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Henning Koonert (hk), Anne-Kathrin Schulz (sz)16.07.11

"McCoy"

John Byrne

Inhalt

Anfang der 2270er-Jahre: Die Enterprise liegt zur Generalüberholung im Raumdock und während Admiral Kirk hinter den Schreibtisch verbannt wird, heuert Leonard McCoy beim Föderationsprogramm für Grenzlandmediziner an. Als Zivilist reist er fortan mit einem kleinen Schiff durchs All, um medizinische Brennpunkte zu entschärfen.

Bei vier der fünf Abenteuer, die dieser Band erzählt, begleiten den guten alten Landarzt sein junger Kollege Doktor Jon Mikael Duncan und die Andorianerin Theela. Zunächst untersuchen die drei in "Unkraut" eine tödliche Krankheit auf einer Landwirtschaftskolonie, wo nicht nur die Vegetation wuchert, sondern auch ein ekliger Pilzbefall auf der Haut der Kolonisten.

In "Fehler" dann geht McCoy einem Hilferuf seines Freundes Scotty nach: Auf dem Planeten, den sich der Ingenieur als Urlaubsziel ausgesucht hat, kommt es zu mysteriösen Todesfällen. Bei deren Aufklärung steht McCoy vor allem die sture Paragraphenreiterei der Einheimischen im Wege, die hinter dieser Fassade ein gut gehütetes Geheimnis schützen wollen.

"Ärzte" bringt die Mediziner auf einen kriegsgebeutelten Planeten. Sind McCoy und seine Begleiter dort zunächst noch darüber erstaunt, welcher Bekannte aus der eigenen Vergangenheit für die Situation Verantwortung trägt, ist die Enthüllung der Macht hinter dem Nebel des Krieges nicht weniger überraschend.

Die Auflösung dieser Story geht nahtlos über in "Wirte", wo McCoy auf der U.S.S. Yorktown gemeinsam mit seiner ehemaligen Krankenschwester Christine Chapel ergründen muss, warum einzelne Crewmitglieder plötzlich hyperintelligent werden - und nur wenig später sterben. Die abschließende Geschichte "Skalpell" führt McCoy nach Jahrzehnten zurück zu einem guten Freund aus Schultagen. Dieser betraut ihn mit einem Vermächtnis, das den Doktor schaudern lässt.

Kritik

1. Henning Koonert

Diese Rezension bezieht sich auf die englischsprachige Originalausgabe.

Vor dem ersten "Star Trek"-Kinofilm ist Leonard McCoy Teil des reisenden Ärzteteams der Föderation und erlebt Abenteuer auf abgelegenen Welten.
Unter den Zeichnern, die sich in den vergangenen Jahren an "Star Trek"-Comics versucht haben, versteht es niemand besser als John Byrne, ein Blatt bis zum allerletzten Zipfel Papier mit Inhalt zu füllen. Da kann es schon mal zu neun Bildern pro Seite kommen, und dazu gibt's auch noch einen ordentlichen Brocken Text - gute Voraussetzungen für handlungsreiche Geschichten, deren Genuss nur vereinzelt dadurch geschmälert wird, dass der Leser im Bilderwirrwarr kurzzeitig den Überblick verliert. Die Hintergründe in Byrnes Bildern bleiben manchmal einfach, teils schemenhaft, was aber dank vieler Bilder und Worte auf einer Seite eher einer Überfrachtung entgegenwirkt.

Byrnes erzählerischer Kniff, den Einzelgeschichten einen Rahmen zu geben, indem er sie als Briefe McCoys an seinen Freund Jim Kirk gestaltet, zahlt sich aus. Nicht nur als verbindendes Element zwischen den Geschichten wirkt dieses Stilmittel gut, sondern bereichert auch die Einzelabenteuer selbst mit teils vorausschauenden Kommentaren aus der Sichtweise McCoys.

