Michael Wilkens (mw)
16.10.05
"Unendliche Welten"
Ingrid Weber
Inhalt
In interkulturellen Begegnungen treten häufig Konflikte und
Missverständnisse auf, die den selbstverständlichen Umgang miteinander
gefährden. Verschiedenste Disziplinen - die Kulturphilosophie und
Kulturanthropologie ebenso wie die interkulturelle Pädagogik oder das
interkulturelle Management - bemühen sich darum, die kulturspezifischen Anteile
von Störungen der Interkulturellen Kommunikation zu identifizieren
beziehungsweise Möglichkeiten zu deren Überwindung zu finden.
In der weltbekannten Science-Fiction-Serie "Star Trek" steht die Begegnung mit
dem Fremden im Mittelpunkt; die Serie bietet sich daher für die Untersuchung
interkultureller Phänomene in besonderem Maße an. Die vorliegende Arbeit stellt
den gelungenen Versuch dar, anhand eines fiktionalen Beispiels den Kontext von
Berührungen mit dem Fremden auf seine begrifflichen Grundlagen hin zu erforschen
und dabei insbesondere die wichtige Funktion von Vermittler- beziehungsweise
Grenzgängerfiguren herauszustellen. Als Gedankenexperiment verstanden, liefert
die "Star Trek"-Serie reichhaltiges Material für die Analyse der Mechanismen von
Furcht und Faszination gegenüber fremden, kulturell bestimmten Handlungsmustern.
Kritik
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 "Star Trek" liefert reichhaltiges Material für Analyse über das Verhalten von Menschen und ihrer Faszination von dem Unbekannten. |
Vorab eine Anmerkung in eigener Sache: Ich
hatte am Ende meiner
jüngsten Rezension angekündigt, den zweiten Band der
Buchreihe von A. Bühl mit dem Titel "'Star Trek' - Sozialutopie, Mythos und Kult"
aus Herbst 1998 an dieser Stelle zu rezensieren. Das Buch ist leider nie
erschienen. Bemerkenswert ist der Vorfall insofern, als dass sich hier
überdeutlich zeigt, wie sehr die Sekundärarbeiten der letzten Jahre immer weiter
zurückgingen. Das betrifft auch ganz besonders den Sektor der Romane in den
deutschsprachigen Verlagen. Insbesondere im Hause des Heyne-Verlages.
Das noch lieferbare Buch "Unendliche Welten" aus der Feder von Ingrid Weber
bietet jedoch noch einmal einen sehr gelungenen Beitrag zu der Frage des Umgangs
mit dem Fremden in unserer Gesellschaft am spiegelnden Beispiel einer Science-Fiction-Serie. "Star Trek" bietet just zu diesem Themenbereich eine ganz
hervorragende Reflexionsarena zu der Frage, wie wir mit dem Fremden um uns
herum umgehen und wie der Idealzustand, respektive wie die ideale Umgangsweise mit
dem Fremden sein sollte - hier sind grundsätzlich andere Kulturen gemeint als die
uns bekannten!
Gerade die aktuelle Diskussion zu der EU-Erweiterung mit der Türkei und den
kürzlich begonnen Verhandlungen, zeigt die Aktualität dieses Themenkomplexes,
der in den verschiedensten Variationen von Ingrid Weber zunächst in seiner
allgemeinen Bedeutsamkeit erläutert wird.
Im zweiten Teil der Arbeit wird über die Science-Fiction, und hier speziell über
"Star Trek"
versucht, die Möglichkeiten und aber auch die Grenzen und die spannungsgeladenen
Konflikte deutlich herauszuarbeiten. Dazu heißt es in der Einleitung auch:
"Mit Hilfe dieser methodologischen Grundlagen soll die Bedeutung der Science-Fiction als modellhafte Darstellungen von Begegnungen mit dem Fremden
herausgearbeitet werden und 'Star Trek' als ein Beispiel von differenzierter
Auseinandersetzung mit interkulturellen Kontakten analysiert werden. Ziel der
Arbeit ist es zu zeigen, dass viele Werke der Science-Fiction, und 'Star Trek' im Besonderen,
sich dazu eignen, Konflikte, die in der Begegnung mit dem Fremden auftreten
können, daraufhin zu untersuchen, welche kulturellen Besonderheiten dabei eine
Rolle spielen und wie die Beteiligten versuchen , mit einem Konflikt umzugehen.
