Ein verschollenes Sternenflottenschiff taucht wieder auf – und für Kirk, La’an und Spock beginnt eine Mission, bei der die Grenze zwischen Realität und Albtraum immer weiter verschwimmt.
ACHTUNG: SPOILER-ALARM!
Handlung
Während eines Shuttleflugs durch ein Asteroidenfeld entdecken James T. Kirk (Paul Wesley), La’an Noonien-Singh (Christina Chong) und Spock (Ethan Peck) die seit neun Jahren verschollene U.S.S. Griffin. Um das Schicksal der Besatzung aufzuklären, gehen sie an Bord des verlassenen Raumschiffs.
Schon bald werden sie mit paranormalen Phänomenen konfrontiert, die ihre Mission zunehmend erschweren. Im Mittelpunkt der rätselhaften Ereignisse steht Commander Rose Harper (Sorika Wolf), die ehemalige Sicherheitschefin der Griffin.
Als Kirk, La’an und Spock von verstörenden Halluzinationen heimgesucht werden, gerät der Einsatz außer Kontrolle…
Das Drehbuch: Spukschiff voraus!
Das Drehbuch zu “The Griffin Incident” stammt von Robbie Thompson, der offenkundig den Auftrag hatte, eine möglichst kompakte Bottle-Episode unter Verwendung der vorhandenen Enterprise-Sets zu entwerfen. Folgerichtig reiht sich die U.S.S. Griffin in die Riege jener Constitution-Klasse-Schiffe ein, deren Schicksal sich zwischen routinemäßigem Sternenflotteneinsatz und unerklärlichen kosmischen Phänomenen verliert – ganz in der Tradition der Constellation und der Defiant.
Die Episode bedient damit eine der langlebigsten Erzählformen aus sechzig Jahren “Star Trek”: Ein Raumschiff – oder ein abgelegener Außenposten der Sternenflotte – verliert den Kontakt, sein Schicksal bleibt ungewiss, und die Serienprotagonisten müssen das dahinterliegende Rätsel lösen. Wird dieses altbekannte Rezept zusätzlich mit Horror-Elementen angereichert, bewegt sich das Ergebnis schnell irgendwo zwischen Geisterschiff-Erzählung, Mystery-Fall und düsterem Psychodrama.
Horror und Mystery gehören seit den Anfängen zum narrativen Baukasten von “Star Trek”. Verlassene Schiffe, verschwundene Crews, unerklärliche Phänomene, galaktische Monster, gefährliche Krankheiten, Halluzinationen und psychologischer Ausnahmezustand – all das wurde in der Franchise-Geschichte schon oft erzählt, beispielsweise in Folgen wie “The Man Trap” (TOS 1×01), “The Naked Time” (TOS 1×04), “The Tholian Web” (TOS 3×09), “The Naked Now” (TNG 1×03), “Night Terrors” (TNG 4×17), “Schisms” (TNG 6×05), “Frame of Mind” (TNG 6×21), “Genesis” (TNG 7×19), “Empok Nor” (DS9 5×24), “Persistence of Vision” (VOY 2×08), “Oasis” (ENT 1×20), “Impulse” (ENT 3×05) oder auch “The Butcher’s Knife Cares Not for the Lamb’s Cry” (DIS 1×04) und “Shuttle to Kenfori” (SNW 3×03).
Einige dieser Episoden zeigen, dass solche Stoffe besonders gut funktionieren, wenn Atmosphäre, Spannungsaufbau und Figurenkonflikte ineinandergreifen. Robbie Thompson scheint sich dieser Tradition bewusst gewesen zu sein. Das Horror-Setting dient in “The Griffin Incident” vor allem dazu, die Charaktere von Kirk, La’an und Spock zu testen. Es ist vermutlich kein Zufall, dass sie gerade von einem Seminar für kommende Führungskräfte zurückkehren. Die Ereignisse auf der Griffin konfrontieren sie mit ihren Ängsten, Unsicherheiten und Zweifeln.
