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Was “Star Trek” von “For All Mankind” lernen kann

Im 60. Jahr seines Bestehens hat ‘Star Trek’ seine Balance verloren: Statt Ideen, Welt und Figuren harmonisch zu verbinden, dominieren oft Melodrama und Einzelschicksale. ‘For All Mankind’ hingegen zeigt durch konsequentes Worldbuilding und stringentes Storytelling, dass der Wesenskern von Science-Fiction nach wie vor erfolgreich zur Geltung gebracht werden kann.

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Wenn das Gleichgewicht verloren geht

“Star Trek” lebte stets von einer besonderen Balance: Ideen, Welten und Figuren griffen ineinander und erzeugten genau jenen erzählerischen Raum, der Science-Fiction ihre eigentliche Faszinationskraft gibt. In vielen neueren Produktionen – oft unter dem Schlagwort “NuTrek” zusammengefasst – ist dieses Gleichgewicht jedoch ins Wanken geraten. Stattdessen dominiert häufig ein stark melodramatischer, auf individuelle Konflikte und Identitätsfragen fokussierter Ansatz.

Dass es auch anders geht, zeigt in diesen Tagen einmal mehr eine andere Science-Fiction-Dramaserie: “For All Mankind”. Erschaffen vom Trio Matt Wolpert, Ben Nedivi und “Star-Trek”-Veteran Ronald D. Moore, folgt sie einem Alternate-History-Ansatz. Die Serie demonstriert auch in der laufenden 5. Staffel (Apple TV) eindrucksvoll, wie glaubwürdiges, relevantes Science-Fiction-Storytelling entsteht, wenn Mikro- und Makroebene konsistent miteinander verwoben werden.

Doch anstatt sich diese Erfolgsserie zum Vorbild zu nehmen, orientieren sich die derzeit (noch) für “Star Trek” Verantwortlichen eher an anderen Genres, die mit dem eigentlichen Wesenskern von “Star Trek” nur wenig gemein haben. Die derzeit heftige Kritik aus Teilen des Fandoms lässt sich auch darauf zurückführen, dass das moderne “Star Trek” zunehmend weniger als klassische Science-Fiction erkennbar ist – eine Entwicklung, die viele Fans als Verlust des typischen “Star Trek”-Gefühls wahrnehmen.

Dieser Beitrag geht der Frage nach, wie sich das Genre von “Star Trek” zunehmend vom klassischen Science-Fiction-Kern entfernt hat.

Zwischen Trotz und Betriebsblindheit

Die jüngsten Reaktionen auf die Absetzung von “Star Trek: Starfleet Academy” legen nahe, dass es innerhalb der beteiligten kreativen Ebenen – von Autoren, Showrunnern und Schauspielern bis hin zu weiteren Verantwortlichen – seit Jahren an einer ernsthaften Selbstreflexion mangelt. “Section 31” war – freundlich formuliert – bereits eine Zumutung. “Starfleet Academy” wird nach nur zwei Staffeln eingestellt, was nicht allein der Studiopolitik zuzuschreiben ist, sondern auch maßgeblich auf kritische Rückmeldungen und deutlich nachlassende Zuschauerzahlen zurückgeht. Wer die Einstellung der Serie ausschließlich auf strukturelle Veränderungen bei Paramount oder gar auf vermeintliches “Rage Bait” zurückführt, verschließt die Augen vor der Realität.

Auch wenn es viele immer noch negieren wollen: “Star Trek” hat seit Jahren ein massives Qualitätsproblem!

Doch statt (sachliche) Kritik als Anlass für eine inhaltliche Überprüfung des eigenen Konzepts zu nehmen, verteidigten Produzenten wie Alex Kurtzman ihr Vorgehen und betonten weiterhin ihren Stolz auf das Geleistete. Dass dabei Qualitätsmängel nicht eingestanden werden, impliziert zugleich einen latenten Vorwurf an das Publikum, es sei angeblich nicht zufriedenzustellen – häufig pauschal als “toxic fandom” bezeichnet. Diese Haltung offenbart eine deutliche Betriebsblindheit: Das eigene Konzept, das sowohl Kritik als auch messbaren Misserfolg hervorgebracht hat, wird nicht hinterfragt. Stattdessen fokussiert man sich seit Jahren stur auf melodramatische, charakterzentrierte Formate oder Fantasy-Elemente, statt sich an starker, ideengetriebener Science-Fiction wie in der Konkurrenzserie “For All Mankind” (seit 2019) zu orientieren.

