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    Rezension: The Orville 3×05 – “Die Geschichte von zwei Topas” / “A Tale of Two Topas”

    Folge 5 der aktuellen Staffel greift den Handlungsstrang um Topa wieder auf. Warum diese Episode ein Meisterstück ist, lest ihr in unserer Episodenkritik. Spoiler-Alarm!

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    Folge 5 der aktuellen Staffel greift den Handlungsstrang um Topa wieder auf. Warum diese Episode ein Meisterstück ist, lest ihr in unserer Episodenkritik. Spoiler-Alarm! SPOILER-ALARM!

    Handlung

    Während sich die Orville auf einer Ausgrabungsmission befindet, lässt sich Topa (Blesson Yates), Bortus‘ und Klydens Sohn, von Commander Grayson (Adrianne Palicki) in die Funktionsweisen von Schiff und Crew einführen. Beide führen in dieser Zeit auch viele private Gespräche. Topa ist tieftraurig und hat das Gefühl, nicht er selbst zu sein.

    Kelly weiß natürlich, dass dies mit Topas erzwungener Geschlechtsumwandlung als Baby zu tun haben dürfte. Als Isaac (Marc Jackson) ihr wenig später berichtet, dass sich Topa bei ihm über seinen Suizidversuch erkundigt hat, schrillen bei Grayson alle Alarmglocken. In größter Sorge vertraut sie sich daraufhin Bortus (Peter Macon) und Klyden (Chad L. Coleman) an, doch Letzterer blockt nur erbost ab und verbittet sich jedwede Einmischung in seine Familienangelegenheiten.  

    Bild: The Orville 3×05 © 20th Television / Disney, 2022

    Dank Kellys Tipp erhält Topa wenig später Zugang zu einer geheimen Datei, die seine Geschlechtsumwandlung dokumentiert. Daraufhin entbrennt ein heftiger Streit zwischen Bortus und Klyden, wie es nun weitergehen soll. Bortus möchte Topas Wunsch, wieder weiblich zu werden, unterstützen. Klyden ist jedoch strikt dagegen.

    Als auch das Oberkommando der Planetaren Union einen diplomatischen Zwischenfall mit der Regierung von Moclus befürchtet und Dr. Finn deshalb offiziell untersagt, die Umwandungsprozedur durchzuführen, scheint es für Topa kein Happy End zu geben. Doch so schnell gibt die Orville-Crew nicht auf. Isaac, der nicht offiziell zur Flotte gehört, führt die Prozedur an Topa durch.

    Doch Topas neues Glück wird von der endgültigen Trennung ihrer Eltern überschattet. Ein in seiner Ehre gekränkter Klyden verlässt die Orville und somit auch seine Familie. Und für Captain Mercer (Seth MacFarlane) und Commander Grayson gibt es eine Standpauke der Admiralität…  

    Drehbuch

    “A Tale of Two Topas” stammt aus der Feder von Seth MacFarlane höchstpersönlich und stellt somit nach “Electric Sheep” dessen zweiten Story-Credit in der aktuellen Staffel dar. MacFarlane ist scheinbar für die ruhigen Charakter-Geschichten zuständig, diese Art des Storytellings gehört aber auch zu seinen Stärken.

    Um es kurz zu machen: Das Drehbuch zu dieser Topa-Story ist einfach richtig gut geschrieben, nennenswerte Schwach- oder Kritikpunkte sind eigentlich keine auszumachen. Sicherlich könnte man die enorm lange Laufzeit von 75 Minuten beklagen, aber ich habe die Episode zu keiner Zeit als in die Länge gezogen empfunden. Gut, die Auflösung ist vielleicht abermals ein klein wenig zu ad hoc und erwartbar (Isaac), aber das tut der Folge in der Gesamtbetrachtung nicht den geringsten Abbruch. Vielmehr überwiegt die Freude darüber, dass man sich hier ganz bewusst die Zeit nimmt, um die verschiedenen Gefühlslagen und Überlegungen der handelnden Figuren ausführlich zu erforschen – Topa, Kelly, Bortus und Klyden, um nur die vier wichtigsten Charaktere zu nennen. Und genau an dieser Stelle profitiert die Serie enorm davon, dass sie vom Start weg eine völlig andere Kultur des Storytellings gepflegt hat als “Discovery” und “Picard”: Show, don’t tell!

