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Julian Wangler (jw), Marco Langknecht (lk)01.10.05

"Ein Stich zur rechten Zeit"

Andrew J. Robinson

Inhalt

Wie keine andere Serie zeichnete sich "Deep Space Nine" durch eine Fülle wiederkehrender Gastcharaktere aus, welche der Geschichte ihren eigenen Stempel aufzuprägen verstanden. Die wohl faszinierendste Figur war in diesem Zusammenhang der mysteriöse Stationsschneider Garak, ein im Exil lebender Cardassianer, hinter dessen kultivierten Worten und charmantem Lächeln eine überaus dunkle und tragische Vergangenheit lauert.

Versatzstücke dieser Vergangenheit, die Garak etwas Unberechenbares verleiht, durften wir im Laufe der sieben Jahre von DS9 kennenlernen, und uns offenbarte sich ein Mann, der nicht nur weit mehr ist, als er zu sein vorgibt, nicht nur vermeintlich gewissenloser Täter war, sondern gleichsam Opfer, Abziehbild einer Gesellschaft, die ihm ihre Werte mit dem Holzhammer einflößte. Garaks Leben liest sich in enger Verbundenheit mit dem kaltblütigen Obsidianischen Orden. Die Geschichte seiner überaus komplexen Persönlichkeit wurde jedoch nie erzählt.

Mit "Ein Stich zur rechten Zeit", einer unmittelbar an die Geschehnisse von "Das, was du zurücklässt" anknüpfenden Erzählung, schließt sich der Kreis. In diesem, von Garak-Schauspieler Andrew J. Robinson maßgeblich mit erstellten Roman werden die entscheidenden Stationen in der Biographie des Cardassianers offengelegt. Alles beginnt damit, dass Garaks so viele Jahre gehegter Traum Wirklichkeit wird: Er darf nachhause zurückkehren, zurück nach Cardassia.

Doch was ist davon jetzt noch übrig? In den letzten Tagen des Dominion-Kriegs legten die Jem'Hadar große Teile des Planeten in Schutt und Asche; Hunderte Millionen Cardassianer fanden den Tod. Nach seiner Ankunft läuft Garak durch Staub, Feuer und Ruinen. Allmählich beginnt er sich der Welt zu erinnern, die ihn großzog; der Welt, die er stets verachtete und doch über alles liebte. Es ist ein introspektiver Rückblick, der mit Schmerzen einhergeht. Doch nur so ist es möglich, Frieden mit sich zu machen. Erst indem der Schneider die Fetzen eines wechselhaften Lebens voller Bürde aufgreift und zum alles entscheidenden Stich ansetzt, ist es möglich, sich dem neuen Cardassia, der Zukunft, zuzuwenden.

Kritik

1. Julian Wangler

Diese Kritik bezieht sich auf die englische Originalausgabe.

Garak kehrt nach Cardassia zurück und steht vor den Trümmern des Planeten. Gleichzeitig erfährt man mehr über den Schneider ...
Der 400 Seiten lange Roman besteht aus drei Handlungsbögen, die in unterschiedlichen Zeitperioden spielen und einander ständig abwechseln. Klug ineinander verschachtelt, werden sie alle aus Garaks Perspektive in der Ich-Form als Teil seiner urpersönlichen "Memoiren" erzählt, die er Doktor Bashir (mit dem er nach seinem Weggang von der Station nun in mehr oder minder regelmäßiger Korrespondenz steht) mit einem Brief zu Beginn von "Ein Stich zur rechten Zeit" anvertraut.

Der erste Plot spielt in der Gegenwart. Er schildert die unmittelbaren Eindrücke und Gedanken des Schneiders im Angesicht des untergegangenen Cardassia, auf dem er sich in Rettungsteams engagiert, in den Ruinen nach Überlebenden Ausschau hält und sich von Zeit zu Zeit in einen kleinen Schuppen am Rande des zerstörten Anwesens von Enabran Tain zurückzieht, um sein Leben Revue passieren zu lassen.

Dort zeichnet er vermutlich einen Großteil der Einträge des zweiten Plots - Kern der Geschichte - auf, die sich mit dem Rückblick auf sein Leben beschäftigen. Hier geht es im Wesentlichen um die Schilderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zur Zeit seiner Kindheit und Jugend, seine frühzeitige Rekrutierung für den cardassianischen Geheimdienst und die darauf folgende Ausbildung (kleine Kritik: war mir ein bisschen zu lang und breit geschildert), eine ziemlich traurige, da unerfüllte Liebesgeschichte, eine Spionagemission auf Romulus, die letztendliche Verbannung nach Terok Nor ... und immer wieder um sein in der Schwebe verharrendes Verhältnis zu Tain, der von Anfang eine Rolle in Garaks Leben spielt, die Wahrheit seiner Vaterschaft jedoch hinter einer Lüge verbirgt.

