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StartStrange New WorldsStrange New Worlds - Season 4Rezension: Star Trek: Strange New Worlds – 4×04 "Ein Fall von Chiaroscuro"

Rezension: Star Trek: Strange New Worlds – 4×04 “Ein Fall von Chiaroscuro”

“Ein Fall von Chiaroscuro” schickt die Crew der Enterprise in ein Noir-Szenario zwischen Besatzung, Widerstand und geheimnisvoller Doppelidentität.

Handlung

Eine Aufklärungssonde der Sternenflotte dringt unbeabsichtigt in den klingonischen Raum ein und droht damit, den ohnehin fragilen Frieden zu gefährden. Föderation und Klingonen befinden sich in einem Kalten Krieg, sodass die Verletzung des klingonischen Territoriums leicht als feindseliger Akt ausgelegt werden könnte. Die Enterprise erhält deshalb den Auftrag, die Sonde möglichst unauffällig zu bergen, bevor die Klingonen ihre Anwesenheit bemerken.

Für die Bergungsmission fliegen Commander Chin-Riley, Ensign Uhura und Dr. M’Benga mit einem Shuttle zur Sonde. Die ungewöhnlichen physikalischen Bedingungen der Region beeinträchtigen ihre Farbwahrnehmung, sodass sie die Umgebung nur in Schwarz-Weiß wahrnehmen. Als ein klingonischer D7-Kreuzer auftaucht, müssen sie die Bergung abbrechen und fliehen. Sie landen auf Mat’aar XII, einem von den Klingonen besetzten Planeten. Ein großflächiges Kraftfeld verhindert jedoch ihre Flucht. Die Crew sitzt fest und muss einen Weg finden, die Barriere zu überwinden.

Dort wird Una wegen ihrer verblüffenden Ähnlichkeit mit Nevette verwechselt, einer Widerstandskämpferin und Doppelagentin. Unfreiwillig übernimmt sie deren Rolle und gerät zwischen den Widerstand und die klingonischen Besatzer.

Währenddessen untersucht La’an an Bord der Enterprise, wie die Sonde in den klingonischen Raum gelangen konnte. Zunächst zweifelt sie selbst daran, ob ihre Verdachtsmomente berechtigt sind oder ob sie zunehmend paranoid wird. Doch je mehr sie herausfindet, desto stärker wird ihr Verdacht, dass tatsächlich ein Besatzungsmitglied die Sonde manipuliert hat. […]

Story & Drehbuch

Das Skript von Skylar Ojeda und Dana Horgan leidet für mich unter einem Problem, das inzwischen geradezu symptomatisch für “Strange New Worlds” geworden ist: Die beiden Autorinnen haben eine Genre-Idee, schaffen es aber nicht, daraus eine wirklich eigenständige Geschichte zu entwickeln, die vor Einfallsreichtum strotzt und tatsächlich einmal etwas Neues erzählt. Diesmal soll es also Noir sein. Schon der Titel “Ein Fall von Chiaroscuro” verweist darauf. Der Begriff bezeichnet in der Kunst eine Gestaltung mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten und passt damit gleich auf mehreren Ebenen zur Episode: Die besonderen physikalischen Bedingungen auf Mat’aar XII lassen die Crew die Welt nur in Schwarz-Weiß wahrnehmen, zugleich orientiert sich die Inszenierung deutlich an der Bildsprache des Film Noir. Chiaroscuro lässt sich aber auch im übertragenen Sinne als Spiel mit Licht und Schatten verstehen – und damit als Metapher für Gut und Böse. Eigentlich wäre das eine hervorragende Ausgangslage für eine Geschichte über Besatzung, Widerstand, Verrat und die Oberste Direktive. Nur leider nutzt das Drehbuch dieses Potential kaum.

Stattdessen bekommt man ein generisches Noir-Setting mit Schwarz-Weiß-Optik, schummrigen Bars, Doppelagenten, Widerstandskämpfern, Besatzungsmacht und einer mysteriösen Doppelgängerin. Die Zutaten stimmen, doch erzählerische Kniffe, die daraus etwas Eigenständiges machen könnten, sucht man weitgehend vergeblich. Vieles wirkt wie die bloße Aneinanderreihung vertrauter Genre-Motive, die in eine “Star Trek”-Handlung eingesetzt wurden, ohne daraus eine wirklich originelle Geschichte zu entwickeln. Eine solche Geschichte hätte außergewöhnliche Charaktere und moralische Zwischentöne gebraucht – doch auch die bleiben weitgehend aus. Das Drehbuch wirkt dadurch nicht nur oberflächlich, sondern über weite Strecken auch erschreckend uninspiriert.

