die Borg erwachen aus einer Laune der Geschichte zum Leben, in "The Beginning" wird das sogar noch deutlicher. Subtiler geht der TOS-Comic "Side Effects" vor. Dort wird niemals von den Borg gesprochen, aber es gibt zumindest einen Verdacht, es könnte sich um die Entstehungsgeschichte des Kollektivs handeln. "Side Effects" thematisiert die Forschungsarbeiten eines Wissenschaftlers namens Mynzek an einem Schwarzen Loch. Nach einigen Rückschlägen entsendet er seine Tochter Danzek als Testkaninchen in den Ereignishorizont, ausgestattet mit diversen biotechnologischen Komponenten. Auch hier ist das Ergebnis, dass sich diese Komponenten verselbstständigen und Danzeks Geist verändern. Am Ende verschwindet sie, möglicherweise als neue und erste Königin des Kollektivs.

Theorie 2: Der Urborg

Die zweite Denkmöglichkeit ist die zweifellos älteste. Seit die Borg zum ersten Mal in TNG auftauchten, gibt es Gerüchte darüber, dass V'Ger aus "Star Trek: Der Film" etwas mit ihnen zu tun haben, vielleicht sogar der Urborg sein oder zumindest in irgendeiner Verbindung mit ihnen stehen könnte. Während der Dreharbeiten zu "Zeitsprung mit Q" soll Gene Roddenberry gemutmaßt haben, dass der Maschinenplanet, auf dem V'Ger strandete, die Heimatwelt der Borg sein könnte. Möglicherweise haben sie sich irgendwie wechselseitig beeinflusst. Das Buch, das an dieser Stelle eine derartige Theorie vertritt und auch die Sonde aus "Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart" in einen Zusammenhang mit den Borg stellt, ist "Die Sonde". Allerdings bleibt doch sehr vage, welche Korrespondenz zwischen V'ger, Sonde und Borg besteht.

Theorie 3: Späte Klärung

In der "Destiny"-Trilogie wird eine bemüht verbindliche Aussage über den Ursprung der Borg getroffen. Demnach, was gerade der letzte Roman "Lost Souls" uns sagt, entstand das Kollektiv im Jahr 4527 vor Christus. Zu dieser Zeit verursachte Sedin, ein temporal versetzter Angehöriger einer fortgeschrittenen Spezies namens Caeliar, einen gewalttätigen Bund mit drei Menschen aus dem 22. Jahrhundert: den Sternenflotten-Offizieren Karl Graylock und Kiona Thayer sowie mit dem MACO Gage Pembleton im Bemühen, nach einer Havarie in den arktischen Breiten eines trostlosen Planeten im Delta-Quadranten zu überleben. Der Versuch Sedins, die Kontrolle über die Geister ihrer drei Begleiter zu erlangen, schlug um in die Entstehung einer neuen Spezies, die ihre eigenen Gesetze hervorbrachte. Später konnten sie den Planeten verlassen und bereits mit der Assimilation beginnen. Was an dieser Darstellung besticht, ist, dass die Menschen nicht nur an der Entstehung der Borg beteiligt waren - was die besondere Hinwendung des Kollektivs zur Erde erklären mag -, sondern ihnen auch den Namen eingeflößt haben.

Was glauben?

Das Dargestellte zu den Ursprungsthesen der Borg war bereits eine Auswahl. Offenkundig gibt es in den Trek-Büchern widersprüchliche Informationen zu mehreren wichtigen Fragen über das Kollektiv, das überdies bislang nicht gerade ein Thematisierungsschwerpunkt war. Mit dem TNG-Relaunch und "Destiny" hat sich da einiges zwar verschoben, dennoch verbleibt die "Star Trek"-Literatur außerhalb der offiziellen Linie, des Kanon. Damit ist es jedem selbst überlassen, was er über die Borg annimmt. Allerdings zeigen die verschiedenen Ansatzpunkte aus Kurzgeschichten, Comics und Romanen, dass eine fruchtbare Kontroverse über die Borg durchaus ihren Reiz hat.

Weiter ist davon auszugehen, dass die neue Produktlinie von Pocket Books dazu führen wird, dass die in "Destiny: Lost Souls" gegebenen Informationen als die wahrscheinlichste Entwicklung angesehen wird - bis ein Film oder eine Serie herauskommt, die alles auf den Kopf stellt.

(jw - 29.12.09)


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