Dieses Erzählkonzept funktioniert an einigen Stellen gut, während andere Aspekte der Umsetzung überhaupt nicht überzeugen. Vor allem der Spannungsbogen wirkt in meinen Augen unausgewogen: Der Handlung fehlt ein klarer roter Faden, wodurch die einzelnen Elemente nur lose miteinander verbunden wirken und ein sorgfältig aufgebauter Höhepunkt ausbleibt. Stattdessen reiht die Episode ein Horror-Klischee an das nächste – von umherwandelnden Halbtoten über geisterhafte Stimmen bis hin zu blutverschmierten Wänden. Der Rückgriff auf solche Motive ist im Horror-Genre zwar grundsätzlich legitim und kann wirkungsvoll zur Atmosphäre beitragen. Hier wirken sie jedoch weniger wie bewusst eingesetzte Stilmittel als wie bekannte Horror-Klischees, die der Episode kaum neue Impulse verleihen.
Besonders deutlich zeigt sich dies in La’ans hinterhältiger Messerattacke auf Kirk, die offensichtlich als kulminierender Moment der Story fungieren sollte. Anstatt jedoch einen wirklich schockierenden Höhepunkt zu schaffen, wirkt die Szene eher wie eine weitere Variation des allzu bekannten “Messer zwischen die Rippen”-Klischees. Kirk mag von dem Angriff überrumpelt werden, für das Publikum kommt der Moment hingegen deutlich weniger unerwartet. Die Inszenierung ist zwar blutig und hektisch, bleibt letztlich aber erstaunlich einfallslos.
Auch die drei Charakterbögen besitzen zwar jeweils interessante Ansätze, laufen über weite Strecken jedoch eher nebeneinanderher, statt sich wirklich organisch miteinander zu verzahnen.
Eine Horror-Atmosphäre erzeugt nicht automatisch Spannung, wenn irgendwelche zombie-artigen Gestalten im Hintergrund durch das Bild huschen, Gliedmaßen und blutigen Szenen abgetrennt werden oder die Handlung fast ausschließlich in verdunkelten Räumen und Korridoren stattfindet. Spannung entsteht, wenn der Zuschauer Wendungen nicht vorhersehen kann und es jeden der Protagonisten erwischen kann. Das ist hier aber nicht der Fall, denn es ist schon recht früh abzusehen, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln wird.
Die größte Unsicherheit besteht zunächst darin, ob die Erlebnisse von Kirk, Spock und La’an lediglich Halluzinationen ohne dauerhafte Konsequenzen sind oder ob sie tatsächlich verletzt werden oder sogar sterben könnten. Allerdings wird relativ schnell deutlich, dass alles, was dem Trio widerfährt, reale Konsequenzen hat, während die später hinzugekommenen Crewmitglieder lediglich Teil ihrer Halluzinationen sind. Für mich war dies in dem Moment klar, als Pike, Una, Sam Kirk und Uhura an Bord beamten. Damit fiel leider auch ein großer Teil des Spannungsmoments und das mögliche Unterlaufen der Erwartungen des Zuschauers in sich zusammen.
Diesen Minuspunkt muss ich dem Drehbuch ankreiden. Die Handlung nimmt von diesem Moment an einen sehr erwartbaren Verlauf und wirkt dadurch enorm uninspiriert. Mir fehlte das gewisse Etwas, das die Geschichte von früheren Folgen dieser Art abhebt und eine Wendung einbaut, mit der ich als Zuschauer nicht gerechnet hätte. Genau diese Überraschungsmomente bleibt “The Griffin Incident” leider schuldig.
Positiv hervorheben möchte ich allerdings, dass das eigentliche Mysterium am Ende nicht vollständig aufgelöst wird. In vielen klassischen “Star Trek”-Erzählungen dieser Art war die Enterprise nicht das erste Schiff, das einem tödlichen Rätsel begegnete – aber jenes, das am Ende die entscheidenden Zusammenhänge entschlüsseln konnte. “The Griffin Incident” verweigert diese Gewissheit: Die Griffin bleibt ein Ort, dessen Geheimnis selbst nach der finalen Szene nicht vollständig gelöst zu sein scheint.
