Der Staffelauftakt “Valles Marineris” wagt sich an nichts Geringeres als die Frage nach den Ursprüngen der Menschheit. Am Ende steht ein Zeitreise-Paradoxon mit vielen Fragezeichen.
ACHTUNG: SPOILER-ALARM!
Handlung
Ein ungewöhnlicher Weltraumsturm schleudert die Enterprise in eine frühe Epoche des irdischen Sonnensystems – 65 Millionen Jahre in die Vergangenheit. Dort stoßen Captain Pike und seine Crew auf eine hochentwickelte marsianische Zivilisation, die sich in einem existenziellen Krieg mit den arachnoiden Dol’drm befindet.
Als sich herausstellt, dass der Ausgang dieses Konflikts unmittelbare Auswirkungen auf die Entstehung der Menschheit und der späteren Föderation haben könnte, steht Pike vor einer Entscheidung, deren Konsequenzen weit über das Schicksal zweier Spezies hinausreichen…
Spannung & Effektspektakel zum Staffelauftakt
“Valles Marineris” gehört zweifellos zu den ambitioniertesten Episoden, die “Strange New Worlds” bislang erzählt hat. Über weite Strecken überzeugt die gut einstündige Folge mit einem hohen Erzähltempo und einer Geschichte, die den Zuschauer trotz einiger Problemstellen in Story und Drehbuch fesselt. Die Grundidee besitzt durchaus ihren Reiz und entwickelt sich zu einer spannenden Zeitreise-Geschichte, auch wenn sie sich erneut großzügig bei früheren “Star Trek”-Episoden – insbesondere rund um Prädestinationsparadoxa – sowie bei anderen Science-Fiction-Franchises wie “Jurassic Park” bedient.
Auch inszenatorisch weiß die Episode über weite Strecken zu gefallen. Der Spannungsbogen bleibt von Beginn der Haupthandlung bis zum Finale straff gespannt. Langweilig wird “Valles Marineris” zu keinem Zeitpunkt. Und auch auf der visuellen Ebene zeigt die Folge erneut viele Stärken, aber auch einige Schwächen. Die Darstellung des Weltraums gehört weiterhin zu den großen Pluspunkten der Serie. Die Enterprise wirkt imposant, die Flugsequenzen besitzen Dynamik und die digitale Umsetzung der Raumanomalie ist sehr gelungen.
Deutlich schwieriger fällt dagegen die Bewertung der Planetenoberflächen aus. Gerade hier zeigt sich ein Problem, das “Strange New Worlds” zunehmend begleitet: Die Serie verlässt sich zu stark auf die Möglichkeiten der virtuellen Produktionsumgebung und verliert dadurch einen Teil jener physischen Glaubwürdigkeit, die klassische “Star Trek”-Serien trotz begrenzter technischer Mittel häufig erzeugen konnten. Die sogenannte VR-Wall beziehungsweise LED-Volume-Technik ist zweifellos ein beeindruckendes Werkzeug. Sie ermöglicht es, komplexe außerirdische Landschaften, fremde Welten und spektakuläre Hintergründe zu erschaffen, ohne jedes Mal aufwendige Außenproduktionen organisieren zu müssen. Das spart Zeit und Geld und gerade für eine Science-Fiction-Serie bietet diese Technologie enorme Vorteile. Sie erlaubt eine gestalterische Freiheit, die frühere Generationen von “Star Trek” schlicht nicht besaßen. Gleichzeitig entsteht jedoch immer wieder der Eindruck, dass diese Möglichkeiten zu häufig als Ersatz für reale Schauplätze genutzt werden. Viele Außenaufnahmen wirken dadurch statisch und künstlich. Die Figuren stehen zwar vor visuell beeindruckenden Hintergründen, doch der Umgebung fehlt die Authentizität echter Drehorte.
Paradoxerweise erinnert manches dadurch weniger an die späteren Staffeln von “The Next Generation”, “Deep Space Nine” oder “Voyager”, sondern eher an die künstlichen Studiokulissen der Originalserie. Der Unterschied liegt allerdings darin, dass die alten Produktionen mit deutlicher weniger Budget auskommen mussten. Die Zuschauer akzeptierten die Bühnenhaftigkeit, weil sie Teil der Ästhetik dieser Zeit war – auch in vielen anderen Serien. Die moderne VR-Wall wirkt mittlerweile überstrapaziert. Mehr echte Außendrehs würden der Optik der Serie deutlich guttun.
