Pike und ein Außenteam untersuchen den Ursprung eines Notrufs in einem Höhlensystem auf einem Klasse-M-Planeten, das die weitere Kommunikation mit der Enterprise unterbindet. Kurz darauf trifft Admiral Simon Reeger per Shuttle auf der Enterprise ein und übernimmt das Kommando, um ein getarntes Raumschiff zu verfolgen, das für den Tod von fünf Millionen Föderationsbürger:innen verantwortlich ist. Da eine Antriebsspur zu verfallen droht, befiehlt Reeger, die Verfolgung aufzunehmen, bevor Pikes Außenteam aus dem Höhlensystem zurückkehren und mit dem Schiff kommunizieren kann. Als dienstältesten Offizier an Bord benennt Reeger den zu Besuch weilenden Lt. Com. James Kirk.
Orders of Magnitude
Es überrascht positiv, dass „Orders of Magnitude“ eine Gimmick-freie, waschechte „Star Trek“-Episode ist – ein Format, mit dem ich in dieser Staffel vor dem Finale nicht mehr gerechnet hätte. Das Drehbuch stammt von Alan B. McElroy, die Regie führte Sharon Lewis.

Die Folge besteht aus zwei inhaltlich und thematisch unabhängigen Handlungssträngen: In der Haupthandlung an Bord der Enterprise geht es um Reegers Jagd auf das unbekannte Schiff, während das Außenteam auf dem Planeten in eine knifflige Lage gerät, aus der es sich ohne Hilfe der abgereisten Enterprise befreien muss.
In den vergangenen Wochen hatten wir wiederholt das Problem, dass aus fremden Genres entlehnte Stilmittel gegenüber einer eigenständigen „Star Trek“-Geschichte priorisiert wurden. Das ist in „Orders of Magnitude“ nicht der Fall, obwohl die Folge klar die „Badmiral“-Trope aufgreift und im A-Plot einen utilitaristisch-deontologischen Konflikt sowie im B-Plot ein Gefangenendilemma behandelt – beides vertraute „Star Trek“-Themen und -Motive. Eingestreut sind zahlreiche Kanon-Referenzen, insbesondere zur Originalserie. Vielleicht erklärt diese Episode sogar, warum Dr. McCoy einst die Chefarztposition von M’Benga übernehmen wird.
Intellektueller Tiefflug
Leider enden hier auch schon die positiven Aspekte, die ich für die Folge benennen kann. „Orders of Magnitude“ weist zahlreiche gravierende Probleme auf.
Das geringste davon ist – wie schon in „Off-Hour“ – die filmische Umsetzung. Besonders der B-Plot leidet unter bieder und steif inszenierten Action-Einlagen, während auch der A-Plot auf der Enterprise eine dichtere Atmosphäre verdient hätte. Das ist für “Strange New Worlds” ungewöhnlich, das in der Vergangenheit immer mit einer makellosen Inszenierung punkten konnte.
Angeregt durch einen Hinweis der „Star Trek 14“-Autoren John Francis Daley und Jonathan Goldstein habe ich mir kürzlich noch einmal „Crimson Tide“ angesehen, den die beiden als Inspiration für ihr Drehbuch benannt haben. Der Thriller kann auch hervorragend als Folie für den A-Plot von „Orders of Magnitude“ dienen – oder vielmehr dessen gravierende Schwächen in Inszenierung, Charakterzeichnung und Plotkonstruktion offenlegen.

Der Kernkonflikt um Reegers Verfolgungsjagd nach dem unsichtbaren Angreifer wird schnell auf eine utilitaristische Frage reduziert: Reeger ist bereit, 5.000 möglicherweise Unbeteiligte zu töten, um eventuell ein Schiff zu zerstören, das für den Tod von fünf Millionen verantwortlich ist. Kirk argumentiert gegen diese Position in einer langsam eskalierenden Auseinandersetzung mit dem Admiral.
Doch dieser A-Plot funktioniert aus mehreren Gründen nicht – allesamt lassen sie sich leicht an „Crimson Tide“ nachvollziehen:
Erstens ist das moralische Dilemma schlecht konstruiert, und die Crew der Enterprise reagiert nicht angemessen. Es geht nicht darum, den Tod von fünf Millionen zu verhindern – diese sind bereits vor Beginn der Folge ums Leben gekommen. Reegers Vorhaben ist vielmehr als Strafexpedition zu verstehen, bei der er bereit ist, weitere 5.000 Leben zu opfern, ohne dass der beabsichtigte Erfolg (die Zerstörung des unbekannten Schiffs und die Verhinderung potenzieller künftiger Angriffe) sicher wäre. Die absichtliche Tötung unschuldiger Zivilist:innen wird auch durch abenteuerliche Konstrukte wie „General Order 24“ nicht durch die Charta der Sternenflotte gedeckt. Damit gibt es im Kern der Episode keinen legitimen Konflikt zwischen zwei gleichberechtigten Positionen – genau das aber wäre für ein funktionierendes Drama notwendig, wie „Crimson Tide“ zeigt.
