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Retrorezension: “Star Trek” 1×10 – „The Corbomite Maneuver“ / „Pokerspiele“

Zum 60. Jubiläum von Star Trek blicken wir auf die erste regulär produzierte Episode zurück, die 1966 nach den beiden Pilotfilmen gedreht wurde. Bis heute gilt „The Corbomite Maneuver“ als eine der besten und ikonischsten Folgen der Originalserie.

Retrorezension: "Star Trek" 1x10 - „The Corbomite Maneuver“ / „Pokerspiele“ 1
Offizielles “Star Trek 60th Anniversary” Logo (startrek.com)

The Corbomite Maneuver

Unterwegs in einem bislang unerforschten Teil der Galaxie stellt sich der Enterprise ein würfelförmiges Hindernis in den Weg, das das Schiff weder passieren noch umgehen lässt. Dessen tödliche Strahlung zwingt Kirk, das Objekt zu zerstören. Als die Enterprise ihren Kurs fortsetzt, wird sie vom riesigen Flagschiff der sogenannten „Ersten Föderation“ als feindselige Aggressorin gestellt, die mutwillig ihr Territorium verletzt und eine Grenzboje zerstört habe. Kommandant Balok kündigt die Zerstörung der Enterprise binnen zehn Minuten an.

Während Kirk in einer Reihe diplomatischer Vorstöße versucht, Balok von seinem Plan abzubringen, verliert Navigator Bailey die Nerven und wird von der Brücke eskortiert. In einem letzten verzweifelten Versuch blufft Kirk und warnt Balok vor der angeblichen Vergeltungswirkung des fiktiven Stoffes „Corbomit“, der im Falle eines kritischen Treffers auch die Fesarius zerstören würde.

Baloks Avatar in "The Corbomite Maneuver" (Szenenbild: Jerry Finnerman/CBS Television Distribution)
Baloks Avatar in “The Corbomite Maneuver” (Szenenbild: Jerry Finnerman/CBS Television Distribution)

Bailey darf auf seinen Posten zurückkehren, kurz bevor das zehnminütige Ultimatum ohne Konsequenzen verstreicht. Balok informiert die Crew, dass ihre Strafe in lebenslange Internierung umgewandelt werde, und lässt die Enterprise von einem Beiboot der Fesarius abschleppen. Nachdem sich das Mutterschiff entfernt hat, nutzt Kirk die Gelegenheit und lässt die Enterprise mit vollem Schub aus dem Schlepp ausbrechen. Dabei wird das Shuttle der Fesarius scheinbar schwer beschädigt, und Balok setzt einen schwachen Notruf ab.

Kirk beschließt, mit einem Außenteam Hilfe zu leisten, und beamt mit McCoy und Bailey auf das unbeschädigte Schiff. Balok entpuppt sich als freundlicher, aber einsamer Kapitän, der die Crew der Enterprise testen wollte. Nachdem er sich von ihren aufrichtigen Absichten überzeugt hat, offenbart er Kirk, dass er sich über Gesellschaft freuen würde. Bailey meldet sich freiwillig, eine Zeit lang auf der Fesarius zu verbringen, und Kirk stimmt diesem „Austauschprogramm“ zu.

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne

„The Corbomite Maneuver“ ist die erste regulär produzierte Episode von Star Trek, nachdem die Serie nach einer ungewöhnlichen Genese und zwei Pilotfilmen von NBC für eine komplette Staffel freigegeben wurde. Zwar wurde sie als insgesamt drittes “Star-Trek”-Abenteuer im Mai 1966 gedreht, aber erst als zehnte Folge im November ausgestrahlt. Der Grund dafür lag in der aufwendigen Postproduktion, die durch die vielen visuellen Effekte verzögert wurde.

Statt zum 60. Jubiläum „The Cage“, „Where No Man Has Gone Before“ oder “The Man Trap” zu betrachten, habe ich mir diese erste „normale“ Episode herausgesucht, die meines Erachtens ähnlich viel Beachtung verdient. Die Folge ist für viele „Premieren“ verantwortlich, die später als integraler Bestandteil der Serie galten:

  • Kirks Monolog „Space, the final frontier…“ während des Vorspanns,
  • die ersten Auftritte von Lt. Uhura, Dr. McCoy und Yeoman Rand,
  • die Uniformen in satten Primärfarben mit schwarzen Kragen,
  • die Minirock-Uniformen für weibliche Crewmitglieder und
  • die charakteristische Soundkulisse auf der Brücke.

