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Julian Wangler (jw)27.11.09

"Beneath the Raptor's Wing"

Michael A. Martin

Inhalt

Der Krieg gegen die Romulaner hat gerade erst losgeschlagen, doch Jonathan Archer ist schon jetzt am Boden. Es ist der drei Tage zurückliegende Kobayashi-Maru-Zwischenfall, der schwer auf ihm lastet. Trotz aller Beteuerungen von T'Pols oder Reeds Seite, es habe sich um ein No-win-Szenario gehandelt, quält den Captain sein Gewissen. Immer wieder sagt er sich, er hätte zumindest versuchen müssen, die 400 Seelen auf dem Frachter irgendwie zu retten statt einzig an das Wohl seines eigenen Schiffes zu denken.

Obwohl Archer vom Oberkommando unlängst ein moralischer Blankoschein ausgestellt wurde, ändert das nichts daran, dass in den Medien hitzig über den Vorfall bei Gamma-Hydra diskutiert wird und der bislang so gute Ruf des NX-01-Kommandanten auf dem Spiel steht. Sogar aus den Reihen der Enterprise-Mannschaft wurden in den vergangenen 48 Stunden Vorwürfe gegen ihn erhoben, was schließlich im Abgang einiger Leute kulminiert. Besonders schmerzhaft für Archer: Niemand Geringeres als Travis Mayweather ist unter ihnen. Der Navigator kann und will ihm nicht verzeihen, dass die Kobayashi Maru geopfert wurde, hätte es sich doch ebenso gut um die Horizon, das (mittlerweile als vermisst geltende) Schiff seiner Familie, handeln können, die sein Captain sich selbst überließ.

So merkt Archer, wie die Gemeinschaft alter Tage Stück für Stück unter dem Druck der neuen Realitäten zerrieben wird. Travis nimmt wütend seinen Hut, eine zusehends desillusionierte Hoshi kann er nur vorläufig am Gehen hindern, und das Überleben von Trip, der weiter als Agent in romulanischem Raum operiert, ist unsicherer denn je. Derlei Verwerfungen sind dabei die denkbar schlechtesten Voraussetzungen, um sich mit klarem Verstand der romulanischen Gefahr zu stellen, die bereits überfallartige Angriffe auf Stellungen der Vereinigten Erde begonnen hat und mehr denn je von einer neuen Technologie Gebrauch macht, mit deren Hilfe es möglich ist, sich in die Computersysteme anderer Schiffe zu hacken.

Da abzusehen ist, dass die Koalition auf Dauer nicht erfolgreich sein wird, wenn sie sich nur auf die Defensive beschränkt, ruhen die Hoffnungen Archers und vieler anderer jetzt auf einer eilig einberufenen Krisenkonferenz des planetaren Bündnisses. Dies umso mehr, da jüngsten Informationen zufolge eine Flottenauflaufbasis der Romulaner entdeckt wurde, die es dem Gegner in nicht allzu ferner Zukunft erlauben könnte, seine Versorgungslinien zu verbessern und ein Sprungbrett direkt in den Hinterhof der Koalition zu besitzen.

