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Julian Wangler (jw), Thomas Götz (tg)21.07.08

"Ernte den Sturm"

David Mack

Inhalt

Keine Zeit zum Verschnaufen bei "Star Trek: Vanguard", denn das Rätsel um die Taurus-Ausdehnung geht in eine neue Runde. Dabei liegen hinter Sternenbasis 47 - Vorposten der Sternenflotte in der mysteriösen Raumregion, gelegen zwischen Klingonen und Tholianern - jüngst außerordentlich turbulente Monate.

Wir erinnern uns: Alles begann mit einer verhängnisvollen Desinformationskampagne, die nach der Zerstörung der U.S.S. Bombay einsetzte und wenigstens zutage führte, dass die Föderation mehr als nur explorative Interessen in der Taurus-Ausdehnung verfolgt. Es kam noch besser: Der eingeweihte Zirkel um Commodore Reyes witterte das vielseitige Potential, welches von einem fremdartigen, hoch entwickelten Metagenom ausgeht, das in der Ausdehnung fragmentarisch, erstmals auf Ravanar IV, später auf Erilon und Gamma Tauri IV gefunden wurde. Darüber schienen die Tholianer mehr zu wissen, als sie vorgaben, und die machthungrigen Klingonen wurden zusehends nervös. Ein Pulverfass entstand, das weit mehr als nur Säbelrasseln zwischen den politischen Blöcken verursachte. Das erst recht, als im Fortsetzungsband Rufe den Donner eine Rasse von Fremden, genannt die Shedai, durch die Arbeiten der Sternenflotte geweckt wurde und ungeahnte Verwüstungen anrichtete. Zudem stellte sich heraus, dass diese Spezies mit dem Metagenom auf rätselhafte Weise in Verbindung steht und vielleicht auch mit den Tholianern.

Jetzt wird die U.S.S. Sagittarius entsandt, um für Klarheit zu sorgen. Das Forschungsschiff soll eine Anomalie im Jinoteur-System untersuchen. Schon während der Konstruktionsphase von Vanguard wurden seltsame Trägerwellen aus dem System aufgefangen, und wegen der zurückliegenden Verwerfungen rechnet Reyes durchaus damit, dass die Shedai dahinter stecken. Ja, es könnte sogar sein, dass hier der Kern des ganzen Shedai-Rätsels verborgen liegt. Der Druck ist längst zu groß, um die Mission abzublasen, weil mittlerweile auch die Tholianer und Klingonen auf die Veränderungen in der stellaren Region aufmerksam geworden sind. Zudem widerfuhr gerade einem tholianischem Kreuzer ein fragwürdiges Unglück im Jinoteur-System, und klingonische Schiffe, die kurzerhand hinterher geschickt wurden, pulverisierte ein unbekanntes Artilleriesystem.

Mithilfe ihrer Spionin Sandesjo kriegt die klingonische Delegation um Botschafter Lugok spitz, dass die Sternenflotte ein Schiff nach Jinoteur schickt, und der Hohe Rat fasst den Entschluss, der Föderation nachzujagen. Währenddessen herrscht auf der tholianischen Heimatwelt Aufruhr. Nachdem die Shedai im zweiten Buch geweckt wurden, hören die Tholianer eine Stimme, die immerzu lauter wird. Immer mehr zeigt sich, dass die Tholianer von dem grässlichen Geheimnis der Taurus-Ausdehnung wussten - und es so sehr fürchten, dass sie seither versucht haben, es unaufgedeckt zu lassen. Das ist auch jetzt noch ihre Maxime; sie wollen verhindern, dass die Föderation oder die Klingonen in Jinoteur der Sache auf die Spur kommen.

Doch noch bevor die Sagittarius ihr Ziel erreicht, beginnen sich die Ereignisse aufs Neue zu überschlagen: Die Klingonen greifen unerwartet auf die menschliche Gamma-Tauri-IV-Kolonie über, weil sie vermuten, dass dort etwas Gehütetes vor sich geht. Geradezu paranoid geworden sind sie, nachdem viele klingonische Krieger durch einen Shedai getötet wurden. Da die Kolonie bislang Reyes' Initiative, ein Protektorat der Föderation zu werden, abgelehnt hat, fühlen sich die Klingonen bestärkt, die neutrale Niederlassung zu annektieren - und das dort gelagerte Artefakt in ihren Besitz zu bekommen.

Zwischenzeitlich trifft die Sagittarius im Jinoteur-System ein. Um dem Shedai-Artilleriesystem zu entgehen, benutzt sie ein bestimmtes Dämpfungsfeld. Lieutenant Xiong beamt zu Untersuchungszwecken an Bord des driftenden tholianischen Schiffes, findet dort aber niemanden vor. Kurz darauf geht etwas schief, und die Sagittarius wird beschossen. Captain Nassir sieht sich gezwungen, eine Notladung auf Jinoteur IV durchzuführen. Kaum ist diese halbwegs glimpflich überstanden, wird die Crew auf der Oberfläche von einem Naturphänomen, das die Shedai auf sie lenken, angegriffen. Ein harter Überlebenskampf beginnt, in dessen Verlauf ein Mannschaftsmitglied Opfer einer rätselhaften organischen Substanz wird.