Die amerikanische Fernsehserie setzt sich auf vielfältige Weise mit Stereotypen,
Klischees, Mechanismen der Abgrenzung und Unterdrückung sowie mit der Strategie
der Kommunikation auseinander. Die Aliens, denen die Besatzung des Raumschiffes
Enterprise auf ihrer langen Reise durch den Weltraum begegnet, veranlassen die
Mitglieder der Crew, ihre eigenen kulturellen Standorte in Abgrenzung zu denen
anderer Individuen zu thematisieren und bisweilen neu zu definieren. Die Grenze
zwischen wir und die anderen wird zur Orientierungslinie für die
Gruppenzugehörigkeit."
Ingrid Weber
Zitat, Seite 12
Überzeugend, unter Auslassung von übermäßigem Gebrauch fachspezifischer Termini,
gelingt es der Autorin, ihre Argumente und kausalen Gedankenketten dem Leser
deutlich zu machen. Schon im zweiten Band der Buchreihe "Faszinierend!" aus 2003
zum Thema "'Star Trek' als mögliches (Denk-)Universum" führt weiter aus, was die
Autorin hier bereits vorgedacht hatte. Der Schluss des hier in Rede stehenden
Bandes gibt dann auch noch einmal Stoff für die Frage, ob Science-Fiction, und
insbesondere "Star Trek" als Lernvorlage dienen, auch aber als anthropologisches
Gedankenexperiment verstanden werden kann. Im vorletzten Kapitel führt sie diese
Frage auch über eine schlüssige Extrapolation zu den Figuren Kirk, Picard und Sisco (bitte das Erscheinungsjahr beachten!) ein. In wieweit sind kulturelle
Verständigungen möglich bei Charaktereigenarten und Besonderheiten in jedem
Individuum möglich (Summe der Erfahrungen!) und in wieweit spielt auch die
(fiktive!) Rolle der Sternenflottenpolitik eine Rolle?
Eine Liste aller im Text verwendeten Episoden sowie ein kleines Glossar zu
vielen Begriffen aus der "Star Trek"-Universum für den Nicht-"Star Trek"-Kenner
bieten eine große Hilfe. Auch der gesamte Anhang und das Stichwortregister sind
von vorbildlicher Qualität und sollten Vorlage für viele Veröffentlichungen
dieser Prägung sein.
Der Leser geht am Ende der Lektüre mit einer Fülle von Erkenntnissen, aber auch
mit weiteren Fragen aus dem Buch heraus. Gleichzeitig bietet es neue
Denkmöglichkeiten, seine eigene Position zum Umgang und der Wahrnehmung des
Fremden, um uns herum zu hinterfragen und Begriffe danach objektiver zu
reflektieren, wie beispielsweise Volker Sigusch in seinem 2005 erschienen Buch
"Neosexualität" zum Begriff des "Kulturbeutels":
"Dass die Deutschen Abführmittel und Ohrenschmalzentferner in einem ebenso
unschönen wie schmuddeligen Beutel bei sich tragen, den sie durch das
vorgesetzte Wort 'Kultur' zu adeln suchen, spricht Bände über den Zustand ihrer
Zivilität."
Volker Sigusch
aus dem Buch "Neosexualität"
Er hat nicht Unrecht. Und das ist nur der Anfang, auch wenn die Reihe der
lesenwerten Sekundärarbeiten zu "Star Trek" im Deutschsprachigen damit erstmal zu
Ende ist. Zu entdecken gibt es in "Star Trek" immer noch sehr viel. Und vielleicht
ist die Zwangspause auch eine gute Gelegenheit für alle aktiven wie passiven
Konsumenten der Serie, innezuhalten und sich in Reflexion zu üben. Denn Stoff
gibt es zur Genüge. Und weiterer Stoff wird mit Sicherheit folgen. Zwar wird mit
viel zu großer Ungeduld nach dem "wann" gefragt. Aber gleichzeitig ist es die
Vorfreude auf das Unbekannte. Und das macht es sicherlich für alle aus.
Bewertung
Weitere Infos
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| Titel |
"Unendliche Welten - Die Science-Fiction-Serie 'Star Trek' als Entwurf von Kontakten mit dem Fremden" |
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| Buchreihe |
Sachbücher |
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| Autor |
Ingrid Weber |
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| Preis |
Ursprüngl. Ladenpreis:
25,00 Euro

Antiquarisch: ca. 11 bis 13 Euro
 Dieser Roman ist nur noch antiquarisch erhältlich.
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| Umfang |
255 Seiten |
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| Verlag |
IKO-Verlag |
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| ISBN |
3-8893-9357-8 |
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(mw - 16.10.05)