Wenn “Star Trek” nach den größten Fragen greift
Mit “Valles Marineris” wagt sich das Autorenteam um Akiva Goldsman, Henry Alonso Myers (Drehbuch) und Alan B. McElroy (Story) an eine der größten Fragen, die eine Science-Fiction-Serie überhaupt stellen kann: die Frage nach den Ursprüngen der Menschheit. Die Episode will nicht weniger erzählen als die Vorgeschichte unserer eigenen Spezies, die Entstehung des Mars als lebensfeindliche Welt (samt Valles Marineris-Canyon) – und natürlich die Bedeutung dieses Großereignisses für die spätere Entwicklung der Föderation. Das ist ein enormer erzählerischer Anspruch. Und genau hier liegt gleichzeitig die größte Stärke und die größte Schwäche der Folge.
So spannend und kreativ die eigentliche Hauptgeschichte auch ist, so unrund wirkt die Episode an mehreren Stellen des Drehbuchs. Bereits der Auftakt auf Tolluxar im Cold Open hinterlässt einen konstruierten Eindruck. Die Szene wirkt letztlich wie ein erzählerischer Umweg, dessen eigentlicher Zweck offenbar darin bestand, im Vorfeld der Staffel mit Cowboy-Pike im Trailer eine falsche Fährte zu legen. Für die eigentliche Handlung besitzt sie dagegen keine Relevanz. Darüber hinaus wirft bereits diese Sequenz Fragen hinsichtlich der Obersten Direktive auf. Die Dialoge legen nahe, dass die Enterprise einer Prä-Warp-Zivilisation beziehungsweise einer abgespaltenen menschlichen Kolonie medizinische Vorräte oder Heilmittel verdeckt zukommen lässt. So nobel diese Absicht auch erscheinen mag, sie stellt dennoch eine Form der Einmischung in die Entwicklung einer weniger fortschrittlichen Gesellschaft dar. Die Folge thematisiert diesen Konflikt jedoch mit keinem Wort.
Überdies bleibt ein weiteres grundsätzliches Problem bestehen: Auch in der vierten Staffel gelingt es “Strange New Worlds” nur selten, das Gefühl einer Fünfjahresmission im unerforschten Tiefenraum zu vermitteln. Stattdessen wirkt der Weltraum erneut erstaunlich klein. Kaum ist die Enterprise wieder unterwegs, sitzt Admiral April bereits auf Pikes Couch und unterbreitet ihm persönlich ein Beförderungsangebot. Warum eine derartige Mitteilung nicht einfach per Subraumkommunikation erfolgen konnte, erschließt sich mir nicht.
Nahtlos fügt sich daran das nächste bekannte Plot-Device an. Der Weltraumsturm verschlägt die Enterprise natürlich wieder ausgerechnet ins Sol-System – und nicht irgendwo in einen anderen Winkel der Galaxis. Sicherlich gehören solche ‘Zufälle’ seit Jahrzehnten zu “Star Trek”, doch gerade in der Kurtzman-Ära wurden derartige Konstruktionen derart häufig eingesetzt, dass sie inzwischen eher wie erzählerische Bequemlichkeit wirken. Der Zweck liegt derweil auf der Hand: Nicht nur “irgendeine fremde Zivilisation” steht auf dem Spiel, sondern unsere eigene. Das Drama muss mal wieder auf die Spitze getrieben werden.
Ähnliches gilt auch für Zeitreisen und Prädestinationsparadoxa: Kaum ein erzählerisches Mittel wurde im modernen “Star Trek” häufiger bemüht. Teilweise bauten ganze Staffeln – etwa die zweite Staffel von “Picard” – nahezu vollständig auf diesem Konzept auf. Dabei steht außer Frage, welches erzählerische Potenzial Zeitreise-Geschichten grundsätzlich besitzen. Entscheidend ist jedoch nicht, dass man Zeitreisen erzählt, sondern welche Geschichte man damit erzählen möchte – und ob deren Prämissen einer genaueren Betrachtung standhalten.