Schon der Einstieg ist dafür bezeichnend. Das Außenteam landet ausgerechnet dort, wo eine Frau lebt, die Una bis ins Detail gleicht und zugleich eine zentrale Figur des lokalen Widerstands ist. Nicht nur das Gesicht stimmt überein, auch Stimme, Mimik und Gestik sind offenbar identisch. Statt sich zunächst langsam in die fremde Welt von Mat’aar XII einzufinden, die Gesellschaft und ihre Bewohner kennenzulernen und ein Gefühl für die Situation vor Ort zu entwickeln, geht die Episode sofort in die Vollen. Kaum angekommen, steckt das Außenteam bereits mitten im nächsten Konflikt.

Als später Nevettes Leiche gefunden wird, erwartet man beinahe zwangsläufig eine Erklärung für diese erstaunliche Übereinstimmung der beiden Frauen. Doch diese Erklärung kommt nicht. Alles nur Zufall!!! Es ist kein mysteriöses Rätsel, das am Ende clever aufgelöst wird. Es ist schlicht Lazy Writing. Die Geschichte braucht eine Una-Doppelgängerin, also bekommt sie eine. Dass praktisch jeder, der zuvor mit Nevette zu tun hatte, Una für dieselbe Person hält, wird von der Handlung einfach vorausgesetzt. Auch hier fehlt jede erzählerische Vorbereitung, die diese Verwechslung glaubhaft machen könnte.

Danach hangelt sich die Handlung von einem Klischee zum nächsten: Passkontrolle, Verhaftung, Folter, Verrat innerhalb des Widerstands und schließlich der unscheinbare Barkeeper, der sich als heimlicher Held entpuppt. Man kennt diese Bausteine nicht nur – man kennt sie so gut, dass man schon weiß, welche Funktion eine Figur haben wird, bevor das Drehbuch sie überhaupt erklärt. Ein wiederkehrendes Ärgernis – Woche für Woche.

Genau darin liegt für mich eines der größten Probleme dieser Staffel: Zwar wechseln Setting und Genre von Folge zu Folge, doch darunter bleiben die erzählerischen Muster erstaunlich vertraut. Vieles wirkt wie eine neue Verpackung für Geschichten, die “Star Trek” und andere Serien und Filme längst in ähnlicher Form erzählt haben. Die Episode wechselt also die stilistische Oberfläche, ohne die zugrunde liegenden Geschichten wirklich neu zu denken.

Oberflächliche Schwarz-Weiß-Geschichte

Dabei steckt in der Ausgangssituation durchaus Potential. Ein von einer fremden Macht besetzter Planet, eine Widerstandsbewegung und eine Sternenflottenoffizierin, die plötzlich zwischen die Fronten gerät – daraus hätte man eine ausgesprochen interessante “Star Trek”-Geschichte machen können. Schließlich hat das Franchise dieses Thema schon mehrfach überzeugend behandelt.

“Deep Space Nine” beschäftigte sich ausführlich mit dem bajoranischen Widerstand gegen die Cardassianer. “Voyager” nutzte in “The Killing Game” (VOY 4×18/19) ebenfalls ein besetztes, von Widerstand und Kollaboration geprägtes Szenario. Und “The High Ground” (TNG 3×12) aus “The Next Generation” ging noch einen entscheidenden Schritt weiter: Dort wurden Terrorismus, Separatismus und Staatsmacht nicht einfach in Gut und Böse eingeteilt. Stattdessen stellte die Episode die schwierige Frage, wo der legitime Kampf um politische Autonomie in verachtenswerten Terrorismus umschlägt, welche Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung noch verhältnismäßig sind und ab wann der Staat selbst Gefahr läuft, zu einem repressiven System zu werden.

Genau diese Grauzonen fehlen “Ein Fall von Chiaroscuro”. Ausgerechnet eine Episode, deren Titel auf die Spannung zwischen Hell und Dunkel verweist, zeichnet auch moralisch ein erstaunlich eindeutiges Bild. Die Klingonen sind die Besatzer, der Widerstand steht auf der richtigen Seite – und Unas zentrale Entscheidung reduziert sich letztlich darauf, ob sie die Oberste Direktive brechen darf beziehungsweise brechen muss. Das ist erzählerisch bequem und moralisch reichlich plakativ, weil die eigentlichen Konflikte einer Besatzungsgeschichte gar nicht erst ernsthaft ausgeleuchtet werden. Dabei wäre gerade die Geschichte des Widerstands ein hervorragender Ausgangspunkt für ein schwieriges moralisches Dilemma gewesen.

