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    “Picard” & “Strange New Worlds”: Retcon des 21. Jahrhunderts?

    In "Star Trek" ist das 21. Jahrhundert von vielen gesellschaftlichen Krisen und globalen Konflikten geprägt. Die jüngsten "Star Trek"-Serien "Picard" und "Strange New Worlds" haben die Geschichte des laufenden Jahrzehnts kürzlich aktualisiert. Und das schauen wir uns in diesem Artikel mal etwas genauer an. Aber Vorsicht: Spoiler zu "Picard" Season 2 und "Strange New Worlds" Season 1!

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    Die Eugenischen Kriege wurden ursprünglich für die TOS-Episode “Space Seed” (TOS 1×22) erdacht, um dem ‘Supermenschen” (Augment) Khan Noonien-Singh eine Background-Story zu geben. Spock beschreibt Khan in dieser Folge als einen absolutistischen Herrscher, der von 1992 bis 1996 ein Viertel der Welt, von Asien bis in den Mittleren Osten, regierte. In der deutschen Synchronversion wurde diese Herrschaft allerdings um ein Jahrhundert in die Zukunft verlegt (2092-2096).

    Beide Datumsangaben sind problematisch. Die Verortung in den 90ern deshalb, weil weder in “Past Tense” (DS9 3×11/12) noch in “Future’s End” (VOY 3×08/09) in irgendeiner Weise davon die Rede ist. Letztere Folge spielt sogar im Jahr 1996. In der zweiten Staffel von “Picard” werden die Eugenischen Kriege auch nicht explizit erwähnt, wobei sich dies eigentlich in der Szene, in der Dr. Soong seine Zulassung verliert, durchaus angeboten hätte. Allerdings holt Soong später eine alte Akte aus seiner Schublade, die einer Geheimhaltungsstufe unterliegt und “Poject Khan” heißt. Diese ist auf das Jahr 1996 datiert.

    Interessant ist, dass Khan in “Space Seed” keine eigenen Angaben darüber macht, aus welcher Zeit er wirklich stammt. Anfänglich sagt er, er habe das Personal der Krankenstation darüber sprechen hören, dass er “zwei Jahrhunderte” geschlafen habe. In “Star Trek II: Der Zorn des Khan” (1982) bestätigt er allerdings gegenüber Captain Terrell seine auf das Jahr 1996 datierte Flucht von der Erde.

    “Wir haben endlos diskutiert. Wir kamen zu dem Schluss, dass es im Dritten Weltkrieg mehrere EMP-Ausbrüche gab, die alle Jahrzehnte zurückgeworfen haben. Die Aufzeichnungen dieser 75 Jahre, ab den 90-er Jahren, waren lückenhaft. Vielleicht lag Spock falsch? Kein einfacher Weg, wenn Sie möchten, dass die Vergangenheit so aussieht und sich so anfühlt wie das Heute.”

    Terry Matalas via Twitter (26. März 2022)

    Und an dieser Stelle wird es nun spannend. Denn in der Pilotepisode von “Strange New Worlds” (SNW 1×01 “Strange New Worlds”) führt Captain Pike die Eugenischen Kriege als zweite von insgesamt drei Eskalationsstufen an, die schließlich im Dritten Weltkrieg mündeten. Demnach müssten sich die Eugenischen Kriege in den späten 2020ern oder in den zwei Jahrzehnten danach ereignet haben und nicht, wie lange angenommen, in den 1990er-Jahren.

    Andererseits könnten die Eugenischen Kriege (man beachte: Plural!) auch selbst aus mehreren Eskalationsstufen (oder Einzelkriegen), die zeitlich unterbrochen sind, bestanden haben. Geschichtsschreibung ist auch immer eine Frage der Perspektive und der Interpretation.

    Die ‘Urkatastrophe’

    Bis zur Ausstrahlung der ersten Folge von “Strange New Worlds” in der vergangenen Woche galten die Eugenischen Kriege in der Trek-Historie noch als die ‘Urkatastrophe’ des frühen 21. Jahrhunderts, aus denen sich mittel- oder auch langfristig der Dritte Weltkrieg (2026-2053) entwickelte. Die besagte Episode hat nun einen weiteren kriegerischen Konflikt eingeführt, der einem “Eugenischen Krieg” (Pike spricht hier im Singular “Eugenics War”) vorausging. Zudem wird angedeutet, von welchem Ort aus der Dritte Weltkrieg seinen Lauf nahm. Demnach liegen die Wurzeln des fiktiven Dritten Weltkrieges in den Vereinigten Staaten von Amerika.

