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Coraline, Comic
VirtualSelf
Beitrag 25. Mar 2009, 16:46
Beitrag #1


Vice Admiral
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Titel: Coraline
OT: Coraline
nach einer Story von Neil Gaiman
Adaption und Zeichnungen: P. Craig Russell
Farben: Lovern Kindzierski
√ú: Bernd Kronsbein
Lettering: RAM
Ausstattung: SC mit Faltcover, 196 Seiten
ISBN: 978-3-86607-819-2
Verlag: PaniniComics, 2009



Coraline Jones zieht mit ihren Eltern in eine malerische, im Gr√ľnen gelegene Villa. Das im viktorianischen Stil erbaute Haus ist f√ľr eine Familie allerdings zu gro√ü, so dass sich die Jones' ihr neues Heim mit anderen Mitbewohnern teilen. Unter ihnen wohnen zwei √§ltliche, freundliche Damen, Miss Spink und Miss Forcible, √ľber ihnen, im Dachgeschoss, lebt ein √§lterer, verschrobener Herr, der M√§use dressiert.
Die Tage gehen ins Land, Coraline findet sich in ihrer neuen Umgebung problemlos zurecht, erkundet den verwilderten Garten, wo ihr eine schwarze Katze √ľber den Weg l√§uft, und spielt die Spiele, die Kinder gew√∂hnlich spielen, wenn sie ohne ihresgleichen sind. Doch dann kommt der k√ľhle Sommer und mit ihm Regen und Langeweile. Coraline beschlie√üt das Haus zu erkunden, findet eine zugemauerte T√ľr und erh√§lt dubiose Warnungen von den √§lteren Mitbewohnern.
Eines Tages, das M√§dchen ist allein zu Hause, √∂ffnet es die T√ľr mit einem besonderen Schl√ľssel, die Mauer ist fort und ein Weg in die Dunkelheit liegt vor ihm. Mutig begibt sich Coraline in die Finsternis und findet sich unversehends in ihrer neuen alten Wohnung wieder.
Doch etwas ist anders: die Bewohner des Hauses, ihre anderen Eltern sowie die drei anderen Alten! An Stelle ihrer Augen sitzen schwarze Knöpfe und ihre Proportionen sind in Teilen unstimmig, die Hände zu lang, die Zähne zu groß und die Gesichter zu eingefallen, zu jung oder zu rund. Coralines Furcht hält sich allerdings in Grenzen, denn diese Wesen sind augenscheinlich freundlich, das Essen, das ihre andere Mutter kocht, ist traumhaft und im Kinderzimmer warten die fantastischten Spielsachen auf sie.
W√§hrend Coraline die Umgebung durchstreift, begegnet ihr wieder die schwarze Katze, die auf dieser Seite der T√ľr jedoch sprechen kann und die das M√§dchen warnt. Als ihr dann die anderen Eltern das Angebot machen, die Augen durch schwarze Kn√∂pfe zu ersetzen, verl√§sst Coraline flugs das seltsame Haus, um sich in vertrauter Umgebung wiederzufinden. Eigentlich ist hier alles so wie vorher bis auf die Tatsache, dass ihre echten Eltern verschwunden sind.
Der Hilferuf des Abbildes ihrer Mutter in einem Spiegel veranlasst das Kind, in die fremdartige Welt zur√ľckzukehren, um die echten Eltern dort zu suchen. Zwar wird Coraline von ihrer anderen Mutter freudig empfangen, doch schnell zeigt sich, dass die Wesen dieser Anderswelt nichts Freundliches im Sinn haben. Da dem M√§dchen dann auch noch die R√ľckkehr in die reale Welt verwehrt wird, bleibt ihm nichts anderes √ľbrig, als ein riskantes Spiel zu wagen, ein Spiel in dem Coraline der Preis ist und in dem es darum geht, die Eltern zu finden sowie die Herzen von drei toten Kindern, welche die Hexe Jahre zuvor gestohlen hat und die Kleinen dadurch zu einer geisterhaften Existenz verdammte – ein Schicksal, das auch Coraline droht.
Die Suche ist gefahrvoll, denn es gibt weitere Wesen in dieser Welt, die Coraline nicht freundlich gesonnen sind, doch sie ist nicht allein: die schwarze Katze erweist sich als vertrauensw√ľrdiger und weiser Ratgeber.


