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Martin Weinrich (wc)09.02.11

"Typhon Pact: Paths of Disharmony"

Dayton Ward

Vorbemerkung

"Paths of Disharmony" spielt in der zweiten Hälfte des Jahres 2382, mehr als ein Jahr nach den Geschehnissen in "Star Trek: Destiny".

Inhalt

Den Andorianern geht es schlecht. Während der Borg-Invasion wurde ihr Planet stark getroffen, viele Millionen Andorianer starben bei dem Angriff. Die Verluste bringen ein Problem deutlich zutage, das die Andorianer seit über hundert Jahren quält: Das Volk stirbt aus. Andorianer bekommen Kinder in einem komplizierten Prozess, der vier verschiedene Geschlechter beinhaltet. Fehlt ein Mitglied der "Bondgroup" bei dem komplizierten Vereinigungsprozess, passiert nichts.

Nun haben die Andorianer das Gefühl, von der Föderation im Stich gelassen worden zu sein und zwar sowohl während der Verteidigung gegen die Borg als auch bei der Lösung ihres Fortpflanzungsproblems. Um die Anti-Föderationsbestrebungen zu unterbinden, schickt die Präsidentin der Föderation die Enterprise nach Andor, um für Ordnung zu sorgen und um eine Konferenz zu unterstützen, die sich mit Möglichkeiten der genetischen Veränderung des andorianischen Fortpflanzungsmechanismus beschäftigen soll.

Doch auf Andor plant eine radikale Gruppe, die sich sowohl gegen die Föderation als auch gegen die genetische Veränderung der Andorianer wendet, eine Reihe von Aktionen mit dem Ziel, Andor aus der Föderation zu lösen ...

Kritik

Achtung, die Kritik enthält starke Spoiler auf den Verlauf der Story.

Auf einer diplomatischen Mission nach Andor werden Picard und die Crew der Enterprise-E Zeuge der schrecklichen Konsequenzen, die die Borg-Invasion auf dem Planeten verursacht hat.
"Paths of Disharmony" ist in zwei Weisen unbefriedigend. Erstens ist der Roman als Geschichte nicht unbedingt gelungen und zweitens zeigt der Roman, dass die "Typhon Pact"-Reihe denkbar schlecht konzipiert wurde. Aus Fairness-Gründen sollte man allerdings zunächst nur den Roman bewerten und ihn danach in Zusammenhang mit der Reihe setzen.

Die Enterprise fliegt nach Andor, um eine Konferenz zu sichern. Schön und gut, eine typische diplomatische Prestige-Mission. Der Leser weiß durch die Gespräche der Sternenflotten-Offiziere mit andorianischen Offiziellen, dass eine Bedrohung besteht. Die ersten 200 Seiten liest man allerdings nichts anderes als Sicherheitsvorbereitungen der Enterprise-Crew und die Angriffspläne der Terroristengruppe.

So wird einem nicht nur vieles doppelt erzählt, sondern jedwede Spannung wird im Kern abgewürgt. Denn während die Enterprise-Crew sich etwas ausdenkt, erfährt der Leser bereits, wie die Terroristen dagegen vorgehen. So ist es dann auch keine Überraschung, dass die Terroristen letztendlich erfolgreich sind. Diese Doppelerzählstruktur hätte man sich schenken können, und schon wäre der Roman ein deutliches Stück interessanter geworden, und der langatmige Einstieg wäre spannender geworden.

Der Drehpunkt des Romans ist das Auftauchen der Tholianer. Sie enthüllen, dass die Föderation seit über 100 Jahren eine mögliche Lösung für das Fortpflanzungsproblem hatte, nämlich das Meta-Genom aus der Taurus-Region, es aber nicht den Andorianern zur Verfügung gestellt hat. Die Tholianer geben außerdem zu erkennen, dass sie das Meta-Genom einer andorianischen Wissenschaftlerin zur Verfügung gestellt haben.

Ab hier wird die Story zwar spannend, aber auch endgültig unsinnig und ärgerlich. Denn auch hier wurde der Leser schon viel früher mit einem dicken Hinweis versehen. Gleich zu Beginn der Romans gibt es einen Hinweis darauf, dass die Wissenschaftlerin ihre Ergebnisse nicht selbst erarbeitet hat, sondern von einer mysteriösen und unbekannten Quelle bezogen hat. Selbst der einfältigste Leser kann sich da blitzschnell eins und eins zusammenzählen, und der tholianische Auftritt ist dann schon keine Überraschung mehr.