In dem Film soll das U-Boot U.S.S. Alabama einen nuklearen Präventivschlag auf von Rebellen kontrollierte russische Atomraketensilos vorbereiten, die mit einem Schlag gegen die USA binnen einer Stunde drohen. Unglücklicherweise verliert die Alabama im Gefecht mit einem feindlichen U-Boot die Kommunikation, während ein unbestätigter Teil einer weiteren Nachricht vom Flottenkommando eintrifft. Im Katz- und Maus-Spiel gefangen, beabsichtigt der Kapitän der Alabama, seine ursprünglichen Befehle ohne weitere Bestätigung auszuführen, während sein Erster Offizier auftauchen und die abgebrochene Nachricht empfangen will, um nicht unbeabsichtigt einen Dritten Weltkrieg auszulösen. Das lauernde feindliche U-Boot verschärft den Konflikt, da jeder Kommunikationsversuch die Alabama in größte Gefahr bringen könnte. Beide Offiziere haben gute und nachvollziehbare Gründe für ihre Positionen, was den in Meuterei eskalierenden Streit sowohl dramaturgisch als auch intellektuell spannend macht.
Einen solchen legitimen Konflikt gibt es in „Orders of Magnitude“ nicht. Spätestens nach 20 der 62 Minuten hätte Reeger von der Enterprise-Crew des Amtes enthoben werden müssen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Enterprise bereits das erste potenzielle Kriegsverbrechen begangen. Zwar argumentiert Reeger, die weiteren 5.000 potentiellen Opfer könnten Kollaborateur:innen sein, doch die Crew ist einer Charta mit ordnungsgemäßen Verfahren – einschließlich der Unschuldsvermutung – verpflichtet. Selbst für einen militärischen Schlag im Krieg (der in der Episode nicht erklärt wird) müsste sichergestellt sein, dass Reeger ein militärisches Ziel angreift. Beides ist nicht klar nicht gegeben.
Damit fällt das Drama in sich zusammen, und alle Offiziere – mit Ausnahme von Kirk – werden durch das übertrieben aufgeblähte Dilemma und ihrer eigenen Einfalt, Befehlen zu folgen, der Lächerlichkeit preisgegeben. Auch Kirk selbst agiert unglücklich. Statt klar Stellung zu beziehen („Sternenflottenoffizier:innen dürfen keine Befehle befolgen, die mit Sicherheit in Kriegsverbrechen münden“) und Reeger früh mit einer Amtsenthebung zu konfrontieren, versucht er, den Plan des Admirals hinterrücks zu sabotieren.
Die Wege des Drehbuchs sind unergründlich
Ein zweiter Grund für das Scheitern von „Orders of Magnitude“ ist die Konstruktion der Geschichte. „Crimson Tide“ verlangt dem Publikum nur eine unwahrscheinliche Prämisse ab: dass sich ein Teil der russischen Armee verselbstständigt, und bereit ist, die USA mit Atomraketen anzugreifen. Aber schon das aberwitzige Setup der Folge überdehnt den Bogen der Glaubwürdigkeit. Eine ganze Kette nahezu unmöglicher Einzelereignisse sorgt dafür, dass die notwendigen Voraussetzungen für die Prämisse von „Orders of Magnitude“ überhaupt zustande kommen. Z.B. scheint der gesamte B-Plot nur zu existieren, um Pike und Chin-Riley aus dem Spiel zu nehmen, wenn Reeger an Bord kommt. Inhaltlich oder thematisch berühren sich die beiden Handlungsstränge nicht.

Doch die erzählerischen Kunststücke des Drehbuchs enden hier nicht: Gleichzeitig irren Pike und Chin-Riley durch eine abgeschirmte Höhle, Reeger stolpert zufällig über die zerfallende Impulsspur eines völlig unsichtbaren Feindes, und die Enterprise hat just in diesem Moment wieder einmal James T. Kirk zu Besuch – ein Bündel unwahrscheinlicher Zufälle, die selbst Heisenberg-Kompensatoren an ihre Grenzen bringen sollten. Dennoch baut „Orders of Magnitude“ über seine gesamte Laufzeit weiter an einem narrativen Jenga-Turm, der jeden Moment einzustürzen droht. Besonders problematisch ist die Konstruktion einer historische Verschwörung, die ebenfalls für sich genommen die Glaubwürdigkeit der Folge überstrapaziert.