Gerade diese Offenheit entspricht der Idee, dass auch die Sternenflotte im 23. Jahrhundert nicht jedes Phänomen sofort begreifen muss. Manche Fragen dürfen offenbleiben – zumindest, bis Wahrnehmung, Wissenschaft und Technologie irgendwann weit genug sind. Genau darin liegt eine der Grundideen von “Star Trek”: Es geht nicht nur darum, das Unbekannte zu entschlüsseln, sondern darum, sich ihm zu stellen, es zu erforschen, Fragen zu stellen und nach einem besseren Verständnis zu suchen. Scheitern inbegriffen.
Spock – Logik als Rettungsanker
Im Mittelpunkt der Handlung stehen die beiden Stammcharaktere Spock und La’an sowie James T. Kirk, der hier abermals einen Gastauftritt hat. Alle drei Charaktere haben das übliche emotionale Päckchen zu schleppen, die in den neuen Serien gerne als narrativer Fixpunkt dienen. Der Versuch, eine extreme Stresssituation herbeizuschreiben, um die Figuren in ihrer Entwicklung voranzutreiben, ist – wie bereits gesagt – ein probates Mittel. Ich habe mich allerdings gefragt, ob das Horror-Setting in der Episode hier für alle drei Fälle wirklich der ideale Nährboden ist.
Bei Spock geht es mal wieder um seinen Zwiespalt zwischen seiner vulkanischen und seiner menschlichen Hälfte. Während er in den ersten Staffeln mehr und mehr begann, seine menschliche – und somit emotionale – Seite zu erforschen und zu akzeptieren, macht er in dieser Folge wieder eine Drehung um 180 Grad und beginnt, die Vorzüge seiner vulkanischen und die Gefahren seiner menschlichen Natur zu erkennen. Diese wiederkehrende Identitätssuche gehört zwar seit Serienbeginn zu Spocks Figur, wirkt hier jedoch abermals etwas redundant. Es entsteht zunehmend der Eindruck, dass seine gesamte Charakterentwicklung immer wieder auf dieselbe Grundfrage reduziert wird: Wie viel Mensch und wie viel Vulkanier steckt in ihm? Nach mehreren Variationen dieses Konflikts wirkt es allmählich ermüdend, Spock ausschließlich über diesen inneren Zwiespalt zu definieren. Dass die Episode diesen Konflikt schließlich in einer Form von Selbstverstümmelung gipfeln lässt, geht in meinen Augen auch einen Schritt zu weit.
Gleichzeitig ist dieser Entwicklungsschritt aus der Perspektive der bisherigen Handlung durchaus nachvollziehbar. Nicht zuletzt dürfte es einige Zuschauer irritiert haben, wie stark Spock in den vergangenen Folgen seine menschliche Seite auslebte. Seine zunehmend hedonistisch wirkenden Romanzen und unverbindlichen Affären – mittlerweile sind es bereits drei Partnerinnen im Verlauf der Serie – waren dabei wohl der deutlichste Ausdruck dieser Entwicklung. Nun scheint die Figur jedoch bewusst wieder in jene Richtung geführt zu werden, die wir aus der Originalserie kennen.
Diese persönliche Reifung könnte zudem mit einer stärkeren beruflichen Weiterentwicklung einhergehen. Es wäre an der Zeit, auch Spocks Fähigkeiten als Offizier und seine Entwicklung zu einer Führungspersönlichkeit stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Schließlich wird er unter Kirk zum Ersten Offizier der Enterprise – eine Rolle, für die nicht nur seine Herkunft und sein innerer Konflikt entscheidend sind, sondern ebenso seine Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und ein Kommando zu führen. Gerade dieser Aspekt wurde von der Serie bislang jedoch nur selten überzeugend herausgearbeitet. Stattdessen konzentrierte sich seine Charakterisierung überwiegend auf seinen inneren Konflikt, während seine Entwicklung zu einem fähigen Führungsoffizier deutlich weniger Raum erhielt.