Bereits früh beschleicht den Jungen das Gefühl, Tain würde die Fäden in seinem Leben ziehen und nicht seine Eltern. Dabei ist gerade das unausgesprochene, gescheiterte Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Tain und Garak, welches in der TV-Episode "Die Schatten der Hölle" sein Ende finden wird, ein getreuer Ausdruck des cardassianischen Wesens in Garaks prägender Lebensphase: Tain, von Paranoia in einem intriganten, totalitären Staatswesen zerfressen, lässt sich so sehr vom Pflichtgefühl für seine Welt vereinnahmen, dass er in einem offenen Bekenntnis zu seinem Sohn eine unkalkulierbare Gefahr sieht.

So wird - wie so häufig auf Cardassia - das Gefühl der Pflicht geopfert. Obwohl Garak mehrmals in seinem Leben die Rollen wechseln wird, bis ihm schließlich jene des Schneiders auf DS9 zufällt, wird er das unausgesprochene Leiden niemals los. Es ist ein Leiden, in der Heimat zu leben und doch dort niemals wirklich anzukommen, eine Befremdung und eigentümliche Betäubtheit. Im Laufe seiner weiteren Jahre wird er Tain zeitweilig sogar verblüffend ähnlich: Auch er beginnt um Dienst und Pflichterfüllung zu buhlen und stößt dabei an seine inneren Grenzen.

Der dritte Handlungsbogen beinhaltet Tagebuchaufzeichnungen im Zeitraum der Invasion des cardassianischen Territoriums durch Sternenflotten- und alliierte Verbände im letzten Kriegsjahr. Sie schildern Begebenheiten auf der Station, Gespräche mit seinen Kameraden von DS9, das Verhältnis zu einer jungen Bajoranerin und immer wieder Garaks große Sehnsucht nach der Rückkehr in die Heimat. Und doch spricht gerade aus diesem Plot immer wieder der große Zweifel, den er mit seinen Gedanken an die Heimkehr verbindet. Sie leisten gleichsam einer schonungslosen Auseinandersetzung mit seinem frühen Leben Vorschub.

Hierbei bündelt sich meiner Meinung nach die Essenz der im Grunde traurigen Geschichte in jenen Passagen, in denen er Jadzias Tod betrauert und anschließend in Bezug auf sein eigenes, zerrüttetes Leben zu einer zentralen Erkenntnis findet:

"We all - to some degree - contain the memories, traits, fragments of those personalities that came before us. Indeed, perhaps we are even 'joined' in a deeper, more spiritual level. The first Hebitians believed this. Each generation is not only succeeded by the next, it is subsumed by it, so that the past is always present and actively involved in creating the future. So in a sense there is no past and future; there is only the present."
(Seite 151)

Wenn man sich philosophische Anwandlungen wie diese ansieht, so kann eigentlich kein Zweifel bestehen: "Ein Stich zur rechten Zeit" ist eine Perle, prall gefüllt mit Weisheiten, die häufig zwischen den Zeilen liegen, und einer wunderbaren Sprache. Nebenbei verzichtete Robinson nicht, dem Werk ein paar autobiographische Züge anzudichten, wie er selbst in einem Interview zu Protokoll gab. Am Beispiel des nach sieben Jahren bekannten und doch ominösen Schneiders kündet der Roman vom Leben in einer Gesellschaft, die sich in den eigenen Abgründen eines Rausches verloren hat, dessen Symptome gewalttätige Expansion und Totalitarismus sind.

In einer solchen Gesellschaft gibt es kein Mitgefühl, sondern nur das gnadenlose Leistungsprinzip, Macht und Intrigen. Jeder Einzelne in ihr ist erstaunlich einsam, und deshalb gibt es bloß ein Rezept: Man muss sich innerlich von den Gräueln abschotten, die man im Namen der eigenen Nationen zu tun genötigt wird - und um jemand zu sein. Dieses elitäre Gefühl, dieser krankhafte Ehrgeiz, seinem Vaterland einen besonderen Dienst zu tun, erfasst auch Garak früh und trägt seinen Teil zum Entstehen einer Person bei, die sowohl schmeicheln als auch entsetzen kann. Der Verlust einer früher einflussreichen Religion in der cardassianischen Gesellschaft ist dabei stellvertretend für das eigentliche Problem zu sehen: Irgendwann verlernte es diese Nation, sich Idealen zu verschreiben und danach zu streben, besser zu werden als sie ist. Sie wurde zu ihrem eigenen Dämon.

