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Julian Wangler (jw) Space Politics: Die Seele der Cardassianer Ein Spiegelbild der notwendigen Hassliebe Die Cardassianer - eine im autoritären Militarismus gefangene Gesellschaft mit faschistischen Zügen? Julian Wangler geht diesem, wie er meint, Zerrbild auf den Grund und entdeckt eine Vielschichtigkeit wie bei kaum einem anderen "Star Trek"-Volk. "Ich hasse nicht Sie, Cardassianer. Ich hasse, was aus mir wurde - wegen Euch." Fragt man "Star Trek"-Autorin Jeri Taylor nach der Entstehungsgeschichte rund um Cardassianer, lässt sie das prompt an die von ihr geschriebene "Next Generation"-Episode "Der Rachefeldzug" zurückdenken, in der dieses Volk erstmals in Erscheinung tritt. "Zunächst", gesteht sie offen, "fiel mir der Name Circassianer ein. Das klang für mich bereits ziemlich außerirdisch, auch wenn sich in meinem Hinterkopf der Gedanke regte, dass ich zu leicht darauf gekommen war. Jemand brachte mich darauf, dass es ein Volk in der Antike gegeben hatte, das so hieß. Also spielte ich mit dem Wort und kam schließlich auf Cardassianer." Kein "business as usual" Was sich hier nach der Erfindung einer Alienspezies wie jeder anderen auch anhört, sollte spätestens ab "Deep Space Nine" zu etwas viel Größerem werden. Bis zum Anbruch der dritten Serie nämlich war "Star Trek" fast ausschließlich eine Alien-of-the-Week-Show gewesen: Ganz im Sinne des Credos vom Raumschiff, das die unbekannten Weiten erforscht, galt es, möglichst eine faszinierende Rasse nach der anderen vorzustellen, ehe die Enterprise wieder zum nächsten Abenteuer weiterflog. Man kann auch behaupten: "Star Trek" war überall und nirgendwo zugleich.
Obwohl die reptilienhaften Außerirdischen innerhalb des Franchise nie die Popularität der kriegerischen Klingonen, der verschlagenen Romulaner oder der kybernetischen Borg erreicht haben, gelten sie als Geheimtipp unter den Völkern des "Star Trek"-Universums. Analog zu dem deutlich realistischeren Einschlag, welcher DS9 gegenüber den übrigen Serien auszeichnet - indem zum Beispiel Religion, Krieg und Intrigen thematisiert werden -, wird mit den Cardassianern ein Volk vorgestellt, das von eklatanten Widersprüchen geprägt ist, die auch seinen weiteren Fortgang bestimmen. Was genau ist damit gemeint? Vom Weg abgekommen Im Gegensatz zu den allermeisten Kulturen, die in ihren frühen Entwicklungsstadien kriegerisch waren und erst durch die Lehren aus selbstverschuldeten Gräueln zu einer neuen, besseren Gesellschaftsordnung fanden, schlugen die Cardassianer exakt den umgekehrten Weg ein. Einst nämlich, vor Jahrhunderten, waren sie ein spirituelles, künstlerisches und musisches Volk, das Frieden und Harmonie suchte. Dies drückte sich in den Losungen des sogenannten Oralianischen Wegs aus, der für die ursprünglichen Cardassianer Religion, Weltanschauung und Sozialsystem zugleich war. Den Bajoranern, die sie später unterjochen sollten, waren sie verblüffend ähnlich.
Mitten in dieser prekären Lage bot sich das Militär als Retter an. Es übernahm die Regierung und schuf eine gesellschaftliche Realität der strikten Ordnung, der klaren Regeln und ständigen Überwachung. Die Militärherrschaft führte die Union in ein neues Zeitalter: Nun begannen die Cardassianer, fremde Welten zu plündern und zu annektieren. Dadurch dehnten sie ihr Territorium immer weiter aus, kamen in den Besitz von Reichtum und neuen Technologien, die es ihnen gestatteten, die Krise ihrer Heimatwelt zu kompensieren und sich ins All zu verteilen. Der Begriff Union wurde dabei einfach aus alten Zeiten beibehalten, impliziert er doch einen Zusammenschluss freier Welten, wohingegen nun von den Cardassianern Planeten unterworfen und dem De-facto-Imperium einverleibt wurden. Cardassianische Urangst als Tragik Wichtig ist zu erkennen, dass die Cardassianer nicht qua Überzeugung oder auf Basis einer radikalen Ideologie dem Militarismus verfielen, sondern erst, als Platz und natürliche Ressourcen knapp wurden. Überbevölkerung und Umweltniedergang machten sie zu Getriebenen eines Kurses, der aus ihrer Sicht wohl alternativlos war. Das aus der Not geborene Streben verwandelte sich jedoch über längere Zeit hinweg in einen Selbstläufer, entwickelte eine verhängnisvolle Eigendynamik, die das Wesen der Cardassianer nachhaltig korrumpierte.
