Alpha Centauri, nahe Libertus Landing
Sanft steuerte die Iustitia, ein Shuttle vom Typ 9, durch den Abendhimmel von Alpha Centauri B II. Die Dämmerung streichelte noch den mit Bergprofilen gepflasterten Horizont, ehe sie hinter selbigen verschwand um dem tiefdunkelblauen Nachthimmel den Weg freizumachen. Aber noch war es nicht so weit. Und noch suchte der damalige Lt. Marcus Salem nach Koordinaten. Dies war eine abgelegene Region. Bergig und noch dazu von Seen durchzogen. Hier lebte nur, wer wirklich seine Ruhe haben wollte. Unter dem Shuttle nahm Marcus das Tiefblau des Sees wahr, an dessen Rändern sich noch Reste der feuerroten Dämmerung zeigten. Er sah wieder auf die Koordinatenangabe, genervt von den Überflügen, die er bereits hatte tätigen müssen. Das war jetzt der vierte Versuch, eine Landestelle an den von ihm gesuchten Koordinaten zu finden aber da war nichts. Nur dieser See, begrenzt an allen Seiten von schroffem Gebirge.
Als er das spiegelglatte Wasser abermals überflogen hatte, entschloss er sich zu einem letzten Versuch und ging in den letzten Überflug. Es mochte am letzten Streifen Sonnenlicht liegen - oder daran, dass der jetzt kaum noch blendend ins Cockpit fiel - aber da fiel Marcus etwas auf, das er vorher nicht erkannt hatte: Am Abhang des Berges schlängelte sich eine Linie auf gleicher Höhe zum See entlang, ca. 10 Meter über der konstanten Wasserlinie. Eine in den Berg gehauene Straße, eindeutig. Er lenkte das Shuttle näher an den Abhang heran und sah auf die Angabe der Koordinaten: es passte haargenau. Das Shuttle setzte auf, die Straße würde es halten und breit genug sein. Ein kurzes Entriegeln, das Abmelden von der Steuerkonsole - alles Dinge, die ein Pilot automatisch tat, wenn er das Shuttle verließ. Marcus Salem erhob sich aus seinem Sitz, legte den kurzen Weg durchs Shuttle zurück und stieg durch die Luke nach draußen, wo er das Shuttle hinter sich verriegelte. Die Luft war angenehm, er schätzte sie auf ca. 19 bis 20 Grad Celsius. Hier, am Rande der Dämmerung, sangen noch ein paar Vögel, die in den zerklüfteten Berghängen nisteten. Und just in diesem Moment frage sich Marcus auch, warum er so etwas über Vögel auf Alpha Centauri wusste. Ein Blick aufs Chronometer verriet, dass Marcus zu dem Treffen bereits 12 Minuten zu spät war, aber weit und breit ließ sich niemand erkennen. Auf der Straße nicht. Am Abhang nicht. Und der Lt. in Zivil ging sogar an den Rand der Straße um hinab in den See zu schauen. Auch dort war niemand. Er seufzte kurz und beschloss, noch etwas zu warten. Und es ließ sich sicher an einigen Stellen schlechter warten als an einer Straße mit solcher Aussicht auf einen Sonnenuntergang. Erneut sah Marcus auf sein Chronometer: Der Rest der Führungsoffiziere würde sich jetzt bei Häppchen und Getränken in der Oper vergnügen. Die Glücklichen.
"Mr. Salem?"
Wie von der Tarantel gestochen fuhr Marcus herum. Ihm war nicht klar, von wo die Worte kamen, aber es musste hier in der Nähe sein. Rechts war ein Tunnel, durch den die Straße führte. Er war schlecht einzusehen und düster, es zeichneten sich aber keine sichtbaren Silhouetten ab. Marcus ignorierte das und machte einige Schritte von dem Shuttle, das immernoch im Dämmerlicht glänzte, weg in Richtung des Tunnels.
"Aye, kommen Sie her.", wiederholte die Stimme und befeuerte so Marcus' Antrieb, auf sie zuzugehen. Neugier besiegte Angst, wie so oft bei ihm. Als er in die Dunkelheit des Tunnels eintauchte, gewöhnten sich seine Pupillen an die neuen Lichtverhältnisse. Und langsam tauchten geisterhafte Profile an den Wänden auf, wo sie verweilt hatten. Während er blinzelte, um den Prozess der Lichtgewöhnung zu beschleunigen, kam eine der dunklen Gestalten auf ihn zu:
"Gestatten Sie, Greg Shapiro. Ich arbeite für Walsingham Corporation.", stellte sie sich vor. Marcus identifizierte sie als männlich, schlank, grauhaarig.
"Warum soll ich hier sein?", fragte der Lt. vorsichtig und behielt Shapiro vorsichtig im Auge, "Warum bin ich hier und trage keinen Smoking wie der Rest meiner Crew, um damit eine schöne Frau auszuführen?"
"Wenn es Ihnen um schöne Frauen geht ... damit kann ich dienen.", schmunzelte Shapiro süffisant und deutete auf zwei weitere Gestalten im Schatten, die Marcus langsam besser erkennen konnte, eine hatte rote, wallende Haare und-
"Allmächtiger ...", entfuhr es Marcus, "Walsh, Sie leben?!"
"Ganz richtig.", bestätigte diese und trat hervor, um ihm kurz die Hand zu schütteln. Ihre Haut war so rein wie eh und jeh, die Haare wirkten fast noch besser gepflegt als sie es zu ihrer Zeit als Sicherheitsoffizierin an Bord der Aurora waren.
"Ich ... ich habe Sie sterben sehen. Ihren Kommunikator auf der Erde abgegeben.", zeigte sich Marcus mit schrägem Blick und ging die Optionen durch, was hier vor sich ging.
