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Thomas Kohlschmidt (tk) "Star Trek" am Scheideweg Kann der Reset von Kirk, Spock und Co. die Fans nachhaltig überzeugen? Der neue Film spaltete die Fan-Gemeinschaft noch bevor er in die Kinos kam. Der deutsche Fandom-Kenner Thomas Kohlschmidt meint vor dem Anschauen des Films zur aktuellen Trek-Lage: Dieser Tage entscheidet sich das Schicksal eines der größten Medien-Phänomene unserer Zeit. "Star Trek" war für eine ganze Generation von Menschen Kult Es verkörperte Fantasie, Toleranz, Mut und das Staunen über Technik. Das Lebensgefühl der 60er- und 70er-Jahre war mit den Abenteuern des Raumschiffs Enterprise in schrille Pop-Art gegossen worden. So wie die westliche Gesellschaft im Aufbruch zu neuen Zielen unterwegs war, so hob auch die Crew um Captain Kirk ab, um "mutig dorthin zu gehen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen war". Gleichberechtigung der Frau, Anerkennung jedes Volkes, jeder Lebensanschauung, Rücksicht auf andere, Teamgeist und Kameradschaft, Zusammenhalt und Stehen zu ethischen Werten, das verband sich mit Kampfesmut und dosiertem Verteidigungswillen gegen Bedrohungen. Überwindung alter Vorurteile und aller Grenzen, raus aus dem Kalten Krieg, hin zu einer besseren Zukunft! Die Kennedy-Generation hatte ihre modernen Vorbilder in dieser bunten TV-Show gefunden. Das "Star Trek"-Design wurde zur Stil-Ikone und "Mr. Spock", "Beamen" und "Phaser" Grundbegriffe der Gesellschaft. Jetzt, 43 Jahre später, ist "Star Trek" nur noch Franchise Es scheint von allen guten Geistern der 60er- und 70er-Jahre verlassen. "Star Trek" ist längst unter die Geschäftemacher gefallen. Waren die Abenteuer des Captain Picard in "Star Trek: The Next Generation" noch inhaltlich und vom erzählerischen Stil her ganz nah an der klassischen Serie um Kirk, Spock und Co. orientiert, so brach mit "Star Trek: Deep Space Nine" das Zeitalter der Ferengi an. Kaum war Gene Roddenberry tot, der sinngemäß gesagt haben soll: "Solange ich lebe, wird es keine Porzellanbecher mit Spock drauf geben", legte ein Mega-Merchandising los. "Star Trek: Deep Space Nine" war inhaltlich lediglich eine Soap Opera im Weltraum, die den Namen "Star Trek" als Verkaufsmarke nutzte. Sicherlich eine gut gemachte Serie, aber beileibe kein "Star Trek"! Und von nun an gab es Porzellanbecher (und Schlimmeres!) von allem und jedem!
Ein Versuch wurde unternommen, das Urgestein zu bewahren Mit "Star Trek: Voyager" versuchten die "Star Trek"-Macher in den 90ern, die abwandernden Alt-Fans zu versöhnen. Es wurde ihnen, parallel zum "Star Trek"-Merchandise-Strom, eine zweite Serie angeboten, die wieder positiver und ethisch fundierter war. Und zu "Voyager" gab es extra kaum Merchandise. Mit dieser Doppelstrategie wollten die Ferengi den gespaltenen Markt heilen. Aber es blieb der Wurm drin. "Voyager" brachte nach sehr gutem Start ab der Mitte - mit wenigen Ausnahmen - zu wenig Neues, versteifte sich zu sehr auf die Borg-Thematik und auf den Holodoc. Und das Finale war kraftlos. Die Ideen gingen bei so viel "Star Trek" zu schnell aus, man wiederholte sich selbst am laufenden Meter. Und auch die Kinofilme wurden immer langweiliger. Man wollte weiterhin Geld aus "Star Trek" saugen Die Macher schnitten den toten Großen Nagus zum Verkauf in immer neue Häppchen. DVD-Boxen in immer neuen Mixturen erschienen, Bücher, Hefte, Sensationen: alter Wein in neuen Schläuchen. Bis zum Erbrechen! Kein Wunder, dass dann ein nochmaliger, völlig überflüssiger Versuch unternommen