Auf Vanguard hat Reyes bereits von dem Unglück des Forschungsschiffes erfahren und leitet Maßnahmen für eine Bergungsoperation ein. Dazu sieht er sich gezwungen, ein unheiliges Bündnis mit dem orionischen Gangsterboss Ganz einzugehen. Noch ahnt er nicht, dass am Ende des Jinoteur-Abenteuers die Frage mehr und nicht weniger werden sollen und dass er sich gezwungen sehen wird, die Gamma-Tauri-IV-Kolonie wegen eines dortigen Shedai-Erwachens aus dem Artefakt vernichten zu lassen...

Kritik

1.Julian Wangler

Immer mehr unheimliche Details über die Taurus-Region kommen ans Tageslicht, und so schickt Commodore Reyes die U.S.S. Sagittarius auf eine "Forschungsmission". Ist das ein Fehler?
Was zu vermuten war, bestätigt sich eindrucksvoll von der ersten bis zur letzten Seite des Buches: David Mack ist der Garant für eine getreue Fortsetzung der "Vanguard"-Reihe. Denn während "Rufe den Donner", geschrieben vom Tandem Ward-Dilmore, in vielen Teilen eine Art Intermezzo darstellte, nimmt der dritte Spross "Ernte den Sturm" wieder Kurs auf die Rahmenhandlung des Projekts. Um den Shedai-Plot rankt sich diesmal ausnahmslos die komplette Geschichte: Das ominöse Volk erwacht und wird immer bedrohlicher; Tholianer mühen sich um Spurenverwischung und Klingonen werden von machtpolitischer Entfesselung getrieben. Dazwischen liegt die Föderation mit Vanguard-Station, wo Diego Reyes um ein neuerliches Mal keine andere Wahl bleibt als auf Risiko zu spielen.

Das alles hört sich nicht nur atemlos und nervenaufreibend an - Mack bringt es in gewohnter Manier auch so herüber. Mithilfe seines charakteristischen Stils, der so etwas wie einen gesunden Minimalismus hochhält, gelingt es dem Autor, selbst die komplexesten Zusammenhänge sowie ein übergroßes Aufgebot an Gastrollen auf relativ wenigen Seiten verständlich abzuhandeln. Er konzentriert sich aufs Wesentliche für seine Geschichte. Ebendies verleiht auch dem dritten "Vanguard"-Roman eine explosive Kompaktheit, die gegenüber anderen Trekbook-Reihen ihresgleichen sucht und Mack zweifellos zu einem der gegenwärtigen Topautoren macht.

Auch beim Spannungsbogen bleibt er konsequent: Ohne an dieser Stelle Inhalte vorwegzunehmen, so lässt sich doch sagen, dass am Ende dieses Werks nichts mehr beim Alten bleibt und die Eskalation in der Taurus-Region großen Schritts fortschreitet. Die Shedai haben keine Skrupel, Tholianer als "Batterien" für ihre Weltuntergangsmaschinen zu verwenden; die Klingonen nähern sich einem Krieg mit der Föderation und Reyes geht für seine Geheimnisse sprichwörtlich über Leichen.

Bliebe noch zu fragen: Wie verhält es sich mit den Charakteren? Obwohl diesmal das persönliche Techtelmechtel eher im Hintergrund steht und die Protagonisten die Getriebenen der allgemeinen Handlung sind, faszinieren nach wie vor die zwischenmenschlichen Ambivalenzen. Bestes Beispiel hierfür sind Pennington und Quinn, die derweil eine Freundschaft verbindet, wobei allerdings in ihrem tiefsten Innern ein Geheimnis existiert, das die denkbar größte Feindschaft heraufbeschwören könnte. Ähnlich verhält es sich mit Reyes und Desai: Privat Liebende, öffentlich institutionelle Gegner. Jetzt hat Mack diesen Bogen auch bei T'Prynn und Sandesjo weiter gespannt, nachdem die vulkanische Agentin ihre heimliche Liebhaberin als klingonische Spionin entlarven konnte.

Überhaupt hält "Ernte den Sturm" für manch einen Hauptcharakter der Geschichte bittere Konsequenzen bereit: Doktor Fischer kommt T'Prynns gefälschter Gesundheitsakte auf die Spur; T'Prynn selbst belastet das Leben mit einem aufgezwungenen Katra immer mehr; die überführte Sandesjo muss über ihre zersplitterte Identität und Loyalität neu nachdenken; Reyes schließlich ist am Ende mehr als nur für den Tod seiner Exfrau verantwortlich und wird von Desai zu einem Prozess abgeführt, der seine komplette Zukunft als Offizier bestimmen könnte. Einzig der ansonsten so prädestinierte Pechvogel Quinn scheint ausnahmsweise mal Fortuna zu haben, denn T'Prynn entlässt ihn offen aus seiner Bringschuld.

