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Julian Wangler (jw), Martin Weinrich (wc)27.08.09

"Den Frieden verlieren"

William Leisner

Vorbemerkung

Nach der "Destiny"-Trilogie, die ein Crossover der Buchreihen TNG, DS9 und "Titan" darstellt, führt "Losing the Peace" die Second Decade der "Next Generation" weiter. Die Ereignisse um den Typhon-Pakt, die hier gestreift werden, sind im eigenständigen Post-"Destiny"-Roman "A Singular Destiny" entfaltet.

Inhalt

1. Julian Wangler

Wenn es in der "Star Trek"-Buchwelt des 24. Jahrhunderts ein Ereignis gibt, das ähnlich gravierende Auswirkungen auf den Verlauf der Geschichte hat wie jüngst der J.J.-Abrams-Film für das 22. Jahrhundert, so ist dies die "Destiny"-Trilogie. Fürs Erste kommt niemand daran vorbei. Nicht nur wurden die Borg in einem Spektakel jenseits aller Vorstellungskraft aus dem uns bekannten Universum getilgt, auch die Föderation, Alpha- und Beta-Quadrant an sich sind nicht mehr dieselben. Zunächst einmal deshalb, weil das Ergebnis der drei "Destiny"-Bücher es so aussehen lässt, als wäre der Dominion-Krieg, der DS9 so effektlastig begleitete, nicht mehr als ein Peanut gewesen. 60 Milliarden Tote sind nicht gerade ein Pappenstiel.

Vielerorts wurde die Planetenallianz von der finalen Borginvasion schwer getroffen. Bekannte Planeten wie Vulkan, Andoria oder Tellar wurden dezimiert, andere sogar unbewohnbar gemacht. Zahlreiche bekannte Charaktere mussten dabei ihr Leben lassen. Einen Vorgeschmack bekamen wir bereits in "A Singular Destiny", obwohl sich dieses Buch mehr mit dem Zustandekommen des Typhon-Pakts beschäftigte: Jetzt erhebt sich die Föderation aus der Asche - und sieht sich vor Problemen, die sie bisher nur aus Geschichtsbüchern und Abhandlungen über ferne, notleidende Welten kannte.

Weil zahlreiche vitale Planeten vernichtet oder unbewohnbar gemacht wurden, gibt es riesige Wellen von Flüchtlingen, die nun verzweifelt nach einer neuen Bleibe suchen. Viele haben Hunger, Durst und sind krank. Zweifelsohne: Diese Masse besitzt Sprengpotential. Dazwischen wüten noch Piraten, Freischärler und andere Fliegenfänger und versuchen sich im neuen Zeitalter ihre lukrativen Nischen für Schwarzmarktgeschäfte zu sichern, nachdem so viele Handelsrouten der Föderation nicht mehr funktionieren.

Von alldem scheinen Jean-Luc Picard und seine Mannschaft erst einmal ein ganzes Stück entfernt zu sein. Picard bereitet sich auf seine Vaterschaft vor - eine kleine Revolution im Leben dieses Mannes - und beschließt, zusammen mit Beverly seine verwitwete Schwägerin Marie in Labarre zu besuchen. Leider währt der Familienbesuch nicht lange, denn schon bald wird Picard ins Hauptquartier der Sternenflotte zitiert. Dort erfährt er erst einmal, dass die zurückliegende Borgkrise eine Personalrochade im Oberkommando ausgelöst hat. Wegen desaströser Ergebnisse hat Flottenadmiral Jellico als Vorsteher des Unterfangens kürzlich seinen Hut genommen. Nun hat Elizabeth Shelby gute Karten, Jellico an der Spitze der Admiralität zu beerben. Dessen ungeachtet kriegt Picard bald schon ein paar neue Missionen aufgehalst. Sie haben nichts mehr mit heroischen Taten zu tun, mit Weltenrettung und dergleichen, sondern vielmehr mit der Tatsache, dass selbst ein gewonnener Krieg keinen Sieger kennt.

Das müssen Picard und die Enterprise bald leibhaftig herausfinden, als sie sich - als eine von vielen Sternenflotten-Crews - den Horden von Flüchtlingen annehmen müssen, im Speziellen auf der verwüsteten Welt Deneva, von wo die Sicherheitschefin Jasminder Choudhury stammt. Die Obdachlosen sind gewillt, sich auf jenen Welten niederzulassen, die der Apokalypse entgehen konnten. Doch da die dortigen Bevölkerungen ihrerseits Probleme haben oder nicht gewillt sind, die hungernden Massen aufzunehmen, entbrennt ein hitziger Konflikt, in dem Picard nicht nur vermitteln, sondern sich auch fragen muss, ob der kürzliche Krieg nicht auch die grundlegenden Werte der Föderation - Toleranz, Akzeptanz, Mitleid - gleich mit getilgt hat.