Die Abenteuer an sich sind eine Mischung aus actionreichen und ruhiger geführten Handlungen. Erzählerisch interessant und zeichnerisch packend umgesetzt, stechen vor allem die ersten Seiten von "Weeds" und "Medics" heraus. Die medizinischen Rätsel selbst, denen Grenzlandmediziner Leonard McCoy in diesem Comicband gegenübersteht, sollten für "Star Trek"-erfahrene Leser keine allzu harten Nüsse darstellen. Teils hat man sie in Abwandlungen schon einmal in der Serie gesehen, teils kann sich der im Science-Fiction-Sandkasten erfahrene Leser die mögliche Auflösung zusammenreimen, bevor die Protagonisten selbst den zündenden Einfall haben. Einige dieser Anleihen versteckt der Autor erst gar nicht, sondern lässt seine Charaktere sogar auf das entsprechende Abenteuer an Bord der Enterprise Bezug nehmen - und nicht nur dann streut John Byrne Referenzen an aus dem TV bekannte Planeten oder Personen ein. So bleibt Byrne mit seinen Storys "Star Trek" treu, ohne übermäßige Originalität an den Tag zu legen.

Die Geschichten "Ärzte" und "Wirte" greifen auf Protagonisten und Schauplätze zurück, die Byrne bereits in früheren Comicbändern anderer Mehrteiler etabliert hat ("Assignment: Earth" im Falle von "Ärzte", "Crew" im Fall von "Wirte"). In erstgenannter Story wird die Vorgeschichte im Verlauf der Handlung durch eine Rückblende verdeutlicht, "Wirte" ist für neue Leser auch ohne nähere Informationen über den Verlauf der Karriere der Yorktown-Kommandantin seit ihrem letzten TV-Auftritt problemlos verständlich. Dass ein Großteil des Comics nicht auf einem Sternenflottenschiff in der Ära von "Star Trek: Der Film" spielt, ist ein Glücksgriff: denn gegeben durch die farbreduzierte Gestaltung dieser Periode wirkt das Kapitel "Wirte", anders als die restlichen durch Lovern Kindzierski kolorierten Abenteuer, doch etwas zu stark grau in grau.

John Byrne weigerte sich lange, Hauptcharaktere in den Mittelpunkt seiner "Star Trek"-Geschichten zu stellen - ihm war bei anderen Serien unterstellt worden, dass er bekannte Gesichter zu wenig erkennbar wiedergebe. Dieser Vorwurf ist, auch im Vergleich zu den übrigen aktuellen Trek-Comic-Zeichnern, nicht haltbar. Wie bei jedem Comiczeichner sind die Antlitze von McCoy, Kirk und Scotty zwar eine klare Interpretation, dabei aber stets konstant, in sich stimmig und nie zu sehr verfremdet. Mindestens genauso wichtig: Vielleicht mehr noch als sein Aussehen hat Byrne McCoy als Charakter in seinen Verhaltensweisen punktgenau erfasst.

Sehr - und nach Ansicht dieses Rezensenten auch zu - sparsam ist Letterer Neil Uyetake mit Soundeffekten umgegangen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen bleibt dieser Comic leider geräuschlos.

Fazit: Zeichnerisch toll umgesetzte Abenteuer mit einem perfekt charakterisierten McCoy und ein Wiedersehen mit manchen alten Bekannten als Bonbon obendrauf. Abzüge gibt es für teils zu vorhersehbare Handlungen.

2. Anne-Kathrin Schulz

Diese Rezension bezieht sich auf die deutsche Übersetzung des Comicbandes.

Lange war es nicht sicher, ob der Cross-Cult-Verlag weitere "Star Trek"-Comics in Deutschland veröffentlichen wird. Somit freue ich mich als begeisterter Comic-Leser natürlich umso mehr, dass nun endlich der neue "Star Trek"-Comic "McCoy" erschienen ist. Gezeichnet von John Byrne hat der ewig mürrische Doktor Leonard McCoy seinen ganz großen Auftritt.