Widerstand gegen eine Besatzungsmacht ist in vielen Fällen notwendig und legitim. Aber was passiert, wenn Widerstandskämpfer selbst Grenzen überschreiten? Wie geht eine Gesellschaft nach dem Ende einer Besatzung mit Kollaborateuren um – und wo beginnt dabei die Entwürdigung? Ein historisches Beispiel wie die sogenannten “femmes tondues” zeigt, wie schnell der Umgang mit Kollaborateuren nach einer Befreiung in öffentliche Demütigung und Entwürdigung umschlagen kann. Daher stellt sich die Frage: Wann wird aus gerechtfertigter Sanktionierung bloße Rache? Und darf ein Widerstand für ein höheres Ziel Mittel einsetzen, die er beim Gegner selbst verurteilt?

Genau hier hätte die Episode bei Una ansetzen können. Stattdessen bleibt sie bei einem vergleichsweise konventionellen Konflikt um die Oberste Direktive. Zwar ist die Frage, ob sie in die Angelegenheiten einer fremden Gesellschaft eingreifen darf, für sich genommen nicht uninteressant, für “Star Trek” ist sie jedoch längst vertrautes Terrain. Viel spannender wäre gewesen, Una nicht nur vor die Entscheidung zu stellen, ob sie eingreifen darf, sondern wie weit sie dabei zu gehen bereit ist. Denn sobald sie tatsächlich Teil des Widerstands wird, stellen sich ganz andere Fragen: Würde sie Gewalt gegen Kollaborateure akzeptieren, wenn dadurch das Leben vieler anderer gerettet werden könnte? Würde sie Folter tolerieren? Eine gezielte Tötung? Sabotage? Wo endet die Prinzipienethik und wo beginnt die utilitaristische Rechnung? Kann ein guter Zweck schlechte Mittel rechtfertigen?

Das wären Fragen gewesen, die Una tatsächlich auf die Probe gestellt hätten. “Ein Fall von Chiaroscuro” stellt diese unbequemen Fragen aber nicht. Stattdessen bleibt die Episode lieber auf sicherem Terrain und fasst sowohl Una als auch das Publikum mit Samthandschuhen an, anstatt sie mit einem wirklich harten moralischen Konflikt zu konfrontieren.

Die Oberste Direktive und das alte “NuTrek”-Problem

Damit landet die Episode bei einem weiteren Problem, das mich an den neueren “Star Trek”-Produktionen zunehmend stört: Regeln scheinen immer dann verhandelbar zu werden, wenn die Protagonisten überzeugt sind, moralisch im Recht zu sein. Auch das klassische “Star Trek” hat die Oberste Direktive immer wieder verletzt. Der Unterschied: Frühere Episoden machten daraus ein echtes Dilemma und fragten zugleich, warum diese Regel überhaupt existiert und welche Folgen ihre Missachtung haben kann.

Bei “Strange New Worlds” wirkt die Oberste Direktive dagegen zunehmend wie ein Hindernis, das man bei Bedarf guten Gewissens aus dem Weg räumen darf. Wenn die Regel aber immer dann nicht gilt, wenn die Helden von der Richtigkeit ihres Handelns überzeugt sind, stellt sich irgendwann die Frage: Wozu braucht man eine solche Regel überhaupt?

Gerade die Gegenwart und ihre Debatten über die Grenzen und Widersprüche des Völkerrechts hätten hier ein spannendes Vergleichsbeispiel geliefert. Der Iran zeigt exemplarisch, wie schwierig das Spannungsfeld zwischen dem Gewaltverbot in den internationalen Beziehungen und der “Responsibility to Protect” sein kann. Was geschieht, wenn eine internationale Reaktion auf schwerste Menschenrechtsverletzungen zwar geboten erscheint, eine dafür notwendige Resolution des UN-Sicherheitsrats aber am Veto einzelner Staaten und deren machtpolitischen Interessen scheitert? Kann sich die internationale Gemeinschaft dann tatsächlich darauf zurückziehen, dass ein Eingreifen völkerrechtlich nicht legitimiert ist, während im Iran weiterhin massenhaft Menschen hingerichtet werden? Oder stellt sich dann nicht zwangsläufig die unbequeme Frage, ob das Festhalten an einem Rechtsrahmen, der kollektives Handeln in solchen Situationen blockiert, selbst an moralische Grenzen stößt?