Auch T’Pring (Gia Sandhu) als Auslöser dieser Rückbesinnung auf die vulkanische Lebensart überzeugt an dieser Stelle nicht wirklich. Dass Logik in einer Extremsituation den entscheidenden Ausweg weist, während Emotionen die Halluzinationen überhaupt erst verstärken, passt grundsätzlich zur Lehre Suraks. Dass jedoch ausgerechnet T’Pring diese Erkenntnis anstoßen muss, wirkt erneut etwas konstruiert und nicht ganz organisch aus der Handlung heraus entwickelt. Nachdem Spocks Charakterentwicklung zuvor bereits stark von seinem Konflikt zwischen menschlicher und vulkanischer Identität geprägt war, wäre es interessanter gewesen, diesen Schritt stärker aus seiner eigenen Entwicklung als Offizier und angehende Führungspersönlichkeit heraus entstehen zu lassen. Die Grundidee einer solchen Erkenntnis während einer Mission ist durchaus reizvoll, doch die Umsetzung fällt wieder in jene melodramatischen Muster zurück, die charakteristisch sind für die neueren Produktionen.
Deutlich glaubwürdiger und dramaturgisch reizvoller wäre beispielsweise eine Geschichte um Sybok gewesen. Im Angesicht seines emotionalen und radikalen Halbbruders – eines Revoluzzers, der die vulkanische Ordnung offen infrage stellt – hätte Spock erkennen können, dass er selbst einen anderen Weg einschlagen muss. Nicht als Flucht vor seiner menschlichen Seite, sondern als bewusste Entscheidung für jene Disziplin und Selbstbeherrschung, die die vulkanische Kultur seit Surak prägen.
Aber “Strange New Worlds” vermeidet es weiterhin beharrlich, die ganz großen Geschichten zu erzählen. Stattdessen konzentriert sich die Serie über weite Strecken auffallend stark auf Spocks Liebesleben. Seine Beziehungen und romantischen Verwicklungen nehmen seit Serienbeginn einen ungewöhnlich großen Raum ein, sodass der Eindruck entsteht, die Figur definiere sich zeitweise stärker über ihre Partnerinnen als über den Dienst bei der Sternenflotte oder über philosophische Überlegungen. Das wirkt nur bedingt wie jener Spock, den wir aus der Originalserie und den späteren Filmen kennen – eine Figur, deren Entwicklung vor allem von der Auseinandersetzung mit ihrer ihrer Pflicht, mit Philosophie, Politik, Geschichte und der Balance zwischen menschlicher Emotionalität und vulkanischer Logik geprägt ist. Gerade deshalb hätte sich die Konfrontation mit Sybok – oder auch im Kontext einer anderen politischen oder gesellschaftlichen Krise – als weitaus schlüssigerer Katalysator für Spocks charakterliche Reifung angeboten als die romantische Beziehung mit seiner Ex-Verlobten T’Pring, die hier wohl in Richtung des Status-quo in der Originalserie geschrieben werden soll.
Mein Kritikpunkt, dass sich die Serie stellenweise eher für Soap-Opera-Elemente als für tiefgründige Science-Fiction interessiert, bleibt daher leider bestehen. Gerade bei einer Figur wie Spock wirkt diese Gewichtung problematisch, weil sein Reiz nie allein in seinen persönlichen Beziehungen lag, sondern vor allem im intellektuellen Bereich.
La’an und der innere Dämon
Diese Umorientierung Spocks dürfte sich nicht zuletzt auf dessen Beziehung zu La’an auswirken, deren eigener Konflikt hier ebenfalls weiter zugespitzt wird. Bei ihr zeigen sich die Halluzinationen als Folge jener inneren Spannung, die bereits in der vorangegangen Staffel erstmals angedeutet wurde. Ihre rezessiv vererbten Augment-Gene scheinen aus irgendeinem Grund zu mutieren und ihren Körper und ihren Geist mehr und mehr zu beeinflussen. Inwieweit das tatsächlich eine genetische Veranlagung ist oder eher als psychologische Reaktion interpretiert werden muss, wird der weitere Verlauf der Staffel zeigen. Eine gewisse Grundtendenz zu Paranoia und Gewalt hatte La’an schon immer, wobei hier auch ein Kindheitstrauma dahintersteckt und nicht nur die Genetik.
