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Henning Koonert (hk)08.05.09

REVIEW: "Star Trek" 2.0

Windows Vista für Trekkies

J.J. Abrams hat "Star Trek" ein neues Betriebssystem verpasst und damit das Franchise auf die Höhe der Zeit geführt. Nostalgiker werden ihn und den Film dafür abwatschen. Das Massenpublikum dürfte die Popcorn-Unterhaltung zufriedenstellen.

Ich habe seit einiger Zeit einen Computer, auf dem Windows Vista läuft. Wenn ich das im Bekanntenkreis anbringe, ernte ich häufig Blicke, als hätte ich soeben über Kakerlaken, Fußpilz oder ähnlich Fieses gesprochen. Ich habe das Gefühl, bei dem neuen Kinofilm wird das so ähnlich.

Dieses Review enthält Spoiler. Wer sich überraschen lassen möchte, sollte nur weiterlesen, wenn der Film schon bekannt ist.

Die unbestimmte Vergangenheit - "Star Trek" und der Kanon

Als im April 2006 das Konzept für einen neuen "Star Trek"-Film bekanntgegeben wurde, war ich vorsichtig optimistisch, hatte aber bei der Prequel-Idee eine große Befürchtung: Wie sollte man spannende Storys erzählen, wenn die Zukunft längst bekannt ist? Diesem Dilemma gehen die Autoren aus dem Weg, indem sie eine alternative Zeitlinie schaffen, in der vieles bekannt scheint, das Ende aber offen bleibt, was mit der Zerstörung Vulkans eindrucksvoll bewiesen wird. Abgesehen von der Vernichtung der Föderation selbst, dem Auseinanderfliegen der Enterprise oder dem Tod Kirks fällt mir kein Symbol ein, das im "Star Trek"-Universum stärker geeignet wäre, um klarzumachen: Hier wird eine neue Zukunft geschaffen.

Alte Charaktere, neue Vergangenheit
An dieser Stelle wird mancher Blasphemie schreien wollen und vernünftig denkende Menschen können in dieser Frage unterschiedlicher Meinung sein. Wirft dieser Film das bekannte "Star Trek" auf den Misthaufen der Geschichte? Drehbuchautor Roberto Orci untermauerte in einem Interview aus dem vergangenen Dezember, dass das bestehende Trek-Universum von den Ereignissen des Kinofilms nicht überschrieben wird. Seine Erklärung mag man schlüssig finden oder nicht; Fakt ist, dieses "Star Trek" ist neu und hat mit dem alten Universum unwiederbringlich gebrochen, auch wenn der Film selbst sich das nicht eingestehen mag.

Wer eine Beziehung zwischen Spock und Uhura für Revisionismus hält, hat am Rest der Story so schwer zu schlucken, dass ein Ersticken dabei nicht ausgeschlossen ist. Wer den Film gesehen hat, muss feststellen: Das Autorenteam hat sich mit dem Versuch, "Star Trek" fortzuschreiben und zugleich neu zu erfinden, unnötige Klötze ans Bein gebunden. Anstatt von Anfang an zu sagen "Wir schaffen eine Neuinterpretation wie unlängst bei 'Batman'", hat man versucht, die Fanbasis mit einem Konstrukt zu locken, das alt und neu zugleich verspricht.

Für viele wird dabei aber am Ende zu viel neu sein, als dass das Alte noch Bestand hat. Ist aber neu auch gleich schlecht? Mit Vista lädt man sich keineswegs die Hölle auf Erden auf den Computer. Echt nicht. Wer diesen Film genießen will, muss bereit sein, Bekanntes hinter sich zu lassen. Ihn erwartet ein neues Universum voller unbekannter Möglichkeiten. Ein Persilschein für die neuen Trek-Macher und ihr Konzept also? Keineswegs, denn der nötige Neustart gelingt nicht völlig überzeugend.