Andy Weir, ein bekannter US-amerikanischer Science-Fiction-Autor und erfolgreicher Romanautor von “Der Marsianer” (2011), “Artemis” (2017) und “Der Astronaut” (2021), hatte im Rahmen seiner Beschäftigung mit dem Franchise auch einen eigenen “Star Trek”-Pitch bei Paramount eingereicht, der jedoch von Alex Kurtzman und dem verantwortlichen Kreativteam abgelehnt wurde. Auch vor diesem Hintergrund hat sich innerhalb der Fangemeinde zunehmend der Eindruck verfestigt, dass Autoren mit ausgewiesener Science-Fiction-Expertise, “Star Trek”-Affinität oder tiefem Franchise-Verständnis nur eingeschränkt in die Entwicklung neuer Inhalte eingebunden werden. Diese Sichtweise wird im Fandom immer wieder als Problem der aktuellen kreativen Ausrichtung diskutiert – ein Eindruck, den ich persönlich teile.

In meinen Augen lässt sich diese Mischung aus Kritikunfähigkeit und Abschottungsmentalität als Ausdruck überzogener Eitelkeit oder einer defensiven Haltung interpretieren. Möglicherweise spielt dabei auch die Sorge vor konkurrierenden kreativen Ansätzen eine Rolle – etwa im Vergleich zu früheren erfolgreichen Science-Fiction-Autoren und Vorgängern im Franchise wie Ronald D. Moore, die im Fandom häufig mit einem besonders ausgeprägten Verständnis für Figurenarbeit, erzählerische Kontinuität und den Kern klassischer Science-Fiction verbunden werden.

Ich selbst betrachte die erwartbare Ablösung von Alex Kurtzman daher als konsequent und wohl begründet – und als echte Chance für einen Neuanfang. Denn seit 2009 (Reboot “Star Trek”) hatte ich den Eindruck, dass er – ebenso wie J.J. Abrams – “Star Trek” in seiner klassischen Form nicht vollständig verstanden oder gewürdigt hat. Stattdessen versuchte man, die Serie zu einem Hybrid aus “Star Wars”, “Marvel”, Fantasy-Elementen und Soap-Melodram zu machen. Dieser Ansatz ist – das lässt sich kaum noch leugnen – gescheitert. Es liegt nun an neuen kreativen Köpfen, “Star Trek” wieder zu dem zu machen, was es einst stark gemacht hat: eine ausgewogene Mischung aus großen Ideen, konsequentem Worldbuilding und glaubwürdigen Figuren in einer Zukunft, die sowohl inspiriert als auch zum Nachdenken anregt.

“Star Trek” im Ungleichgewicht

Ein häufiger Denkfehler ist die Annahme, “Star Trek” müsse sich zwischen Science-Fiction, Gesellschaftskommentar und Charakterdrama entscheiden. Dabei lag die Stärke der klassischen Serien gerade in der Kombination: wissenschaftliche Ideen, gesellschaftliche Gedankenexperimente und Charakterentwicklungen wurden abwechselnd oder auch parallel erzählt. “Star Trek” war immer dann am überzeugendsten, wenn es sich nicht auf eine inhaltliche Ebene reduzieren ließ. Es ging nie nur um Figuren, nie nur um Politik, nie nur um naturwissenschaftliche Phänomene – sondern um das Zusammenspiel all dieser erzählerischen Elemente. Die Geschichten speisten sich aus einer in sich kohärenten Welt, aus ernsthaft durchdachten Konzepten und aus Figuren, die sich in einer von der unseren grundverschiedenen und zugleich in ihren Herausforderungen vergleichbaren Realität behaupten mussten – zunächst im Beruflichen, zunehmend auch im Privaten. In klassischen Episoden konnten beispielsweise experimentelle Gesellschaften sowohl positive als auch negative Aspekte zeigen. Solche erzählerischen Mittel verbanden Mikro- und Makroebene, ließen Einzelschicksale organisch mit gesellschaftlichen Strukturen verschmelzen und ermöglichten Reflexion.