"Mr. Shapiro wird alles erklären.", tat Walsh das mit ihrer üblichen Sachlichkeit ab, die einen Vulkanier vor Neid würde erblassen lassen und trat einen Schritt zurück. Shapiro begann:
"Dann sind da noch Ms ... ach, Sie kennen sie wohl besser als 'Erzengel', Lt.", erklärte der Grauhaarige und deutete auf das nächste Profil an der Wand. Blondes, langes Haar. Auch eine Frau.
"General Zorak tr'Lovok, Abteilungsleiter des Tal Shiar ...", ging Shapiro mit Marcus die knappe Reihe ab, "... und Cmdr. Jonathan Fox.", endete er auch schon wieder bei einem Mann in Sternenflottenuniform, der die drei goldenen Pins eines Commanders am Kragen hatte. Marcus hätte beinahe salutiert, ließ das aber sein - er war in Zivil unterwegs. Die Tage mit Commander Kaaran hatten bereits gereicht, um einen Salutfanatiker aus ihm zu machen. Shapiro hatte damit offenbar gerechnet: "Nun, Sie zuerst. Was denken Sie?"
"Entweder haben Sie hier eine verdammt exklusive Urlaubsrunde oder aber eine Verschwörung ist am Laufen.", urteilte Marcus rasch. Er bereute gleich, so schnell geantwortet zu haben. Shapiro und der romulanische General sahen ihn missbilligend an, Walsh und Fox mussten sich ein Grinsen verkneifen.
"Knapp daneben, Mr. Salem. Wir alle sind Mitglieder der Sektion 31."
Das hatte gesessen. Sektion 31. Berühmt. Berüchtigt. Gehasst. Gefürchtet. Jeder in der Sternenflotte hasste die Schwarzjacken mindestens zehnmal so sehr wie die Schwarzkragen vom Geheimdienst. Die wenigsten trafen überhaupt auf einen. Und Marcus gleich auf Fünf in einem Tunnel an einem See mitten auf Alpha Centauri. Das verhieß nichts Gutes.
"General Zorak hier sind vor einigen Jahren ein paar Agenten desertiert. Er wäre Anwärter auf einen Platz im Senat gewesen, wäre das nicht geschehen. Leider sind die Romulaner bei solchen Fehlern ungnädig.", begann Shapiro und gab Zorak einen mitleidigen Blick mit, dem der mit steinernem Ausdruck entgegenstand. "Wir haben dann dank unserem Erzengel hier herausgefunden, dass sie sich im Grenzdreieck versteckten und sich Ausrüstung zum Klonen beschafften - meist unter der Hilfe von Samunen-Kontakten ..."
"... um mich zu klonen?", ergänzte Marcus.
"Ganz genau.", bestätigte Shapiro mit dem ausgestreckten Zeigefinger in Richtung Salems. Der verschränkte die Arme.
"Sie wurden gerettet, der Klon starb. Das wissen Sie. Und auch Ensign Walsh hier starb.", ließ Shapiro die Aussage etwas sacken und näherte sich Walsh, die noch immer straffe Haltung angenommen hatte.
"Wir konnten Walsh mit den Mitteln von Walsingham Corporation wiederbeleben. Ihr ein zweites Leben schenken. Das können wir auch für Sie tun."
"Ich bin aber nicht tot.", wandte Marcus ein. Wieder musste zumindest Cmdr. Fox grinsen.
"Sie nicht. Aber ihr Freund und seine Söhne.", hielt Shapiro dagegen. Marcus glitt die Selbstsicherheit aus dem Gesicht. Das Gespräch nahm keine gute Wendung.
"Sie ... wurden ermordet, Mr. Salem.", legte Shapiro offen.
"Wieso?", wollte Marcus sofort wissen und nahm den Wortführer ins Visier.
"Das wissen wir nicht. Wir nehmen an, es sollte Sie unter Druck setzen."
"Wieso mich?"
"Diese Splittergruppe hatte auch Menschen in ihren Reihen. Menschen aus dem GHD, wie ich bedauern muss. Sie stahlen etwas und gaben es den Romulanern ..."
"... das Buch!", ergänzte Marcus. Shapiro sah ihn an, als sei Marcus gerade ein Barren goldgepresstes Latinum auf den Kopf gefallen.
"Wieder richtig. Dieses Buch ist ungemein wichtig für unsere Rasse. Darin stehen Dinge, die - sollten sie enthüllt werden - die Fundamente der Menschheit zum Einstürzen bringen würden. Aber das wissen Sie sicher. Sie haben es gelesen."
Marcus nickte.
"Wir sind hier, um Ihnen ein Geschäft anzubieten.", trat Walsh vor.
"Was für Eines?", wollte Marcus wissen. Er stellte die Frage mit Nachdruck.
"Sie geben uns das Buch - und wir beleben ihren Freund und seine Söhne wieder. Wir geben Ihnen Sigma-10-Codes, eine Blankobegnadigung des Föderationspräsidenten - und des romulanischen Imperiums -", setzte Shapiro hinzu, mit einem Blick auf General Zorak, "... wenn Sie sich Sektion 31 anschließen."
Marcus sah zwischen den Fünfen hin und her. Keiner sah wie jemand aus, den man bei Sektion 31 vermuten würde. Zwei Frauen, drei Männer, davon einer ein Romulaner. Alle Fünf waren unterschiedlich und auch wenn Marcus Commander Fox nicht kannte, so wirkte er nicht gerade wie ein Amateur in einer Sternenflottenuniform. "Sie beleben meinen Freund und seine Söhne wieder im Tausch gegen das Buch?", fragte er abermals nach.
Shapiro nickte, genau wie auch Walsh.