“Star Trek” war immer dann am stärksten, wenn es seine Zukunft genutzt hat, um über die Gegenwart nachzudenken. Die großen Geschichten beschäftigten sich mit politischen Konflikten, moralischen Entscheidungen oder gesellschaftlichen Entwicklungen innerhalb einer fiktiven Zukunft. “Valles Marineris” geht dagegen einen anderen Weg: Die Episode versucht, eine Erklärung für reale historische beziehungsweise prähistorische Ereignisse zu liefern. Natürlich ist das nicht grundsätzlich neu. Bereits klassische Episoden wie “Griff in die Geschichte” (TOS 1×28 “The City on the Edge of Forever”) griffen in die menschliche Vergangenheit ein. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch darin, dass diese Geschichten ihre historische Kulisse als Mittel für eine moralische oder philosophische Fragestellung nutzten. “Valles Marineris” rückt stattdessen den Eingriff in die Menschheitsgeschichte als entscheidendes Handlungselement in den Mittelpunkt. Der daraus entstehende moralische Konflikt bleibt jedoch einmal mehr bloßes Beiwerk und erhält nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient.
Was bereits im Finale von “The Next Generation”, “All Good Things…” (TNG 7×25/26 “Gestern, Heute, Morgen”), enorm anspruchsvoll zu erzählen war – nämlich eine Geschichte, die mit Zeitlinien, Zukunftsszenarien und der Entwicklung der Menschheit über Millionen Jahre hinweg arbeitet –, wirkt hier noch ambitionierter und entsprechend schwieriger umzusetzen. Und genau dadurch entstehen zahlreiche Fallstricke. Die Autoren greifen nach einem der höchsten Regale des Science-Fiction-Erzählens. Leider zeigt sich erneut, dass eine große Idee allein noch keine große Geschichte ergibt, wenn die Autoren nicht bereit sind, ihre Konsequenzen mit der notwendigen Ernsthaftigkeit auszuloten. Dem Drehbuch fehlt es an mehreren Stellen an erzählerischer Tiefe, logischer Konsequenz und vor allem an einer differenzierten moralischen Auseinandersetzung mit dem zentralen Dilemma.
Ein moralisches Dilemma ohne einfache Lösung
Die eigentliche Stärke von “Valles Marineris” liegt nicht in der Zeitreisehandlung, sondern in dem moralischen Konflikt, den sie eröffnet. Es geht dabei nicht darum, Pike vorschnell zu verurteilen oder seine Entscheidung eindeutig als richtig oder falsch einzuordnen. Vielmehr erinnert die Ausgangslage an “Tuvix” (VOY 2×24): Zwei moralische Positionen stehen sich unversöhnlich gegenüber, ohne dass eine Lösung existiert, die frei von Schuld wäre.
Nach den Grundsätzen der Sternenflotte hätte Pike eigentlich alles daransetzen müssen, die Auslöschung der Dol’drm zu verhindern. Der Schutz fremder Kulturen und die Ablehnung von Völkermord gehören zu ihren fundamentalen Prinzipien. Gleichzeitig suggeriert die Episode, dass genau diese Zivilisation der Entstehung der Menschheit im Weg steht. Würde Pike die Dol’drm retten, könnten die Menschheit, die Föderation, seine Crew und letztlich seine eigene Existenz ausgelöscht werden. Hier greifen also die Temporalen Direktiven. Was für ein spannender Konflikt der Prinzipien!
Dieses Dilemma wäre faszinierend – wenn die Episode es tatsächlich untersuchen würde. Stattdessen erhebt sie die Behauptung, der Untergang der Dol’drm sei Voraussetzung für die Menschheitsgeschichte, praktisch zur unumstößlichen Wahrheit. Niemand an Bord der Enterprise hinterfragt diese Annahme oder versucht, ihre wissenschaftliche und moralische Grundlage zu überprüfen. Dadurch wirkt das Dilemma nicht wie das Ergebnis sorgfältiger Abwägung, sondern wie eine vom Drehbuch konstruierte Zwangslage.