Dabei sind noch kleine Unterschiede zu späteren Episoden erkennbar: Uhura trägt eine goldene statt einer roten Uniform, und auch an den Uniformkragen der männlichen Kollegen wurde noch gefeilt.

Uhura in "The Corbomite Maneuver" (Szenenbild: Jerry Finnerman/CBS Television Distribution)
Uhura in “The Corbomite Maneuver” (Szenenbild: Jerry Finnerman/CBS Television Distribution)

Wichtiger als Besetzung und Ausstattung sind jedoch die Tonalität und die Themen des Drehbuchs von Jerry Sohl, die dem Publikum einen tollen Einblick in die innere Haltung und den Wertevorstellungen von “Star Trek” bieten. Konfrontiert mit der scheinbar übermächtigen Fesarius und Baloks Todesurteil, schreibt Sohl Kirk einen der besten Monologe der Serie ins Drehbuch:

„You know the greatest danger facing us is ourselves. An irrational fear of the unknown. But there’s no such thing as the unknown. Only things temporarily hidden, temporarily not understood. In most cases, we have found that intelligence capable of a civilization is capable of understanding peaceful gestures. Surely a life-form advanced enough for space travel is advanced enough to eventually understand our motives.“

Kirk in “The Corbomite Maneuver”

„Übrigens sind wir selbst die größte Gefahr für uns. Eine irrationale Angst vor dem Unbekannten. Doch etwas wie das Unbekannte gibt es nicht. Es gibt nur Dinge, die vorübergehend verborgen oder unverstanden sind. Die Erfahrung zeigt, dass intelligente Zivilisationen friedliche Gesten verstehen können. Eine Lebensform, die fortschrittlich genug für die Raumfahrt ist, ist sicher auch fortschrittlich genug, um unsere Absichten zu begreifen.“

Deutsche Übersetzung (TrekZone Network)

Dieses Zitat bringt die drei zentralen Pfeiler der „hoffnungsvollen Utopie“ auf den Punkt, die später als Hauptgrund für den Erfolg und die Langlebigkeit des Franchises genannt wurden:

  • Ein kritisch-rationalistischer Ansatz zur Wissenserschließung,
  • ein existentialistisches Menschenbild, das Selbstbestimmung in den Fokus stellt, und
  • ein humanistisches Werteportfolio, das auf ein friedliches Zusammenleben abzielt.

Kirks Worte sind kein bloßes Lippenbekenntnis, sondern bilden das narrative Rückgrat der Episode, um das sich die wichtigsten Handlungsstränge ranken.

Der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit

Besonders spannend ist die Figur des Lt. Bailey, des jungen Navigators, den Kirk laut McCoy zu früh in seine verantwortungsvolle Position befördert hat. Eine nuanciertere Darstellung hätte der Figur sicher gutgetan – Drehbuch und Schauspieler Anthony Call überzeichnen die Rolle leider etwas.

McCoy, Kirk und Bailey in "The Corbomite Maneuver" (Szenenbild: Jerry Finnerman/CBS Television Distribution)
McCoy, Kirk und Bailey in “The Corbomite Maneuver” (Szenenbild: Jerry Finnerman/CBS Television Distribution)

Dennoch ist der Charakter ein interessantes Spiegelbild der äußeren Handlung. Er dient als Identifikationsfigur für das Publikum, das sich vermutlich ähnliche Fragen stellt wie Bailey selbst. Bailey hat die Mission der Enterprise und den oben genannten Wertekanon noch nicht verinnerlicht. Er ist noch kein „evolved Human“, sondern möchte die würfelförmige Boje am liebsten zerstören, selbst als noch keine unmittelbare Gefahr von ihr ausgeht.

Baileys Unsicherheit eskaliert unter dem Druck von Baloks Ultimatum in einem Nervenzusammenbruch auf der Brücke. Die Inszenierung wirkt etwas holzschnittartig, spiegelt aber Baloks spätere Sorge wider, dass alle wohlmeinenden Worte über die Charta der Sternenflotte und die Mission der Enterprise in deren Datenbanken nur Propaganda sein könnten. Dennoch kehrt Bailey kurz vor der vermeintlichen Zerstörung des Schiffes an seinen Posten zurück und meldet sich freiwillig, Baloks Begleiter zu werden.