    In “Star Trek” gab es in den USA der frühen 2020er-Jahren eine neue Massenarbeitslosigkeit, ähnlich der “Great Depression” im frühen 20. Jahrhundert. Die sozialen Probleme wuchsen den Regierenden über den Kopf und sie fanden keine adäquaten Lösungen für diese. Nach den Bell Riots vom September 2024 schienen diese Probleme allerdings gelöst worden zu sein. Das lässt zumindest eine Aussage von Commander Sisko vermuten (DS9 3×11/12 “Past Tense”).

    Das nun eingeführte Narrativ vom Second Civil War (Zweiter Amerikanischer Bürgerkrieg) widerspricht allerdings dem, was “Deep Space Nine” damals erzählt hat. Statt zu einer langsamen Entspannung in der sozialen Frage kam es vielmehr zu einer noch tieferen Spaltung der US-Bevölkerung. Und diese eskalierte sogar zu einem neuen Bürgerkrieg. “Star Trek” spielt an dieser Stelle sehr eindeutig auf die tatsächlichen Geschehnisse des US Capitol Riot vom 6. Januar 2021 an.

    Soziale Unruhen in den USA in den frühen 2020er-Jahren (Bild: SNW 1×01 “Strange New Worlds” © Paramount)

    Zivile Unruhen gab es aber scheinbar auch in Europa, allen voran in Frankreich, wo es weder konservativen noch progressiven politischen Kräften gelang, die sozialen Probleme in den Griff zu bekommen. Scheinbar stand auch die Europäische Union zu dieser Zeit kurz vor ihrem Zerfall (DS9 3×11/12 “Past Tense”).

    In Irland kehrte derweil der Terrorismus zurück. Im Jahr 2024 stand – darauf deutet zumindest eine Aussage von Lt. Commander Data in TNG 3×12 “The High Ground” hin – die gewaltsam erzwungene Wiedervereinigung von Nordirland und der Republik Irland in einem gemeinsamen Staat. Über die Details dieser erzwungenen Wiedervereinigung, inklusive einer genauen Zahl von Todesopfern, schweigt sich die besagte Episode allerdings aus.

    Der amerikanische Bürgerkrieg habe sich – in welcher Form auch immer – später über den gesamten Globus ausgeweitet und wurde aufgrund diverser Ereignisse, über die “Strange New Worlds” keine konkreten Aussagen macht, zu einem (weiteren?) Eugenischen Krieg.

    Dritter Weltkrieg

    Laut fiktiver “Star Trek”- Historiografie begann im Jahr 2026 ein globaler Konflikt, der später als Dritter Weltkrieg in die Geschichtsbücher einging. Hierbei soll ein gewisser Colonel Phillip Green eine zentrale Rolle gespielt haben (TOS 3×22 “The Savage Curtain” ; ENT 4×20 “Demons”). Dieser führte eine gewalttätige Gruppe “radikaler Öko-Terroristen” (engl. “eco-terrorist”) – was immer man in diesem Kontext darunter zu verstehen hat – an, deren Aktionen am Ende 37 Millionen Todesopfer forderten. Green wird in der Trek-Geschichtsschreibung als “Militärführer” beschrieben, wobei nicht klar wird, ob es sich hierbei um den Vertreter einer staatlichen oder nicht-staatlichen Fraktion handelt. Der Terminus “Öko-Terrorist” lässt eher auf eine nicht-staatliche Organisation schließen, wobei Terror natürlich auch von Staaten ausgehen kann. Unterschiedliche Ansichten über das “Genetic Engineering” könnten einer der Hauptgründe für dessen Agieren gewesen sein.

    Colonel Phillip Green (Phillip Pine) in TOS 3×22 “The Savage Curtain” (Bild: © Paramount)

    Jedenfalls schien die Green-Fraktion einen Flächenbrand ausgelöst zu haben, der in den kommenden knapp drei Jahrzehnten den Globus mit Gewalt, Zerstörung und Tod überzog. Die 1945 gegründeten “Vereinten Nationen” dürfte es zu dieser Zeit schon nicht mehr gegeben haben. Oder die UNO war zu diesem Zeitpunkt de facto machtlos.