Leonard McCoy, bei uns eher unter dem Namen "Pille" bekannt, stand zwar meist im Schatten von Captain Kirk und Mister Spock, dennoch gehört er mit zu den bekanntesten und beliebtesten Figuren aus dem TOS-Universum. Kaum jemand ist so unnahbar perfekt und gleichzeitig so menschlich wie er.

Der Comic besteht aus fünf Kapiteln, welche in einem großen Sammelband zusammengefasst sind, und sie erzählen, was zwischen dem Ende der TV-Serie und dem ersten Kinofilm "Star Trek: Der Film" geschah, als Doktor McCoy im interstellaren Grenzgebiet als Arzt tätig war. Die einzelnen Kapitel heißen "Unkraut", "Fehler", "Ärzte", "Wirte" und "Skalpell". Seine Missionen bestreitet McCoy nicht alleine. Zur Seite stehen ihm Doktor Jon Duncan, Pilot und Schüler, welcher Pille auf seinen Missionen begleitete, und die impulsive Andorianerin Theela. Letztere ist ein kleines, verwöhntes Mädchen aus einem bedeutenden andorianischem Haus. Dennoch war sie ihr Leben im goldenen Käfig leid, und so schmuggelte sie sich auf das Schiff der beiden ungleichen Ärzte.

Das Trio bestritt die ungewöhnlichsten Missionen. Unter anderem verschlug es sie in der Geschichte "Unkraut" nach Ophiucus III, eine landwirtschaftliche Kolonie der Föderation. Die Kolonisten wurden reihenweise von einem sich rasch ausbreitendem Pilz befallen. Somit kam ihnen die Hilfe des legendären Doktor McCoy gerade recht. Nüchtern analysiert stellte sich schnell heraus, warum die Kolonisten mit dieser Seuche belegt wurden. Das Versprühen von Giften und anderen Pestiziden ist nicht gerade öko, und somit wehrte sich die Natur des Planeten, denn Pflanzen haben schließlich auch Gefühle.

Ein anderer Einsatz ("Fehler") führte die Crew um Doktor McCoy zum Planeten Gamma Tarses VII, welcher über und über mit Wasser bedeckt ist und außerhalb des Föderationsgebietes lag. Dort trifft Pille einen alten Freund und Trinkgefährten wieder - und natürlich auf neue Probleme. Die Tarsen, kurz davor in der Föderation aufgenommen zu werden, klagten über Kranke, die verstarben, ohne auch nur irgendwelche Symptome oder pathologische Anomalien zu zeigen. Die Diagnostik gestaltete sich als schwierig bei einem Volk, welches strikt nach Protokoll lebt und keine Abweichungen duldet. Der Eskalation nahe, denn ein Leonard McCoy lässt sich nur ungerne in seiner Arbeit einschränken, deutete die Technologie der Tarsen, vor allem das von McCoy verhasste Transportersystem, auf die Ursache des Sterbens hin. Doch wollen die Tarsen, welche ihre Heimatwelt auf fünf kleineren Inseln bewohnen, wirklich etwas daran ändern?

Weniger nach Protokoll, sondern eher rabiat ging es hingegen im dritten Kapitel, "Ärzte", zu. Eigentlich handelte es sich nur um eine Routineinspektion eines Volkes, welches sich gesellschaftlich in der Bronzezeit befinden müsste. Doch nachdem das Schiff des Ärzteteams weniger sanft auf dem Planeten gelandet war, befand sich das Trio mitten in einem Krieg, welcher von geklonten Humanoiden mit chemischen und biologischen Waffen geführt wurde. Nach und nach offenbarten sich den Medizinern die Ursachen für den technologischen Fortschritt und die andauernde Schlacht, in welche auch klingonische Kriegstreiber verwickelt waren.