Dabei greift “Valles Marineris” einen klassischen “Star Trek”-Konflikt auf: Was geschieht, wenn persönliche Moral und historische Verantwortung miteinander kollidieren? Gerade darin lag stets eine der größten Stärken des Franchise. “Star Trek” hat immer wieder gezeigt, dass Mitgefühl und Verantwortung nicht zwangsläufig zum gleichen Ergebnis führen. Moralisch richtiges Handeln garantiert keine guten Konsequenzen, während verantwortliches Handeln Schuld verursachen kann. Verantwortung bedeutet manchmal gerade nicht, die eigenen moralischen Überzeugungen kompromisslos durchzusetzen, sondern die Folgen einer tragischen Entscheidung zu tragen. Ebenso kann eine starre Orientierung an moralischen Prinzipien selbst zum Moralismus werden, wenn sie die realen Konsequenzen des eigenen Handelns ausblendet.
Das bekannteste Beispiel bleibt “The City on the Edge of Forever”. Kirk lässt Edith Keeler sterben, weil ihr Überleben nach den ihm vorliegenden Informationen katastrophale Folgen für die Geschichte hätte. Er handelt nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Verantwortung. Absolute Gewissheit besitzt auch er nicht, sondern entscheidet nach bestem Wissen und Gewissen auf Grundlage der verfügbaren Informationen. Genau diese Spannung zwischen Unsicherheit, Moral und Verantwortung gehört zu den philosophischen Grundideen von “Star Trek”.
Vor diesem Hintergrund fällt es mir schwer, die teilweise scharfe Kritik einiger Rezensionen uneingeschränkt zu teilen. Anders als in “A Quality of Mercy” (SNW 1×10 “Die Kunst der Gnade“) handelt Pike hier nicht aus einem deterministischen Schicksalsglauben, sondern unter fundamentaler Unsicherheit. Er kann nicht mit absoluter Gewissheit wissen, dass jede Veränderung der Zeitlinie zwangsläufig zur Auslöschung der Menschheit führen würde. Nach dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand der Temporalen Mechanik, auf dem die Temporalen Direktiven der Föderation beruhen, muss er jedoch davon ausgehen, dass bereits kleinste Eingriffe unkalkulierbare und wahrscheinlich katastrophale Folgen haben können. Seine Entscheidung beruht deshalb nicht auf Fatalismus oder einem mystischen Glauben an ein unabänderliches Schicksal, sondern auf einer rationalen Risikoabwägung auf Grundlage des verfügbaren Wissens. Pike spricht den Dol’drm auch weder ihr Existenzrecht ab noch hält er sie für minderwertig. Er glaubt vielmehr, Verantwortung für seine Crew, die Föderation und die Menschheitsgeschichte übernehmen zu müssen – eine größere Verantwortung kann einem Captain kaum auferlegt werden. Pike handelt innerhalb der Regeln der Sternenflotte nachvollziehbar.
Das eigentliche Problem liegt deshalb nicht bei Pike, sondern beim Drehbuch. Die Episode hinterfragt ihre eigenen Prämissen nie ernsthaft. Niemand prüft, ob eine friedliche Koexistenz möglich wäre oder ob die Menschheit tatsächlich nur entstehen kann, wenn die Dol’drm ausgelöscht werden. Hinzu kommt ein gravierender logischer Widerspruch: Die Enterprise hat bereits in die Vergangenheit eingegriffen. Pike kann daher gar nicht wissen, ob nicht gerade dieses Eingreifen die Zeitlinie bereits verändert hat. Warum sollte ausgerechnet weiteres Handeln – oder Nichthandeln – das entscheidende Zünglein an der Waage sein? Gerade weil Zeitreisegeschichten an die Grenzen kausaler Logik führen, hätte die Episode diese Fragen offen diskutieren müssen. Stattdessen setzt sie die Vernichtung der Dol’drm als historische Notwendigkeit voraus, ohne ihre wissenschaftliche oder philosophische Grundlage überzeugend zu begründen. Das moralische Dilemma wirkt dadurch nicht wie das Ergebnis einer sorgfältigen Abwägung, sondern wie eine künstlich konstruierte Zwangslage.
