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Julian Wangler (jw) 2151-2382: Spiel mit Glaskugeln Kleine Geschichte der intergalaktischen Beziehungen Teil 2 unserer "Space Politics"-Reihe befasst sich mit der Außenpolitik der Föderation vom 22. bis ins 24. Jahrhundert. Statt Zukunftsutopie ist hier knallharte Realpolitik gefragt, meint Julian Wangler. Holodecks, Replikatoren, Transporter, Warpantriebe, Subraum und Wurmlöcher. In wissenschaftlicher Hinsicht ist nahezu alles, was wir in "Star Trek" zu Gesicht bekommen, utopisches Wunderwerk. Und schaut man auf die Föderation, ihre Prinzipien und ihre Verfassung (vgl. Roman "Die Gesetze der Föderation"), hat man es hier mit einer Gesellschaft zu tun, die in vielfältiger Weise geläutert und über das hinausgewachsen ist, was früher einmal für Konfliktstoff zwischen einzelnen Völkern gesorgt hätte.
In unserer realen Welt nannte jemand wie Bismarck es das "Spiel mit den Glaskugeln". Gemeint waren fünf Großmächte in einem sich anbahnenden imperialistischen Zeitalter, die einander ebenso belauerten wie benutzten. Selbst in der weit entfernten Zukunft ist dieses Prinzip offenbar unangetastet geblieben. Die Föderation kann - anders als ihrem Innern - keine Schönwetterpolitik betreiben, sondern muss herunterkommen in die Niederungen knallharter Interessenkonflikte, um ihre Stellung zu verteidigen. Dieser Essay will sich - auch unter Zuhilfenahme der "Star Trek"-Romane - folgender Fragen annehmen: Welche Mächte bestimmen maßgeblich die Geschicke des Quadrantengefüges? Welches sind die zentralen Konflikte in den drei Jahrhunderten, in denen "Star Trek" sich bewegt? Welche Akteurskonstellationen sind festgefahren, welche eher im Fluss? Schließlich gilt es zu klären: In welche Richtung entwickeln sich die Quadranten - und steuern sie gar auf neue Kriege zu? 22. Jahrhundert: Gründungsgewitter Nimmt man die Sicht der Menschen und der späteren Föderation ein, ist das mittlere 22. Jahrhundert Ausgangspunkt für alle weiteren außenpolitischen Entwicklungen. Es wird bestimmt von einem eher lokalen und einem überregionalen Konfliktfeld. Die Erde, die gerade zu einer zivilen Mittelmacht in den sie umgebenden Stellargraden aufsteigt, kommt im Laufe der Reisen der Enterprise NX-01 in Kontakt mit einer Reihe von Völkern. Dabei ereignen sich, bedingt durch die Auswirkungen des Temporalen Kalten Kriegs, bereits mehrere Zusammenstöße mit dem klingonischen Reich (vgl. "Enterprise"-Folge 1x01/02: "Aufbruch ins Unbekannte") oder den Tholianern (vgl. "Enterprise"-Folge 2x16: "Die Zukunft").
Hier sind es vor allem persönliche Kontakte, die es ermöglichen, Einfluss auf die vulkanische und andorianische Politik auszuüben. Bereits 2152 gelingt es der Sternenflotte so, einen vorläufigen Waffenstillstand zwischen beiden Mächten zu erwirken, was ihr erste Reputation in diplomatischen Angelegenheiten einspielt und eine politisch unabhängige Stellung gegenüber den lange Jahre vulkanischen Vormündern begründet. Hier wird das Fundament für ein erfolgreiches Verhandlungssystem gelegt, das später - unterbrochen von der Xindi-Krise - durch einen dauerhaften Dialog zum Beispiel mit den Tellariten (vgl. "Enterprise"-Folge 4x13: "Vereinigt"), aber auch anderen Rassen, erweitert wird. Es führt zur Gründung der Koalition der Planeten, eines friedlichen, dialogorientierten Interessenvermittlungs- und Ausgleichssystems.
