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Christopher Kurtz (ck)01.05.06

Frohlocken ob eines Super-GAUs

Oder: Die kleine Chance auf einen großen Film

Die Erde. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die ersten Abenteuer der Kadetten Kirk und Spock. Ihre Mission: Erneut Geld und guten Ruf aufs Spiel zu setzen und mutig die Storys zu erleben, bei deren Vorstellung Trekker seit 20 Jahren Heulen und Zähneklappern ereilt (Special Thanks and Credits to Roland Koch).

Die Überschrift meiner diesmaligen Kolumne lässt schon erahnen, welchen voreilig gewählten Stempel ich diesem Projekt aufzudrücken gedenke. Das jedenfalls ist die konzeptionelle Kurzbeschreibung, die dieses Abenteuer verdient.

Also, Sarkasmus beiseite, blicken wir mal realistisch auf die wenigen Informationsfetzen, die wir bisher haben. Paramount ist im Moment in einer Phase der Verunsicherung, wie es scheint. Es braucht plötzlich wieder die Namen von starken Größen. Dieses Jahr "Mission: Impossible 3", in den folgenden Remakes von Klassikern wie "When Worlds Collide", und bis 2008 also auch wieder "Star Trek". Die letzten Veröffentlichungen von Trek-Filmen kamen zur Weihnachtszeit, daher ist wohl anzunehmen, dass die lange kreative Pause, die man sich gönnen wollte, nach gut drei Jahren "on-screen" und schon nach zwei Jahren "off-screen" beendet sein wird.

Ist der Neue auch der Richtige?

Nicht mehr dabei: Rick Berman

Fangen wir mit den guten Neuigkeiten an: Rick Berman ist raus. Anstelle seiner wird J.J. Abrams genannt. Der bringt mit der erfolgreichen Schöpfung von "Alias" und "Lost" einige überzeugende Serienpfunde mit. Rein "zufällig" hat er auch gerade "Mission: Impossible 3" für Paramount als seinen ersten Kinofilm fertig gestellt. Offenbar wusste er durch seine Arbeit mit Tom Cruise zu überzeugen.

Was mir persönlich spontan Zweifel aufgab, war die Nennung von "Armageddon" als eines seiner Kinder. Zu sehr schallt mir noch das "Gladiator"-Lob bei der Bekanntgabe von John Logan als "Nemesis"-Autor in den Ohren. "Armageddon", genau wie "Gladiator", war ein glücklicher Blockbuster, der davon profitierte, dass trotz eines an und für sich schwachen Skripts alles andere am entsprechenden Film in sich fabelhaft stimmig war. Ein solches Glück hat man selten, und ich befürchte fast, dass Russell Crowe nicht den jungen Kirk spielen wird.

Richtig unerfreulich hingegen empfinde ich die Ernennung der Schöpfer von "Die Insel" in das Autoren-Team. Hierbei handelt es sich meiner Meinung nach um einen Film, der in nahezu perfekter Analogie zu "Nemesis" sein zweifelhaft herausragendes Potenzial auf unnötig triviale Weise verspielt hat. Da glaube ich, ist Abrams ein deutlich fähigerer Mann. Nur im Kontext mit "Star Trek" höre ich den Namen das erste Mal, anders als zum Beispiel J. Michael Straczynski, ebenfalls ein fähiger und bekannter Kollege ("Babylon 5"), der schon vor einem Jahr Interesse an der Auferweckung des Franchises bekundet hatte. Hoffentlich hat sich Paramount nicht wieder einen Stuart Baird eingehandelt, denn diesmal stehen keine 150 Stunden Vorgeschichte zur Verfügung, die einen sicheren Rahmen liefern.

Problem: Prequel

Damit sind wir direkt mitten in den praktischen Problemen dieser Produktion, die ein Prequel wird. Die wirklich guten und wichtigen Leute, die über die letzten 18 Jahre das Franchise begleitet haben, sind inzwischen anderen Ortes. "Star Trek: Online", "24" und "Battlestar Galactica" haben im Wesentlichen die kreativsten und wichtigsten Eckpfeiler der bisherigen Produktionen aufgenommen. Besonders Michael Okuda oder Manny Coto werden fehlen, wenn es darum geht, diesem Projekt die Akzeptanz zu verschaffen, die es in den nächsten zwei Jahren bei den Fans erwerben muss.