2. Martin Weinrich

Die Invasion der Borg hat tiefe Wunden in der Föderation hinterlassen. Milliarden sind gestorben und fast genauso viele haben ihre Heimat verloren. Überall in der Föderation wird nach Plätzen für die Flüchtlinge gesucht.

Picard hingegen ist in guter Stimmung. Er ist sich sicher, dass die Borg nun für immer verschwunden sind. Die Führungsriege der Sternenflotte teilt diese Einstellung jedoch nicht. Sie sind weiter wachsam, da sie befürchten, dass die Caeliar die Borg nicht unter Kontrolle haben könnten.

Noch während Beverlys und Picards gemeinsamer Erholungszeit bekommt Beverly eine neue Aufgabe. Sie soll auf dem Planeten Pacifica dafür sorgen, dass die Flüchtlingssituation nicht eskaliert. Pacifica ist eine Welt, die hauptsächlich von Wasser bedeckt ist. Für die Flüchtlinge ist daher nicht viel Platz. Die Einwohner des Planeten sind daher auch nicht sehr froh darüber, dass der Planet nun von Flüchtlingen überschwemmt wird. Beverly, die mit dem Zweiten Offizier der Enterprise dorthin reist, bemerkt schnell, dass medizinische Hilfe alleine nicht ausreicht. Soziale Unruhen bahnen sich an.

Die Enterprise wird derweil auf eine ähnliche Mission geschickt. Sie sollen nach verschollenen Flüchtlingsschiffen Ausschau halten. Das gelingt ihnen auch sehr gut. Schnell finden sie ein großes Flüchtlingsschiff von Deneva, einem völlig zerstörten Planeten und der Heimat von Sicherheitsoffizier Choudhury.

Picard bemerkt jedoch rasch, dass die Situation die innere Stabilität der Föderation bedroht. Auf Alpha Centauri, einem der sechs Gründungsmitglieder der Föderation, brechen Aufstände aus. Als Picard diese schlichten möchte, erfährt er von dem Präsidenten des Planeten, dass dieser die Föderation so bald wie möglich verlassen möchte. Er sieht keine Vorteil mehr in einer Union.

Damit sich die Föderation nicht aufzulösen beginnt, muss Picard rasch handeln...

Kritik

Die folgenden Rezensionen beziehen sich auf das englische Original.

1. Julian Wangler

Nach der "Destiny"-Trilogie: Der Alpha-Quadrant liegt in Trümmern. Jetzt müssen Picard und die Enterprise dafür sorgen, den fragilen Frieden zu bewahren...
Editorin Margaret Clark hat sich festgelegt: Die Second Decade, der TNG-Relaunch, ist ein Borg-Relaunch. Und selbst, wenn die Borg mittlerweile von der galaktischen Bühne abgetreten sind, so kommt diese Serienfortsetzung gar nicht mehr umhin, sich mit ihnen zu befassen. Damit steht auch das neunte Buch der Serienfortsetzung nach "Nemesis" in der Kontinuität der kybernetischen Invasoren.

Diesmal geht es nicht bloß um Heldentaten, sondern um die schwierige Zukunft der Föderation nach dem Armageddon. Dieser literarische Paradigmenwechsel ist positiv. Dennoch: Wenn man sich die Beschreibung der Flüchtlingscamps zu Gemüte führt, die Erstlingsautor William Leisner der afrikanischen Situation entliehen hat, ist schnell feststellbar: "Star Trek" befindet sich - vielleicht mehr denn je - auf Kollisionskurs mit der Gegenwart. Mit dieser wesentlichen Veränderung kommt möglicherweise nicht jeder Fan klar, zumal all das Verblümte, das wir noch aus der TNG-Serie kannten, ausradiert scheint.

Jetzt diktiert die klamme Logik des Elends. Dergestalt sind auch Picard und seine Leute nur noch augenscheinlich die, die sie einmal waren. Picard scheint der Jähzorn, den er kürzlich ein ums andere Mal über Konfrontationen mit den Borg ausleben musste, stecken geblieben zu sein. Fast scheint es, als wäre er in einer Schleife gefangen, weist er doch ständig darauf hin, dass die Borg nun wirklich weg seien - und glaubt es vielleicht selbst nicht recht. Darin steckt Ironie, denn er wirkt, als würde sich Margaret Clark persönlich dafür rechtfertigen, die Borg bis zum Letzten ausgeschlachtet zu haben.

