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Julian Wangler (jw)11.11.09

"Unworthy"

Kirsten Beyer

Inhalt

Die Voyager und die ihr zugeteilte Flotte stehen kurz davor, per experimentellem Slipstreamflug in den Delta-Quadranten zurückzukehren. Kleinere Interferenzen und Unwägbarkeiten verzögern den Aufbruch. Dies nutzen Chakotay und Seven, die letzte Gelegenheit zu ergreifen und doch noch an Bord zu kommen.

Nach dem Tod ihrer schwerkranken Tante Irene - letztes Hanson-Familienmitglied - hat Seven einen Schock erlitten. Fast wahnsinnig ist sie im Laufe der zurückliegenden Tage und Wochen geworden von der Stimme, die sie allenthalben hört, seit die Caeliar das Borg-Kollektiv absorbiert haben (siehe "Destiny"). Mithilfe von Chakotays Schwester gelingt es, Seven soweit zu stabilisieren, dass sie reisefähig ist. Chakotay weiß, dass sie jetzt keine Zeit verlieren dürfen: Sie müssen die Caeliar oder ihre Hinterlassenschaften auf der anderen Seite der Galaxis irgendwie finden und offen legen, was mit Seven geschieht.

Admiral Batiste und Captain Eden, die gemeinsam den Befehl über die Flotte und die Voyager führen, kommt es nicht ungelegen, als die Exborg um eine Mitfahrgelegenheit bittet, war es doch in ihrem ursprünglichen Interesse, sie als Expertin einzustellen. Nur Chakotays Wiederauftauchen sorgt für Verstimmungen bei den neuen Befehlshabern. Als er vehement insistiert, kein Interesse an einer Kommandoposition zu haben, sondern einzig und allein Sevens Wohl zuliebe hier sei, gibt man sich zufrieden.

B'Elanna ist indes mit einem modifizierten Shuttle im Zuge eines ziemlich holperigen Slipstreamtransfers in den Delta-Quadranten gelangt. Mit Tom, der am Ende des letzten Buches erfahren durfte, dass sie doch nicht tot ist, hat sie bereits abgesprochen, dass sie sich treffen werden, sobald die Voyager zurück ist in diesem entlegenen Teil des Alls. Nach den schlimmen Erfahrungen um die Krieger von Gre'thor sind Beide übereingekommen, dass Miral geschützt werden muss. Sie entschließen sich, nach ihrer Wiedervereinigung gemeinsam das Weite zu suchen und auf einem Planeten im Delta-Quadranten ein neues Leben ohne ständige Bedrohung zu beginnen.

Da Tom erst in mehreren Tagen eintrifft, muss B'Elanna ihre Wartezeit überbrücken. Da ihr Schiff ohnehin beschädigt wurde, entschließt sie sich, Neelix und seiner Familie auf New Talax einen Besuch abzustatten. Der einstige Bordkoch ist zwar völlig überrascht ob des Wiedersehens, aber wenig begeistert, als er kurz darauf von B'Elannas Plänen erfährt. Unwesentliche Zeit später erkrankt Miral schwer. Die rückständige Medizin der Talaxianer ist machlos - ihr Fieber steigt und steigt. B'Elanna bleibt nur, auf das rechtzeitige Eintreffen der Voyager zu setzen.

Sie verlässt New Talax und begibt sich mit dem Shuttle zu den Rendezvouskoordinaten. Plötzlich stößt sie auf ein Schiff, welches sich als ehemaliger Borgwürfel entpuppt. Der Raumer ist optisch verändert - und eröffnet kurzerhand das Feuer. Obgleich der Angriff nicht annähernd mit der Wucht früherer Tage verläuft, verhindert nur das rechtzeitige Eintreffen der Voyager und ihrer Flotte Schlimmeres. B'Elanna und Miral können gerettet werden. Die eigentliche Mission hat noch nicht begonnen, aber eine alte Familie ist unter neuen Vorzeichen wieder vereint.