Damit kommen wir zum dritten Punkt, der „Orders of Magnitude“ zu einer schwachen Folge macht: Die Episode hat im Gegensatz zu „Crimson Tide” kein echtes Interesse an den moralischen Problemen, die sie auf abenteuerliche Weise konstruiert. Der U-Bott-Thriller schafft es neben dichten Action-Szenen die Krise mit deontologischen und utilitaristischen Argumenten zu durchleuchten und die persönliche Verantwortung der handelnden Akteure herauszuarbeiten.
Stattdessen spitzt das Drehbuch von „Orders of Magnitude“ nach vielen Pirouetten den Konflikt zwischen Kirk und Reeger persönlich zu, indem es beiden allerlei belastende (Familien-)Historie andichtet. Die Folge verstößt nicht nur eklatant gegen das filmische Gebot „Show, don’t tell“, sondern setzt sich mit der eigentlichen Substanz ihres moralischen Konflikts nie wirklich auseinander. Am Ende dreht sich alles mehr um Loyalität und persönliche Befindlichkeiten als um die Frage, ob – und wenn ja, unter welchen Umständen – die wissentliche Tötung von 5.000 möglicherweise Unschuldigen gerechtfertigt sein kann. Tatsächlich löst „Orders of Magnitude“ die Prämisse einer Seifenoper mindestens so gut ein wie die Folge der Vorwoche.
Die Crew der Enterprise wirkt unfähig, unwillig oder – schlimmer noch – desinteressiert daran, eine moralische Debatte über den Wert von Leben, die Unschuldsvermutung und die notwendige Schwelle für einen empirisch begründeten Verdacht zu führen. Reegers Position ist unglaublich schwach, dennoch wird er erst offen von der Crew herausgefordert, als er sich bereits wie ein rasender Wahnsinniger verhält und artikuliert.
Badmiral der Woche
Auch wenn die „Badmiral“-Trope nach „Pegasus“, „Insurrection“ und „Into Darkness“ im Fandom gefürchtet ist, muss man festhalten, dass sie über die letzten sechzig Jahre einige gute – teilweise sogar sehr gute – Episoden hervorgebracht hat. Man denke nur an „The Doomsday Machine“ (Commodore Decker), „The Drumhead“ (Admiral Satie) oder „Homefront“ (Admiral Leyton). Die „Badmiral“-Trope kann durchaus erfolgreich umgesetzt werden. Typischerweise trifft dabei mindestens eine der folgenden Bedingungen zu:
- Der „Badmiral“ teilt im Wesentlichen die gleichen Werte wie die Protagonist:innen.
- Der Konflikt entsteht durch eine unterschiedliche Güterabwägung, basierend auf diesen geteilten Prinzipien (was eine intelligente Debatte über diese Abwägung ermöglicht).
- Die Motivation ist psychologisch nachvollziehbar, und die Zuschauer:innen werden durch die Charakterzeichnung des „Badmirals“ schrittweise an dessen Standpunkt herangeführt, sodass auch seine Position nicht völlig absurd wirkt.
Doch auf nichts davon arbeitet „Strange New Worlds“ in „Orders of Magnitude“ effektiv hin. Merkwürdigerweise scheint es der Folge am wichtigsten zu sein, den beiden Kirk-Brüdern bei der Bewältigung ihrer „Daddy-Issues“ zu helfen und einige Figuren besser für den Anschluss an „The Original Series“ zu positionieren. Statt sich inhaltlich mit dem Dilemma auseinanderzusetzen, das sich in der Handlung entfaltet, werden abseits des Gezeigten historische Nebenkriegsschauplätze in Nacherzählungen eröffnet. Rückblenden wären das mindeste gewesen, was Zuschauer bei der Lawine von Exposition verdient hätten.

Das Desinteresse an einer Auseinandersetzung mit der moralischen Dimension einer Geschichte ist für „Star Trek“ besonders deprimierend. „Orders of Magnitude“ hatte das Potenzial eines „Crimson Tide“ in sich, verstrickt sich aber in absurden Volten und schlecht motiviertem Klein-Klein nachtragender, irrational handelnder Figuren.