Bisher hat jede einzelne Umfrage zu dem Thema ergeben, dass die Fan-Basis nach Neuigkeiten aus dem späten 24. Jahrhundert giert. In anderen Umfragen in den Nachwehen von "Nemesis" wurde immer wieder auch die Akademie-Idee als das schlechteste Konzept von allen beurteilt (dicht gefolgt von dem "Enterprise"-Sequel in den Romulanischen Kriegen). Die Promotion und die Realisation wird ein Kampf gegen Windmühlen sein.

Unabhängig davon, ob diese Befürchtungen mit Blick auf einen guten Film gerechtfertigt sind, höre ich schon jetzt George Takei schreien, wie scheußlich unkameradschaftlich und seelenlos der neue Kirk sei, und vor 40 Jahren sei sowieso alles viel besser gewesen. Aber auch die ganz harten Ur-Trekker werden sich um eine Ikone betrogen fühlen, die unnötig erneut kommerzialisiert wird. Und die breite Basis der Trekker, die dem 24. Jahrhundert zugetan sind, werden sich sehr bemühen müssen, Interesse an dem Treiben in der tiefen künftigen Vergangenheit zu finden.

Ein kurzsichtiges Konzept?

Das Projekt steht unabhängig von der Qualität des Endproduktes unter keinem guten Stern. Bei Paramount wäre es vernünftiger gewesen, den Input aus der Fan-Basis aufzunehmen und nach vorne zu schauen. Das "Star Trek: Academy"-Projekt ist auch bei Erfolg eine Sackgasse. Der Story-Faden kann nicht beliebig fortgesetzt werden. Nach der Graduierung bekämen wir einen Helden namens Lieutenant Kirk zu sehen, der − was tut? Mit Blick auf die aktuellen Äußerungen von Patrick Stewart wäre es ja nun weiß Gott nicht abwegig, der "Next Generation" nach "Nemesis" noch einen würdigen Abschluss zu verpassen. Mehr noch, bei geschickter Platzierung könnte man damit auch noch den Start von "Star Trek: Online" unterstützen und dessen Story ein vernünftiges Fundament verschaffen.

Was könnte ein Prequel ersetzen?

Was also ist zu tun? Solange noch kein Geld für Konzeption, Drehbuch und Casting ausgegeben wurde, ist das Projekt noch sehr anfällig für Veränderungen. Was mir allerdings zu denken gibt, ist, dass StarTrek.com in der Regel wirklich nur "harte" Fakten berichtet. Von daher ist dieses Vorhaben schon bedeutend ernster zu nehmen als das Berman/Jendresen-Projekt. Vielleicht ist Paramount ja dennoch dazu zu überreden, das Geld eher in die ferne Zukunft zu investieren statt in deren Vergangenheit.

Allerdings hat das Projekt für Paramount einen gewissen finanziellen Charme: Das Budget kann bedeutend kleiner angesetzt werden als bei einem TNG-Film, weil Stewarts, Frakes' und Spiners Gagen wegfallen werden. Das sind schon schlappe 20 Millionen Dollar (niedrige Schätzung) weniger. Bezogen auf "Nemesis" könnte der nächste Film also, ohne Produktionsqualität einzubüßen, 25 bis 30 Prozent preiswerter ausfallen.

Von daher ist ein Wiedersehen mit Picard und Co. auch bei den wohl unvermeidlichen Fan-Aktionen und -Protesten unwahrscheinlich. Möglicherweise ließe sich Paramount bei genügend langer Bearbeitung aber zum Beispiel zu einem Titan-Abenteuer oder einer völlig neuen Crew im 24. Jahrhundert überreden. Die Chancen hierfür stehen allerdings im aktuellen Umfeld eines kurzsichtigen Managements schlecht.

Von daher werden wir die nächsten Monate abwarten müssen und hoffen, dass ein begabter Drehbuchschreiber und Produzent aus der so ungeliebten Storyline das Bestmögliche herausholt. Vielleicht wird es ja doch noch ein richtig frohes Fest 2008.

(ck - 24.09.08)


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