Hinzu kommt ein fragwürdiges Bild der beteiligten Spezies: Während die Marsianer als humanoide, technologisch hochentwickelte Zivilisation erscheinen, werden die arachnoiden Dol’drm vor allem als aggressive Bedrohung inszeniert. Gerade für “Star Trek”, das seit jeher auch dafür steht, Äußerlichkeiten und Fremdartigkeit zu überwinden, wirkt diese Gegenüberstellung wie ein bedauerlicher Rückschritt. Statt die Gleichwertigkeit der verschiedenen Lebensformen zu betonen, läuft die Episode Gefahr, ungewollt den Eindruck zu vermitteln, humanoide Spezies seien zivilisierter oder schützenswerter als nicht-humanoide Lebensformen.
Gewalt als Weg in die Selbstzerstörung
Bei aller berechtigten Kritik an logischen Brüchen, der konstruierten Nullsummen-Logik und den daraus resultierenden moralischen Leerstellen sollte ein Aspekt nicht übersehen werden: Trotz ihrer erzählerischen Schwächen vermittelt die Episode eine Botschaft, die tief in der Tradition des klassischen “Star Trek” verwurzelt ist.
Indem die prähistorischen Marsianer die Dol’drm ausrotten, zerstören sie letztlich auch zugleich ihre eigene Zukunft. Aus Angst vor dem Untergang greifen sie zur Gewalt – und setzen damit genau jene Ereignisse in Gang, die schließlich zur Verwüstung ihres Heimatplaneten führen. Der einst lebensfreundliche Mars wird zu jenem lebensfeindlichen Ort, den wir heute kennen.
Gerade in dieser bitteren Ironie liegt die eigentliche Stärke der Episode. Sie knüpft an ein zentrales Motiv des klassischen “Star Trek” an: Gewalt mag kurzfristig als Ausweg erscheinen, führt langfristig jedoch häufig zur Selbstzerstörung. Dieses Motiv durchzieht zahlreiche der besten Geschichten des Franchise – von “A Taste of Armageddon” (TOS 1×23 “Krieg der Computer”) über “The Doomsday Machine” (TOS 2×06 “Planeten-Killer”) bis hin zu “Let That Be Your Last Battlefield” (TOS 3×15 “Bele jagt Lokai”). In diesem Sinne besitzt “Valles Marineris” trotz aller erzählerischen Schwächen einen thematischen Kern, der sich erfreulich klassisch anfühlt.
Was geschah mit den Dinosauriern?
Ein weiterer Kritikpunkt der erzählten Geschichte betrifft die Einordnung in den bestehenden Kanon. Grundsätzlich ist die Idee, die Geschichte des Mars und die Entstehung der Menschheit mit der größeren Mythologie des “Star-Trek”-Universums zu verbinden, durchaus reizvoll. Allerdings entstehen dadurch zahlreiche Fragen, die die Episode selbst nicht beantwortet.
Die Geschichte der Voth aus “Star Trek: Voyager” lässt sich zumindest noch halbwegs mit den Ereignissen von “Valles Marineris” vereinbaren, da diese die Erde bereits lange vor den gezeigten Ereignissen verlassen hatten. Schwieriger wird es jedoch bei den Progenitoren aus “The Next Generation” und “Discovery”. Wenn ihre genetischen Samen tatsächlich die Grundlage für die humanoide Entwicklung in der Galaxis bilden, stellt sich die Frage, warum die Zusammenhänge zwischen Mars, Erde und Progenitoren plötzlich völlig anders aussehen. Waren die Progenitoren zunächst auf dem Mars aktiv und kehrten Millionen Jahre später noch einmal zur Erde zurück? Oder handelt es sich um zwei voneinander unabhängige Ereignisse? Die Episode liefert darauf keine Antwort.