Die Gegenposition ist allerdings ebenso problematisch: Selbst wenn man ein Eingreifen für moralisch geboten hält, ist damit noch lange nicht geklärt, ob und wie es tatsächlich etwas bewirken kann. Eine begrenzte militärische Intervention kann ein Regime unter Druck setzen, ohne die zugrunde liegenden Probleme zu lösen – oder einen Konflikt sogar weiter verschärfen und zusätzliche Opfer verursachen. Gerade die jüngsten Erfahrungen mit begrenzten Interventionen zeigen, dass militärische Gewalt keineswegs automatisch politische Veränderungen herbeiführt. Zwischen Nichteinmischung und Intervention gibt es deshalb keine Ideallösung, sondern allenfalls Entscheidungen, deren Folgen gegeneinander abgewogen werden müssen.

Genau diese Spannung zwischen Recht, moralischer Verantwortung und den unabsehbaren Folgen politischen Handelns wäre ideales “Star Trek”-Material gewesen. “Ein Fall von Chiaroscuro” hätte Una mit diesem Widerspruch konfrontieren können. Stattdessen reduziert die Episode das Problem letztlich auf die Frage, ob Una die Oberste Direktive brechen darf. Die anschließende Lösung kommt dann wieder einmal wie ein “Deus ex Machina” daher: Ein Knopfdruck genügt, das akute Problem ist gelöst, und mögliche Konsequenzen werden weder ernsthaft thematisiert noch überhaupt gezeigt. Was danach passiert, bleibt weitgehend im Dunkeln. Aus den Augen, aus dem Sinn?

Charaktere

Auch Unas Motivation und ihre Entscheidungen sind für mich nur teilweise schlüssig. Dass sie aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen eine besondere Empathie für die Bewohner von Mat’aar XII entwickelt, kann ich noch nachvollziehen. Sie kann sich zudem mit Nevette identifizieren, weil auch sie einen großen Teil ihres Lebens ihre wahre Identität verbergen und als genetisch veränderte Person eine Rolle spielen musste. Weniger überzeugend ist jedoch, wie bereitwillig sie daraufhin Nevettes Identität übernimmt und sich auf eine Situation einlässt, über die sie kaum etwas weiß.

Denn Una weiß praktisch nichts über die Frau, deren Identität sie plötzlich spielt. Sie kennt weder ihre Lebensgeschichte noch ihre Kontakte oder ihre Stellung innerhalb des Widerstands. Trotzdem übernimmt sie deren Rolle mit einer Souveränität, die schlicht unglaubwürdig wirkt. Noch weniger überzeugt, wie bereitwillig ihr Umfeld diese Täuschung akzeptiert – obwohl Una weder die persönlichen Beziehungen noch die gemeinsame Vorgeschichte mit den Menschen kennen kann, denen sie begegnet.

Eine erfahrene Sternenflottenoffizierin hätte vermutlich zunächst versucht, die Situation zu analysieren, Informationen zu sammeln und ihre eigene Identität möglichst geheim zu halten. Stattdessen folgt Una der Drehbuchlogik, weil die Handlung sie genau dort haben möchte. Überhaupt ist das Verhalten dieser Crew inzwischen ein eigenes Thema. Immer wieder treffen hochrangige Sternenflottenoffiziere Entscheidungen, die bei nüchterner Betrachtung erstaunlich irrational wirken. Irgendwann fragt man sich tatsächlich, warum diese Menschen überhaupt in diesen Positionen sind.

Besonders schwer tue ich mich weiterhin mit Dr. M’Benga. Seine düstere, traumatisierte Seite wird inzwischen so stark betont, dass kaum noch etwas von dem offenen und sympathischen Arzt übrig bleibt, den wir aus der Originalserie kennen. Natürlich darf eine Figur von ihrer Vergangenheit geprägt sein, aber bei M’Benga scheint diese Vergangenheit inzwischen fast die gesamte Figur zu definieren. Seine Härte und seine Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten, werden immer wieder mit seinen traumatischen Erfahrungen erklärt, ohne dass daraus eine wirklich interessante Entwicklung entsteht.