Weitere Untersuchungen führen die Voyager bald zu der Erkenntnis, dass ein Volk namens Indign sich einer Reihe driftender Kuben bemächtigt hat, nachdem die Borg verschwunden sind. Da sie selbst eine kollektive Spezies sind, von Borg allerdings als assimilationsunwürdig eingestuft wurden, streben sie in einer Art Verklärung der Borg als perfekte Zivilisation nach nichts anderem, als in das kybernetische Kollektiv aufgenommen zu werden. Sie bringen Opfergaben anderer, auf ihrer Welt lebender Rassen dar, um erhört zu werden, und steigern sich in eine Art religiösen Rausch hinein.

Die Indign wissen nicht, dass die Borg nicht mehr existieren. Doch steht nichts Gutes zu befürchten, dass sie von ihrem Ziel ablassen, wenn sie über die Auslöschung des Kollektivs informiert werden. Stattdessen mehren sich die Anzeichen, sie könnten mit den Überresten der Borg zu experimentieren und versuchen, ihrerseits in die Fußstapfen der kybernetischen Ungeheuer zu treten, ein neues Kollektiv zu begründen.

Die Gefahr kommt aber nicht nur von außen: Mithilfe von B'Elanna stellt sich heraus, dass in den Antrieb der Voyager ein Protokoll eingebaut wurde, das im Slipstreammodus ein Fenster in den fluiden Raum der Spezies 8472 öffnen kann. Offenbar kalkuliert jemand damit, den Waffenstillstand mit dem rätselhaften Alienvolk zu brechen...

Kritik

Die Voyager ist zurück im Delta-Quadranten - und schlägt sich mit einem Volk herum, das nicht weiß, dass die Borg nicht mehr existieren...
Das war es also - das erste Abenteuer unter dem Motto "Back to the roots". Selbst, wenn "Kirsten Beyer" auf dem Cover steht: Der große Wurf ist irgendwie ausgeblieben. Das, was "Full Circle" einläutete, war ein Neuanfang für "Voyager"; ein richtiger Rundumschlag, angereichert mit Rückblenden und nicht immer ganz einfachen Aufarbeitungen einer ganzen Epik. "Unworthy" ist das Debüt jener groß angelegten, vielleicht mehrjährigen Mission, welche die Voyager in den Delta-Quadranten zurückführt. Indes: Das, was an großen Themenkreisen im Vorgängerroman skizziert wurde, kann durch "Unworthy" bestenfalls teilweise aufgelöst werden.

Überwiegend dreht sich die Geschichte um die Gefahr, die von den die Borg vergötternden Indign ausgeht sowie die Suche nach dem Saboteur des Slipstreamantriebs. In diesem nicht sonderlich originellen Arc kollidieren alte und neue Crewmitglieder miteinander, während manche der ersteren untereinander wieder warm werden müssen. Platz für Charakterentwicklung gibt es im Gegensatz zu "Full Circle" nur noch bedingt. Das ist vermutlich die größte Schwäche des vorliegenden Werks, dem hohen schriftstellerischen und empathischen Niveau Beyers zum Trotz.

Einen weiteren Reibungsverlust gibt es durch Figuren wie Batiste und Eden. Es ist ein wenig gewöhnungsbedürftig, dass sie eine so prominente Rolle in der Story einnehmen. Dahinter kommen viele der früheren Protagonisten kaum noch zur Geltung. Jenseits von B'Elanna, Chakotay und Seven reicht es nur für einen an den Haaren herbeigezogenen Konflikt zwischen Tom und Kim, der so schnell verpufft wie er aufgekommen ist. Die Erlebnisse des Doktors auf seinem Medizinschiff entlocken dem Leser nicht sehr viel mehr Adrenalin. Interessanter sind da die bereits angesprochenen Entfremdungserscheinungen der Serienhelden. Seven kommt sich ziemlich allein vor, und B'Elanna hat sich nach Jahren der Flucht vor religiösen Klingonen ebenfalls verändert.