Im Laufe von "Ein Stich zur rechten Zeit" wird nichtsdestotrotz fühlbar, dass Garak durchaus starke charakterliche Ansätze der Eigenständigkeit entwickelt - die ja auch letztlich in sein Exil mündet. Seine Liebe Palandine gegenüber steht hierfür ebenso wie die zeitweilige Beschäftigung mit dem Oralianischen Weg, jener verschütteten Spiritualität der cardassianischen Ahnen, die einen Ausweg aus dem nimmersatten Macht- und Mordgelüst eines vergifteten Gemeinwesens in der Union weisen könnte. Garak ist somit an manchen Stellen beinahe bereit, das herrschende System zu hinterfragen, hinter die Fassade zu blicken und eigenen Wertvorstellungen einen Platz einzuräumen. Am langen Ende ist er jedoch machtlos, denn gegen eine ganze soziale Maschinerie kommt er nicht an. Da erscheint in der Retrospektive seine Verbannung nach Terok Nor, unter der er dauernd zu leiden hat, beinahe wie eine Freikarte der besonderen Art.

Nur einen kleinen Wermutstropfen gibt es: Die Geschichte ist zwar genial, aber ihr Anlass ist nur wenig glaubwürdig. Wieso sollte Garak, wo er jahrelang die Hintergründe seines Ichs ehern gehütet hat, plötzlich einen ultimativen Sinneswandel erfahren? Wieso sollte er sich an Bashir wenden und ihm - noch dazu in einem Brief - seine Seele und die komplette Story über sein Leben ausschütten? Meiner Meinung nach verliert Garak in "Ein Stich zur rechten Zeit" aufgrund der hohen Empathie Robinsons keineswegs seinen Stolz, seine Würde oder Kernidentität, und trotzdem ist er nach der Auflösung seiner biographischen Entwicklungslinien nicht mehr der alte. Ein Teil jener Aura, die ihn stets so reizvoll machte, geht unweigerlich verloren. In die Freude über seine Läuterung mischt sich bei mir also auch der leise Anflug eines Bedauerns, dass man vielleicht das eine oder andere Schleierhafte an ihm hätte bewahren können.

Doch das fällt aus meiner Sicht für eine faire Beurteilung des Romans kaum ins Gewicht, denn er gibt sich nicht mit einer simplen Personalie zufrieden. Wenn man dieses Buch gelesen hat, wird man auch eine neue Lesart auf cardassianische Figuren insgesamt entwickeln. Endlich wird es möglich, sie in einem umfassenden Sinn zu verstehen, in ihr Innerstes hineinzufühlen - und im Sinne der Allegorie, die "Star Trek" gerne sein möchte, überhaupt in eine Vielzahl von Personen, die in undemokratischen, von Misstrauen und Drill überwucherten Staaten groß wurden. Mehr noch als das: Garaks Geschichte ist deshalb so mitreißend, weil sie uns eindrucksvoll und erschreckend zugleich vor Augen führt, dass selbst eine herausragende und in sich ruhende Gestalt wie der weise Schneider sich letztlich nicht lossagen kann von ihren eigenen Wurzeln.

Wir sind alle Kinder unserer Zeit und der Verhältnisse, in denen wir leben. Doch indem Garak seinen Stich zur rechten Zeit macht, beginnt er sich das einzugestehen - und erfährt Vergebung. Diese Vergebung liegt in den Erinnerungen an seinen falschen Vater Tolan begründet, einem Anhänger der alten hebitianischen Hochkultur, deren Losungen von Frieden und Harmonie die Hoffnung auf ein neues, besseres Cardassia bereithalten. Ausdrucksstarkes Symbol hierfür wird die edosianische Orchidee: Sie verkörpert nicht nur eine wichtige Reminiszenz in Bezug auf Garaks Leben, sondern steht auch für jenen Teil in ihm, der bereit ist, Abschied zu nehmen von der kalten Gesellschaft, in der er groß wurde.