La’ans Charakterbogen passt meiner Ansicht nach noch am besten zum Setting der Folge und ist mitunter auch ordentlich geschrieben. Die Parallele zu Rose Harper, die hier als böses “Spiegelbild” fungiert, funktioniert über weite Strecken gut und verleiht der Folge zumindest ein gewisses Maß an natürlicher Spannung. Besonders gelungen finde ich, dass die Episode offenlässt, ob Harper tatsächlich noch existiert oder lediglich in La’ans Geist weiterlebt. Der Umstand, dass auch Kirk und Spock sie zeitweise wahrnehmen können, spricht allerdings eher dafür, dass es sich um eine eigenständige Entität handelt und nicht bloß um eine reine Einbildung oder Halluzination La’ans.
Problematisch ist jedoch der Umgang mit La’ans innerem Konflikt: Die Episode lässt sie immer wieder zwischen aufrichtiger Fürsorge für ihre Kameraden und einem beinahe unkontrollierten Drang zur Gewalt schwanken. Dieser Wechsel zwischen Beschützerinstinkt und Mordlust wirkt stellenweise unvermittelt und nicht ausreichend aus der Handlung oder ihrer psychischen Verfassung heraus entwickelt. Hinzu kommt, dass La’an sich an einigen Stellen der Drehbuchlogik unterordnen muss und dadurch ungewöhnlich unvorsichtig handelt. Gerade eine so erfahrene Sicherheitschefin würde eigentlich deutlich misstrauischer agieren – etwa wenn sie im Maschinenraum nicht einmal überprüft, wer hinter ihrem Rücken durch die Tür kommt, sondern sofort davon ausgeht, dass es sich um Spock handelt.
Rose Harper ist als Figur durchaus interessant angelegt, gerade weil die Episode ihre Ambivalenz bewusst herausarbeitet: Ist sie Opfer einer fremden Macht, Täterin oder vielleicht beides zugleich? Einerseits erscheint sie als Opfer eines unbekannten Einflusses, andererseits bleibt sie diejenige, die für den Tod ihrer eigenen Crew verantwortlich ist. Diese Widersprüchlichkeit macht sie zu einer spannenden und schwer einschätzbaren Figur. Schade ist jedoch, dass ihre Dialoge diesem Potenzial nicht gerecht werden. Ihre Aussagen wirken häufig wie typische Horror-Floskeln und nehmen ihr einen Teil der Eigenständigkeit. Statt eine wirklich vielschichtige Gegenspielerin zu sein, wird sie dadurch stellenweise auf die Rolle des üblichen Horror-Gegners reduziert.
Schade ist auch, dass die Episode diese interessante Figur durch eine allzu offensichtliche visuelle Anspielung auf das Mädchen aus “The Ring” auf ein vertrautes Horror-Klischee reduziert. Man fragt sich, warum das moderne “Star Trek” immer wieder auf derart eindeutige Referenzen zu Klassikern anderer Genres zurückgreifen muss. Etwas mehr Mut zu einer eigenständigen Bildsprache wäre weiterhin wünschenswert – solche allzu offensichtlichen Anleihen wirken nicht wie eine kreative Hommage, sondern eher wie einfallsloses Zitieren und lassen die Episode in manchen Momenten geradezu peinlich erscheinen.
Der Captain, der zu viel verschweigt
Bereits in der vergangenen Woche hatte ich beklagt, dass es im heutigen “Star Trek” mittlerweile Usus geworden zu sein scheint, unliebsame Wahrheiten zu verheimlichen. Auch in dieser Folge zeigt sich Captain Pike einmal mehr als Meister der Vertuschung und unterschlägt kurzerhand mal einen wichtigen Aspekt – nämlich dass La’an Kirk fast getötet hätte.