Eines tut "Losing the Peace" also ganz gewiss: Es führt die Storyline in direkter Weise fort, ist konsequent. Sogar ein paar der neuen Charaktere, die im bisherigen Relaunch nicht gerade glänzende Auftritte hatten, werden wieder aufgegriffen und erfüllen als kurzweilige Protagonisten ihre Funktion. Beverlys separate Mission, eine humanitäre Katastrophe auf Pacifica zu verhindern, bringt uns beispielsweise den bis dato eher antipathischen Zweiten Offizier Miranda Kadohata mit all ihren persönlichen Tücken näher. Zu erwähnen sind auch die überaus gelungenen Flashbacks von Beverly; sie zeigen, dass sie selbst nach Picards Bekenntnis zu ihr (siehe "Tod im Winter") und ihrem Entschluss, eine Familie zu gründen ("Greater Than the Sum"), weiterhin an ihren verstorbenen Mann denkt. Ebenso wird das, was sich hinter den Kulissen über den Typhon-Pakt (eine gegen die Föderation gerichtete Allianz zwischen Romulanern, Breen, Gorn, Tholianern und anderen Völkern) zusammenbraut, nebenher etwas thematisiert und orientiert sich an den Vorgaben, die "A Singular Destiny" macht. William Leisner lässt sich also nicht übel an. Aber dass man auf Dauer keine TNG-Geschichten über Flüchtlingscamps und Verheerung macht, liegt auch auf der Hand.

Da scheint es Editorin Clark gerade ins Zeug zu passen, dass das Portfolio der Trek-Books für 2010 sich größtenteils in Rattenschwanzerzählungen zu "Star Trek XI" und TOS ergießen wird, während die bisherigen, viel versprechenden Reihen ("Vanguard", "Titan", TNG, DS9, "Voyager", "Enterprise" etc.) beinahe alle zu einer Zwangspause verdonnert werden. Im Falle der Second Decade ist das vielleicht gar nicht so schlecht. Denn egal, wann der nächste Roman zum TNG-Sequel erscheinen wird: Man wird sich ernsthaft den Kopf zerbrechen müssen, wie nach dem Massenschlachten wieder ein wenig von dem genuinen "Star Trek"-Spirit eingefangen werden könnte. Sonst kann man direkt zum geistigen Original übergehen, das da heißt: "Battlestar Galactica".

Ich prophezeie also: Die kreative Pause für den TNG-Relaunch könnte ein Weilchen in Anspruch nehmen.

Fazit: "Losing the Peace" ist mit Sicherheit keine schlecht geschriebene Geschichte. Teilweise ist der Grad der Authentizität bei den Schilderungen der Flüchtlingscamps sogar bestechend. William Leisner macht keinen schlechten Job. Auch schafft er es als einer der wenigen TNG-Relaunch-Autoren, etwas Interesse für die neuen Charaktere zu generieren, die bislang meist auf der Strecke blieben. Das eigentliche Problem liegt mehr beim Storykonzept, das den Bogen mit den Borg und einer in Trümmern liegenden Föderation vielleicht etwas überspannt hat. Höchste Zeit, wirklich zu neuen Ufern aufzubrechen. Aber ob das einem so stark veränderten Jean-Luc Picard überhaupt noch gelingen kann? Möglicherweise ist es das erste Mal, dass der alte Quark ins Leere läuft, wenn er sagt: "The more things change, the more they stay the same."

2. Martin Weinrich

"Losing the Peace" heißt das Buch. Auf dem Cover ist eine zerstörte Stadt zu sehen, vor der ein entschlossener Worf und ein scheinbar ratloser Picard stehen. Der Klappentext verriet nur, dass Lieutenant Choudhury in dem Buch den Verlust ihrer Heimatwelt überwinden muss. Das Buch überrascht also auf ganzer Linie.

Action findet man hier fast keine. Es kommt zwar zu einem unbedeutenden Geplänkel zwischen der Enterprise und einem Ferengi-Räuber, sonst schweigen die Waffen jedoch die meiste Zeit. Stattdessen geht es um die Flüchtlingsproblematik in der Föderation. Die Sternenflotte hat enorm viele Schiffe im Kampf gegen die Borg verloren. Es ist also beinahe unmöglich, den Flüchtlingen Unterstützung zukommen zu lassen. Daher müssen die Planeten, zu denen sich die Flüchtlinge gerettet haben, selbst dafür sorgen, dass diese gut untergebracht sind und gut versorgt werden. Viele Planeten sind dafür aber nicht wirklich in der Lage und fühlen sich nun von der Föderation im Stich gelassen.