Gerade, weil er um seine Vergangenheit weiß, kann Garak am Ende von "Ein Stich zur rechten Zeit" Frieden mich sich machen und zu einem Prototypen des Aufbruchs in ein neues, demokratisches Cardassia werden, während andere Cardassianer diesen Neubeginn nicht schaffen. Zum ersten Mal scheinen seine Horizonte offen zu sein, denn sein Leben ist nicht länger an die Entscheidungen Anderer oder höhere Zwänge gebunden. Garak erhebt sich aus der Asche seiner Heimatwelt, und so fällt doch ein besonderes Licht auf diese ruinierte Welt. Bei all dem darf sein Freund Bashir (und mit ihm der Leser) Zeuge sein - bestes Rezept für einen bittersüßen Ausklang.

Das neue Kleid ist fertig. Wie es wohl weitergehen wird mit unserem Schneider? Pardon. Orchideenzüchter.

Fazit: DS9 in absoluter Topform: Wer immer schon einmal wissen wollte, wie Garak zu seinem Lächeln kam - und vieles mehr -, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Bestechender noch als die Schilderung der Ereignisse ist die Sprache, die vielen kleinen Geschichten und Lehren in der großen Geschichte, die "Ein Stich zur rechten Zeit" zu einem schweren, schöpferischen Werk machen. Dieses Werk besticht durch die Erkenntnis und das Eigengeständnis über eine Gesellschaft voller Selbstverleugnung und wächst dabei über sich wie auch über das Popcorn-"Star Trek" weit hinaus.

Hier wird Garak auf eine Karte gesetzt - und gewonnen. Teil des Rezeptes ist, dass Robinson es (abgesehen von einer Kurzgeschichte) bei diesem einen Roman belassen hat.

2. Marco Langknecht

Diese Kritik bezieht sich auf die deutsche Übersetzung des Romans.

Das englischsprachige Original ist aus dem Jahre 2000, und elf Jahre später wagte man sich an eine Neuauflage in deutscher Sprache. Schon vorab, ich muss schreiben, sie ist praktisch mehr als gelungen und wahrscheinlich wird diese Kritik nicht die einzige Lobbelhuddelei auf dieses Werk sein (siehe zum Beispiel auch weitere Kritiken hier und hier).

Auf den ersten beiden Seiten findet man zwei Karten zu Örtlichkeiten, die im Buch später eine gewisse Bedeutung spielen werden. Dann beginnt der Prolog in Form eines Briefes an Dr. Julian Bashir, in dem er ihm seine Memoiren übergibt. Die Geschichte beginnt in der frühen Jugend von Garak und geht bis zur Übergabe von Terok Nor an die Föderation und behandelt weiter einen kurzen Teil des Aufbruchs nach der Zerstörung durch das Dominion. Die Geschichten werden in drei großen Kapiteln beschrieben und sind jeweils in Unterkapitel unterteilt. In Bezug auf grafische Effekte findet sich am Anfang jedes dieser Hauptkapitel auf der ersten Seite das cardassianische Symbol wieder.

Kapitel eins behandelt vereinfacht die Zeit, in der Garak vom Jungen zum Mann heranreift und seinen ersten Verrat am Bamarren-Institut - einer Eliteschmiede Cardassias - und die Widersprüche seiner Gesellschaft erlebt. Man erlebt weiterhin, in welchem Kastensystem und unter welchen Zwängen eine Gesellschaft geformt werden kann, weil ein vollkommen kultureller Weg, ähnlich dem der Bajoraner, aus verschiedensten Gründen nicht funktioniert hat. Der zweite Teil beschreibt die Zeit im Dienst des Obsidianischen Ordens, dem zivilen Geheimdienst von Cardassia. Garak erarbeitet sich Respekt, genau wie eigentlich im Bamarren-Institut, in verschiedenen Missionen, die sein Leben prägen. Hier wird auch die in der Serie häufig zitierte Zeit als Gärtner auf Romulus dargestellt, und es wird sehr deutlich, welchen Preis man als Spion in Bezug auf ein Privatleben bezahlen muss. Im zweiten Teil wird wie im ersten deutlich, dass Leben auf Cardassia nicht dem Zufall überlassen wird, alles hat einen Hintergrund. Am Abschluss des Kapitels sieht man die Demütigung, die Garak erlebt, als er nach Terok Nor versetzt wird, weil er nicht dem Willen seines Vaters gehorchen wollte. Der dritte Teil beschreibt die Zeit nach der Besetzung durch das Dominion und die persönliche Vergangenheitsbewältigung. Die Geschichten von einem vergangenen, aktuellen und zukünftigen Garak im Speziellen sind immer in Form eines Eintrags gekennzeichnet, während zwischendurch immer wieder Episoden in Briefform an den Doktor abwechselnd genutzt werden.