Was uns hier erneut als väterliche Fürsorge Pikes verkauft werden soll, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als höchst fragwürdige Entscheidung. Angesichts der Tatsache, dass La’an auch ein warnendes Beispiel für etwaige weitere Begegnungen der Sternenflotte mit diesem unbekannten Phänomen wäre, darf auch der Kontext von La’ans möglicher Mutation nicht unberücksichtigt bleiben. Pike nimmt dies aber auf die leichte Schulter, was sich zu einem späteren Zeitpunkt noch rächen könnte.
Ich bleibe dabei: Pike wird meinem Empfinden nach als Captain zunehmend demontiert. Seine Entscheidungen sind derweil nicht nur moralisch fragwürdig, sondern zunehmend auch irrational und fahrlässig.
Kirk und die Schuld der abwesenden Väter
Alle guten Dinge sind drei – und so widmet sich “The Griffin Incident” nach Spock und La’an auch noch Kirks familiärem Balast. Im Zentrum steht dabei eine Vorgeschichte, die aus früheren Episoden und Filmen bereits bekannt ist: einerseits sein belastetes Verhältnis zu seinem Vater, andererseits seine komplizierte Beziehung zu Carol Marcus und ihrem gemeinsamen Sohn David.
In meinen Augen gelingt es der Folge an einigen Stellen durchaus, Kirks Dilemma greifbar zu machen. Er erkennt die Fehler seines Vaters – und läuft doch Gefahr, sie selbst zu wiederholen. Während die Dialoge mit La’an hier eher nicht so zünden, haben die Gespräche mit seinem Bruder Sam an einigen Stellen durchaus einen gewissen Tiefgang.
Ich sehe hier allerdings zwei Probleme. Erstens will das Horror-Setting für diesen Teil von Kirks Charakterbogen nicht recht tragen. Die Folge hätte diese Thematik aus meiner Sicht in einem deutlich passenderen erzählerischen Rahmen verhandeln können. Als positive Gegenbeispiele fallen mir “The Icarus Factor” (TNG 2×24) und “Paradise Lost” (4×12) aus DS9 ein. Beide Episoden behandeln Vater-Sohn-Beziehungen und zeigen, wie Karriere, Pflichtgefühl oder auch Extremsituationen familiäre Bindungen belasten können. Ihre Stärken liegen besonders in der direkten verbalen Konfrontation der Beteiligten:
Riker stellt seinen Vater zur Rede und spricht offen darüber, wie sehr ihn dessen Verhalten während seiner Kindheit geprägt und verletzt hat – insbesondere in jener Zeit, in der er ihn am dringendsten gebraucht hätte. Kyle Riker wiederum gesteht seinem Sohn, dass der Schmerz über den Verlust seiner Frau ihn emotional verschlossen und eine Mauer zwischen ihnen errichtet hat. Gerade diese ehrlichen und verletzlichen Momente verleihen den Dialogen eine spürbare emotionale Tiefe und bleiben nachhaltig im Gedächtnis.
Ähnlich stark ist die Szene, in der Joseph Sisko seinem Sohn Ben ins Gesicht sagt, wie sehr ihn der Dienst bei der Sternenflotte im Schatten der Dominion-Bedrohung verändert hat. Ausgerechnet Ben, der für Ideale eintritt, beginnt dem eigenen Vater zu misstrauen. Genau aus solchen Momenten entsteht emotionale Wucht und somit echte Anteilnahme des Publikums.
Eine solche direkte Konfrontation gesteht uns “The Griffin Incident” allerdings nicht zu. Wir sehen weder Carol noch David. Nicht einmal in Rückblenden oder Gedächtnisprotokollen. Die Episode verschreibt sich mal wieder dem so oft in den letzten neun Jahren kritisierten Prinzip “Tell, don’t show”, obwohl es umgekehrt richtig wäre.