"Star Trek" zitiert sich selbst
Durch die Zerstörung der Kelvin und den Tod seines Vaters kann ich nachvollziehen, dass dort ein anderer Jim Kirk auf der Leinwand zu sehen ist. Mit dem Totschlagargument der neuen Zeitlinie allerdings werden schlüssige (Jim Kirks Jugend) wie unschlüssige Veränderungen (Der ursprüngliche Designer der Enterprise-Innenausstattung wurde an Bord der Kelvin getötet oder so?) begründet, sodass man sich fortan herauspicken kann, was gefällt und ändern, was nicht beliebt.

Man kann den Machern manches vorwerfen, wenn man denn will, aber nicht, dass sie nicht wussten, was sie taten: Anspielungen auf das bekannte "Star Trek" kommen so zahlreich daher, dass eine vollständige Auflistung den Rahmen völlig sprengen würde. Postmodern spielt "Star Trek" mit Bekanntem und zitiert sich selbst - so häufig allerdings, dass die Autoren Gefahr laufen, die Dialoge zu einem Best-of der Trek-Sprüche verkommen zu lassen. Denn nicht immer passen bekannte Textzeilen gut zur Situation, wirken stattdessen gezwungen eingefügt. Ein bisschen weniger wäre besser gewesen.

Ab und an wirkt das Bemühen um Referenzen ans bestehende "Star Trek" halbgar. So macht man sich auf der U.S.S. Kelvin die Mühe, die aus der Classic-Serie bekannten Kommunikatormodelle zu verwenden (Warum eigentlich nicht die aus "Der Käfig", wo die Szene doch 2233 spielt?), während die Uniformen eher denen aus dem TNG-Finale ähneln. Auch Delta Vega wollte man unbedingt in den Film quetschen, verlegt aber für simples Namedropping, das nichts weiter zur Handlung beiträgt, einen ganzen Planeten vom Rand der Milchstraße in die Nachbarschaft von Vulkan. Wenn man sich schon um Referenzen bemüht, die eh nur Trekkies erkennen werden, warum dann nicht richtig?

Popcorn im Weltraum

"Star Trek XI" ist ein mittelmäßiges Weltraumabenteuer. Herausragend ist der Film nicht, dazu fehlt ihm die Tiefe. Aber seien wir ehrlich: die hatten die meisten übrigen Trek-Filme - im Gegensatz zu mancher Folge aus den Serien - auch nicht. Fast immer ging es um die Rettung der Erde, die nur Jim Kirk und seine Mannen herbeiführen konnten und am Ende war alles in Butter, nachdem man den wahnsinnigen Bösewicht Hollywoodgerecht entsorgt hatte.

J.J. Abrams hat modernes Unterhaltungskino geschaffen
Abrams hat einen Sommer-Popcorn-Kinofilm à la "Transformers" inszeniert, der gut unterhält, durch nichts provoziert (außer bei Verfechtern des Trek-Kanons) und über dessen Inhalt man auch nicht weiter nachdenken muss, wenn der Abspann vorbei ist. Ich hätte mir neben der Action-und-Klamauk-Achterbahn mehr Momente der Ruhe gewünscht - der Tod von Spocks Mutter vor allem und die Vernichtung von ganz Vulkan werden für meinen Geschmack viel zu schnell abgehandelt.

Auch ein paar Plot-Löcher stopft man nur notdürftig, so muss Delta Vega schon mächtig klein sein, damit Jim Kirk dem alten Spock in die Arme rennen kann und dass Pike so viel von Kirk hält, dass er den Kadetten in Ausbildung ohne Zögern zum neuen Ersten Offizier befördert, darüber denkt man lieber auch keine Sekunde lang weiter nach.

Die alten Charaktere, das muss man den Machern zugestehen, kommen - mit einer großen Ausnahme - wie ihre Vorbilder rüber. Den Nagel auf den Kopf trifft Karl Urban als McCoy, der nahtlos an DeForest Kelleys Darstellung anknüpft. Kirk und Spock sehen wir in anderen Umständen als zur Zeit der Classic-Serie, aber beide sind für mich erkennbar. Bei Sulu, Chekov und Uhura werden Charaktereigenschaften eher angedeutet als ausgestaltet. Wo nichts ist, lässt sich auch nichts loben oder bemängeln. Gewandelt hat sich einzig Scotty, der hier recht klischeehaft in die Witzbold-Rolle des schrägen Erfinders gerückt wird, die er im Original nicht innehatte. Trotz aller Bekundungen des Gegenteils ist es den Autoren auch nicht gelungen, aus Nero mehr als den klischeehaften größenwahnsinnigen Gegner zu machen. Wer den Comic mit der Vorgeschichte zum Film nicht gelesen hat, dem reichen 20 Sekunden Erklärung für Neros Wahn wohl kaum aus.