    Bild: The Orville 3×05 © 20th Television / Disney, 2022

    Obwohl es sich bei “A Tale of Two Topas” um eine sehr emotionale Episode handelt, wirkt hier nichts aufgesetzt oder gar überdramatisiert. Im Gegenteil: Wir können als Zuschauer mit Topa zu einhundert Prozent mitfühlen, weil wir alles miterlebt haben, was damals geschah (ORV 1×03 “About a Girl”). Wir waren von Anfang an Zeuge von Klydens und Bortus‘ traditioneller Moclaner-Prägung, wobei Letzterer schon damals anfing, einige kulturelle Eigenarten seines Volkes kritisch zu hinterfragen.  

    Die erzählte Geschichte ist absolut authentisch, niemand kommt einfach mal so mit irgendwelchen privaten Traumata um die Ecke, was dann “Heulen auf Knopfdruck” bewirken soll. MacFarlane zeigt “NuTrek” mit dieser Episode ganz deutlich auf, wie eine moderne, bewegende und glaubwürdige Science-Fiction-Dramaserie des Jahres 2022 auszusehen hat. Diese Episode hat Vorbildcharakter und zwar auf allen Ebenen: Story, Dialoge, Dramaturgie, Symbolik (Parallelismen!), soziale Kommentierung und Schauspiel-Performance. Hier wurde der Beweis erbracht, dass man mit einer guten Geschichte und liebevoll geschriebenen Dialogen hervorragend unterhalten kann – und dass man dafür keine künstlichen Heultriaden oder bombastischen Effekte braucht.

    Thematisch schließt die Episode an “About a Girl” (3×01) an und erinnert in gewisser Weise auch an “The Outcast” aus “Star Trek: The Next Generation” (TNG 5×17). Wobei man hier ganz klar sagen muss, dass “A Tale of Two Topas” hinsichtlich dieser Thematik einen neuen Maßstab setzt.

    Charaktere

    “A Tale of Two Topas” ist eine Charakter-Episode par excellence, besser geht es eigentlich nicht. Seth MacFarlane kennt nicht nur seine Figuren bis ins kleinste Detail, er hat auch ein bemerkenswertes Gespür dafür, welche Figuren-Konstellationen in welchen Situationen die Handlung am besten tragen können.

    Neben dem überragenden (!!!) Blesson Yates (Topa) stechen vor allem Adrianne Palicki, Peter Macon, Chad L. Coleman und Penny Johnson Jerald heraus, die von Seth MacFarlane aber auch wunderbare Dialogzeilen mit viel Herz und Tiefe geschrieben bekommen haben.

    Insbesondere Commander Graysons Dilemma zwischen dem Bemühen um kulturelle Toleranz auf der einen und ihrem persönlichen Verantwortungsgefühl gegenüber Topa auf der anderen Seite ist enorm glaubwürdig geschrieben und wird von Palicki hier auch absolut überzeugend rübergebracht. Grayson ist ohnehin ein wunderbarer Charakter, der hier noch einmal weitere Tiefe verpasst bekommt. Gleiches gilt auch für Bortus, dessen Gefühlsausbruch gegenüber Grayson ebenso überraschend wie bewegend ist. Überhaupt hat Bortus im bisherigen Verlauf der Serie eine richtig tolle Charakterentwicklung genommen.

    Chad L. Coleman Performance als Klyden ist aber ebenso lobenswert. Denn es gelingt ihm, auch dank des starken Drehbuchs, dass Klyden hier als äußerst ambivalente Person erscheint. Auf der einen Seite wirken sein unreflektierter Traditionalismus, seine primitive Aggressivität und seine zur Schau gestellte Kompromisslosigkeit enorm unsympathisch. Auf der anderen Seite ist er durch sein eigenes Schicksal derart traumatisiert, dass man einfach Mitleid mit ihm haben muss, weil er eine durch und durch gebrochene Person ist, die gefangen ist in der eigenen Ignoranz. Er ist innerlich zerrissen und man fragt sich, warum er das Kind, dass er ja scheinbar sehr liebt, nicht einfach so akzeptieren kann, wie es ist – oder sein möchte.