Besonders bedauerlich finde ich dabei den Vergleich mit dem M’Benga aus der Originalserie. Dort wirkt die Figur deutlich zugänglicher, ruhiger und menschlicher. Der M’Benga aus “Strange New Worlds” hat damit inzwischen nur noch wenig gemeinsam. Für mich ist das keine überzeugende Weiterentwicklung, sondern vielmehr eine grundlegende Umdeutung der Figur, die ihn vor allem zunehmend unangenehm erscheinen lässt. Gerade seine Rolle als Arzt hätte ihm eine interessante Perspektive auf die moralisch fragwürdigen Entscheidungen seiner Crew geben können. Stattdessen wird seine dunkle Seite immer wieder hervorgeholt, um der Figur eine möglichst düstere und bedrohliche Note zu verleihen.

Auch Gastcharakter Commander Kor (Demore Barnes) bleibt als Gegenspieler weitgehend in den üblichen Klischees des klingonischen Bösewichts gefangen. Barnes macht aus dem Material durchaus etwas, doch das Drehbuch gibt ihm kaum Gelegenheit, über die Rolle des brutalen Besatzers hinauszuwachsen. Dabei hätte gerade ein klingonischer Offizier, der einen fremden Planeten kontrolliert, interessante eigene Motive und eine politische Perspektive bekommen können. Vor allem hätte die Episode die imperialistische Dimension der klingonischen Besatzung stärker herausarbeiten müssen: Geht es den Klingonen lediglich um Macht und strategische Kontrolle, um Rohstoffe und andere materielle Interessen – oder verfolgen sie auch das Ziel, ihre eigene Kultur und Gesellschaftsordnung den Bewohnern von Mat’aar XII aufzuzwingen?

Die Episode stellt diese Fragen gar nicht erst oder nur unterschwellig. Stattdessen bleibt Kor vor allem die Funktion des Antagonisten: Er muss böse und bedrohlich sein, damit der Widerstand automatisch auf der richtigen Seite steht. In dieser Hinsicht wirken die Klingonen fast so eindimensional wie zu TOS-Zeiten – nur dass man heute eigentlich erwarten dürfte, aus ihnen deutlich mehr zu machen. Damit verstärken Kor und die übrigen Klingonen genau jene Schwarz-Weiß-Zeichnung, unter der die gesamte Episode leidet.

Und dann wäre da noch das Erscheinungsbild: Mir fehlt bei Kor nicht zuletzt der Bart, der für mich zum klassischen Klingonenbild gehört. Vor allem aber hatte “Enterprise” sich seinerzeit die Mühe gemacht, die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Klingonen innerhalb der Chronologie zu erklären – ausdrücklich auch mit Blick auf Kor aus der Originalserie. So wenig ich eine solche Erklärung nach fast 40 Jahren damals für notwendig erachtet habe, so sehr stört mich heute, wie achtlos “Strange New Worlds” mit dieser nachträglich etablierten Kontinuität umgeht. Man kann über die damalige Erklärung sicher geteilter Meinung sein. Sie anschließend jedoch praktisch zu ignorieren, empfinde ich als wenig respektvollen Umgang mit der Arbeit früherer “Star Trek”-Autoren.

Inszenierung

Visuell ist “Ein Fall von Chiaroscuro” zweifellos auffällig. Die Schwarz-Weiß-Optik passt zum Noir-Ansatz und erzeugt einige atmosphärisch durchaus gelungene Bilder. Auch die pseudowissenschaftliche Erklärung für die veränderte Farbwahrnehmung funktioniert für mich grundsätzlich.

Problematisch wird es für mich dort, wo das Stilmittel nicht mehr nur die Inszenierung prägt, sondern das gesamte Worldbuilding der Episode bestimmt. Die Episode überträgt das Erscheinungsbild eines irdischen Noir-Films der 1920er/30er oder 40er Jahre nahezu unverändert auf einen außerirdischen Planeten des 23. Jahrhunderts. Autos, Kleidung, Klaviermusik, Architektur – vieles wirkt weniger wie eine fremde Kultur als wie ein Filmset, auf dem man einen klassischen Gangsterfilm nachstellt.

Natürlich hat “Star Trek” schon immer Planeten gezeigt, die erstaunlich erdähnlich waren – insbesondere in der Originalserie. Das allein ist kein Argument gegen die Episode. Problematisch wird es vielmehr dadurch, dass die irdische Noir-Ästhetik hier praktisch die gesamte Welt von Mat’aar XII bestimmt. Abgesehen von den Klingonen gibt es kaum etwas, das den Eindruck einer außerirdischen Gesellschaft vermittelt. Selbst das Auftreten der Bewohner wirken wie direkt aus einem irdischen Noir-Film übernommen. Dadurch verliert der Planet jede Eigenständigkeit und wirkt stellenweise eher wie eine Kulisse als wie eine fremde Welt. In manchen Momenten hat das fast schon etwas Parodistisches. Auch hier fehlt mir der Mut zu echten “seltsamen neuen Welten”.

