Christian Freitag (cf)
01.10.09
Wo war Roddenberrys Gedanke in "Star Trek XI"?
Warum Abrams "Star Trek" (bis jetzt) nicht verstanden hat
"Star Trek XI" war ein Erfolg. Aus finanzieller Sicht. Doch war es auch ein Erfolg für "Star Trek"? "Star Trek", das stand einmal für zukunftsweisende Gesellschaftskritik, für das Verarbeiten aktueller Themen in Science-Fiction-Form, für tiefgründige Botschaften. All das fehlt im ersten Trek-Kinofilm von J.J. Abrams. Ist das Ziel, Mainstream und "Star Trek" zu sein, nicht miteinander vereinbar - oder haben die Macher schlicht "Star Trek" nicht verstanden? Und wie soll es nun weitergehen? Eine Analyse, in der die positiven Aspekte des neusten Trek-Streifens für einmal außen vor bleiben.
Viele werden sich fragen, warum wir uns an dieser Stelle überhaupt kritische Gedanken machen, da der Film ja ein kommerzieller Erfolg war. Vielleicht war er das auch und hat eine neue Ära eingeleitet. Aber genau genommen, und wer sich mal ehrlich hinsetzt und darüber sinniert, war es kein Erfolg für "Star Trek" und keine Wiederbelebung, sondern ein ziemlich einfallsloses Reboot für "Star Trek"-Fans und ansonsten bloßes Popcorn-Kino. Ich weiß, dass jetzt viele rebellieren werden, weil sie diesen Film für den "Star Trek"-Film schlechthin halten, aber das ist er nicht.
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 Regisseur J.J. Abrams bei den Dreharbeiten |
Der Film hat überhaupt keine Botschaft.
Abrams meinte, dass er wieder eine positive Sicht einläute. Offenbar meint er einen anderen Film, oder ich habe irgendwie nicht aufgepasst. Wo bitte soll die positive Sicht sein? In der Zerstörung von Romulus, die nebenbei erwähnt wird? In der Zerstörung der
Kelvin? In der Zerstörung der Zeitlinie mit Milliarden Lebensformen, die nie geboren werden? In der Vernichtung der Flotte? In der Vernichtung Vulkans und dem damit einhergehenden Massenmord? Oder etwa in der gnadenlosen Vernichtung der Narada, weil Nero - obwohl bereits am Boden - sich nicht ergeben wollte? Also ich kann in dem Film keinen einzigen positiven Aspekt erkennen.
Der Sinn bleibt mir auch verborgen. Wie lässt es sich erklären, dass ein Schiff voller Kadetten ohne dienende langjährige Offiziere auskommt? Das gabs nicht mal in "Star Trek II", und das war ein Schulschiff! Hier war die Seniorcrew dabei. Bei "Star Trek XI" gab es nur den Captain und - den dämlichen Chefingenieur, der meinte, er müsste mal ins rote Licht springen. Der Rest - alles Kadetten mit - beziehungsweise vor - Abschluss mit Offizierspatent, die irgendwo, irgendwie den Rang eines Ensign, Lieutenant, Lieutenant Commander oder gar Commander tragen. Wer soll sich nach drei bis vier Jahren Schreibtischtäterei und totalem theoretischem Büffelkram denn tatsächlich ohne Lerneffekte tief im All herumtreiben? Wieso lädt Spock Kirk auf einen lebensfeindlichen Planeten ab? Weshalb zerstört ein Schwarzes Loch nicht wie sonst alles, sondern lässt die Narada unbehelligt? Mir kam es vor, als sollen sämtliche ungeklärte Fragen oder Ungereimtheiten später im Buch oder in offiziellen Comics ("Countdown", "Nero") geklärt werden. Nur: Wenn man so etwas macht, dann ist das Zeugnis dafür, dass dies alles mehr als unausgegoren war. Das überlegt man sich doch vorher und macht es lieber richtig.
Viele haben sich über die Actionlastigkeit von "Nemesis" aufgeregt. "Star Trek XI" besteht vorwiegend aus einem Action- und Witz-Feuerwerk. Er beinhaltet klischeehafte Charaktere mit übertriebenen Handlungsweisen, vielen Dialogen ohne Sinn, eine Materialschlacht sondergleichen, aber Charakterentwicklung ist nicht zu sehen. Natürlich muss man nicht mit der Holzhammermethode kommen. Aber die meisten anderen Trek-Filme hatten Charakterentwicklung. Action war zwar immer vorhanden, aber zweitrangig. "Nemesis" hatte trotz Actionlastigkeit starke Charakterelemente. "Star Trek XI" kommt sogar teilweise mit Wiederholungen von Altbekanntem daher. Man sieht nichts Neues, sondern lediglich Variationen von Altbekanntem.
