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Christian Loges (cl)10.12.14

Der auf den Spuren von "2001" wandelt

Eine Filmkritik zu Christopher Nolans "Interstellar"

Nach dem Abschluss seiner "Batman"-Trilogie mit "The Dark Knight Rises" vor zwei Jahren hat Christopher Nolan die Welt der Superhelden vorerst hinter sich gelassen und sich stattdessen dem Weltall zugewandt. Interstellar heißt sein neues Werk, das seit dem 6. November 2014 in den deutschen Kinos läuft. Und wenngleich es auf den ersten Blick eine Space Opera ist, die uns der Regisseur, der zusammen mit seinem Bruder Jonathan auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, da offeriert, so steckt doch deutlich mehr in diesem Film. Wesentlich mehr sogar.

In "Interstellar" steht die Menschheit kurz vor dem Aussterben, denn Klimawandel und Umweltstörung sind in einer katastrophalen Nahrungsknappheit gemündet. In dieser Situation verfällt man auf den Plan, ein Raumschiff in ein anderes Sternensystem zu schicken, wo bewohnbare Planeten und Rohstoffe vermutet werden. Der Wissenschaftler Brand (Michael Caine) hat lange an dieser Mission gearbeitet, und der ehemalige NASA-Pilot Cooper (Matthew McConaughey) sowie Brands Tochter Amelia (Anne Hathaway) sollen sie nun mit zwei weiteren Astronauten ausführen. Es ist eine Reise, von der niemand weiß, wie sie ausgehen wird, denn Wurmlöcher sind nahezu unerforscht. Wird die Crew zurückkehren? Und wird sie dann gefunden haben, worauf die Menschen auf der Erde hoffen?

 
 

Wenngleich "Interstellar" ohne Zweifel eine Space Opera ist, bei der von den Machern astronomische, astrophysikalische und raumfahrttechnische Aspekte so akkurat wie nur irgend möglich in die Handlung integriert wurden, so gibt sich Nolan damit nicht zufrieden.


Wie bereits vorher so von ihm praktiziert, hüllte sich Christopher Nolan auch dieses Mal weitgehend in Schweigen, wenn im Vorfeld die Rede auf den Plot seines neuesten Filmes kam. Und nachdem man sich Interstellar angeschaut hat, kann man nachvollziehen, warum der Regisseur diese Strategie fuhr. Denn auf die Handlung näher einzugehen, hieße, den Film nachzuerzählen. "Interstellar" hat keine Geschichte, die sich in knappen Worten wiedergeben ließe, sondern kommt vielmehr als eine cineastische Herausforderung an den Horizont des Publikums daher. Wer als Kinogänger gerne kategorisiert, wird auf eine harte Probe gestellt. Denn wenngleich Interstellar ohne Zweifel eine Space Opera ist, bei der von den Machern astronomische, astrophysikalische und raumfahrttechnische Aspekte so akkurat wie nur irgend möglich in die Handlung integriert wurden, so gibt sich Nolan damit nicht zufrieden. Er will mehr, und deshalb hat er es auch nicht eilig damit, den Plot zu entfalten.

Dabei gilt seine Aufmerksamkeit zunächst der Ausgangssituation auf der Erde, der zentralen Figur Cooper und dessen Familie, deren Leben der aufmerksam ausleuchtet, ohne dabei auf Klischees zurückgreifen zu müssen. Auf diese Weise liefert Nolan die Motivation für den Protagonisten und legt zugleich Fährten, auf die er sehr viel später wieder zurückgreift. Der Film kommt dann in Fahrt, und der aufgespannte Handlungsbogen hält nicht nur eine ganze Reihe von zu umschiffenden Klippen für die Akteure parat, sondern einen als Zuschauer auch bei der Stange. Satte 169 Minuten werden am Ende vergangen sein, wenn die letzten Zeilen des Abspanns über die Leinwand gegangen sind, doch Langeweile kommt zu keinem Zeitpunkt auf. Entweder geht es nämlich sehr dramatisch zu, sehr emotional oder beides gleichzeitig.

Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain und Michael Caine in den Hauptrollen gelingt es sehr gut, alle Facetten der Charaktere und damit auch die Handlung des Films glaubwürdig zu transportieren. Nolan liebt seine Charaktere und darum lässt er es nicht zu, dass sie von den Spezialeffekten in die zweite Reihe gedrängt werden. Dabei müssen diese sich absolut nicht verstecken, ganz im Gegenteil: Was Kip Thorne − Wissenschaftler, Berater und einer der ausführenden Produzenten − an Erkenntnissen über das All in die Geschichte eingebracht hat, wurde von der Special-Effects-Abteilung wirklich hervorragend umgesetzt. Manches hat man in dieser Form bislang noch nicht auf der Leinwand gesehen, und der Weltraum kann in "Interstellar" in der Tat seine Schönheit und Magie entfalten. In hartem Kontrast dazu wird unsere Erde dargestellt, ein Planet, der am Ende ist, weil wir Menschen ihn dorthin gebracht haben. Daraus erwächst ein interessantes Spannungsfeld, denn obwohl Nolans Film Züge eine Dystopie trägt, ist er gleichzeitig ein Plädoyer für Durchhaltewillen, Optimismus, Forscherdrang und irgendwo auch für den Glauben an die Möglichkeiten der Wissenschaft und das Vertrauen in die Ingenieurskunst. Wenngleich er eindringlich vor Augen führt, dass die negativen Seiten des Menschen sogar zu dessen Aussterben führen können, zeigt er auch, was möglich ist, wenn sich der Homo Sapiens auf seine positiven Wesenszüge besinnt. Nolan glaubt an die Menschheit, weshalb er im Unterschied zu Kubrick in "2001" für seinen Film keine Außerirdischen oder irgendeine Form von metaphysischer Entität bemüht.

 
 

Wie Kubrik, so ist jedoch auch Nolan der Ansicht, dass Technologie allein die Menschheit nicht retten kann.


Damit ist jener Name gefallen, der im Rahmen einer Besprechung dieses Films einfach fallen muss, denn in der Tat ist "Interstellar" Nolans "2001". In der Bildsprache, dem Soundtrack von Hans Zimmer und in einer ganzen Reihe von Details verweist "Interstellar" auf Kubricks unbestrittenen SF-Klassiker, ohne jedoch diesen zu imitieren. Er teilt dessen Verbeugung vor der Majestät des Weltraums, bewahrt jedoch seine Eigenständigkeit dadurch, dass er den Menschen nicht als eingepfercht im Korsett einer sterilen Technologie zeichnet, sondern als ein ums Überleben kämpfendes Wesen, das sich der Technik bedient, um das scheinbar Unausweichliche oder noch abzuwenden. Wie Kubrik, so ist jedoch auch Nolan der Ansicht, dass Technologie allein die Menschheit nicht retten kann.

Interstellar hat durchaus das Potenzial, das Publikum zu spalten. Der Film ist nicht nur wegen seiner Laufzeit kein Werk, das man einfach mal so nebenbei anschauen kann. Man kann dies tun, doch wer so verfährt, wird nicht zufrieden sein, weil Nolan nämlich nichts davon hält, alle 15 Minuten eine knackige Actionszene einzubauen, nur um Teile der Zuschauer bei Laune zu halten. Man muss sich auf diesen Film einlassen, ihn auf sich wirken und in sich nachschwingen lassen. Dann entfaltet er seine ganze Kraft. Solche Filme sind selten geworden, weshalb es umso schöner ist, dass es gerade das Genre der Science-Fiction ist, das zeigt, dass so etwas heute aber immer noch möglich ist. Die SF kann eben mehr, als viele ihr zutrauen. Interstellar ist ein Science-Fiction-Film für Menschen, die sich nicht von einer intellektuellen Herausforderung abschrecken lassen und gerne auch noch nach dem Verlassen des Kinos über das nachdenken, was soeben gesehen haben. Wer sich von dieser Aussicht nicht abschrecken lässt, sollte ein Ticket für den Trip durch das Wurmloch unbedingt buchen.

(cl - 10.12.14)


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