„Coraline“ basiert auf dem gleichnamigen Kinderbuch des britischen Superstars der gehaltvollen Fantasy und des intelligenten Geschichtenerz√§hlens, Neil Gaiman. Mit Philip Craig Russell hat sich ein Autor und Zeichner des Stoffes angenommen, der nicht zuletzt auf Grund der Anzahl seiner Auszeichnungen und Preise fraglos zu den herausragendsten K√ľnstlern der Comic-Szene z√§hlt. Dem gemeinsamen Wirken zweier solcher Koryph√§en kann kaum etwas anderes als ein Werk entspringen, welches – wie Coraline – seinen Leser von der ersten bis zur letzten Seite in seinen Bann zieht.
Ganz sicher ist das Comic trotz des grunds√§tzlich sehr offenen, klaren Zeichenstils Craigs und der freundlichen, pastellenen Koloration Kindzierskis, die auch von Kindern verstanden werden, kein Buch f√ľr Kinder, denn anders als im Roman erh√§lt der unterschwellige Horror hier eine verst√∂rende, real wirkende und d√§monische Pr√§senz. Allein der Anblick der knopfaugigen, oft grimassenhaft verzerrten Gesichter √ľberlagert visuell jene optimistische Botschaft der Geschichte, die in erster Linie an die kindliche Leserschaft gerichtet ist - Sei stark, sei furchtlos, sei dir treu und gib nicht auf, dann kannst du jedes Problem √ľberwinden! -, und erzeugt ein best√§ndiges Gef√ľhl der Beklemmung und Vorahnung von etwas unsagbar B√∂sem, das allerdings nicht explizit in Erscheinung tritt.

Der Grundplot der Gaiman'schen Geschichte, die Reise in eine Anderswelt durch geheime T√ľren im nahen Umfeld, ist alles andere als neu und findet sich bspw. in den Alice-Geschichten Lewis Carrolls oder in George MacDonalds Roman „Lilith“ - um nur zwei Autoren zu nennen. Da es sich aber um eine archetypische Idee handelt - die Angst vor dem Unbekannten, das im Vertrauten lauert -, ist dieser Ansatz zeitlos und kann immer wieder neu beschrieben, ausgeschm√ľckt oder verarbeitet werden, ohne dass er per se langweilig wird.

Gaimans Coraline ist ganz ein (idealisiertes) Kind unserer Zeit: emanzipiert von tradierten Rollenklischees, selbstbewusst in der Artikulation ihrer W√ľnsche, gewieft im Umgang mit der modernen Technik, neugierig und kaum aggressiv. Auf Grund ihres Mutes und ihrer nat√ľrlichen emotionalen St√§rke in Situationen, die die meisten Erwachsenen mit Furcht erf√ľllten, dient sie jedoch nicht nur Kindern als Projektionsfl√§che, sondern eben auch reiferen Lesern, welche die B√∂sartigkeit der Anderen g√§nzlich durchschauen bzw. zu durchschauen glauben.

Die Story selbst lebt – wie so viele Geschichten Gainmans – von skurrilen Charakteren, die sich in bizarren Situationen wiederfinden, von mythologischen Reminiszenzen – hier bspw. die Bedeutung des Essens in der Anderswelt – und von vielen kleinen Weisheiten und Wahrheiten, die man zwar in der Regel schon kennt, die man jedoch oft genug verdr√§ngt oder vergisst. Wenn Coraline einem d√§monischen Wesen entgegnet, „Ich will gar nicht, was immer ich will. Niemand will das. Nicht im Ernst. Wo bliebe da der Spa√ü, wenn ich immer alles bekomme, was ich haben will?“, dann sind die meisten Leser geneigt, dem verstandesgem√§√ü zuzustimmen, selbst wenn das Gierige in ihnen nach Allem schreit.


Fazit: Ein unheimliches, spannendes M√§rchen von einem starken M√§dchen; fesselnd adaptiert und visualisiert von P. Craig Russell. Trotz des Fehlens von expliziter Gewalt f√ľr Kinder nur bedingt geeignet.


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kiss your face and touch your skin
I will slide my fingers in
let me show you what I can.


Mancher findet sein Herz nicht eher, als bis er seinen Kopf verliert.
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