Leider hat sich offenbar auch nach all den Jahren im Writer’s Room einer “Star Trek”-Serie noch nicht die Einsicht durchgesetzt, dass sich Charakterentwicklung nicht einfach herbeireden lässt. Wenn Figuren Gefühle, Konflikte oder Veränderungen nur aussprechen, entsteht noch keine echte Entwicklung. Erst durch ihre Entscheidungen, ihr Verhalten und die Konsequenzen ihres Handelns wird sie für den Zuschauer greifbar. Gerade in der Kurtzman-Ära zeigt sich immer wieder die Tendenz, Entwicklungen zu benennen, anstatt sie dramaturgisch entstehen zu lassen. Emotional bleibt der Konflikt blass, weil uns die Episode fast ausschließlich Kirks Perspektive anbietet, während Carol und David vollständig im Hintergrund bleiben. Zwar bringt Sam ihre Seite zumindest indirekt ins Spiel, doch das ersetzt keine echte Gegenstimme. Was fehlt, ist die Dynamik eines Streitgesprächs, in dem beide Positionen aufeinanderprallen und der Konflikt mehr wird als Kirks nachdenkliche Selbstanklage.
Nun hat die Staffel noch acht weitere Folgen und vielleicht bekommen wir Carol tatsächlich noch zu sehen. Die finale Szene von Kirk im Ready Room lässt aber vermuten, dass sie den Trennungsprozess bereits eingeleitet hat – mit allen harten Konsequenzen für Kirk. Sollte dieser Charakterbogen keine weitere Fortsetzung finden, muss ich leider sagen, dass ich auch hier eine verpasste Chance sehe, die Vorgeschichte von “Star Trek II: Der Zorn des Khan” mit größerer emotionaler Tiefe vorzubereiten.
Besonders gelungen ist hingegen Harpers Bemerkung über Kirks Sohn: “Er wird sterben, dein kleiner Junge. Genau wie du. Am Ende einer Klinge wird er in einer dunklen Ecke des Weltalls verbluten.” Diese Aussage funktioniert als düsterer Vorausblick auf das Schicksal von David Marcus, der in “Star Trek III: The Search for Spock” gewaltsam ums Leben kommen wird. Ob Harper (respektive La’an) tatsächlich mehr weiß, als sie wissen dürfte – etwa weil sie ein zeitreisendes Wesen ist – oder ob es sich lediglich um eine makabre Zufälligkeit handelt, lässt die Episode offen. Gerade diese bewusste Offenheit erweist sich als besondere Stärke der Szene: Sie schafft Raum für unterschiedliche Deutungen, ohne den etablierten Kanon zu unterlaufen.
Inszenierung: Zu viel Blut, zu wenig Beklemmung
Regisseurin Axelle Carolyn hatte bei der Inszenierung dieser Episode gewiss keine leichte Aufgabe. Das Drehbuch liefert ihr weder eine besonders organische Struktur noch einen wirklich einfallsreichen Höhepunkt. Hinzu kommt, dass die Limitierung auf die bekannten Enterprise-Sets der Folge einen Teil jener Spannung nimmt, die ein unbekannter Ort ganz automatisch erzeugen kann. Wenn man nicht weiß, was hinter der nächsten Ecke lauert oder wie ein Raum überhaupt aufgebaut ist, wird der Schauplatz selbst zu einem Teil der Bedrohung. Dass es trotzdem möglich ist, auch in einer vertrauten Umgebung echte Beklemmung zu erzeugen, hat “Empok Nor” schon vor rund 30 Jahren eindrucksvoll gezeigt. Diesem Vergleich muss sich “The Griffin Incident” zwangsläufig stellen – und verliert ihn aus meiner Sicht recht deutlich.
