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Ich bin Legion
VirtualSelf
Beitrag 20. Mar 2009, 20:26
Beitrag #1


Vice Admiral
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Titel: Ich bin Legion
OT: Je suis Légion / I am Legion
Story: Fabien Nury
Zeichnungen: John Cassaday
Farben: Laura DePuy
√ú: Kai Wilksen
Lettering: Amigo Grafik
Ausstattung: Albumformat, Hardcover, vierfarbig, 144 Seiten
ISBN: 978-3-936480-66-5
Verlag: Cross Cult, 2008



Dezember 1942: Der Vormarsch der deutschen Kriegsmaschinerie findet nicht nur vor Stalingrad ein blutiges Ende; schon im Oktober dieses Jahres erfuhr der Afrikafeldzug durch den Gegenangriff Montgomerys bei Al-Alamein eine entscheidende Wendung. In dieser angespannten Situation sucht die milit√§rische F√ľhrung Deutschlands ihr Heil unter anderem in Mystizismus und Okkultismus.
Unter Leitung des SS-Offiziers Rudolf Heyzig arbeitet man in Bukarest am Projekt "Legion“, dessen Deckname sich aus dem Markus-Evangelium ableitet (Der Herr fragte den Mann:"Wie hei√üt du?" Er antwortete: "Mein Name ist Legion. Denn wir sind viele."). Ein kleines M√§dchen ist in der Lage, durch das Injizieren seines Blutes Lebewesen zu kontrollieren, selbst wenn diese normalerweise t√∂dliche Wunden erlitten haben. Doch noch ist die Anzahl der simultan Kontrollierten begrenzt, sodass die Forscher bem√ľht sind, erstens die Grenzen des Kindes auszuloten und diese dann zweitens auszuweiten, um anschlie√üend eine Armee unbesiegbarer, bedingungslos gehorchender Soldaten zu schmieden.
Allerdings ist Heyzigs Lage prekär. Nicht nur dass Hermann von Kleist, ein Protege Admiral Canaris', des nicht linientreuen Leiters des Auslandsgeheimdienstes der Wehrmacht, Einblicke in das Projekt fordert, um es zu beurteilen und ggf. im Sinne seines Mentors zu beeinflussen, auch eine kleine rumänische Widerstandsgruppe formiert sich, um dem Treiben des Deutschen ein Ende zu setzen. Zudem steht permanent die Frage im Raum, ob sich das Mädchen steuern lässt oder ob es nicht das Kind ist, dass die Forscher manipuliert.
Während in Bukarest Kriegsgefangene in ruchlosen Experimenten missbraucht werden, untersucht in England Stanley Pilgrim im Auftrag des englischen Geheimdienstes einen Mord, dessen seltsame Umstände Fragen aufwerfen, deren Antworten ebenfalls in Rumänien zu liegen scheinen. Von einem Spion in Heyzigs Umfeld erfahren die Briten von den Plänen des SS-Offiziers und beschließen daraufhin, den Deutschen zu eliminieren. Doch auch dieses Vorhaben steht unter keinem guten Stern, denn in den britischen Reihen befinden sich blutgebundene Verräter und es gibt mehr als nur einen Strigoi, der von Personen Besitz ergreifen kann.