Nebenbei gesagt: Ein besonderer Griff ist Mack gelungen, indem er Carol Marcus am Ende des Romans auftauchen lässt. Der Konnex zum künftigen Genesis-Projekt räumt allmählich mit einer weiteren offenen Frage im "Star Trek"-Universum auf und ist eine Canon-Verknüpfung der allerbesten Sorte. Man darf gespannt sein, was Mack an dieser Stelle in Zukunft für uns bereithält.

Nun zur Conclusio. Ganz gewiss haben wir es bei Ernte dem Sturm mit einem Werk zu tun, welches das durch den Vorgängerroman etwas abgefallene Qualitätsniveau der Reihe beträchtlich steigert. Mehr noch: Mack verfolgt konsequent all die Eigenschaften, die "Vanguard" zu einem außergewöhnlichen Stück "Star Trek" machen, das sich viel näher an der Realität befindet. Trotzdem kommt das Buch nicht mehr ganz an die verschachtelte Genialität von "Der Vorbote" heran. Dort war jeder Charakter nicht nur treffend etabliert worden, sondern hatte auch eine Rolle inne, die ihm wie auf den Leib geschnitten war. Die Verzahnung läuft in "Ernte den Sturm" nur noch in Bezug auf einen Teil der Protagonisten gut, und zudem gibt es eine Parallelität von Handlungsbögen, die nicht wirklich zusammengeführt werden. Auch ist die Seitenzahl für meinen Geschmack zu aufgebläht; man hätte an mancher Stelle - ich denke an Actionszenen - durchaus mehr zusammenfassen können. Dafür - das muss auch gesagt werden - ist der Sprachstil gut und wird niemals ermüdend oder unauthentisch.

Nichtsdestoweniger gilt uneingeschränkt, dass wir uns glücklich schätzen dürfen, ausgerechnet diese außergewöhnliche Reihe auf Deutsch genießen zu dürfen. David Mack ist zurück - und lässt uns einem neuen Höhepunkt der "Vanguard"-Reihe entgegenfiebern. "Ernte den Sturm" ist weit mehr als nur ausgeklügelter Nervenkitzel; hier geht es um das Verletzen, um Intrigen und all die Widersprüche des Lebens. "Star Trek" erstrahlt in neuem Glanz. Glass it (oder zu deutsch: Schmelzt den Laden ein!).

2.Thomas Götz

Der dritte "Vanguard"-Band liegt nun endlich auf Deutsch vor und zieht erneut alle Register, die man von gutem Trek erwarten kann.

So gibt es sehr schöne Charakterszenen, allen voran mit T'Prynn und Reyes, welche sich vor allem gegen Ende fragen müssen, ob das, was sie da tun, richtig ist. Es gibt genug Action - inklusive eines zerstörten Planetensystems - um auch dieses Gebiet abzudecken und, was ebenso wichtig ist für "Star Trek": Nicht alle Bösen sind wirklich Böse, denn auch unter den Shedai gibt es eine Fraktion, die den Menschen gerne helfen würde.

Man sieht also schon, genug Stoff für jede Menge Spannung und Verwicklungen - und genau das ist es, was dieser Roman auch zuhauf bietet und was ihn auszeichnet. Die Story um die Shedai und Tholianer wird dabei zu einem (vorläufigen) Ende gebracht - aber keine Sorge, es bleiben genug Fragen offen, um auch ein viertes Buch spannend gestalten zu können.

Nach all dieser Lobrederei stellt sich natürlich die Frage, gibt es auch Negatives zu sagen? Nun ja, zum Glück eigentlich eher wenig beziehungsweise eigentlich gar nichts, so dass man diese Rezension getrost so stehen lassen kann.

Stellt sich des Weiteren allerdings die Frage: Wie geht es in Deutschland nun mit den "Star Trek"-Romanen weiter? Vor allem: Geht es überhaupt weiter? Hoffentlich werden wir schnellstmöglich darüber aufgeklärt...

Fazit: Rundum lesenswert und eigentlich keine Schwächen.

Bewertung

1. Julian Wangler
2. Thomas Götz

Weitere Infos


Titel "Ernte den Sturm"

Originaltitel "Reap the Whirlwind"

Buchreihe Vanguard

Autor David Mack

Übersetzer Markus Rohde

Preis 12,80 Euro

Umfang 459 Seiten

Verlag Cross Cult

ISBN 3-9364-8093-1

(jw, tg - 28.12.09)


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