Auch andere Fragen bleiben offen: Wenn die Marsianer bereits eine Raumfahrtzivilisation besaßen und den Planeten verlassen konnten, warum entwickelte sich daraus keine weitere Expansion in das nahegelegene Sonnensystem? Warum wurde die Erde – immerhin der nächste bewohnbare Planet – nicht Teil ihrer Siedlungs- oder Fluchtgeschichte? Solche Fragen wären bei einer Geschichte, die den Ursprung der Menschheit und die Frühgeschichte der Föderation neu definiert, eigentlich unvermeidlich.
Ähnlich verhält es sich mit der wissenschaftlichen Darstellung des Dinosauriersterbens. “Valles Marineris” präsentiert den Asteroideneinschlag als endgültig bewiesene Ursache des Massenaussterbens vor rund 65 Millionen Jahren. Zwar entspricht dies der derzeit überzeugendsten wissenschaftlichen Erklärung und wird von der großen Mehrheit der Forscher unterstützt, dennoch handelt es sich weiterhin um ein wissenschaftliches Modell, das durch neue Erkenntnisse ergänzt werden kann. So wird beispielsweise weiterhin untersucht, welchen Anteil die gewaltigen Vulkanaktivitäten der Dekkan-Trapps an den damaligen Veränderungen des Erdklimas hatten.
Gerade “Star Trek” hätte eigentlich die Möglichkeit geboten, diese wissenschaftliche Unsicherheit aufzugreifen. Die Serie war immer dann besonders stark, wenn sie Neugier, Forschung und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbunden hat. Stattdessen vereinfacht “Valles Marineris” ein komplexes wissenschaftliches und historisches Thema zu einer eindeutigen Erklärung. Auch hier zeigt sich das grundlegende Problem der Episode: Sie besitzt große Ideen, aber nicht immer die notwendige Sorgfalt, um deren Konsequenzen wirklich auszuloten.
Figuren ohne echte Entwicklung
Neben den inhaltlichen und moralischen Fragen offenbart “Valles Marineris” auch Schwächen bei der Ausarbeitung seiner Figuren. Gerade hier zeigt sich erneut ein grundlegendes Problem von “Strange New Worlds”: Die Serie verfügt über eine starke Besetzung und interessante Ausgangspunkte, nutzt das Potenzial ihrer Charaktere aber nicht immer konsequent.
Pelia bleibt auch in ihrer dritten Staffel eine der schwächeren Figuren. Ihre Rolle beschränkt sich weiterhin weitgehend auf exzentrische Kommentare und skurrile Momente, ohne dass daraus eine echte Entwicklung entsteht. Die Anspielungen auf “Doctor Who” mögen für manche Fans ein unterhaltsamer Verweis sein, ersetzen aber keine eigenständige Charakterzeichnung.
Ähnlich verhält es sich mit Neuzugang A’Sha: Die Figur wirkt weniger wie eine organische Erweiterung der Enterprise-Crew, sondern eher wie ein weiteres vulkanisches Comic-Relief. Angesichts der immer wieder betonten Vielfalt der Föderation ist es zunehmend enttäuschend, dass “Strange New Worlds” so häufig auf überstrapazierte Vulkanier-Motive zurückgreift, anstatt neue Spezies und Kulturen stärker einzubinden. Fanservice wird dadurch immer häufiger zum Ersatz für echte neue Perspektiven.
Auch die Beförderungsthematik wirkt dramaturgisch nicht sauber durchdacht. Unas Beförderung und Pikes Entscheidung gegen eine ähnliche Möglichkeit werden miteinander verknüpft, obwohl es sich um unterschiedliche Funktionen und Verantwortungsbereiche handelt. Da Beförderungen innerhalb der Sternenflotte nicht mit finanzieller Belohnung, sondern mit Aufgaben und Zuständigkeiten verbunden sind, bleibt unklar, warum Pikes abgelehnte Beförderung in dieser Konsequenz zu Unas Beförderung führen sollte. Zudem hätte selbst ein höherer Rang nicht zwangsläufig bedeutet, dass er die Enterprise verlassen müsste, wie beispielsweise Commodore Decker von der U.S.S. Constellation zeigt. Auch hier entsteht der Eindruck, dass die Autoren das Franchise-Lore nicht kennen, für das sie schreiben.