Zweitens ist die Verwendung des Meta-Genoms zwar eine interessante Sache, da damit die "Vanguard"-Serie in Kontext mit der "The Next Generation"-Zeit gesetzt wird; Sinn macht die Aktion aber nicht wirklich. Denn der Leser weiß noch nicht einmal über die Verbrechen, die die Föderation in der Taurus-Region begangen hat, schließlich ist die "Vanguard"-Serie ja noch gar nicht abgeschlossen. So werden hier zwar uralte Akten aus ihrem Versteck geholt, und es stellt sich heraus, dass die Föderation gar nicht mehr über das Meta-Genom Bescheid wusste, da es irgendwie mit dem Genesis-Projekt in Verbindung stand. Super, viele Andeutungen, keine Erklärungen. So wirkt die Verbindung mit dem Meta-Genom nur wie ein extrem konstruiertes Argument, um Zwietracht zwischen Andor und der Föderation zu sähen.

Drittens ist die Rhetorik der Föderationsgegner spätestens seit der Ankunft der Tholianer irrsinnig. Die beiden Forderungen der Terroristen sowie ihrer gemäßigten im Parlament vertretenen Abgeordneten waren ja, dass die Föderation sich zurückzieht und die Genforschungen eingestellt werden. Jetzt bietet jemand Hilfe bei der Genforschung an, und auf einmal sind dieselben von den Tholianern begeistert. Insofern ist die Hinwendung Andors Richtung Typhon-Pakt sehr merkwürdig. Stattdessen hätte sich Andor bemühen müssen, "blockfrei" zu werden. Der Roman wird also durch die Ankunft der Tholianer spannender, aber nicht unbedingt besser.

Im Verlauf gelingt es Picard und der Enterprise-Crew die Pläne der Terroristengruppe in letzter Sekunde zu vereiteln. Nützen tut das trotzdem nicht. Das Parlament Andors entscheidet sich, die Föderation zu verlassen und beginnt mit dem Typhon-Pakt zu verhandeln. Der Knaller wird in den letzten vier Kapiteln enthüllt und kommt nach all dem Einsatz der Enterprise-Crew doch etwas überraschend. Der Roman endet also mit einem großen Sieg für den Typhon-Pakt und dem Verlust eines Gründungsmitglieds für die Föderation. Der regelmäßige Hinweis darauf, dass die Entscheidung gegen die Föderation extrem knapp war, macht das auch nicht besser. Auch die große Enttäuschung der Andorianer darüber, dass die Föderation die Genetikergebnisse verborgen hat, ist unverständlich, schließlich waren die Forschungsergebnis ja selbst der Präsidentin unbekannt.

Man muss allerdings erwähnen, dass Dayton Ward sich wenigstens bei der Darstellung der Enterprise-Crew viel Mühe gibt. Leider übertreibt er es damit beinahe ein bisschen. Denn in diesem Roman werden unglaubliche vier Beziehungen vertieft. Picards und Crushers Eheleben ist ja aus den vorherigen Romanen bekannt, Worfs Liason mit der neuen Sicherheitsoffizierin auch. Neu hinzu kommen jetzt LaForges Beziehung mit der zweiten Ärztin an Bord und Chens Beziehung mit einem Vulkanier aus der Ingenieursabteilung. Es wirkt beinahe so, als versuche Dayton Ward dem Verhängnis auf Andor ganz besonders viel Liebe auf der Enterprise gegenüberzustellen, was etwas überzogen wirkt.

Zu allem Überfluss wird auch noch angedeutet, dass Picard demnächst sesshaft werden möchte, da er um sein Kind fürchtet. Damit wäre neben "Deep Space Nine" auch der "The Next Generation"-Relaunch de facto am Ende, schließlich wären dann von den bekannten Charakteren nur noch Worf und LaForge auf der Enterprise. Und bei aller Liebe zu den beiden, dürften die zwei dann doch nicht allein in der Lage dazu sein, eine Geschichte zu stemmen.

Mühe gibt sich der Autor auch bei der Schilderung der politischen Vorgänge. Er erwähnt Parteien auf Andor und politische Institutionen. Das ist sehr gut, schließlich wird das bei "Star Trek" häufig einfach ignoriert. Leider bleiben die Beschreibungen extrem platt und stereotyp. Auch dass er ständig von "Ally" im Verhältnis zu der Föderation redet, ist komisch. Schließlich ist Andor ein Mitglied der Föderation, da redet man nicht von Verbündeten. Die Föderation ist kein Verbündeter Andors, sondern Andor ist ein Stück Föderation, die Verbündeten sind die anderen Völker. Obwohl der Autor das hier gut meint, versagt er in der Wortwahl.

Insgesamt macht der Roman so den Eindruck, als wolle er gar nicht besonders viel Spannung aufbauen. Dadurch, dass der Leser vor jeder Aktion der Gegenseite immer schon vorgewarnt ist, liest man eigentlich nur ungläubig und beinahe etwas gelangweilt mit, wie die Föderation in ihr Unheil schliddert. Der Sinn des Ganzen ist nicht klar. "Paths of Disharmony" ist der Abschluss der "Typhon Pact"-Reihe. Was ist jetzt also das Fazit der vier Romane? Dass sich die Föderation langsam auflöst?