Obwohl nicht abschließend geklärt werden kann, weshalb das Sternenimperium eine Allianz der von den Menschen zusammengeführten Spezies so sehr fürchtet - und inwiefern dies eher militärisch-strategische oder weltanschauliche Gründe hat -, ist das Scheitern seiner Bemühungen, die Blockbildung zu vereiteln, Anlass, einen umfassenden Krieg gegen die Koalition der Planeten loszutreten. Das Ergebnis dieses Konflikts besteht in einer noch engeren Verbindung der Erde und ihrer Verbündeten, die schon ein Jahr nach Kriegsende in der Gründung der Vereinigten Föderation der Planeten aufgeht (vgl. "Enterprise"-Folge 4x22: "Dies sind die Abenteuer"). 23. Jahrhundert: Chauvinistische Klingonen und revanchistische Romulaner Als das 23. Jahrhundert anbricht, sind die Romulaner als feste Kontrahenten der Föderation gesetzt, obwohl nicht klar ist, wie sie sich in Zukunft verhalten werden und ob sie aktiv auf eine Revanche ihrer Kriegsniederlage aus sind. In den kommenden Jahrzehnten sind sie damit beschäftigt, sich die Wunden zu lecken, sodass die Phase 2200 bis 2250 ohne größere Auseinandersetzungen mit anderen Mächten verläuft. Die Föderation konzentriert sich auf sich selbst, auf den Ausbau ihrer Institutionen, die Aufnahme neuer Mitglieder und die Verbreiterung ihrer Handelsrouten (vgl. Classic-Roman "Burning Dreams"). Zu Beginn der zweiten Hälfte des 23. Jahrhunderts führt die aggressive Expansion des klingonischen Reichs - verstärkt um die Geschehnisse in der Taurus-Region (vgl." Vanguard"-Romane "Der Vorbote"; "Rufe den Donner"; "Ernte den Sturm") - jedoch schnell zu Friktionen, die sich schon in den 2150ern erstmals angedeutet haben. Mit dem Aneinanderstoßen der Grenzen kommt es mehr und mehr zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Föderation, die sich vor dem Dilemma sieht, ihre freiheitlich-kooperativen Werte ebenso zu wahren wie die Sicherheit ihrer Kolonien. So eskalieren die Grenzkonflikte bis Mitte der 2260er immer mehr - ein offener Krieg scheint kaum noch vermeidbar.
In etwa zur selben Zeit, als sich Föderation und Klingonen auf dem Höhepunkt ihres Konflikts gegenüberstehen, melden sich die Romulaner im galaktischen Konzert zurück. Anders als die nach offenem Kampf lechzenden Klingonen konfrontieren sie die Planetenallianz mit einem Verhalten der Hinterlist (vgl. Classic-Folge 1x14: "Spock unter Verdacht"). Anstatt einen erneuten Krieg zu riskieren, konzentrieren sie sich darauf, mithilfe einer neuartigen Tarntechnologie die Schwächen der Sternenflotte auszutesten, ebenso das Reizverhalten der Föderation, und mischen sich, möglichst unbemerkt, in zahlreiche Konflikte ein, die sie zu ihren Gunsten zu beeinflussen suchen.
Obwohl Klingonen und Romulaner ergebnisoffen verhandeln und zunächst immerhin einen Austausch von Schiffen und mehreren Technologien durchführen, wobei unter anderem die klingonischen Streitkräfte in den Besitz der Tarnvorrichtung kommen, zeigt sich schnell, dass die traditionell schlechten und von Misstrauen zerfressenen Beziehungen zwischen Qo'noS und Romulus keine belastbare Grundlage für ein tragfähiges und längerfristiges Bündnis sind. So entpuppt sich die Technologieallianz als Episode ohne weiteres Anknüpfungspotential. Spätestens 2272, in der Schlacht von Klach D'Kel Brakt, brechen die alten Gräben zwischen den zwei Mächten wieder auf, und die leisen Anzeichen einer klingonisch-romulanischen Annäherung werden verschüttet (vgl. DS9-Folge 2x19: "Der Blutschwur"). Die Gefahr eines Schulterschlusses zweier zentraler Antagonisten ist für die Föderation gebannt.