    Sozialkommentar

    Topa ist selbstredend die Science-Fiction-Version einer Transgender-Person, die momentan im falschen Körper lebt und deswegen totunglücklich ist. Natürlich liegt hier der Fall etwas anders, denn Topa wurde ja eigentlich im “richtigen” Körper geboren und aufgrund der Moclaner-Kultur aber schon als Baby ungefragt einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Das ändert allerdings nichts an der Grundproblematik, die hier angesprochen werden soll: Die seelischen Leiden einer Person, die mit einem als falsch empfundenen Geschlecht leben muss, nur weil es “die Gesellschaft” so erwartet.

    “The Orville” zeigt auch in dieser Episode mal wieder enormes Fingerspitzengefühl und wendet sich dieser Thematik mit ganz viel Empathie, aber auch mit der nötigen Sachlichkeit zu. Hier geht es nicht um irgendwelche platten identitätspolitischen Statements, sondern vielmehr um ein konkretes Einzelschicksal, das enorm bewegt und dadurch den geistigen Horizont des Publikums öffnet. Die Geschichte von zwei Topas regt zum Nachdenken an, ganz ohne Bohei.

    Vor allem aber wird deutlich, welche verschiedenen Perspektiven und Sichtweisen es in dieser konkreten Situation gibt: Kann ein Kind schon entscheiden, welches Geschlecht es haben möchte? Inwiefern sollten die Eltern bei einer Geschlechtsumwandlung ihres Kindes mitreden dürfen? Dürfen sich Außenstehende oder auch “die Gesellschaft” in das Familienleben und die darin praktizierten Werte und Normen einmischen und diese kritisieren? Inwiefern kann ein gesellschaftlich verordneter Konformismus ganze Familien zerstören?

    Bild: The Orville 3×05 © 20th Television / Disney, 2022

    Spannend ist vor allem das letzte Drittel, in dem die Frage aufgeworfen wird, inwiefern sich Topas als Individuum dem Wohle der Mehrheit unterzuordnen hat. Denn sollte Moclus die Union aus Protest verlassen, so wäre dies eine ernsthafte Bedrohung für die Verteidigungsfähigkeit der Planetaren Union. Ähnlich wie die Föderation in “Star Trek” neigt auch die Planetenunion zu einem fragwürdigen utilitaristischen Kollektivismus, der Minderheits- oder Einzelinteressen im Zweifelsfall einem vermeintlichen Allgemeinwohl unterordnet. In gewisser Weise ist die Unionsgesellschaft hier auch nicht wirklich viel besser als die empathielose Moclaner-Gesellschaft.

    Diesen Aspekt hätte man gerne noch etwas ausführlicher diskutieren dürfen, das wurde mir dann stellenweise doch etwas zu unkritisch abgenickt, von Dr. Finn mal abgesehen. Aber das ist an dieser Stelle wirklich Meckern auf ganz hohem Niveau. Seth MacFarlane packt hier nämlich mutig zahlreiche heiße Eisen an, ohne sich jedoch dabei die Finger zu verbrennen. Die Episode ist zu keiner Zeit suggestiv, sondern gibt jedem Zuschauer selbst die Möglichkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden. So muss Science-Fiction auch sein!      

    Inszenierung

    Autor und Regisseur Seth MacFarlane ist es abermals gelungen, eine enorm unterhaltsame Episode zu inszenieren, die Drama und Humor geschickt zu verbinden weiß. Trotz des ernsten Themas nimmt sich “A Tale of Two Topas” an der ein oder anderen Stelle die Freiheit für typische “Orville”-Jokes heraus. Das lockert die Episode nicht nur auf, sondern betont abermals die individuelle Note dieser Serie. Und die ist, wie ich schon häufiger gesagt habe, für mich einfach unverzichtbar, wenn “The Orville“ sich gegen die Konkurrenz behaupten möchte.