Schon hier steckt die leise Tragik, die das cardassianische Volk seit langem begleitet: Es wollte eigentlich nie so werden, wie es sich seit dem Ende des oralianischen Zeitalters entwickelte, und in seinen tiefsten Winkeln hasst es sich möglicherweise ein wenig dafür, weil es sein Gewissen zu lange ignoriert hat. Auf der anderen Seite konnten die Cardassianer ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr umkehren, was sie wurden, und brauchen das Wissen und die Geltung, eine Macht im Alpha-Quadranten zu sein, wie eine Droge. Nur so lässt sich erklären, wieso Gul Dukat einen derart hohen Preis zu zahlen bereit ist, als er eine Allianz mit dem Dominion eingeht, um die Vormachtstellung der Union nach einer Phase des Niedergangs wieder herzustellen. Komplexe Identität Trotz des aggressiven Kurses, den die Union nach außen zu fahren begann - was auch schnell zu erbitterter Feindschaft mit der Föderation führte -, verloren die Cardassianer nicht einfach ihre alte Identität. Vielmehr begann sich aus alten, traditionellen und neuen, revisionistischen Elementen eine neue Wesensart herauszubilden, die nicht immer frei ist von tief greifenden Paradoxien. So bekommen wir nicht selten in DS9 zu sehen, dass die Cardassianer als Individuen feinfühlig und künstlerisch ambitioniert bleiben. Sie haben einen ausgeprägten Familiensinn und pflegen ein kultiviertes Savoir-vivre und genussorientiertes Freizeitverhalten, die sich überliefert haben. Damit sind sie nicht einfach nur gehirnlose Soldaten einer verrohten Gesellschaft, sondern schätzen Bildung, Wissenschaft, detailverliebte Architektur, die Literatur und das entwickelte Leben.
Es darf angenommen werden, dass diese Ordnungssehnsucht ihre kulturellen Wurzeln im Harmoniebestreben der oralianischen Zivilisation hat und vom Militär günstig aufgegriffen werden konnte, um die Gesellschaft umzugestalten, ohne einen radikalen kulturellen Bruch zu vollziehen. Die besagte Harmonie- und Ordnungsliebe mag eine Eigenschaft sein, die als Schattenseite eine Tendenz zum Totalitären aufweist, und vielleicht lässt sich auf diese Weise erklären, warum das Militär so viele Jahrhunderte an der Macht bleiben konnte, ohne eine ernsthafte Opposition fürchten zu müssen. Sehnsucht nach Obrigkeit und Aufopferung An den Cardassianern, wie wir sie im 24. Jahrhundert antreffen, kann man gut beobachten, dass sie sich im Privaten ausleben, dort ganz sie selbst sind, in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit jedoch zur Ein- und Unterordnung streben. Man könnte fast von einer Biedermeiermentalität sprechen - mit dem wesentlichen Unterschied, dass die Cardassianer die Trennung zwischen Privat- und Gesellschaftsleben nicht erzwungenermaßen vornehmen, sondern diese auch brauchen.
Die Episode "Der undurchschaubare Marritza" präsentiert uns einen Cardassianer, der während der Besatzungszeit viel Unrecht verursacht hat. Trotzdem ihn Zweifel ob seiner verabscheuungswürdigen Taten befielen, hat er seine Handlungen nie davon diktieren lassen. Für Marritza nämlich ist klar: "Ein Befehl ist ein Befehl." Erst nach der Entbindung von seinen Pflichten ist er imstande, sich der Wiedergutmachung zu verschreiben. Legat Ghemor plagen in "Die zweite Haut" nach seinem Ruhestand ganz ähnliche Gewissensbisse. So machen es die Cardassianer: In ihrem Innern wird aufgestaut und weggesperrt. Doch Aufbegehren ist nicht ihre Sache, entspricht nicht ihrem sozialen Kodex. Sie leiden im Stillen - auch über sich selbst.