Gute Effekte, viel Bewegung, wenig Zeit zum Innehalten
Die Zeichnung der Charaktere ist die eine Sache, ihre Entwicklung durch die Geschichte hindurch eine andere. Hier hätte ich mehr erwartet, nachdem Abrams angekündigt hatte, man könne nach seinem Film endlich mit den Helden mitfiebern. Leider rückt der Film die Handlung so sehr in den Vordergrund, dass für die Erklärung von Kirks oder Spocks Handeln nicht genug Zeit bleibt. Warum will Kirk auf einmal zur Sternenflotte? Wieso rast der junge Jim eigentlich mit dem Auto in den Abgrund? Reicht wirklich ein einfaches Eingeständnis seines Vaters, dass er Amanda geliebt habe, für Spock aus, um dessen Verstand und Gefühl ins Gleichgewicht zu rücken? Zum Hinterfragen der Handlungen bleibt auf der Actionachterbahn leider zu wenig Zeit.

Audiovisuell effektvoll genutzt wird der Weltraum. Plötzlich eintretende Stille beim Schnitt auf Außenansichten und schwungvolle Fahrten über die Raumschiffoberfläche vermitteln auch dem Zuschauer ein Gefühl des Alls als "Gefahr, gehüllt in Dunkelheit und Stille". Wirklich enttäuscht war ich vom Soundtrack. Dabei hat es so gut angefangen mit den rauschenden Corvette- und Bar-Szenen. Doch bemerkenswert einfallslos dekliniert Michael Giacchino später nur noch wieder und wieder sein Heldenthema durch. Eine Reminiszenz an das Original-"Star Trek"-Thema von Alexander Courage findet sich erst beim Abspann. Schade.

Mit meinem Windows Vista bin ich übrigens vollauf zufrieden. Während aber andere Filmbesprechungen aus dem Fandom zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt schwanken, lockt das neue Betriebssystem von "Star Trek" bei mir keine großen Emotionen hervor. Es ist nicht der große Wurf, der medienwirksam propagiert wird, dafür vermag der Film nicht stark genug zu fesseln. Es ist kein Flop, denn unterhalten wird man in den zwei Stunden Film durchaus. Es ist schlicht und ergreifend ganz nett, mit Potenzial nach oben. Warten wir auf die ersten Patches.

Fazit

Mit "Star Trek", dem so ungelenk betitelten Kinostreifen, dass nicht wenige Medien die Werbezeile "Die Zukunft hat begonnen" wie einen Untertitel verwenden, haben J.J. Abrams, Roberto Orci und Alex Kurtzman das Franchise zeitgemäß und massentauglich gemacht. Der Film funktioniert als neue Einführung in das Universum und bietet gute Unterhaltung, die auch genießen kann, wer sein Gehirn an der Garderobe mit abgegeben hat, denn zum Nachdenken regt die Handlung nicht an. Auf der Strecke bleibt der Charme der Classic-Serie und mit ihm wohl auch ein Teil der Fans. Lässt der Film die Kinokassen klingeln, sehen wir hier die Blaupause für mindestens zwei Fortsetzungen nach gleichem Schema.

Ein Nachsatz noch: Ich habe den Film im Amsterdamer IMAX-Kino geschaut. Das Format kann sich schon sehen lassen. Bildschärfe und Klangerlebnis heben sich deutlich von übrigen Kinos ab, aber so groß, dass "Star Trek" eine Reise ins Ausland lohnt, dürfte der Unterschied für die meisten nicht sein. Umso bedauerlicher, dass der Film in den deutschen IMAX-Kinos nicht zu sehen ist.

(hk - 09.05.09)

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