Außer dem Eden-Charakter wird man mit der neuen Mannschaft noch nicht richtig warm - umso weniger, wenn sie zu kaum mehr zu taugen scheint, als die Rollen der Seriencharaktere schlicht zu überschreiben. Standen Batiste und der neue Voyager-Captain in "Full Circle" noch beide als Verschwörer da, wird letzterer in "Unworthy" ein handfester Imagewandel verpasst. Eden rehabilitiert Tom nach seiner kleinen Intrige, nimmt B'Elanna unter falschem Namen in die Crew auf und zeigt sich als Janeway nicht unwürdige Nachfolgerin. Das Problem, was dadurch entsteht, ist, dass die ohnehin nicht sehr spannende Geschichte darunter leidet: Relativ schnell wird ersichtlich, wer der letzte Bösewicht auf dem Schiff sein muss - und auf wessen Konto das Antriebsprotokoll geht. Natürlich ist der miesepetrige Admiral an allem schuld, der von Anfang an nicht richtig ins Bild passte und mit seltsamen Ansichten um sich warf.

Die Etablierung Edens ist auf der anderen Seite auch eine Enttäuschung für meine anfängliche Hoffnung, für Janeway würde doch irgendwie der Platz warm gehalten. Immerhin könnten Sternenflotten-Captains, wenn man sie schon sterben lässt, womöglich eines Tages von den Toten auferstehen. Stattdessen sieht es jetzt ganz danach aus, als würde die Voyager so bleiben, wie sie ist - und die fragmentierte Heldenschar aus der TV-Show nur noch ein Versatzstück in ihr. "Full Circle" war gut darin, eine Verheißung durch gekonnte Charakterstudien hochzuziehen: Die "Voyager"-Hauptdarsteller kehren diesmal - jeder aus einem eigenen Grund - freiwillig in die Ferne zurück, und diesmal wird alles ganz anders.

Diesen Weg schlägt "Unworthy" allerdings dezidiert nicht ein. Es ist alles viel unspektakulärer. Die Odyssee geht weiter - irgendwie. Notfalls eben unter einem neuen Captain, der am Ende des Buches gar nicht mal mehr so neu anmutet. Es zieht ein Abenteuer vorüber, in dem wir weder erfahren dürfen, was die Stimme in Sevens Kopf bedeutet noch irgendetwas Neues über die Caeliar bekannt wird oder für die Hauptfiguren wirklich neue Horizonte ersichtlich werden. Man könnte es auch anders nennen: Eine vertane Chance. Nach all der harten Arbeit in "Full Circle" zumal.

Fazit: Es war eine reelle Gefahr: dass "Full Circle" im bislang glücklosen "Voyager"-Relaunch eine Eintagsfliege bleiben würde. Dieser Fall ist nun eingetroffen. Zwar macht "Unworthy" summa summarum keine schlechte Figur, bleibt jedoch hinter wesentlichen Erwartungen zurück. Die Voyager ist unter neuen Vorzeichen wieder im Delta-Quadranten. Ja und? Die Revolution bleibt aus. Dafür droht das erzählerische Band zu vielen alten Protagonisten abzureißen, während sich neue, blassere Gestalten in den Vordergrund schieben. Überhaupt scheint es, als würde sich der alte Trott des Alien-of-the-week-Abenteuer erlebenden Schiffchens wieder einstellen. Spätestens das nächste Buch wird entscheiden, ob der "Voyager"-Relaunch die Chancen dauerhaft verschenkt, die ihm durch "Full Circle" an die Hand gegeben wurden. Weitergehen wird es aber frühestens 2011 - offenbar räumt Pocket Books "Voyager" keine Priorität (mehr) ein.

"Unworthy" ist unter anderem bei Amazon erhältlich.

Bewertung

Weitere Infos


Originaltitel "Unworthy"

Buchreihe VOY-Relaunch

Autor Kirsten Beyer

Preis 5,49 Euro

Umfang 370 Seiten

Verlag Simon & Schuster Pocket Books

ISBN 1-43910-398-4

(jw - 14.11.09)


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