Ähnliche Schwächen zeigen sich bei den zentralen Konfliktfiguren. Commander Cassell krankt als Gegenspielerin vor allem an ihrer plakativen und schablonenhaften Zeichnung. Ihr Misstrauen und ihre machtpolitischen Ziele sind zwar motivisch begründet, wirken aber zu klischeehaft, um der Figur echten Facettenreichtum zu verleihen. Es fehlt die charakterliche Tiefe, die “Star Trek”-Antagonisten oft so stark macht. Zudem leidet die Figurendynamik unter einer mangelnden authentischen Chemie zwischen ihr und Pike, was auch daran liegt, dass Pike in den gemeinsamen Interaktionen auffallend unterwürfig agiert.
Auch Pike selbst bleibt hinter dem Anspruch zurück, den die Serie an ihn stellt. Sein Umgang mit Cassell wirkt teilweise erstaunlich naiv: Er gewährt ihr Einblick in sensible Informationen, präsentiert die Fähigkeiten der Enterprise offen und zeigt wenig taktisches Gespür. Natürlich soll Pike bewusst anders als Kirk, Picard oder Janeway sein – idealistisch und empathisch –, doch ein guter Captain muss neben moralischer Integrität auch strategische Klugheit besitzen und gelegentlich sein Pokerface zeigen.
Genau hier entsteht zunehmend ein Widerspruch zwischen dem Ruf der Figur und ihrer tatsächlichen Darstellung. Pike wird innerhalb der Serie als außergewöhnlicher Anführer und moralische Instanz etabliert, doch seine Handlungen spiegeln diesen Status nicht immer wider. Ein großer Captain zeichnet sich nicht nur dadurch aus, ein netter Kerl zu sein, sondern auch durch Weitsicht, Entscheidungsstärke und die Fähigkeit, in schwierigen Situationen die richtigen strategischen Entscheidungen zu treffen. Pike wirkt in meinen Augen aber zunehmend unsicher und naiv.
Das Problem der unbequemen Wahrheit
Besonders ärgerlich an dieser Episode ist das erzählerische Ablenkungsmanöver, mit dem ein massiver Kanonbruch kaschiert werden soll. Um zu erklären, warum in den später spielenden Serien niemand mehr die wahre Geschichte des Mars kennt, dichtet “Strange New Worlds” der Föderation kurzerhand eine bewusste Geschichtsklitterung an. Den schwarzen Peter dabei erneut dem Föderationsrat – also den bösen Politikern – zuzuschieben, ist ein durchschaubarer Trick. Er dient nur dazu, die vermeintlich strahlenden Sternenflotten-Helden von jeder moralischen Mitschuld freizusprechen. Einfallsloses Standard-Repertoire des aktuellen NuTrek-Universums.
“Ein Zeitreise-Abenteuer am Tag ist wohl genug. Und dieses bleibt geheim. […] Wenn’s nach mir ginge, soll jeder wissen, dass die Enterprise den Keim für die Menschheit gelegt hat. Aber der Föderationsrat ist zurückhaltend, hält nichts davon, überstürzt die Geschichtsbücher zu ändern.”
– Admiral Robert April
Hier manifestiert sich ein zutiefst fragwürdiges Motiv, das Zuschauer schon aus “Discovery” kennen: Statt sich unbequemen Wahrheiten offen zu stellen, werden sie einfach unter den Teppich gekehrt. Diese Prämisse bricht radikal mit den Werten, für die “Star Trek” traditionell steht. In den klassischen Serien waren der freie Zugang zu Wissen, wissenschaftliche Integrität und historische Wahrheit (fast immer) unantastbare Ideale. Dass das Verschweigen und Vertuschen nun als legitimes Handlungsmuster etabliert wird, beschädigt den Kern der utopischen Föderation und wiederholt die erzählerischen Schwächen früherer “NuTrek”-Staffeln.
Besonders widersprüchlich wirkt diese Entwicklung im Hinblick auf Jean-Luc Picards berühmte Standpauke. In “Ein missglücktes Manöver” (TNG 5×19 “The First Duty”) erinnert Picard Wesley Crusher eindringlich daran, dass u.a. auch wissenschaftliche und historische Wahrheit zu den grundlegenden Prinzipien eines Sternenflottenoffiziers gehören.