Im Gesamtpaket konnte mich die Inszenierung der Folge nicht überzeugen. Das Gefühl einer permanenten Bedrohung stellt sich nur selten ein, und es fehlt ein glaubwürdiger, unberechenbarer Antagonist, wie Garak ihn in der genannten DS9-Episode verkörpert. Dessen scharfzüngig geschriebene Dialoge wurden von Andrew Robinson mit beeindruckender Bedrohlichkeit transportiert. Vor allem sein ständiges Provokationsspiel mit O’Brien trägt die gesamte Episode und macht sie bis heute zu einer Erzählung, die Gänsehaut erzeugen kann. Genau diese Prise erzählerischer Genialität fehlt “The Griffin Incident” leider vollständig. Und diesen Makel kann auch keine noch so düstere Inszenierung kompensieren.
Auch die Filmmusik, die bei Stoffen dieser Art erheblich zur Atmosphäre beitragen kann, bleibt für mich eher blass und hinterlässt kaum einen bleibenden Eindruck. Schnitt und Kameraführung hingegen geben kaum Anlass zur Kritik. Besonders der Einsatz der VR-Wall für die Darstellung des Schiffsinneren überzeugt deutlich mehr als in der Vorwoche, als die Planetenoberfläche der prähistorischen Erde noch sichtbar künstlich wirkte.
Schade ist wiederum, dass die Episode auffallend viele Gewaltdarstellungen zeigt. Einige der blutigen Szenen wirkten auf mich weniger wie schlüssige Eskalationen des Szenarios, sondern eher wie der Versuch, den Horror-Faktor künstlich nach oben zu drehen. Spocks abgetrennte Ohrenspitzen besitzen immerhin noch eine symbolische Funktion. Unas Bauchschnitt und Pikes abgetrennten Finger dagegen dienen vor allem dazu, die Bilder drastischer zu machen. Wirklich gekonnt wirkte das auf mich nicht. Zu viel rohe Gewalt passt für mich ohnehin nur bedingt zu “Star Trek” – erst recht dann, wenn sie im Nachgang nicht moralisch eingeordnet wird und letztlich nur als kurzer Schockeffekt stehen bleibt.
Schlussbetrachtung
“The Griffin Incident” versucht einmal mehr, vertraute Bausteine klassischer “Star Trek”-Episoden zu einer neuen Geschichte zusammenzufügen: ein verschwundenes Schiff, ein Hauch von Spuk und gleich drei Figuren, die in einer Extremsituation mit sich selbst konfrontiert werden. Auf dem Papier ist das ein durchaus reizvoller Ansatz.
In der Umsetzung lässt die Folge allerdings abermals etliche Federn. Die Grundidee – Charakterreflexion im Kontext einer Gefahrensituation – besitzt grundsätzlich viel Potenzial. Doch dem Drehbuch fehlt eine überzeugende Erzählstruktur, die Kirks, La’ans und Spocks Handlungsbögen wirklich elegant miteinander verzahnt. Auch überraschende Wendungen, die die Erwartungen des Publikums spürbar herausfordern, bleiben weitgehend aus. Zudem passt die konkrete Extremsituation nicht zu allen drei Figuren gleichermaßen gut. Besonders schwer wiegt, dass “The Griffin Incident” an einer bedeutenden Stelle erneut gegen den alten Grundsatz “Show, don’t tell” verstößt. Dadurch verliert das Erzählte an emotionaler Tiefe, an Perspektivenvielfalt und letztlich auch an Überzeugungskraft.
Am Ende bleibt eine Episode, die ihre Figuren zwar ein kleines Stück weiterentwickelt, aus ihrer starken Ausgangsidee aber deutlich zu wenig herausholt. “The Griffin Incident” ist vielleicht kein Totalausfall, scheitert jedoch an einer Reihe erzählerischer Schwächen: Die Geschichte verliert sich in bekannten Horror-Klischees und die Figurenkonstellationen wirken teilweise konstruiert. Was als spannende Auseinandersetzung mit Angst, Trauma und einem unbekannten Phänomen hätte funktionieren können, bleibt dadurch oft an der Oberfläche. Die Episode bemüht sich um Atmosphäre und einzelne interessante Momente, ist handwerklich jedoch zu unausgereift und dramaturgisch zu wenig durchdacht, um wirklich nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben.