Zu Beginn des 24. Jahrhunderts beginnt dieses nämlich einen an und für sich untypischen Kurs politmilitärischer Aggression zu fahren. Es ist nicht klar, welche Ursachen dies hat, aber in der Phase 2300 bis 2311 beginnt die imperiale Flotte eine seit dem Krieg gegen die Koalition der Planeten nicht mehr gekannte Expansionswelle und unterjocht zahlreiche Welten. Letztlich führt 2311 eine Geheimdienstoperation, in der auch Elias Vaughn und Captain John Harriman von der U.S.S. Enterprise-B einbezogen sind, zu einem abrupten Ende der Auseinandersetzungen. Dieses als der Tomed-Zwischenfall in die Geschichte eingegangene Ereignis hat vermutlich einen politischen Umsturz auf Romulus zur Folge, der dann eine neue, fünfzigjährige Isolationismusperiode des Sternenimperiums auslöst (vgl. "Lost Era"-Roman "Serpents Among the Ruins"). Im 23. Jahrhundert, soviel ist zu ergänzen, gibt es noch weitere Mächte, die der Föderation gegenüber feindlich auftreten. 2267 vernichtet die Gorn-Hegemonie ohne Vorwarnung die VFP-Kolonie auf Cestus III (vgl. Classic-Folge 1x18: "Ganz neue Dimensionen"; TNG-Roman "Requiem"). Die echsenhaften Gorn reklamieren das Cestus-System zu ihrem Territorium. Zu diesem Zeitpunkt ist noch nicht abzusehen, in welche Richtung sich die Beziehungen zu dieser Spezies entwickeln werden. Allerdings scheinen die Gorn auch kein direktes Interesse an einer machtpolitischen Herausforderung der Föderation zu haben. Noch schwieriger zu durchschauen sind die ominösen Tholianer, deren territoriale Interessen und Politik von Geheimnissen bestimmt zu sein scheinen, die in den telepathischen Netzwerken dieses Volkes ruhen (vgl. Classic-Folge 3x09: "Das Spinnennetz"; "Vanguard"-Roman "Der Vorbote"). 24. Jahrhundert: Kriege, Krisen, Katastrophen Trotz des glimpflichen Konfliktendes, welches der Tomed-Zwischenfall herbeiführte, ist die Frühphase des 24. Jahrhunderts für die Föderation außenpolitisch keineswegs gesichert. Obwohl die Khitomerverträge mit Qo'noS große Fortschritte gemacht haben, wächst die Sorge vor einer antikollaborativen Politik seitens der Klingonen, die die friedliche Ausdehnung der Planetenallianz mit großem Missfallen beobachten. Immer wieder zeigt sich, wie angespannt das Verhältnis zwischen Föderation und Klingonen - formell nun alliiert - noch ist. Anfang der 2320er bricht ein Rüstungswettlauf aus: Auf die Entwicklung der neuen Ambassador-Kreuer reagiert das Reich mit der Vor'Cha-Klasse, einem schwer bewaffneten Schlachtschiff.
Während der Betraka-Nebel-Zwischenfall in seiner ersten Phase vornehmlich eine bilaterale Angelegenheit zwischen Cardassianern und Klingonen ist, weitet er sich in der Schlussphase deutlich aus. 2344 beschließen die Romulaner, ihre zweite außenpolitische Isolation zu beenden, und befinden die Konfliktsituation zwischen Cardassia und Qo'noS für günstig, eine Reihe von klingonischen Kolonien anzugreifen und das Reich so zu schwächen. Als sich in der Schlacht von Narendra III die U.S.S. Enterprise-C unter Captain Rachel Garrett bei der Verteidigung eines klingonischen Außenpostens opfert, führt dies zu einer Veränderung der Akteurskonstellationen (vgl. TNG-Folge 3x15: "Die alte Enterprise"). Die Klingonen wollen sich ihre Reibungsverluste mit den Cardassianern nicht länger leisten, nähern sich der Föderation an und beginnen sich auf den romulanischen Gegner zu konzentrieren, der 2346 mit der Vernichtung der Khitomer-Kolonie erneut brutal zuschlägt (vgl. TNG-Folge 3x17: "Die Sünden des Vaters"). Die Cardassianer wiederum, nun befreit von der lästigen Feindschaft mit Qo'noS, verlegen sich darauf, die Föderation machtpolitisch herauszufordern - der lange Betraka-Nebel-Zwischenfall endet.
Langfristig kann sie jedoch nicht bei einer rationalen Politik bleiben. Immer wieder sorgen cardassianische Schiffe für Provokationen am Rand des Föderationsraums; es handelt sich um absichtliche und gut organisierte Versuche, Vergeltungsschläge herauszufordern. Da es die Cardassianer häufig mit zivilen Kolonisten anstelle von disziplinierten Sternenflotten-Offizieren zu tun bekommen, erreichen sie ihre Ziele. Aus Meinungsverschiedenheiten werden Auseinandersetzungen und führen zu Scharmützeln, die schließlich in Kämpfe und Schlachten eskalieren - jedoch ohne offizielle Kriegserklärung der beiden Seiten. Überall entlang der cardassianischen Grenze entstehen Krisenherde, bis der Föderation nichts anderes mehr übrig bleibt, als militärisch zu intervenieren. Den Höhepunkt des zusehends emotional geführten Grenzkonflikts stellt das Setlik-Massaker dar (vgl. TNG-Folge 4x12: "Der Rachefeldzug"). Getrieben von dem Glauben, die Föderation stationiere auf ihrer entlegenen Kolonie, Setlik III, eine geheime Abschlussbasis mit Massenvernichtungswaffen, die auf empfindliche Punkte in cardassianischem Raum zielen, initiiert das cardassianische Militär eine brutal geführte Säuberungsaktion, bei der über hundert Föderationskolonisten ums Leben kommen.