“Aber auch etwas zu unterschlagen ist eine Lüge. […] Jeder Sternenflottenoffizier ist in erster Linie der Wahrheit verpflichtet, ob es die wissenschaftliche Wahrheit, die historische oder die persönliche ist. Das ist das oberste Prinzip der Sternenflotte. Und wenn Sie sich nicht imstande sehen, aufzustehen und die Wahrheit zu sagen, dann haben Sie es nicht verdient, diese Uniform zu tragen!”
– Captain Jean-Luc Picard
An diesem Punkt offenbart “Valles Marineris” seine eklatante Schwäche: Die moralisch fragwürdige Entscheidung des Föderationsrates wird einfach geschluckt, anstatt sie anzuprangern. Sicher, die Föderationspolitik war nie fehlerfrei, aber früher bewiesen Picard und Co. in der Regel die Courage, gegen Missstände aufzubegehren. Das gleichgültige Schweigen der heutigen Charaktere lässt Picards legendäres Plädoyer für die Wahrheit nachträglich wie eine leere Pose wirken. Es zeigt, dass die klassischen Werte im heutigen Kurtzman-Trek regelmäßig geopfert werden.
Man muss aber fairerweise zugestehen, dass selbst ein Picard einmal vor seinen eigenen Prinzipien kapitulierte – namentlich bei der Geheimhaltung der Progenitoren-Existenz in “The Chase” (TNG 6×20 “Das fehlende Fragment”). Damals handelte es sich jedoch um ein singuläres Dilemma mit Auswirkungen auf alle Großmächte des Alpha-Quadranten. Im modernen “Star Trek” hingegen gewinnt man das Gefühl, dass Täuschung und Vertuschung von der Ausnahme zur gängigen Praxis erhoben wurden.
Schlussbetrachtung
“Valles Marineris” ist eine Episode, die mich zwiespältig zurücklässt. Einerseits besitzt sie viele Qualitäten, die “Star Trek” seit jeher auszeichnen: eine große Science-Fiction-Idee und ein moralisches Dilemma ohne einfache Lösung. Die Folge überzeugt zudem durch ein gutes Erzähltempo, starke Bilder und einige spannende Ansätze.
Andererseits scheitert sie letztlich krachend an ihrem eigenen Anspruch. Die Autoren greifen nach den ganz großen Themen – die Entstehung der Menschheit, die Geschichte der Erde, die Verantwortung eines Individuums gegenüber Milliarden von Leben – schaffen es aber nicht, diese Fragen mit der notwendigen Tiefe auszuarbeiten. Statt ein komplexes moralisches Gedankenspiel zu entwickeln, wird Pike in ein künstlich zugespitztes “Die Dol’drm oder die Menschheit”-Szenario gedrängt, ohne dass die Episode ernsthaft untersucht, ob oder warum diese Alternative tatsächlich unausweichlich ist.
Hinzu kommen erneut einige Dialoge, die weniger wie natürliche Gespräche zwischen den Figuren wirken, sondern vielmehr wie ausformulierte Botschaften des Drehbuchs. Gerade bei politischen und gesellschaftlichen Themen verfällt “Valles Marineris” stellenweise wieder in eine auffallend vereinfachte Betrachtungsweise und einen beinahe predigenden Ton. Besonders deutlich zeigt sich dies in der erneut stark idealisierten Darstellung der Föderation als nahezu konfliktfreies Bündnis des Zusammenhalts, in dem unterschiedliche Spezies ihre Gegensätze und Interessenunterschiede scheinbar mühelos überwinden. Diese naive Erzählung hat mich noch nie überzeugt.
Unter dem Strich ist “Valles Marineris” daher weder ein Totalausfall noch ein großer Klassiker. Die Episode bietet starke Ideen, einige klassische “Star-Trek”-Momente und überzeugt insbesondere durch ihre dichte Atmosphäre und die konsequente Spannungskurve. Ihrem eigenen Anspruch wird sie jedoch nicht vollständig gerecht, weil es der Story an Tiefgang und innerer Logik fehlt.