    Als Konfliktparteien standen sich scheinbar die Vereinigten Staaten von Amerika (oder eine von diesen gebildete internationale Allianz) und eine sogenannte “Östliche Koalition” (“Eastern Coalition” – ECON) gegenüber. Der Krieg wurde auch mit Atomwaffen geführt (“Star Trek: First Contact” ; DIS 2×02 “New Eden”; SNW 1×01 “Strange New Worlds”).

    Alle Versuche, den Konflikt mithilfe einer neuen internationalen, multilateralen Schlichtungs- und Ordnungsinstitution – wie den 2036 gegründeten “Neuen Vereinten Nationen” – friedlich beizulegen, scheiterten, bis der Konflikt schließlich im Jahr 2053 mit der “Waffenruhe von San Francisco” ein Ende fand: Insgesamt über 600.000 Tier- und Pflanzenarten waren nach Ende der Kriegshandlungen ausgestorben. Die meisten Hauptstädte der Erde waren zerstört worden und etliche Regierungen existierten nicht mehr (SNW 1×01 “Strange New Worlds”).

    Die Atmosphäre wurde durch radioaktive Isotope verseucht, wobei es scheinbar mithilfe eines im Zuge der ‘Europa Mission’ (2024) vom Jupitermond Io mitgebrachten Mikroorganismus gelang, die Ozeane und die Atmosphäre der Erde bis ca. Ende des 21. Jahrhunderts zu reinigen (PIC 2×10 “Farewell”).

    Zudem berichtet Pike den Bewohnern von Kiley 279, dass zwischen 2026 und 2053 gut 30 Prozent der menschlichen Erdbevölkerung den Tod fand (SNW 1×01 “Strange New Worlds”). Nach derzeitigen Schätzungen für das Jahr 2050 wären das zirka 3 Milliarden Menschen. In “Star Trek: First Contact” sprach Riker noch von 600 Millionen Todesopfern.

    Zusammenfassung

    “Picard” und “Strange New Worlds” haben das 21. Jahrhundert um einige neue Aspekte präzisiert, die bisher noch nicht bekannt waren.

    Wir können ab jetzt davon ausgehen, dass die Eugenischen Kriege kein singuläres Ereignis in den 1990er-Jahren gewesen sind, so wie es Spock in “Space Seed” noch angedeutet hatte. Vielmehr scheint nun eine Zweiteilung dieser Kriege in eine erste (1992-1996) und eine zweite Phase (ab späten 2020er-Jahre) das wahrscheinlichere Szenario zu sein. Ich würde an dieser Stelle aber trotzdem nicht von einem Retcon sprechen, sondern bestenfalls von einem partiellen.

    Während die Ursachen des fiktiven Dritten Weltkrieges (2026-2053) bisher nur vage angedeutet wurden, hat “Strange New Worlds” nun kanonisiert, dass sich dieser weltumspannende und kataklystische Krieg aus zahlreichen regionalen Konflikten entwickelt hat, deren bedeutsamster Katalysator allerdings ein zweiter US-amerikanischer Bürgerkrieg war. Dieses Retcon steht wiederum in einem (zumindest kleinen) Widerspruch zu Siskos Aussagen in “Past Tense”, der hier nämlich den Eindruck erweckt, dass sich die innenpolitische Situation in den USA ab September 2024 verbessert habe.

    Pikes Statement in “Strange New Worlds” (2022) korrigiert zudem die Gesamtopferzahl des Dritten Weltkrieges im Vergleich zu Rikers Angaben in “Star Trek: First Contact” (1996) deutlich nach oben, wodurch der Dritte Weltkrieg ein noch bedrohlicheres Zukunftsszenario darstellt als er es ohnehin schon war.

    Matthias Suzan
    Matthias Suzan
    Seine Leidenschaft für "Star Trek" begann 1994 mit "The Next Generation". Es sind vor allem die anthropologischen, gesellschaftlichen und politischen Themen des Trek-Universums, die ihn faszinieren. Seit 2017 ist Matthias Teil der TZN-Redaktion.

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