Schlussbetrachtung

“Ein Fall von Chiaroscuro” ist für mich ein weiteres Beispiel dafür, wie “Strange New Worlds” zunehmend Form über Inhalt stellt. Die Idee, eine “Star-Trek”-Geschichte als Noir-Krimi zu erzählen, ist grundsätzlich reizvoll. Auch die Ausgangssituation auf Mat’aar XII hätte genügend Stoff für eine anspruchsvolle Geschichte über Besatzung, Widerstand, Kollaboration und moralische Grenzen geboten. Leider wird kaum etwas davon konsequent verfolgt. Stattdessen bekommt man Doppelgänger, Folter, Verrat, einen geheimnisvollen Barkeeper und einen Gegenspieler, der genau das tut, was man von ihm erwartet.

Die B-Handlung um La’an funktioniert etwas besser, weil sie zumindest eine kleine Überraschung bereithält: Tatsächlich steckt Christine Chapel hinter der Manipulation der Sonde. Das war für mich der einzige Moment der Episode, an dem das Drehbuch meine Erwartungen wirklich durchbrechen konnte.

Umso ernüchternder ist, wie anschließend mit dieser Enthüllung umgegangen wird. Wieder wird vertuscht, wieder werden Regelverstöße mit persönlichen Motiven gerechtfertigt, wieder scheint die eigene moralische Überzeugung wichtiger zu sein als die Regeln, denen sich eine Organisation eigentlich verpflichtet fühlen sollte.

Die Serie erzählt immer häufiger Geschichten, die spektakulär aussehen oder sich einem bestimmten Genre verschreiben, ohne daraus auch inhaltlich etwas zu machen. Die vierte Staffel zeigt Experimentierfreude, doch diese wird mit jeder weiteren Folge mehr und mehr zum Selbstzweck. Wenn die einzelnen Ausflüge in andere Genres am Ende nichts Wesentliches über die Figuren, die Föderation oder das “Star-Trek”-Universum zu erzählen haben, dann bliebt nur noch die Form übrig, aber kein Gehalt, der nachwirkt.

“Ein Fall von Chiaroscuro” ist für mich deshalb vor allem eine verpasste Chance. Eine Geschichte über Besatzung und Widerstand hätte ein moralisch unbequemes “Star Trek” werden können. Ein Noir-Krimi hätte mit den Erwartungen des Genres spielen und sie vielleicht sogar auf interessante Weise unterlaufen können. Und die Handlung um La’an hätte die Frage nach Vertrauen, Misstrauen und Paranoia innerhalb der eigenen Crew vertiefen können.

Am Ende überwiegt bei mir der Eindruck, dass die Episode viel Wert darauf legt, eine bestimmte Atmosphäre und Ästhetik zu erzeugen, dabei aber ihre eigentliche Geschichte aus den Augen verliert. Der visuelle und stilistische Aufwand ist unübersehbar, doch inhaltlich bleibt erstaunlich wenig hängen. Für eine Serie, die sich ausdrücklich in der Tradition von “Star Trek” versteht, ist mir das schlicht zu wenig.

Nach den ersten vier Episoden verdichtet sich für mich daher der Eindruck, dass die vierte Staffel nicht nur hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt, sondern sich zunehmend als die bislang schwächste der Serie erweist.

Bewertung

"Ein Fall von Chiaroscuro" ist für mich ein weiteres Beispiel dafür, wie "Strange New Worlds" zunehmend auf stilistische Experimente setzt, ohne ihnen erzählerisch genug Substanz zu geben. Die Episode sieht interessant aus, bleibt inhaltlich aber zu oberflächlich und klischeehaft.

Bewertungsübersicht

Handlung / Drehbuch
Dramaturgie / Inszenierung
Charaktere
Atmosphäre / Worldbuilding
Anspruch
Seriestrange-new-worlds
Bezug
Episode
Matthias Suzan
Matthias' Leidenschaft für "Star Trek" wurde 1994 mit knapp zehn Jahren durch "The Next Generation" geweckt. TNG und DS9 sind bis heute seine Lieblingsserien. Es sind vor allem die politischen, gesellschaftlichen und menschlichen Themen des Trek-Universums, die ihn faszinieren. Aber auch die vielen, tollen Raumschiffe haben es dem passionierten Modellbauer angetan. Matthias ist seit 2017 Teil der TZN-Redaktion.

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