Hier kommt man zu dem Punkt, wo man sich die ganze Reihe angucken muss. "Paths of Disharmony" wäre ein besseres Buch, wenn es das zweite von vieren wäre.

"Zero Sum Game" und "Seize the Fire" haben sich beinahe ausschließlich mit dem Erforschen bisher beinahe unbekannter Zivilisationen beschäftigt. So wurden einem auf recht unterhaltsame Weise die Breen und die Gorn vorgestellt.

"Rough Beasts of Empire" verließ diesen Weg, sprang in der Handlung wieder ein Jahr zurück, ohne das zu vermerken ("Paths of Disharmony" verzichtet übrigens auch auf Zeitangaben), und schilderte die Vereinigung der beiden romulanischen Imperien, tendenziell eine Niederlage für die Föderation. Den Abschluss bildet jetzt "Paths of Disharmony".

Die vier Romane bilden keine Einheit, sie hätten auch prima als Einzelromane ihrer Serien laufen können. Dann wäre auch deutlicher geworden, dass die Reihe nebenbei noch den bisher in weiten Teilen gelungenen "Deep Space Nine"-Relaunch zerstört (wo "Paths of Disharmony" übrigens auch eine Rolle spielt, weil Shar jetzt endgültig auf Andor geblieben ist und nicht mehr an Prynn denkt).

So fragt sich der Leser nach der Lektüre der Reihe, was das alles sollte; zumal noch nicht einmal eine Fortsetzung angekündigt wurde. Zwei Völkererforschungsromane und zwei "Die Föderation bekommt in den letzten vier Kapiteln etwas auf die Mütze"-Romane. Ursprünglich sollte die Reihe wohl mal sechs Romane umfassen. In diesem Fall hätte man die ersten zwei Romane auch noch weglassen können, obwohl sie ganz gute, aber nicht überragende Geschichten erzählt haben. Stattdessen hätte man an "Paths of Disharmony" noch zwei Romane setzen sollen, in denen die Föderation zum Schluss ein wenig in die Offensive kommt. So bleibt nur durchschnittlicher, unverbundener und vor allem unbefriedigender Brei übrig.

Paths of Disharmony" bringt viel in Bewegung - in den letzten vier Kapiteln. Bis dahin ist es ein zäher, sich teilweise selbst im Weg stehender Roman, der sich oft nur gut lesen lässt, weil man sich freut, dass es mit "The Next Generation" endlich mal wieder weitergeht. Und selbst das Ende ist unbefriedigend, weil nicht klar ist, was die Aktion bezwecken sollte. Setzt man den Roman dann noch in Verbindung mit der kompletten "Typhon Pact"-Reihe, ist die Enttäuschung endgültig komplett. Es mag sein, dass "Paths of Disharmony" ein wichtiges und durchschnittliches Buch gewesen wäre, wenn es für sich alleine stünde. Aber im Kontext mit der vierbändigen Reihe wird einfach deutlich, dass Konzept und Inhalt nicht wirklich stimmten und dass man zwei verschiedene Konzepte verfolgt hat. Hier hätte man sich für eins entscheiden müssen.

"Paths of Disharmony" ist ein Roman, in dem die Enterprise-Crew nie wirklich in die Offensive gehen kann. Stattdessen liest der Leser beinahe ohnmächtig, wie die Föderation ins Verderben schliddert. Dies ist ein guter Zustand für die Mitte einer Reihe, nicht für das Ende. Positiv zu vermerken ist, dass der Autor Verbindungen zu Handlungssträngen aus dem "Deep Space Nine"-Relaunch (Fortpflanzungsproblem) und aus "Vanguard" (Meta-Genom) zieht. Beides ist jedoch nicht wirklich zufriedenstellend.

Fazit: Insgesamt ist das Problem bei "Paths of Disharmony", dass man sich die ersten 200 Seiten langweilt und dann, wenn der Roman anfängt spannend zu werden, zwar etwas mitgerissen wird, aber sich schon während des Lesens über die Handlung ärgert. Das ist während des Lesens nicht gut und im Nachhinein wirklich ärgerlich. Das ist schade, denn aus der "Typhon Pact"-Reihe hätte man eine Reihe spannender Politik-Thriller machen können, die ohne einen Übergegner wie die Borg auskommen und trotzdem genauso spannend sind wie "Destiny". Diese Chance hat man verpasst.

Sie können "Paths of Disharmony" unter anderem bei Amazon erwerben.

Bewertung

Weitere Infos


Originaltitel "Typhon Pact: Paths of Disharmony"

Buchreihe Post-'Nemesis'

Autor Dayton Ward

Preis 6,00 Euro

Umfang 304 Seiten

Verlag Simon & Schuster Pocket Books

ISBN 143916083X

(wc - 14.06.11)


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