Man wundert sich vielleicht am Anfang, warum Garak die Freundschaft zu dem Doktor distanziert sieht, eigentlich wie in der Serie zu Zeiten der Staffeln sechs und sieben, aber wenn man den Hintergrund der Folge "Unser Mann Bashir" betrachtet, auf die sich Robinson ebenfalls bezieht, gibt es im Buch später eine Klärung und man sieht den Garak, der sich im Laufe der Serie wandelte und versteht die Passagen am Anfang. Vielleicht ist es Ironie des Schicksals, dass der zukünftige Garak als Helfer in einer Art medizinischen Einheit versucht, die Wunden auf Cardassia zu heilen.

Den Epilog in diesem Buch stellt einerseits wieder ein abschließender Brief an Dr. Julain Bashir dar, und man bekommt durch Andrew J. Robinson und Jeri Taylor einen Abriss über die Psychologie des Cardassianers und seiner Gesellschaft. Ebenfalls sehr lesenswert, denn es klärt aus meiner Sicht, unter welcher Prämisse manche Dinge entstanden sind.

Der Erzählstil des Buches ist insofern faszinierend, in dem er in dem Buch selbst dargestellt wird. Ein Zitat von Garak in einem Brief an Dr. Julian Bashir ziemlich am Anfang: "Das menschliche Gehirn ist selektiv und linear. Ein Cardassianer erinnert sich an alles, auf jeder Ebene und zu jeder Zeit. Für uns sind Vergangenheit und Gegenwart nicht akkurat getrennt." Diese Passage ist Programm, und Robinson entwickelt eine Geschichte um die cardassianischen Hauptcharaktere:

  • Mila - die Mutter von Garak und Haushälterin von dem Geheimdienstleiter Enabran Tain, seinem Mentor und seinem Vater, der ihn nicht anerkennen kann und von seinem Sohn eigentlich die gleiche Hingabe an die Gesellschaft fordert, wie er sie von sich bereitwillig gibt.
  • Tolan, der Bruder von Mila, ebenfalls Mentor von Garak und Gärtner, sowie Anhänger des orelianischer Weges und der Hebitianer - die ursprüngliche Gesellschaft, welche die alte und in Kombination mit dem aktuellen Zeitrahmen die neue Philosophie als Teil der Cardassianer darstellen kann.
  • Paladine - in Jugendjahren ein heimlicher Schwarm aus der Eliteschmiede Cardassias, später die heimliche Geliebte von Garak und Ehefrau eines einflussreichen Politikers im Dunste von Gul Dukat, und ehemaliger Schulkamerad aus dem Bamarren-Institut.
  • Pythas Lok - ein ehemaliger Schulkamerad am Bamarren-Institut, ein wahrer Freund und später Geheimdienstleiter als Nachfolger von Enabran Tain.

All diese Personen prägen Garak und Cardassia und dessen Gesellschaft. Man erfährt, wie unter anderem die Familien Dukat und Lokar durch die Bruderschaft das Gegenstück zum Obsidianischen Orden bilden und sich die Wege aller Beteiligten immer wieder kreuzen. Eine parallele Geschichte mit alten und neuen Charakteren aus dem hauptsächlichen Zeitrahmen von Staffel sechs und sieben der TV-Serie fließt ebenfalls in das Buch mit ein und zeigt die Auswirkungen der bajoranischen Besetzung und den Wandlungsprozess von Garak. Alle Fäden werden geschickt miteinander zusammengeführt und subjektiv kann ich nur empfehlen, das Buch in einem kurzen Zeitrahmen an einem Stück zu lesen.

Egal wie Sie es lesen, seien Sie am Ende bitte nicht enttäuscht, dass es das dann schon gewesen ist. Mir ist es leider so gegangen, aber hier gilt wohl der alte Leitsatz: Man sollte dann aufhören, wenn es am schönsten ist!

