Lorenz Ulrich (ulr)
01.04.01
Perspektiven
Über die Gerüchteküche
"Aus dem traurigen Leben des TZN-Chefredakteurs", so könnten die heutigen "Perspektiven" genannt werden. Tatsächlich komme ich mir als eigentlich recht gut informierte Person recht komisch vor, wenn ich über "Serie Fünf" ausgequetscht werde. Und so erging es mir dann eben auch gestern wieder, als ich relativ kurz vor Mitternacht nach einer Einschätzung der ganzen "Serie Fünf"-Gerüchte gebeten wurde. Denn eine Antwort darauf ist nicht gut zu geben.
Früher war das Leben einfach. Ein Konzept herauspicken und eine Kolumne darüber schreiben. So kamen nach und nach "Birth of the Federation", "Starfleet Academy", "Excelsior" und "Alpha Squad" unter die Räder und man musste nie ein abschliessendes Fazit über die Serie geben, da ja das Konzept offiziell noch nicht feststand. Mit der Gerüchtelawine der letzten Woche änderte dies aber schlagartig.
Es begann mit dem Gerücht, dass nun das "Birth of the Federation"-Konzept den Zuschlag erhalten haben solle. Vorsichtig wurde aber erwähnt, dass es nach wie vor ein unbestätigtes Gerücht handle. Dies liess natürlich den Spielraum für die Fans, um zu diskutieren. "Birth of the Federation" kam in wenigen Umfragen und Diskursen in den Foren gut weg, die meiste Ablehnung fand wohl die Tatsache, dass die "coole" Technik des 24. Jahrhunderts einer Vor-Classic-Zeit weichen müsste.
Das spätere Gerücht setzte die Serie plötzlich in eine Zeit weit nach "Voyager". Das fünfundzwanzigste oder gar sechsundzwanzigste Jahrhundert solle nun an der Reihe sein. Plötzlich war wieder alles offen.
Der grösste Aufschrei ging aber durchs Fandom, als TrekToday eine Castingliste veröffentlichte. Alle übernahmen die Meldung von TrekToday, wiesen darauf hin, dass alles inoffiziell sei (kennen wir das nicht schon?) und selbst CNN wusste an der Meldung Freude zu haben. Dann folgten die Kommentare darauf, so auch in der Trek BBS des TrekZone Network: "Grotesker Spoilerwahnsinn." - "Was sagt ein eingescanntes Fax im Zeitalter digitaler Bildbearbeitung aus?" - "Die Charaktere sind absolut platt." Oder die andere Seite: "Die Casting-Liste passt zu den Aussagen von Rick Berman." - "Eine Casting-Liste sagt nicht viel über die Qualität der Charaktere aus, sondern dient dazu, Fehlbesetzungen zu vermeiden."
Geradezu absurd wurde es aber, als Wunschbilder von Fans als Casting Shoots dargestellt wurden und so plötzlich Daljit Dhaliwal die Rolle der T'Pau spielen sollte. Auf weitere Bilder wartet die Welt nach wie vor, weitere haben wir auch schon gesehen: Scott Bakula als Captain Archer? Seine Casting-Agentur zumindest weiss von nichts!?
Was ich bisher aussen vor gelassen habe, war eine Wertung der ganzen Gerüchtesammlung. Ich persönlich halte die Casting-Liste, welche veröffentlicht wurde, nicht für allzu abwegig. Rick Berman sprach von sieben Hauptdarstellern - zwei Aliens und fünf Menschen - eine Bestätigung der Casting-Liste. Die Veröffentlichung des Casting-Faxes bei Section31.com und TrekToday - anscheinend unabhängig voneinander - zeigt zumindest, dass es ein gut organisierter Scherz wäre und kein billiges Gerücht.
Tatsächlich wirkt die Casting-Liste nicht gerade wie die Konzeption einer hochstehenden Serie, aber versuchen Sie einmal, sich selbst in zwei Sätzen zu beschreiben. Ich jedenfalls habe meine Mühe damit. Zum selben Thema zitiere ich auch gerne TZN-Mitarbeiter Birger Höper: "So eine kurze Zusammenfassung des Charakters dient doch nur dazu, völlige Fehlbesetzungen zu vermeiden - oder könntet ihr euch vorstellen, dass Dustin Hoffmann den nächsten Terminator spielen würde, auch wenn er in die Beschreibung eines ‚eher kleineren, ca. 50-60 Jahre alten Mannes' passen würde? Nein, anhand dieser Casting List kann man noch absolut keine Aussage über die Qualität der Charaktere machen."
Die letzte Frage, die sich noch stellt: Ist die Furcht für einer Vor-Classic-Serie berechtigt? An dieser Stelle sollte meiner Meinung nach etwas toleranter verfahren werden. Dass wir in einer Vor-Classic-Serie wieder eine Bildqualität und Knöpfe wie auf der Enterprise haben, ist im Zeitalter von Touch- und Flat Screens kaum denkbar, und es wäre doch gerade einmal interessant, die Vorstellungen einer näheren Zukunft zu sehen, welche die Herren Berman und Braga haben. Gleichzeitig hätte man die Chance, das aktuelle Trek-Universum, welches durch die Herren Braga und Fuller mit Voyager von Alpha bis Omega durchgekaut wurde, ruhen zu lassen, denn Vieles ist nicht mehr übrig: Vor den Borg fürchtet sich niemand mehr, Spezies 8472 sind die Lieben und ehemals bedrohten. Die Klingonen haben dank "Deep Space Nine" eine glaubwürdige Entwicklung durchgemacht, die Romulaner sollen in "Star Trek X" behandelt werden. Die Vulkanier kennt jeder, die Breen inzwischen auch (wenn auch nur mit Maske).
Abschliessendes Fazit: Hätte man bei Trek eine fünfte Serie produzieren wollen, welche an Voyager anknüpft, hätte die Verschwendungswirtschaft vom ehemaligen Voyager-Produzenten Brannon Braga schon vor einigen Jahren gestoppt werden sollen. Und für alle diejenigen, die bei "Birth of the Federation" das Futuristische vermissen: Das Teilgerücht, dass bei "Birth of the Federation" auch ein Bösewicht aus dem 29. Jahrhundert vorkommt, ist noch nicht widerlegt worden.
Meine Meinung zur "Serie Fünf"? Die Föderation wurde gerade erst geboren.
(ulr - 01.04.01)