So gehen innere und äußere Handlung Hand in Hand und begründen eines der Kernmotive, die sich durch Gene Roddenberrys Star Trek ziehen: dass die Menschheit ihr volles Potenzial noch nicht realisiert hat, aber über alle Anlagen verfügt, sich selbst auf die nächste Stufe ihrer Evolution zu heben. Viele spätere Episoden verfolgen eine ähnliche Idee – sei es „Squire of Gothos“, „Mirror, Mirror“ oder „Arena“ (letztere formuliert durch den Metron, der Kirks Weigerung kommentiert, den besiegten Gorn zu töten). Das Motiv ließ Roddenberry auch später nicht mehr los: „The Motion Picture“ zeigt die buchstäbliche Transformation von Will Decker zu einer neuen Lebensform, und „The Next Generation“ wird durch Qs Prozess gerahmt, in dem die Menschheit beweisen muss, ihre barbarische Natur überwunden zu haben.

Auch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Umgang mit einem „No-Win“-Szenarios durch taktisches Bluffen sich als robustes Trope über die nächsten Jahrzehnte etablierte („The Romulan Incident“, „The Motion Picture“, „The Wrath of Khan“, Peak Performance, usw.).

Der Weg ist das Ziel

Mit 60 Jahren Abstand fällt natürlich auf, inwiefern „The Corbomite Maneuver“ ein Produkt seiner Zeit war und dem skizzierten Anspruch nicht in allen Facetten gerecht wurde.

Am deutlichsten zeigt sich dies an der Figur der Yeoman Rand, die in dieser Episode ihren ersten Auftritt hat – allerdings nur, um Kirk Salat und Kaffee zu servieren. Im Original wirken beide Szenen heute etwas kurios und verstaubt. Kirk wundert sich, welchen Eindruck es macht, eine weibliche Yeoman zugeteilt bekommen zu haben. Die deutsche Synchronfassung „Pokerspiele“ gibt der Szene jedoch einen zusätzlichen sexistischen Spin: Aus „a female Yeoman“ wird „das blonde Gift“, und McCoys lakonisches „What’s the matter, Jim, don’t you trust yourself?“ wird zur „Kompensation“ für die Diät umgedeutet, die er Kirk verordnet hat. Kirk nimmt an der herabwürdigenden Äußerung keinen Anstoß, wohl aber an dem servierten Grünzeug.

McCoy, Kirk und Rand in "The Corbomite Maneuver" (Szenenbild: Jerry Finnerman/CBS Television Distribution)
McCoy, Kirk und Rand in “The Corbomite Maneuver” (Szenenbild: Jerry Finnerman/CBS Television Distribution)

Auf der Habenseite steht jedoch, dass „The Corbomite Maneuver“ mit Nichelle Nichols erstmals eine schwarze Frau als leitende Offizierin auf der Brücke der Enterprise zeigt – zu einer Zeit, als außerhalb der Desilu-Studios die US-Bürgerrechtsbewegung noch gegen alltägliche Diskriminierung kämpfte, und die NASA ausschließlich weiße Männer zu Astronauten ausbildete. Nichols setzte sich später erfolgreich dafür ein, diesen Umstand zu ändern.

Star Trek würde sich auch in Zukunft noch kleine und grobe Schnitzer bei der Darstellung von Frauen und Minderheiten leisten. Selbst in manchen zeitgenössischen Produktionen gelingt dies trotz diverserer Besetzung nicht immer überzeugend. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Programmen der 1960er-Jahre war zumindest der Wille erkennbar, erste bescheidene Schritte in Richtung jener Welt zu wagen, die später als hoffnungsvolle Utopie ins kollektive popkulturelle Gedächtnis eingehen sollte.

Herzlichen Glückwunsch zum 60. Geburtstag, Star Trek!

Seriethe-original-series
Bezug
Episode
Christopher Kurtz
Seit den frühen 2000ern ist Christopher Redakteur im TrekZone Network. Wenn er nicht in den unendlichen Weiten nach kritisch rationalem Humanismus Ausschau hält oder sich über die Plausibilität fiktiver Technologien und Gesellschaftsformen den Kopf zermartert, findet man ihn meistens in der Nähe von Spielen der geselligen Art, egal ob analog oder digital, ob als Mitspieler oder Gelegenheitsautor.

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