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 Zu viel Action? |
Tiefgründige Trek-Botschaften gibt es in dem Film nicht. Auch eine Gesellschaftskritik kann nicht gesehen werden. Im Endeffekt geht es um einen wahnsinnigen Bekloppten, der sämtliche Planeten außer Romulus vernichten will, ohne Sinn und Verstand.
Das ist aber nichts Neues. Die Mainstreamfilme und ohnehin viele neuere Filme haben überwiegend Klischeecharaktere, sinnlose Darstellung von Action und dämliche Dialoge. Das merkt nur kaum einer. Es ist eben Mainstream. Popcornkino, ohne darüber nachzudenken. Ist halt alles cool. Wenn man mal auf einige Filme der letzten Zeit zurückblickt: "Indiana Jones IV" war eine Katastrophe. Indy war immer recht witzig, wenn auch teilweise übertrieben. Aber nie derart übertrieben, dass der Titelheld eine Atomexplosion im Kühlschrank überlebt. Bei "James Bond: Ein Quantum Trost" musste man eigentlich schon die Standbildschaltung nehmen, um bei den Actionszenen überhaupt noch einen Überblick zu erhalten, wer Bond war und wer der Bösewicht. Schnelle Schnitte übertünchen und kaschieren eine mangelhafte Story. So war auch "Star Trek XI" schnell geschnitten, hatte seltsame Kameraführung und einige nervige Lichteffekte.
Es war eine Mischung zwischen "Star Wars" und "Star Trek". Die Frage ist, wie sich eine Rückführung in "Star Trek XII" geltend machen würde. Es ist doch nun mal so, dass der elfte Teil die Richtung vorgab. Abrams, Orci und Co. sehen das wohl nicht als Ausrutscher, sondern müssen nun dort weitermachen, wo sie aufgehört haben. Und der Erfolg gibt ihnen Recht. Ich glaube vielmehr, dass eine fehlende Story und Kritik kaum wahrgenommen werden, weil der Film beziehungsweise der Reboot als Frischzellenkur verstanden wird. Dies ist er meiner Auffassung nach jedoch nicht.
Der kommerzielle Erfolg kann nicht daher kommen, weil der Film tiefgründig gewesen wäre. Auffällig ist, dass derzeit aus den Staaten ein Haufen Blockbuster kommen, die ähnlich schwerfällig in der Story sind. Fragt man, will niemand zugeben, dass der Film schlecht war, sondern einfach nur "Popcornkino halt".
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 Der Anfang einer neuen, anderen Trek-Ära |
"Star Trek"-Filme haben seit jeher ein größeres Publikum abgeschreckt. Ziel von "Star Trek XI" war es nun, die Massen ins Kino zu locken - als wenn man mit "Star Trek" nicht genug Reibach gemacht hätte. Um dieses Ziel zu erreichen, war es auch kein großes Problem, eine Reihe von Fans vor den Kopf zu stoßen. Schade ist, dass damit vieles auf der Strecke bleibt, was einen "Star Trek"-Film zu etwas Besonderem machte. Auch wenn es mehrere Jahre dauerte, so war es doch etwas Spezielles, wenn ein neuer Film erschien. Offensichtlich war man so lange zufrieden, wie die "Star Trek"-Fans in Massen ins Kino strömten. Als das - aber auch durch schlechte Werbung verursacht! - ausblieb, musste umgedacht werden. Wie bei "Star Wars" wäre es jedoch nichts Besonderes mehr, wenn alle zwei Jahre wieder ein cooler, hipper Actionstreifen erscheinen würde.
Wer will denn noch "Rambo V" sehen, der gedreht wird? "Indy V"? Irgendwann ist der Lack doch einmal ab. So lange aber der Boom anhält, wird man auch "Star Trek XII", XIII oder mehr sehen. Schließlich hatten TOS, TNG, DS9, "Voyager" und "Enterprise" sowie die zehn bereits bestehenden Filme genug Material, auf das man zugreifen könnte...
Gesellschaftskritische Science-Fiction - unter J.J. Abrams ein Ding der Unmöglichkeit? Möglicherweise doch nicht. Hält man sich an die neusten Aussagen von Roberto Orci (siehe "TrekZone Weekend" 2471), besteht Hoffnung: Das Produzententeam hätte von den Fans gehört, dass der nächste Film von "heutigen Problemen" handeln sollte. "Wir versuchen es so aktuell wie möglich zu halten und reflektierend zu dem, was heute passiert." Wir sind gespannt...
Dieser Artikel ist auch zusammen mit weiteren Texten rund um "Star Trek" in der Oktober-Ausgabe unseres monatlichen Magazins "Incoming Message" erschienen. Falls Sie die "Incoming Message" noch nicht abonniert haben, können Sie das Internet-Magazin zusammen mit unserem wöchentlichen Newsletter "TrekZone Weekend" hier kostenlos bestellen.
(cf - 28.11.09)
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