War es am Ende des vorigen Bandes noch gelungen, die Verbündeten auf eine gemeinsame Linie und Kriegserklärung gegen die gesichtslosen Feinde einzuschwören, fördert die Konferenz nur zutage, dass die gerade gewonnene Einheit schon wieder passé ist. Ohne eine halbwegs nachvollziehbare Erklärung abzugeben, verschließen sich die Vulkanier unerwartet einer weiteren Unterstützung der Koalition und enthalten ihren Partnern sogar ihre mächtige Flotte vor. Es scheint, als hätten sich T'Pau und ihr Regierungszirkel dazu entschieden, das Kriegsgeschehen wieder zu verlassen, ehe sie so richtig mitmischen. Lediglich eine Art Frühwarnsystem kann Außenminister Soval im Rahmen der Krisensitzung anbieten, um maskierte romulanische Drohnenschiffe anhand ihrer Warpsignatur zu orten - aus Sicht der Alliierten kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Archer brennt es unter den Nägeln, herauszufinden, welches die Gründe für den plötzlichen Rückzieher der Vulkanier sind. Seine Trumpfkarte ist dabei T'Pol, die er bittet, nach Vulkan zu reisen, Ermittlungen anzustellen und wenn die Zeit reif ist, alles dafür zu tun, dass Vulkan in den Krieg einsteigt. Für ihn geht es um nicht mehr und nicht weniger, als die Koalition so schnell wie möglich in maximale Kampfbereitschaft zu bringen, denn der Gegner schläft nicht. Die Eroberung des Planeten Deneva ist nur der Auftakt einer beispiellosen Eroberungs- und Zerstörungswelle, die eindrucksvoll und erschreckend zugleich demonstriert, wie rasend schnell der Sternenflotte die Zeit davonläuft.

Währenddessen bekommt Trip einen neuen Auftraggeber: den vulkanischen Geheimdienst V'Shar, der hinter den Kulissen der offiziellen Politik seine eigenen Operationen vorantreibt. Er rekrutiert Trip für eine Mission, die ihn ins Achenar-System führen soll, wo die Romulaner offenbar einen neuen Versuch starten, zu einem Warp-7-Antrieb zu gelangen. Für den Ingenieur geht es diesmal darum, nicht mehr in die Falle einer neuen Intrige zu tappen, die ihn gegen jene Leute ausspielt, für deren Wohl er sein Leben aufs Spiel setzt...

Kritik

Dieser erste Teil einer mit "The Romulan War" überschriebenen Trilogie spielt direkt im Anschluss an den Vorgänger "Kobayashi Maru" und schildert die Anfänge des irdisch-romulanischen Kriegs.
Nach den an die literarische Fortsetzung heranführenden Romanen "The Good That Men Do" und "Kobayashi Maru" ist "Beneath the Raptor's Wing" der erste Band einer lang erwarteten Trilogie, die sich mit dem Krieg gegen die Romulaner befasst. Die Wegbereitung für diesen Konflikt war, schaut man auf die letzten zwei Jahre zurück, die der "Enterprise"-Relaunch nun schon läuft, alles in allem eher enttäuschend. Daher war die Spannung groß, ob es dem dritten Werk der Reihe gelingen würde, die Kurve zu kriegen. Es wurde übrigens im Alleingang von Michael A. Martin geschrieben, nachdem Jointventureprojekte mit Andy Mangels, wie man sie beispielsweise aus "Star Trek: Titan" kannte, offenbar wegen persönlicher Animositäten aufgekündigt wurden.

"Beneath the Raptor's Wing" knüpft nahtlos an die Geschichte des Vorgängerromans an und erstreckt sich über einen Zeitraum von nicht weniger als einem Jahr. Relativ schnell kommt die Handlung in Fahrt und führt dem Leser die ersten Auswirkungen des entbrannten Kriegs vor Augen. Frei nach dem Motto "Klotzen statt Kleckern" experimentieren die Romulaner diesmal nicht nur mit neuen Warpantrieben und Hackerwaffen, sondern bemächtigen sich gleich auch einer massentauglichen Tarnvorrichtung, mit der sie zu Felde ziehen. Die Dramatik des Geschehens wird gut unterfüttert, indem sich Autor Martin der Reporterin Gannett Brooks bedient, die er kurzerhand zur Kriegsberichterstatterin von der romulanischen Front umfunktioniert. Brooks' Kommentare, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen, sorgen nicht nur für Atmosphäre, sondern geben dem Fortgang der Auseinandersetzungen auch eine erkennbare Struktur.