Was auf den ersten Blick wie kruder Mix aus altbekannten Storyelementen vor einem ausgelutschten Hintergrund aussieht, erweist sich schnell als komplexe, spannende Geschichte mit mehren Handlungssträngen, -orten und -ebenen, die gerade zu Beginn dem Leser Einiges an Konzentration abverlangen. Hat man sich jedoch in das Mystery-Crime-Setting erst einmal eingelesen, nehmen einen sowohl Inhalt als auch Atmosphäre bis zur letzten Seite gefangen
Bemerkenswert an Nurys Ansatz ist, dass der Autor weitgehend auf Schwarzwei√ümalerei verzichtet und den moralisch-politischen Zeigefinger nur zur√ľckhaltend erhebt. Weder stilisiert er die Nazi per se zu quasi au√üerirdischen Monstrosit√§ten, sondern zeigt sie – realit√§tsnah – als im Zweifelsfall gebildete, sch√∂ngeistige, ggf. grausame Ehrgeizlinge, die sich mit der Staats-Ideologie mehr oder weniger arrangieren, noch spricht er deren Gegenspieler – Briten, rum√§nischen und innerparteilichen Widerstand – gleichsam heilig. Nurys Protagonisten sind mehrdimensionale Charaktere fernab jener √ľblichen Comic-Stereotype, die bspw. die an die Pulp-Literatur angelehnten Comics des Hellboy- oder B.U.A.P.-Universums bev√∂lkern.
Das Tempo der Geschichte ist unterm Strich eher gem√§chlich, d.h. die Handlung entwickelt sich mit Bedacht und zwar prim√§r sowohl √ľber die Dialoge – Narrative Boxes werden sehr sparsam eingesetzt -, als auch √ľber das Artwork. Allerdings wird der ruhige Erz√§hlfluss immer wieder durch Action-Szenen unterbrochen, die sich z.T. durch gro√üe Brutalit√§t und Grausamkeit auszeichnen, welche jedoch nur selten plakativ sind, sondern sich harmonisch in die Geschichte eingliedern.

Die gro√üe Schw√§che von Nurys Erz√§hlung liegt zweifelsohne in der Bezugnahme auf den Graf Dracula-Mythos, der der gesamten Story einen trashigen, B-Movie-Touch gibt und der f√ľr ihr Funktionieren vollkommen unn√∂tig ist. Mystery bedarf nicht immer der Erkl√§rung, erst recht keiner so unoriginellen.

Das Artwork des Zeichners Cassaday und der Koloristen Laura DePuy ( aka Laura Martin) ist von bestechender Klarheit und atmosph√§rischer Tiefe. Den K√ľnstlern gelingt es, in ihren Bilder jenen Zeitgeist einzufangen, den wir r√ľckblickend mit jener Zeit assoziieren, wobei dieser Geist nicht nur √ľber modische Accessoires, sondern eben auch √ľber die ged√§mpften, k√ľhlen und Funktionalit√§t – statt Individualit√§t – ausstrahlenden Farben transportiert wird.
In den hochrealistischen Zeichnungen bem√ľht sich Cassaday, Individuen mit einmaligen, lebendigen Physiognomien zu entwerfen, Menschen, denen man 1942 auf vielen Stra√üen Europas h√§tte begegnen k√∂nnen. Und sein Bem√ľhen ist Erfolg gekr√∂nt, wobei sich f√ľr einige Leser das Problem stellt, dass auf Grund des Verzichtes der visuellen √úberspitzung, welche im Comic Charaktere h√§ufig auf wenige signifikante Merkmale (Frisuren, Farbe des Kost√ľms, Tattoos ...) reduziert, in einigen Panels ein zweiter und dritter Blick erforderlich wird, um die Protagonisten zu identifizieren. Dieses ist jedoch nicht Ausdruck der Unf√§higkeit Cassadays, aussagekr√§ftig zu zeichnen, sondern Ausdruck der Unf√§higkeit des Lesers, angemessen zu beobachten. Das hei√üt also, „Ich bin Legion“ erfordert neben der Konzentration auf die Story eben auch eine Konzentration auf das Artwork und ist damit kein Comic, welches man einfach nebenbei durchbl√§ttern kann, ohne etwas zu „verpassen“.

Der redaktionelle Teil diese hochwertigen Hardcover-Bandes besteht in einem (zu) kurzen Abriss Stefan Pannors √ľber die hostorische Entwicklung des Comics dies- und jenseits des Atlantiks.


Fazit: Das exzellente Artwork, die komplexe, d√ľstere Mystery-Geschichte, die trotz des historischen Hintergrundes weitgehend auf Schwarzwei√ümalerei verzichtet, sowie vielschichtige Charaktere machen „Ich bin Legion“ zu einer teuflisch hei√üen Lese-Empfehlung.


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kiss your face and touch your skin
I will slide my fingers in
let me show you what I can.


Mancher findet sein Herz nicht eher, als bis er seinen Kopf verliert.
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