Streckenweise wird auch deutlich, dass die Föderationsbewohner Notsituationen gar nicht mehr wirklich kennen. Zwar sind die Flüchtlingslager mit Replikatoren und einer vernünftigen ärztlichen Unterstützung ausgestattet, doch für die Bewohner der Föderation ist das schon das reine Elend. Interessanterweise führt das dazu, dass die Gastplaneten auf einmal der Föderation außerordentlich kritisch gegenüberstehen.

Auch in der sehr positiv gezeichneten Zukunft von "Star Trek" brechen also noch schnell Ressentiments gegen zu viele Fremde aus. Eigentlich wartet man die ganze Zeit auf den Spruch "Das Boot ist voll.", der indirekt auch manchmal kommt. Deutlich wird auch, dass die direkt Beteiligten sich eher von Gefühlen als von Argumenten leiten lassen. So wird es für die Enterprise-Crew sehr schwer, die Leute zu beruhigen und für vernünftige Lösungen zu sorgen.

Dieses Thema reicht allerdings nicht ganz, um das Buch zu füllen. Die Haupthandlung auf Pacifica ist auch insgesamt nicht sonderlich inhaltsreich. Viele Kapitel werden darauf verwendet, die Konflikte zwischen den Flüchtlingen und den "Ureinwohnern" zu schildern.

Was das Buch dann aber besonders macht, ist die Harmonie der Charaktere. Wie in der Serie früher liegt in dem Buch eine Geschichte vor, die zwar zum Nachdenken anregen mag, aber nicht sonderlich spannend ist. Besonders wird das Ganze erst durch die Personen auf der Enterprise.

"Losing the Peace" sorgt dabei für einige schöne Szenen zwischen den Charakteren. So tauschen sich zum Beispiel Beverly und Kadohata über ihre Schwangerschaftserfahrungen aus. Dabei erinnert sich Beverly an den Tod ihres Mannes, während Kadohata Probleme mit ihrem (noch lebenden) Mann hat, der ihrer Sternenflottenkarriere kritisch gegenübersteht. Zum Ende hin wird das Problem dadurch gelöst, dass Kadohata sich in Zukunft um die Versorgung von Flüchtlingen kümmern möchte und dadurch flexibler wird. Schade ist dabei aber, dass die Enterprise dadurch einen sehr sympathischen Zweiten Offizier verliert.

Natürlich hat auch Sicherheitsoffizier Choudury Probleme, mit der Situation klar zu kommen. Picard hingegen muss in dem Buch erleben, wie seine Euphorie langsam weicht. Denn die Ereignisse zeigen ihm, dass es viel Engagement braucht, um die Föderation im Innern zu stabilisieren. Zum Ende hin erfährt er dann von dem Typhon Pact, der in "A Singular Destiny" entstanden ist. Das beunruhigt den Captain natürlich enorm.

Witzigerweise ist Picard im Finale an einer Entführung beteiligt, die zwar die Föderation stabilisiert, für die er aber auch kurzfristig suspendiert wird. Als die Admiräle ihren Fehler entdecken, bieten sie Picard ebenfalls an, Admiral zu werden, damit die Kommandostruktur gewahrt bleibt. Hier ist es einmal mehr unverständlich, warum die Führungsriege bei der Sternenflotte eigentlich so wahnsinnig beschränkt dargestellt wird. Picard hat die Föderation nun schon unzählige Male gerettet und sich als außerordentlich vernünftiger Captain bewährt. Warum wird ihm so schnell wieder das Vertrauen entzogen? Das ist einfach unsinnig.

Picard lehnt die Beförderung natürlich (dank Kirks Tipp in "Star Trek: Treffen der Generationen") ab. So bleibt er Captain der Enterprise, aber der Leser denkt sich auch, dass ein vernünftiger Admiral mal etwas erfrischend Neues gewesen wäre.

Fazit: "Losing the Peace" besticht durch gute Charakterszenen und eine nachdenkliche Story. Am Ende ist die Enterprise-Crew informiert über die Ereignisse in "A Singular Destiny". Es bleibt spannend, was nun passiert. Der Roman sorgt auf jeden Fall für ein sehr gutes Lesevergnügen.

"Losing the Peace" ist unter anderem bei Amazon.de erhältlich.

Bewertung

1. Julian Wangler
2. Martin Weinrich

Weitere Infos


Titel "Den Frieden verlieren"

Originaltitel "Losing the Peace"

Buchreihe TNG - The Second Decade

Autor William Leisner

Preis 12,80 Euro

Umfang 333 Seiten

Verlag Cross Cult

ISBN 3-9412-4866-9

(jw, wc - 08.04.11)


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