Die eigentliche Handlung entlang der Protagonisten hat Licht und Schatten. Zu aufgesetzt wirkt Archers Depression ob des Verlustes der Kobayashi Maru - und die Reaktion seiner Mannschaft zumal. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass Captain und Crew durch schwerwiegende Entscheidungen gehen mussten, und man sollte eigentlich meinen, in Anbetracht eines No-win-Szenarios sollte das Vertrauen zu Archer weit genug gediehen sein, um ihm das Leben nicht noch schwerer zu machen. So ist dann die plötzliche Abkehr von Travis Mayweather auch ein unglaubwürdiger Paukenschlag, hätte man doch am wenigsten vom wortkargen Steuermann eine derartige Reaktion erwartet. Immerhin kann Archer nichts für das, was seiner Familie zugestoßen ist.

Was trotz der Brooks-Einlagen auffällt, ist, dass "Beneath the Raptor's Wing" in vielerlei Hinsicht ein sehr technokratisches Buch ist, das sich in Einzelheiten strategischer Kriegsführung und politischen Diskussionen verstrickt, ohne die authentische Nähe zu den Figuren zu wahren und die Geschehnisse stärker auf sie zu fokussieren. In diesem Zusammenhang stört eine nahezu erschlagende Vielzahl von belanglosen Szenen, die das Buch künstlich aufblasen und es sich schier zur Aufgabe machen, das Who-is-who des intergalaktischen 22. Jahrhunderts durchzugehen.

Ein nicht minderer Klotz für die Motivation des Lesers ist ein ellenlanger Dialog zwischen T'Pau und Soval über die sophistischen Einzelheiten der im Vergleich zu Vulkaniern kürzeren menschlichen Lebensspanne. Dahinter bleibt der große Antagonist Valdore und dessen Psyche blass und uninteressant, noch uninspirierender kommt Prätor D'deridex daher. Weil der "Enterprise"-Relaunch es nicht vollbracht hat, einen interessanten Gegner aufzubauen, den Romulanern in dieser Zeit vielleicht ein neues, ungekanntes Element hinzuzufügen, das sie mysteriöser macht, bleibt Martin nichts anderes übrig, als sich auf die Abläufe des Konfliktes zu stürzen.

Dabei ist - entgegen seiner Versprechen in Interviews - der Zusammenhang zu Informationen aus anderen "Star Trek"-Serien über diese Epoche nicht immer ersichtlich, womit wir beim Stichwort "Kanon" wären. Vielmehr erschafft Martin eine eigene Interpretation der Abläufe (die Erde stellt auf Kriegswirtschaft um und baut der Schnelligkeit halber lieber Daedalus-Fregatten als NX-Kreuzer), gegen die nicht so viel einzuwenden wäre, würden sie in sich stärker konsistent wirken und zudem mehr mit dem konform gehen, was wir am Ende der vierten "Enterprise"-Staffel zu sehen bekamen. Dort hatten doch die einstmals verfeindeten vulkanischen, andorianischen und tellariten Parteien unter Vermittlung der Menschen an einen Tisch und zu einer guten Zusammenarbeit gefunden.

Wieso erklären die Vulkanier dem Sternenimperium erst den Krieg und kneifen dann? Überspitzt formuliert erscheint es durch und durch irrational, dass T'Pau bereit ist, die Menschen und alle anderen vor die Hunde gehen zu lassen, nur um etwas länger ihre syrannitischen Tugenden zu schützen. Und überhaupt: Aus der Kenntnis einzelner Vulkanier über die wahre Identität der Romulaner erwächst kein besonders origineller Gang für die Gesamtgeschichte.

Trips Fehlen schließlich macht auf der Enterprise alles noch drückender. Der Coup, mit dem der "Enterprise"-Relaunch dereinst ins Leben gerufen wurde, ist in Wahrheit, wie auch schon in "Kobayashi Maru", vielmehr Hypothek. Allmählich hat man genug von Undercoverspielchen, bei denen der ehemalige Chefingenieur sich immer wieder als Opfer romulanischer Intrigen wiederfindet. Als einzelne Figur agiert er wie eine Art Statist, und weil er der verbliebenen Mannschaft auf der Enterprise keine Bereicherung mehr ist, wirkt auch die fader und uninteressanter. Trips eigener Handlungsbogen erinnert - abgesehen davon, dass er Hals über Kopf im Dienste Anderer steht - stark an den Plot aus "The Good That Men Do"; just another spy mission.