wurde, "Star Trek" fortzuführen. Die fünfte Real-Serie hatte eigentlich nie eine Chance gehabt und kam dann auch - trotz interessantem "Zurück zu den Wurzeln"-Ansatz - mit zu wenig kühnen Ideen daher. Mich wundert, dass sie überhaupt vier Seasons geschafft hat. Zwei davon waren wahrscheinlich purer Trotz der Macher, die die Melkkuh einfach nicht loslassen konnten, obwohl das Tier schon zum Himmel stank! "Star Trek: Nemesis" war ebenfalls ein Flop (auch hier keine Ideen. Deshalb zerlegte man die Enterprise halt zum dritten Mal… - Au weh!). Dann war "Star Trek" tot! In erstaunlich wenigen Monaten verschwand fast alles Merchandising vom Markt. Taschenbücher waren bald raus aus allen Regalen. Die letzten Mode-Fans verzogen sich. Trek-Dinner schlossen. Und so mancher Klassik- und TNG-Trekker dachte "Endlich!". Nun konnte man in Ruhe die alten Folgen genießen, ohne Störung durch immer neue groteske Verzerrungen des ursprünglichen Kults. Die Dinner schrumpften auf die wirklich "harten Kerne" zurück, und viele Fans begannen "Star Trek" wieder zu schätzen: Wie guter Wein, der älter und besser wird, gewinnt auch an Wert, wo nicht immer Neues zugepanscht wird. Aber nun regt sich der vermeintliche Leichnam wieder Nach einigen Jahren Totenstarre flackern die Augen und es scheint, als ob sich das totgesagte "Star Trek" auf eigentümliche Weise wieder erhebt. Fast ist man an Spocks erstaunliche Wiedergeburt in "Star Trek" III" erinnert. Kann das sein? Was geht da vor? Schon seit Längerem war es ja zu lesen, dass die "Star Trek"-Macher nicht aufgeben wollen. Auch nach all den erlebten Rückschlägen sollte es weitergehen. Ganz anders. Ganz neu. Nur wie? Natürlich mit ganz frischen Schreibern, Regisseuren und neusten Techniken. Mit neuen Gesichtern! Aber bei so viel Neuem konnte es leicht sein, dass man das "Star Trek"-Typische gänzlich verlieren würde. Was war das eigentlich, das Typische? Und warum war vorher alles nur noch leeres Franchise geworden? Gute Frage: Was war der Kult wirklich?
Zum Anderen war es die kühne Intelligenz der Geschichten, die "Star Trek" ausgemacht hat. Die Storys waren politisch aktuell, wissenschaftlich und philosophisch, aber rebellisch und leichtfüßig umgesetzt. Das Design war die Hülle für all dies: Edel-Trash traf Pop-Art. Das ist der Kult und sonst nichts! Wer das "modernisieren" will, hat so wenig erreicht wie jemand, der einen "van Gogh" in Techno-Videos umwandelt. Der alte Reiz ist fort! Wird man den Reiz nun wiederfinden? Zumindest der Schriftzug des "neuen" "Star Trek"-Films ist wieder der alte. Ein gutes Omen? Vielleicht. Die Macher haben es ganz klar herausgestellt: Dies ist eigentlich nicht "Star Trek XI", sondern "Star Trek 1" der neuen Ära! Es wird ein kompletter Reset der klassischen Serie versucht, nicht um alte Trekker der vorigen Generation wiederzugewinnen, sondern um eine ganz neue Generation zu faszinieren: Die heutige Jugend soll "Star Trek" wiederfinden! Und da will man total zurückgehen, dort, wo das Franchise seine Wurzeln hat: Bei Captain Kirk und seiner Crew. Der neuste Film "Star Trek" handelt also nun davon, wie sich Kirk, Spock, McCoy und die Anderen kennen gelernt haben! Das liegt zeitlich noch vor der Urgestein-Serie "Star Trek" der 60er- und 70er-Jahre! Was ist davon zu halten? Ist das jetzt der schamloseste aller bisherigen Versuche, "Star Trek" auszumelken bis in alle Ewigkeit? Oder ist es ein spektakuläres Experiment, eine Kult-Serie so zu reanimieren, dass sie weitere 40 Jahre von lebendiger Bedeutung für die Menschen bleibt?
