"Las mich sofort los!" fuhr Saya ihren Stubenkollegen an.
"Jetzt mach mal nicht so einen Aufstand", entgegnete Shras leicht genervt, während er ihr Handgelenk umklammert hielt und ihren Spind weiter durchwühlte. Doch Saya kochte bereits und Shras griff war nicht zu lösen. So griff sie Shras ausgestreckten Arm und machte einen Schritt zur Seite, während sie dessen einzelne Glieder verdrehte und Shras mit einem Hebel zu Boden warf. Da Andorianer ein Exoskelett besaßen funktionierte dies ein wenig anders als bei den meisten Humanoiden. Aber es funktionierte, hervorragend. Es war in Sayas Dojo nicht unbekannt, dass sie sich nicht sonderlich mit ihrem Stubenkameraden verstand und einer ihrer Sempai hatte sie mal beiseite genommen und ihr, ihren latenten Unwillen ignorierend, die notwendigen Änderungen in der Technik gezeigt. Ein andorianischer Kommilitone hatte sich spontan als Demonstrationsobjekt zur Verfügung gestellt. Und die Umsetzung war hervorragend. Shras lag bäuchlings auf dem Boden, sein linker Arm war durch Saya blockiert und in einer Hebelposition. Einen Moment dauerte es, ehe der perplexe Andorianer begann sich zu wehren, doch Saya drehte seine Hand ein Stück weiter und erhöhte den Druck.
"Du überraschst mich. Karo hast du wohl auch so überrascht, nicht?"
Er änderte seine Position leicht und startete einen zweiten Befreiungsversuch, diesmal energischer. Saya kniete sich auf ihn herab und korrigierte den Hebel wiederum, sodass Shras die Zähne aufeinander biss. Doch aus dem schmerzverzerrten Gesicht bildete sich ein Grinsen zurück.
"Na, wie lange hältst du das aus, Saya?"
Er warf sich wieder gegen ihren Hebel, plump, und ihm war anzusehen, dass es Schmerzen bereitete. Nach einem kurzen Moment ließ er wieder locker, nur um es ein weiteres mal zu tun.
"Du spürst doch sicher jedes bisschen Schmerz, das du mir zufügst. Wer hält länger durch, du oder ich?"
Er intensivierte seine Bewegung und nun war klar zu sehen, dass Sayas Gesicht sich ebenfalls verzerrte und sie nachgab. Langsam bewegte sich Shras aus dem Hebel, bis er schließlich mit der anderen Hand Sayas Unterarm greifen konnte. Schon die Drohung feste zuzudrücken reichte, dass Saya ihn losließ. Shras stand auf und zog sie an sich heran.
"Du hast mich überrascht, dass du eine Kämpferin sein kannst. Aber eine Siegerin, nein, das bist du nicht."
Er musterte sie.
"Und jetzt verschwinde, bevor du zu flennen anfängst und meine Anerkennung schwindet."
Grob ließ er ihren Arm los und wandte sich ab. Es wurmte ihn, dass Saya ihn auf den Boden geschleudert hatte, obwohl er wusste, dass sie gut in ihrer Kampfkunst war und ihm somit tatsächlich überlegen. Oder eher vermeintlich überlegen. Es war der letzte Anker für sein Ego, dass er in der Lage war ihre Empathie gegen sie zu verwenden. Aber eigentlich musste er ihr Anerkennung zollen. Gerade würde sie hoffentlich zu sehr überrascht und unter Adrenalin stehen um zu bemerken, wie es ihm ging und dies als leere Worte abtun. Aber wenn sie blieb konnte sie es bemerken. Sie hatte gesiegt. Sie hatte nicht nur sein Ego angekratzt, sondern auch demonstriert, dass sie besser war als er. Nein, das sollte sie besser nicht erfahren.