Die Idee, T'Pol wieder mit ihrem Volk auf Tuchfühlung gehen zu lassen, mag löblich sein, geht aber erneut auf Kosten des Gemeinschaftsgefühls. Weil sie auf Vulkan erst einmal wochenlang auf T'Paus Ankunft warten muss, kann sie gleich noch ein paar Nebenquests schlagen. Analog zum Storyverlauf in "Kobayashi Maru" liegt der Leser goldrichtig, wenn er vermutet, dass sie eines dieser Abenteuer wieder mit Trip zusammenführen wird.

Wenden wir uns noch einmal dem Feind zu. Ein kaum auflösbares Manko ist, dass über ihn schon eine Menge bekannt ist und man bestenfalls mit Erwartungshaltungen des Lesers spielen kann. Der bereits angesprochene Kreativitätsmangel auf romulanischer Seite verschärft sich allerdings noch eher, als dass er sich abschwächt. Dies macht sich bemerkbar, als ein größenwahnsinniger Prätor D'deridex einen Frontalangriff auf das Kerngebiet der Koalition durchführen will. Hatten wir das nicht schon einmal? Mittlerweile gibt es einen Übersättigungseffekt romulanischer Königsmordintrigen. Diese Sau ist so oft durchs Dorf getrieben worden, dass es ein Wunder wäre, würde D'deridex nicht das Zeitliche segnen. Und dreimal darf man raten, wer die Nachfolge antritt?

Das Ende des Buches kann man nur mit einem Wort beschreiben: müde. Es ist kein Cliffhanger, vielmehr ein offener Abschluss, der es der Zukunft überlässt, in welcher Form die Geschichte des romulanischen Kriegs weiter erzählt wird. So, wie es aussieht, wird der Nachfolger von "Beneath the Raptor's Wing" ein Weilchen auf sich warten lassen. Da der Weg bereits eingeschlagen wurde und wohl wieder Martin der Autor sein wird, steht kaum eine Verbesserung zu erwarten - abgesehen davon, dass wir nun endlich wissen, was es mit dem Titel vom "irdisch-romulanischen Krieg" auf sich hat.

Fazit: Die große Blamage bei der Erzählung des romulanischen Kriegs bleibt aus, aber "Beneath the Raptor's Wing" lässt sich ebenso wenig als mitreißend und emotional bezeichnen. In weiten Teilen liest es sich eher wie eine Abhandlung über den Krieg, von dem wir in einem halben Jahrhundert "Star Trek" schon so vieles hören durften. Archer und Co. bleiben jedoch ziemlich fern. Ein Roman ohne Herzblut.

Wem das Jonglieren mit Politik, Planeten, Raumschiffklassen, Zeit- und Geschwindigkeitsrechnungen sowie Angriffsrouten reicht, der wird beim Kauf des Buches nichts falsch machen. Wer hingegen eine epische Story erwartet, wird herb enttäuscht werden. "Beneath the Raptor's Wing" gibt endgültig die charakternahen Ansätze aus "The Good That Men Do" auf und verschreibt sich der nüchternen Schilderung eines historischen Konfliktes, bei dem im Vergleich zu anderen "Star Trek"-Kriegen vieles eigen und wenig neu ist. Augen zu und durch.

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Bewertung

Weitere Infos


Originaltitel "Beneath the Raptor's Wing"

Buchreihe Enterprise-Relaunch

Autor Michael A. Martin

Preis 16,00 Dollar

Umfang 464 Seiten

Verlag Simon & Schuster Pocket Books

ISBN 143910798X

(jw - 27.11.09)


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