Ebenso wichtig war aber auch die Fähigkeit, reine Science-Fiction-Geschichten zu erzählen, in denen die Figuren bewusst in den Hintergrund treten und die Handlung primär von (pseudo)wissenschaftlichen Konzepten getragen wird – etwa Raum-Zeit-Anomalien, alternative Universen, Kausalitätsschleifen, unerklärliche Phänomene oder technologische Experimente. In diesen konzeptgetriebenen Episoden war die Science-Fiction nicht nur Kulisse, sondern der eigentliche Motor der Geschichte: Sie schuf Rätsel, Spannung, Staunen und intellektuelle Herausforderungen, während die Welt selbst zum erzählerischen Fundament wurde. “Star Trek”-Klassiker wie “Remember Me” (TNG 4×05), “Night Terrors” (TNG 4×17), “Cause and Effect” (TNG 5×18) oder “Blink of an Eye” (VOY 6×12) zeigen also: Es braucht nicht immer Drama um Figuren, soziale Fragen oder politische Konstellationen – manchmal reicht eine originelle, kreative Sci-Fi-Idee, um jene erzählerische Kraft zu entfalten, die “Star Trek” so besonders macht.

An genau diesem Punkt zeigt sich auch, warum die Aussage von Alex Kurtzman, Science-Fiction handle nicht von der Zukunft, sondern von der Gegenwart, verkürzt ist. Richtig ist, dass Science-Fiction Gegenwartsreflexion enthält – aber immer in Relation zu einer Zukunftsversion. Nur die Kombination von beidem ermöglicht das, was “Star Trek” ausmacht: ein Experimentierraum, der gleichzeitig auf unsere Realität zurückwirkt. Wird die Zukunft nur als bloße Metapher der Gegenwart verstanden, geht der Kern von Science-Fiction verloren – und damit auch der besondere Reiz.

Dieses Gleichgewicht aus kreativer Zukunftsvision und verfremdeter Gegenwartsreflexion ist in vielen neueren Produktionen spürbar aus der Balance geraten. Der Fokus hat sich verschoben: weg von der Welt als treibender Kraft, hin zur emotionalen Figur als Ausgangspunkt. Das Ergebnis ist ein Universum, das zwar emotional zugänglicher wirkt, aber zugleich an Tiefe und Reiz verloren hat.

“Star Trek” muss diese Balance wiederfinden, wenn es an frühere Erfolgszeiten anknüpfen möchte.

“Star Trek” im Kleinformat

Neben der thematischen Ausgewogenheit, die den neueren Produktionen abhandengekommen ist, zeigt sich ein grundlegender Wandel vor allem in der inhaltlichen Reichweite und Tiefe der Erzählungen. Die klassische “Star Trek”-Erzählweise war darauf ausgelegt, große Fragen der Gesellschaft, Politik und Ethik in einem fiktionalen Zukunftsrahmen zu verhandeln. Seit 2017 hat sich der Fokus zunehmend auf die individuelle Ebene verschoben: Einzelschicksale und charakterzentrierte Konflikte treten in den Vordergrund, während strukturelle oder systemische Fragestellungen an Bedeutung verlieren und allenfalls noch am Rande angerissen werden.

Damit einher geht eine Verschiebung der erzählerischen Funktion: Wo früher Gesellschaftsmodelle, politische Ordnungen oder kulturelle Gegenentwürfe im Zentrum standen, dienen neue Geschichten häufig primär dazu, persönliche innere Konflikte auszuleuchten. Selbst dort, wo gesellschaftliche Themen aufgegriffen werden, bleiben sie häufig eng an Figurenperspektiven gebunden und verlieren dabei ihre abstrakte, strukturelle Dimension. Vieles erscheint dabei stark vereinfacht, auf ein Minimum an Komplexität reduziert – mitunter auch als Ausdruck eines vorauseilenden Entgegenkommens gegenüber einer zunehmenden Second-Screen-Mentalität. Diese Engführung zeigt sich besonders in der Stoffwahl, die sich in ähnlicher Form zahlreich auch in anderen Seriengenres wiederfindet – vom Gegenwartsdrama bis zur Fantasy.

Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, worin das genuin Science-Fiction-Hafte der gegenwärtigen “Star Trek”-Erzählungen noch besteht – und welches klare Alleinstellungsmerkmal die Verantwortlichen überhaupt für sich reklamieren können, um sich in der schieren Vielfalt der Streamingangebote einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil zu sichern. Der Markenname “Star Trek” ist dabei gewiss kein Nachteil – aber eben auch kein Selbstläufer.

Defizite im Worldbuilding und in der erzählerischen Tiefe

Ein wesentlicher Unterschied zwischen klassischen und modernen “Star Trek”-Produktionen zeigt sich im Worldbuilding und in der daraus resultierenden Erzählweise. In den klassischen Serien war die Welt respektive das Universum nicht Kulisse, sondern aktiver Bestandteil der Handlung. Fremde Spezies und Zivilisationen – von den Klingonen über die Romulaner bis hin zu den Borg – fungierten als vielschichtige Spiegel realer politischer, gesellschaftlicher und ideologischer Systeme. Sie ermöglichten einen Sozialkommentar, der über einzelne Figuren hinausging und strukturelle Fragen verhandelte. Dabei waren diese Alien-Völker jedoch keine direkten Abziehbilder konkreter Staaten oder historischer Akteure, sondern inkorporierten lediglich einzelne Eigenschaften in verfremdeter Form. Gerade diese Abstraktion machte sie zu Metaphern für universelle menschliche Grundkonflikte – nicht nur für spezifische Episoden realer Geschichte.

Worldbuilding im Science-Fiction-Genre erfordert Zeit, Kreativität und vor allem inhaltliche Substanz auf Grundlage historischer, politologischer, philosophischer, technologischer und naturwissenschaftlicher Kenntnisse – eine Qualität, die den gegenwärtigen Autoren von “Star Trek” nicht wirklich zugeschrieben werden kann – ausgehend von dem, was seit Jahren auf dem Bildschirm zu sehen ist. Andere Science-Fiction-Serien wie “For All Mankind” zeigen, wie stark ein solches Fundament wirken kann, wenn Weltentwicklung und Handlung konsequent miteinander verzahnt sind. Im modernen “Star-Trek” hingegen werden viele Konflikte häufig auf einfache Motivlagen wie Rache, eine intrinsisch böse Natur oder Vernichtungswillen reduziert und verlieren dadurch an inhaltlicher Tiefe. Im Vergleich dazu wirkten klassische Konfliktbögen – etwa zwischen Föderation, Cardassianern und Maquis oder im Dominion-Krieg – deutlich komplexer und organischer entwickelt.

Eng damit verbunden ist auch die veränderte Erzählweise: Während klassische Episoden Themen oft indirekt über Allegorie, Perspektivwechsel und konzeptgetriebene Science-Fiction-Ideen verhandelten, rücken moderne Produktionen stärker figurenzentrierte Dramen in den Vordergrund. Dabei ist häufig auch ein suggestiver Unterton erkennbar, während echte Multiperspektivität zunehmend zurücktritt und dem Zuschauer eine eigenständige Meinungsbildung oft nicht mehr wirklich zugetraut oder zugestanden wird.

So bleiben etwa die Motive und die gesellschaftliche Verfasstheit der Gorn in “Strange New Worlds” weitgehend unbeleuchtet, ebenso wie eine ernsthafte Reflexion der Wahrnehmung der Expansionspolitik der Föderation durch andere Spezies oder eine nachvollziehbare Ausarbeitung der Frage, warum Super-KIs sich überhaupt durch empfindsame biologische Lebensformen derart bedroht sehen, dass sie diese zu vernichten trachten (“Discovery”, “Picard”). Anstatt diesen Perspektiven eine eigene Stimme zu geben, werden sie meist lediglich als drohende Kulisse eingesetzt. Damit vergibt man die Chance auf echte erzählerische Komplexität und beraubt das Genre seiner Funktion als Raum für gedankliche Experimente.