Und der Grund für ein solches Verhalten? Es ist weniger das Streben nach grenzenlosem Ruhm - dafür sind die Cardassianer zu puritanisch. Mehr ist es das ständige, unterschwellige Schuldgefühl, seiner eigenen Nation einen Dienst leisten zu müssen. Dafür opfern Cardassianer sehr viel. In diesen Zusammenhang passt auch, dass es eine Sage über das gesellschaftliche Leben zu geben scheint, die den interessanten Titel "Das endlose Opfer" trägt. Vielleicht handelt es sich dabei um so eine Art cardassianische Buddenbrooks, eine über mehrere Generationen reichende Familiengeschichte, die von den Entbehrungen der Cardassianer erzählt und die Seele dieses Volkes, die Metapher, die ihm innezuwohnen scheint, transzendent macht. Einzelne im Spiegel der cardassianischen Seele Figuren wie Dukat und Garak sind deshalb so wertvoll, weil sie gute Beispiele für das cardassianische Wesen mit all seinen Lichtblicken und Abgründen sind. Obwohl Benjamin Sisko in "Das Gute und das Böse" zu einer gegenteiligen Behauptung findet, ist keiner dieser beiden Männer von Grund auf wirklich schlecht - weshalb es durchaus zu verwundern mag, dass sie für unterschiedliche Seiten kämpfen. Gul Dukats großes, bleibendes Leiden beispielsweise ist, dass die Bajoraner ihn nie als Präfekten akzeptierten. Obwohl er als Besatzungsherr nach eigener Aussage um Milde bemüht war und die aufbegehrenden Bajoraner als Kinder sah, um die es sich zu kümmern galt, kann er bis zum Schluss nicht verstehen, dass er dennoch ein Unterdrücker und Mörder war. Dukat, dessen Liebe zu seiner halbbajoranischen Tochter Ziyal und dessen aufrichtige Gefühle zu Kira Nerys nicht bestritten werden können, scheitert letzten Endes an jenem Widerspruch, in den sein Volk als Ganzes verheddert ist: Er ist ein Kriegsherr und will sich trotzdem nicht so sehen. Er ist von Machtgier zerfressen und betrachtet sich als bescheiden. Vor dem Hintergrund der Entwicklung seines Volkes erscheint Dukat plötzlich nicht mehr nur als Täter, sondern auch als Opfer; als jemand, der in einer schweren Selbstverleugnung gefangen ist.
Obwohl es seiner kultivierten Natur auf den ersten Blick zuwider zu laufen scheint, ist der spätere DS9-Schneider ein Kind seiner Gesellschaft und ließ sich auf Gedeih und Verderb in den brutalen Militär- und Geheimdienstapparat einspannen, buhlte sogar um dessen Anerkennung. Man kann Garak als Individuum sehen und ihn seiner Taten beschuldigen. Genauso gut kann man ihn jedoch - wie Dukat - seinerseits als ein Opfer und einen getreuen Ausdruck der cardassianischen Gesellschaft betrachten, die er gerade in seinem Schlussplädoyer in "Das, was Du zurücklässt ... " ebenso von ganzem Herzen liebt wie abgrundtief verteufelt: "Einige werden bestimmt sagen, dass wir nur bekommen haben, was uns zusteht. Unsere ganze Geschichte ist eine Geschichte arroganter Aggression. Wir sind schuldig im Sinne der Anklage. Natürlich wird Cardassia überleben. Aber nicht als das Cardassia, wie ich es kannte. Wir waren groß." Cardassianer als Allegorie Zwei Herzen schlagen in der Brust der Cardassianer, um es mit Goethe auszudrücken. Dadurch entziehen sie sich dem üblichen Schwarzweißschema, dem die meisten Außerirdischen in Science-Fiction-Serien unterliegen. Die Cardassianer sind nicht so archetypisch wie die Klingonen, die Romulaner oder die Borg. Sie sind nicht auf wenige Aspekte fokussiert und auch nicht in wenigen Sätzen zu beschreiben. Sie sind eine vielschichtige Kultur mit einem Hintergrund, der nicht einfach nur Kulisse ist, sondern eine prägende Vorgeschichte.
Sicher ist allerdings eines: Mehr als bei den geläuterten und idealistischen Menschen der Zukunft stoßen wir bei den Cardassianern auf unsere eigene Lebenswirklichkeit. Wir finden ein kriegerisches Wesen, einen liebevollen Familiensinn, Mitgefühl und Erbarmungslosigkeit, das ganze Spektrum unserer eigenen, von Widersprüchen übersäten Persönlichkeit. Vielleicht sind deshalb die Cardassianer nie zum Publikumsliebling avanciert, weil man sie zugleich lieben und hassen muss. Und vielleicht haben wir deshalb Nachsehen mit jemandem wie Garak, weil er uns möglicherweise besser in "Star Trek" reflektiert als einer der großen Sternenflotten-Captains. Es ist eine Frage des Eingeständnisses. (jw - 24.03.11) Weiterführende Links
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