Einige kleine Kritikpunkte möchte ich mir dennoch erlauben anzumerken. Der erste wäre eine Bemerkung zu der Übersetzung: "'Ein Stich zur rechten Zeit spart...' Was? Wie ging diese Redewendung?" - Hier passte die deutschsprachige Übersetzung wohl nicht so ganz. Vielleicht hätte man sich diese Passage in der Übersetzung sparen können oder man hätte einen Hinweis auf das englischsprachige Original machen können: "A stitch in time saves nine!" (siehe auch Deutsch-Englisch-Wörterbuch). Denn genau die freie Übersetzung "Wehret den Anfängen!" trifft eine Kernfrage des Buches. Inwieweit ist eine Gesellschaft verantwortlich für das Handeln hin zu einem Ergebnis? Wie hat die Vergangenheit jemanden geformt - und wenn solch ein System etabliert ist, ist man dann noch fähig zu entscheiden, ob die gewählten Aktionen des Individuums falsch sein können? Wie wird man zu einem verantwortlichen Individuum, wenn man nur für das Leben in einer Gesellschaft erzogen wird?

Der zweite Kritikpunkt ist eher subjektiver Natur. Es gibt im Buch einige Passagen von Gedichten aus der cardassianischen Literatur. Diese haben mir persönlich überhaupt nicht zugesagt, da mir diese Art von Literatur eben nicht gefällt. Andererseits muss ich schreiben, dass die genannte Literatur sicherlich in den Rahmen passt, und somit habe ich die Gedichte (zwei kurze Stücke) locker überlesen.

Fazit: Für jeden "Star Trek: Deep Space Nine"-Fan ist das Buch ein Muss, für die anderen Trekkies sollte es eine Pflichtlektüre sein. Denn die Frage, warum unsere katholische Kirche keine Kinder von Priestern haben will, vermutlich weil sie sonst in politischen Machtpositionen angreifbar sind und nicht, weil sie der Gemeinschaft dienen, könnte eine Antwort sein, die in dem Buch durch den Obsidianischen Orden in Form des Lebens von Enabran Tain beantwortet wird. Und warum politische Systeme nicht immer nur gut oder böse und die darin lebenden Personen ein Produkt ihrer Machthaber sind, wird mit ein wenig Fantasie gut dargestellt. Die Frage, ob allerdings Gul Dukat nicht doch ein wenig Gutes in sich gehabt hat, würde ich nicht so eindeutig beantworten können, wie Garak es im Buch gemacht hat.

Genau wie die Serie behandelt das Buch die sozialen Komponenten von Science-Fiction und stellt die Menschen in den Vordergrund, nicht so sehr die Technik. Man gewinnt einen tiefen Eindruck von der cardassianischen Gesellschaft, aber auch von einem komplexen Vater-Sohn-Verhältnis und einem schwierigen Privatleben eines Spions, einer Space-Opera würdig. Das Buch hat mich so gefesselt, wie es ein Science-Fiction-Buch schon lange nicht mehr getan hat. Dies mag vielleicht auch daran liegen, dass ich schon ein Fan der TV-Serie war und bin und man deshalb die vielen Details verstehen konnte, auf die sich Garak bezogen hat. Alleine dieses Buch hätte für mich schon Stoff für ein paar Episoden innerhalb der Serie verdient.

Und der Stil des Buches hat mich im Allgemeinen an die Bücher von Asimov erinnert. Es waren die psychologischen Momente, die seine Geschichten fesselnd machten und man sich nicht traute, das Buch wegzulegen. Andrew J. Robinson hat dieses mit seinem Alter Ego Garak und seiner Geschichte ebenfalls in literarischer Form erschaffen, und genau im Gegensatz zu manchen meiner hier genannten Kritiken stelle ich zurzeit keine offenen Fragen oder weitere Ungereimtheiten als die angedeuteten fest. Vielleicht sehe ich es einfach nur im Kontext der subjektiven Erinnerungen oder Wahrnehmung von Garak und den ihn umgebenden Charaktere zu den TV-Serien und nicht im Kontext der inzwischen doch literarischen eigenen Welt von "Star Trek".

Andrew J. Robinson hat Garak Leben und Persönlichkeit eingehaucht, und dieses Buch stellt eine Konsequenz aus seiner Rolle dar. Vielen Dank, dass es nicht ausgeschlachtet wurde. Ich gebe 5 von 5 Sternen!

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Bewertung

1. Julian Wangler
2. Marco Langknecht

Weitere Infos


Titel "Ein Stich zur rechten Zeit"

Originaltitel "A Stitch in Time"

Buchreihe Deep Space Nine

Autor Andrew J. Robinson

Übersetzer Anika Klüver

Preis 12,80 Euro

Umfang 434 Seiten

Verlag Cross Cult

ISBN 3-9412-4892-8

(jw, lk - 15.04.11)


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