Insbesondere “Strange New Worlds” hätte die Möglichkeit geboten, an “Enterprise” und die Originalserie anzuknüpfen und eine Föderation im Konsolidierungsprozess zu zeigen – mit Kolonien, die ihre Gesellschaften noch ausbilden, politische und soziale Systeme erproben oder als strukturell abgehängte Regionen einen ausgeprägten Peripherie-Zentrum-Konflikt mit den Kernwelten der Föderation, etwa der Erde, austragen. Stattdessen gibt man sich mit dem Einfachen zufrieden: Die Serie präsentiert Beziehungsdreiecke, humoristische Scharaden oder generische Actionelemente.

Was “For All Mankind” besser macht

Die Konkurrenzserie “For All Mankind” zeigt seit Jahren eindrücklich, wie es besser gehen kann: wie sich Welt, Idee und Figuren zu einem stimmigen und konsequent entwickelten Gesamtsystem verweben lassen. Der historische Wettlauf der Großmächte USA und Sowjetunion ins All bildet dabei den Ausgangspunkt einer kohärenten Welt, in der Technologie, Politik und Gesellschaft dauerhaft eng miteinander verschränkt bleiben und bis in die Gegenwart nachwirken.

Im Verlauf der Serie verschieben sich die geopolitischen Bedingungen (Kalter Krieg), neue Allianzen wie die Mars 6-Alliance oder die Independent Spacefaring Nations entstehen und zerfallen wieder. Parallel treten neue globale Akteure wie private Unternehmen (Helios Aerospace und Kuragin) auf, die eigene Interessen, Ambitionen und moralische Konflikte in das Geschehen einbringen. Technologische Fortschritte – insbesondere im Kontext der Mond- und Marskolonisation – wirken dabei unmittelbar auf die Gesellschaft zurück: politische Machtverschiebungen, wirtschaftliche Dynamiken und soziale Ungleichheiten werden sichtbar und greifbar. Diese Entwicklungen prägen zugleich das Privatleben der Figuren, deren Karrieren, Beziehungen, Entscheidungen und moralische Dilemmata stets in enger Verbindung zum größeren Kontext stehen. Darüber hinaus etabliert sich ein grundlegender Konflikt zwischen ‘alter Welt’ (Erde) und ‘neuer Welt’ (Mars). Selbst innerhalb der Marskolonie entstehen Prozesse, die historische Parallelen zur Erdgeschichte aufweisen – etwa der Aufbau eines unabhängigen Staatswesens, der Kampf um Bürgerrechte oder die Organisierung der Marsarbeiter, vergleichbar mit den Arbeiterbewegungen während der Industrialisierung.

Auch die Figuren selbst entziehen sich klischeehaften Schablonen. Sie unterscheiden sich deutlich in Herkunft, Motivation und Charakter – ohne die wiederkehrenden Muster gebrochener Helden, überzeichneter Alleskönner oder junger, rebellischer Heißsporne, wie sie in den Kurtzman-Produktionen häufig anzutreffen sind. Überdies sind die Antagonisten differenziert angelegt und glaubwürdig motiviert, statt eindimensional oder bloß plakativ böse zu erscheinen. Konflikte eskalieren dadurch organisch; Wendungen entstehen aus Interessenlagen und Systemlogiken heraus und nicht aus dramaturgischem Zwang auf Knopfdruck. Das Prinzip “Show, don’t tell” wird konsequent umgesetzt.

Auch in dieser Serie sind identitätspolitische Fragestellungen vorhanden, wirken jedoch weniger forciert und fügen sich organisch in die Gesamtstruktur ein, statt sie zu dominieren. So entsteht ein komplexes Geflecht, in dem Welt, Idee und Figuren gleichberechtigt miteinander wirken – genau jene Stärke, die bereits klassische “Star-Trek”-Episoden ausgezeichnet hat.