    MacFarlane ist aber nicht nur ein hervorragender Autor, sondern auch ein hochtalentierter Regisseur. Eine solch bewegende Geschichte zu schreiben, ist eine Sache. Aber auch die Art und Weise, wie er diese Story visuell und musikalisch umgesetzt hat, nötigt mir den größten Respekt ab.  

    Effekttechnisch kann “A Tale of Two Topas” ebenso überzeugen, vor allem das Innere des Tempels ist beeindruckend.

    Schlussbetrachtung

    Und hier sind wir wieder bei der Frage, ob “The Orville” aktuell das bessere “Star Trek” ist. Wenn man sich “A Tale of Two Topas” anschaut und dies mit den jüngsten Episoden aus “Picard”, “Discovery” und wohl auch “Strange New Worlds” vergleicht, dann muss man einfach sagen: Ja, “The Orville” hat auf ganz vielen Ebenen einfach die Nase vorn – und das nicht zu knapp. Zumindest was die Charakter-Episoden betrifft.

    Denn diese Serie hat den aufrichtigen Anspruch, ihre Charaktere mit Bedacht aufzubauen und zu erforschen. Und sie nimmt sich dafür auch die nötige Zeit, selbst wenn es am Ende 75 Minuten sind. Auch die Auseinandersetzung mit den Themen unserer Zeit erfolgt hier zumeist authentischer, durchdachter, aufrichtiger und auch deutlich diskursiver als in “Star Trek”.  

    Mit “A Tale of Two Topas” hat Seth MacFarlane jedenfalls eine der stärksten Science-Fiction-Episoden des Jahres abgeliefert, die mich auf allen Ebenen voll überzeugt und emotional richtig abgeholt hat. Hier stimmt so vieles, dass es am Ende nur eine Topwertung sein kann. Wer heute gesellschaftskritische Science-Fiction sehen möchte, der kommt an “The Orville” nicht vorbei.

    Episodeninfos

    SerieThe Orville: New Horizons
    Episoden-Nr.31 (Staffel 3, Folge 5)
    OriginaltitelA Tale of Two Topas
    Deutscher TitelDie Geschichte von zwei Topas
    DrehbuchSeth MacFarlane
    RegieSeth MacFarlane
    US-Erstausstrahlung30. Juni 2022
    DE-Erstausstrahlung01. Juli 2022
    Laufzeit75 Minuten

    Bewertungsübersicht

    Handlung
    Dialoge
    Charakterentwicklung
    Spannung
    Humor
    Anspruch
    Action & Effekte
    Gesamt

    Fazit

    "A Tale of Two Topas" ist das bisherige Staffel-Highlight und darüber hinaus eine der besten Episoden der gesamten Serie. Diese Episode darf man nicht verpassen!
    Matthias Suzan
    Matthias Suzan
    Seine Leidenschaft für "Star Trek" begann 1994 mit "The Next Generation". Es sind vor allem die anthropologischen, gesellschaftlichen und politischen Themen des Trek-Universums, die ihn faszinieren. Seit 2017 ist Matthias Teil der TZN-Redaktion.

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    Nette Geschichte aber am Thema vorbei. Vorhersehbar, tatsächlich gut gespielt, eher eine der schwächeren Folgen. Pseudo-Trans-Gender…Ist doch klar, dass wenn ich “zwangsumfunktioniert” werde, ich mich nicht wohl fühle. Hat eher Soap-Schmalz-Charakter für mich.
    Ich habe gerade begonnen, die ganze Staffel anzusehen. Die Folgen Mortality Paradox und vor allem Gently Falling Rain waren wesentlich besser und „zielgerichteter“ im SF Kontext a la TNG wie diese Folge.
    Aber ja, diese Staffel Orville überzeugt mich bisher sehr. Vom eher trashigen, Klamauk Verschnitt zu einer Klasse Konkurrenz zu Star Trek, gute Steigerung!

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