Die Probleme, welche die Cardassianer mit der Überdehnung ihres schnell errichteten Imperiums haben, zwingen sie bald schon zu Konzessionen. 2369 ziehen sie sich von Bajor, einem fünfzig Jahre ausgeplünderten Planeten an der Grenze der Föderation, zurück. Drei Jahre zuvor haben sich Cardassianer und Föderation bereits auf die Neuordnung ihrer Grenzen und die Einrichtung einer Entmilitarisierten Zone geeinigt, was jedoch neue Probleme mit sich bringt: Ehemalige Föderationswelten liegen nun in cardassianischem Raum, und manche Siedler weigern sich, ihr Zuhause zu räumen. Dies ist die Geburtsstunde des Maquis, einer Bewegung selbsternannter Freiheitskämpfer, die einen eigenen Krieg gegen die Cardassianer zu führen beginnt und nicht davor zurückschreckt, kriegerische Mittel einzusetzen (vgl. DS9-Folgen 2x20/21: "Der Maquis I/II"; 5x13: "Für die Uniform"). Alles in allem stellen die Probleme, die der Maquis verursacht, die Beziehungen zwischen Erde und Cardassia auf eine harte Probe. Doch die Cardassianer sind auf Entspannung angewiesen; sie nehmen die Probleme in der EMZ zähneknirschend hin.
Wenngleich die Allianz aus Klingonen und Föderation das Dominion am Ende des zweijährigen Kriegs besiegen und in den Gamma-Quadranten zurückdrängen kann, bleiben bestimmte Akteurskonstellationen festgefahren: Während die seit dem Khitomervertrag eingesetzte Annäherung zwischen Klingonen und Föderation zu einem weit reichenden Bündnis führt, bleiben die Romulaner unberechenbar und sehen im Schulterschluss von Reich und Planetenallianz eine langfristige Bedrohung ihrer Machtinteressen im nach dem Krieg neu zu ordnenden Quadrantengefüge. Gleichzeitig büßen sie durch innenpolitische Konflikte, die in der Spaltung ihres Reichs münden, stark an Handlungsfähigkeit ein (vgl. Roman "Die Gesetze der Föderation"). Gorn und Breen sind ebenso wie die Tholianer und Tzenkethi als kleinere Mächte potentielle Rivalen der Föderation, wohingegen die cardassianische Union aus der Riege der Großmächte herausfällt und ein Vakuum hinterlässt, in das andere Staaten stoßen wollen.
Erst die letzte große Borginvasion, die eine Schneise der Verwüstung in Alpha- und Beta-Quadrant zurücklässt, bewirkt eine nachhaltige Veränderung der politischen Verhältnisse (s. Romanreihe "Destiny"). Nachdem die Borg besiegt sind, ergreift das geschwächte romulanische Sternenimperium hinter den Kulissen die diplomatische Initiative. Es gelingt, ein umfassendes Bündnis zu schmieden, zu dem eine Vielzahl kleinerer und mittlerer Mächte zählen und die Föderation und ihre klingonischen Alliierten nahezu auskreisen. Ein neuer kalter Krieg bahnt sich an (vgl. unter anderem die Romane "Einzelschicksale"; "Typhon Pact: Zero Sum Game"; "Seize the Fire"; "Paths of Disharmony"). Schlussfolgerungen Die Erde und spätere Föderation befand sich mit jeder Großmacht in Alpha- und Beta-Quadrant irgendwann im Konflikt: den Romulanern, Klingonen und der cardassianischen Union. Während die Feindschaft mit Qo'noS sich binnen eines Jahrhunderts in eine feste Allianz verwandelte, verblieb das Verhältnis zu Romulus schwierig und weit unberechenbarer. Die Cardassianer leisteten sich vor allem durch den Dominion-Krieg eine erbitterte Gegnerschaft mit der Föderation, sodass abzuwarten bleibt, wie das Verhältnis zum neuen, zivilen Cardassia sich entwickeln wird.
Auch wenn die Supermacht vom anderen Ende der Galaxis eine Niederlage einstecken musste, verblieb eine extreme Polarisierung im interstellaren Gefüge von Alpha- und Beta-Quadrant, die sich Anfang der 2380er erheblich ausweitete. Das Prinzip der verknüpften Akteurskonstellationen verstärkt sich jetzt noch mehr: In "Einzelschicksale" erleben wir, wie das Quadrantengefüge, das bislang aus einer Vielzahl unterschiedlich großer und einflussreicher Mächte bestand, in zwei antagonistische Blöcke aufgeht. Eine Revolution auf der politischen Sternenkarte. Die weitere Entwicklung ist unklar. Hinweis: Dieser Artikel ist auch erschienen im "Star Trek"-Roman "Einzelschicksale" (Cross Cult 2010). (jw - 21.01.11) Weiterführende Links
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