In dieser Hinsicht kann das moderne “Star-Trek” von Alex Kurtzman mit dieser Form komplexen Storytellings und einer konsistenten, seriösen Charakterausarbeitung nicht im Entferntesten mithalten. “For All Mankind” kommt trotz aller vorhandenen Action- und Dramamomente ohne die permanente Notwendigkeit des “großen Knalls” aus – weder auf spektakulärer Effektebene noch durch übersteigerte emotionale Eskalation. Die Serie benötigt keine künstlich zugespitzten Höhepunkte, um schwächere Drehbuchmomente zu kaschieren oder den Zuschauer über forcierte Emotionalisierung bei der Stange zu halten, die bisweilen dazu dient, inhaltliche oder logische Brüche zu überdecken.

Zwar weist natürlich auch “For All Mankind” schwächere Episoden auf, und insbesondere ab der dritten und vierten Staffel ist ein gewisser Qualitätsabfall gegenüber den herausragenden ersten beiden Staffeln erkennbar. Die fünfte Staffel ist bislang ordentlich angelaufen, lässt nach den ersten drei Folgen jedoch noch Luft nach oben. Dennoch bleibt über den Gesamtverlauf hinweg ein konstant hohes Niveau in Bezug auf Ideenreichtum, Drehbuchqualität, Storytelling und Figurenzeichnung erkennbar. In dieser Hinsicht bewegt sich die Serie mindestens eine Liga über dem, was “Star-Trek” in seiner aktuellen Ausprägung zu leisten vermag.

Schlussbetrachtung: Zurück zum Science-Fiction-Kern!

Wenn “Star-Trek” wieder zu alter Stärke finden will, muss es sich nicht neu erfinden – aber es muss sich neu ausrichten. Geschichten dürfen nicht länger primär auf Figuren und soziale Konflikte reduziert werden. Nicht jede Episode braucht ein Trauma, nicht jede Wendung einen emotionalen Höhepunkt. Manchmal reicht ein ungewöhnliches Phänomen, eine große Idee oder ein konsequent entwickeltes Gesellschaftsexperiment.

Auch das Staunen – als zentrale Erfahrung des Unbekannten und Unverfügbaren – ist “Star-Trek” dabei zunehmend verloren gegangen. Die Artemis-2-Mission hat mir, aber sicher auch vielen anderen Science-Fiction-Fans, abermals vor Augen geführt, wie viel Faszination bereits in der realen Raumfahrt steckt und wie bewegend es ist, wenn die Menschheit die Grenzen ihrer eigenen Entdeckermentalität auslotet. “For All Mankind” ist eine Serie, die sehr bewusst und sehr gekonnt an diese Gefühlslage anknüpft. “Star Trek” hingegen ist es in den letzten Jahren nur noch sehr selten gelungen, dieses Gefühl des Staunens in vergleichbarer Weise zu vermitteln.

Die Lehren aus den klassischen “Star-Trek” -Serien und “For All Mankind” liegen daher auf der Hand: Weltentwicklung, Ideen und Figuren müssen im Gleichgewicht stehen. Nur so kann “Star-Trek” wieder zu dem werden, was es einst war – ein Universum, das größer denkt als seine Figuren, Zukunft als Möglichkeitsraum begreift und zugleich auf unsere Gegenwart reflektiert. Entscheidend ist dabei nicht allein mehr thematische Vielfalt im Sinne einer echten Balance, sondern auch ein offeneres, parabelhaftes Storytelling, stärkeres Worldbuilding und mehr erzählerische Einfallsvielfalt bei den Figuren selbst. Die wiederkehrende Reproduktion derselben Figurenkonstellationen und weitgehend austauschbar angelegten ultimativen Bedrohungsszenarien greifen dabei zu kurz und verengen den erzählerischen Möglichkeitsraum erheblich.

Die Zukunft von “Star-Trek” entscheidet sich daran, ob es wieder den Mut findet, Science-Fiction-Ideen konsequenter in den Mittelpunkt zu stellen als die Dramatisierung des Plots.

Matthias Suzan
Matthias' Leidenschaft für "Star Trek" wurde 1994 mit knapp zehn Jahren durch "The Next Generation" geweckt. TNG und DS9 sind bis heute seine Lieblingsserien. Es sind vor allem die politischen, gesellschaftlichen und menschlichen Themen des Trek-Universums, die ihn faszinieren. Aber auch die vielen, tollen Raumschiffe haben es dem passionierten Modellbauer angetan. Matthias ist seit 2017 Teil der TZN-Redaktion.

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