Das ist zwar nicht mehr das Original, ist aber ein sehr gut gemachtes Aufpolieren, ohne dass es eine Vergewaltigung wäre. Da wurde doch sehr viel respektvoller rangegangen, als ich es befürchtet hatte. Natürlich hat man auch alle Classic-"Star Trek"-Kinofilme rechtzeitig zum Start von "Star Trek XI" noch mal remastert und in eine noch mal neue DVD-Box gesteckt. Präzise vor dem Filmstart wurde sie in alle Media-Märkte gebracht. Dort hat man sie neben die ebenfalls kurz vorher dort platzierten DVD-Boxen der erneuerten ersten Season von "Star Trek"-Classic gestellt. Sollte es in wenigen Tagen gelingen, junge Neu-Fans im Kino zu gewinnen, dann sollen diese in den DVD-Ecken reichlich "Futter" finden, zeitgemäß modernisiert. Die alten Fassungen "meiner" Generation sind verschwunden (Das allerdings finde ich ein Stück Kultur-Schändung! Das Original darf man nicht versenken! Es sollte weiterhin beide Fassungen geben, bitte!). Der Hype ist in vollem Gange Nach der Premiere in Berlin gibt es überall Interviews mit den jungen Schauspielern, die - einmalig in der bisherigen "Star Trek"-Geschichte - ihre Gesichter für schon einmal verkörperte Kult-Figuren hergeben werden. Und ein großer Sender wirbt auf der Straße an fast jeder freien Plakat-Fläche für den "'Star Trek'-Mai" in Deutschland! Flankierung für das neue, alte "Star Trek"! Dieser Reset-Versuch ist spektakulär So aufwändig wurde noch nie eine TV-Serie zum Neustart gebracht. Wir Alt-Trekker erleben nun die erste, echte "Next Generation": alle unsere Helden in jung! Das ist eine neue Ära, so oder so! Alles fängt noch einmal an, wird sich sicherlich in vielem unterscheiden, aber wird hoffentlich den Kult treffen. Und dazu bleibt zu wünschen, dass der neue Film sich eben doch an den Werten der 60er- und 70er-Jahre orientiert, gerade weil das nicht zeitgemäß ist (oder doch schon wieder?): Toleranz, Rücksicht, Beständigkeit, Gemeinschaft und Optimismus! Wir erleben gerade eine Welt, die von Terrorismus, Weltwirtschaftskrise und Seuchen bedroht ist und in der Egos alles zerstören, was früher zusammenhielt. Falsche Freiheit bringt die Gemeinschaft zu Fall. Dagegen sollte die neue, alte Crew antreten, so wie es die Classic-Besatzung des Raumschiffs Enterprise tat. Designs und Namen übernehmen ist keine Kunst, aber der Geist des Films muss stimmen, und auch der Tiefgang der Geschichte. Dann verträgt das auch moderne Aktion! Hoffen wir das Beste! Sollte das gelingen, hätte sich alles gelohnt und "Star Trek" hätte uns alle einmal mehr erfreut! Wie auch immer: Wir werden dieser Tage den Film sehen und Zeugen sein von "Star Trek" am Scheideweg! Eine aufregende Zeit! Reaktionen zum Artikel? Was halten Sie vom neuen Film? Sagen Sie Ihre Meinung und diskutieren Sie mit anderen Fans in unserer TrekBBS oder schreiben Sie uns an leserbriefe@trekzone.de! Dieser Artikel ist auch zusammen mit weiteren Texten zu "Star Trek XI" und anderen Themen in der Juni-Ausgabe unseres monatlichen Magazins "Incoming Message" erschienen. Falls Sie die "Incoming Message" noch nicht abonniert haben, können Sie das Internet-Magazin zusammen mit unserem wöchentlichen Newsletter "TrekZone Weekend" hier kostenlos bestellen. (tk - 11.06.09) Weiterführende Links
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