Zudem trifft Doktor McCoy in "Wirte" alte Bekannte wieder. Der Zeitreisende Gary Seven beeinflusste die Geschichte, und auch ein Wiedersehen mit Doktor Christine Chapel auf der U.S.S. Yorktown brachte den sonst so abgebrühten McCoy zum Staunen. Doch auch auf dem Föderationsschiff gab es medizinische Probleme, die es zu lösen galt. Für einen kurzen Moment hatte die U.S.S. Yorktown die wohl intelligenteste Besatzung des Universums, ehe das Chaos ausbrach, ausgelöst durch kleine Gäste, welche auf einen Wirtsorganismus angewiesen waren und das menschliche Gehirn als sehr berauschend betrachteten. Nun lag es mal wieder an McCoy Leben zu retten.

Die einzelnen Kapitel im Comicband "Star Trek: 'McCoy'" erzählen in sich abgeschlossene Geschichten, auch wenn die Charaktere übergreifend sind. Alles in allem unterscheidet sich dieser Comic grundlegend von den anderen. Während die letzten "Star Trek"-Comics, welche vom Cross-Cult-Verlag veröffentlicht wurden, vor allen an den elften Kinofilm anlehnten waren, so geht der aktuelle Comicband zurück zur Classic-Serie. Gezeichnet wurde der Comic von John Byrne, einer der bekanntesten Künstler der US-amerikanischen Comicszene, welcher für seine zahlreichen Arbeiten mit einigen Auszeichnungen wie unter anderem Comics Buyer's Award und dem Squiddy Award geehrt wurde. Eigentlich denke ich bei John Byrne eher an Marvel-Serien wie "Hulk" oder "The Lost Generation", dennoch ist "Star Trek: 'McCoy'" nicht der erste "Star Trek"-Comic aus John Byrnes Feder, welcher unter anderem auch den "Star Trek"-Comic: "Romulans: Pawns Of War" gezeichnet hatte.

John Byrnes Zeichenstil ist sehr dynamisch und detailreich, was den "Star Trek"-Comic "McCoy" noch lebendiger wirken lässt. Die Gestik und Mimik der einzelnen Charaktere unterstreichen die Originalität der einzelnen Geschichten und lassen sie somit klassisch, aber auch sehr modern erscheinen. Der "Star Trek"-Comic "McCoy" erinnert mich sehr an die klassischen Comics von "früher". Nebst den detailreichen Zeichnungen, welche die Wesenszüge von McCoy und seinen Gefährten unterstreichen, erscheint der gesamte Band durchweg in kräftigen, bunten, ja manchmal sogar knalligen Farben, was das Lesen dieses Comics nur noch interessanter macht.

Als ich den Comic in Händen hielt, hat mich das bunte und "McCoy-typische" Cover neugierig gemacht, und das, obwohl ich kein großer Fan der Classic-Serie bin. Die einzelnen Kapitel erzählen spannende und originelle Geschichten mit viel Witz, aber auch einer Prise Ernst, verpackt in ausdrucksstarken Bildern. Ich war von dem "Star Trek"-Comic "McCoy" mehr als positiv überrascht.

Fazit: Fans des mürrischen Arztes kommen hier voll auf ihre Kosten, aber auch der "Star Trek"-Fan überhaupt wird seine Freude an diesem Heft haben. Außerdem finden sich auf den letzten Seiten eine Covergalerie und viele interessante Fakten und Informationen zum Autor und Zeichner John Byrne. Reinschauen lohnt sich also!

Bei Gefallen können Sie "Star Trek: McCoy" unter anderem auf Amazon.de erwerben.

Bewertung

1. Henning Koonert
2. Anne-Kathrin Schulz

Weitere Infos


Titel "Star Trek: McCoy"

Originaltitel "Leonard McCoy: Frontier Doctor"

Comicreihe Star Trek

Autor John Byrne

Zeichner John Byrne, Lovern Kindzierski

Lettering Neil Uyetake

Übersetzer Christian Langhagen

Preis 14,80 Euro

Umfang 112 Seiten

Verlag Cross Cult


ISBN 978-3942649339

(hk, sz - 09.01.12)


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