Zum Ende des Studienjahres wird gefeiert: Die Föderation plant die Einweihung ihres neuen Regierungssitzes auf Betazed. Caleb Mir erhält endlich Nachrichten seiner Mutter. Gleichzeitig wird der Sternenflotte bewusst, was Nus Braka von der Sternenbasis J19-Alpha gestohlen hat.
Was meinen wir mit “spoilerfrei”?
Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen dazu, was “spoilerfrei” bedeutet. Damit ihr selbst entscheiden könnt, ob ihr die Rezension vorab lesen möchtet, machen wir hier transparent, was wir darunter verstehen:
- Wir verraten keine wichtigen und unerwarteten Wendungen der Handlung bzw. Informationen über die fiktiven Welt und ihre Figuren.
- Was im Vorfeld durch Vorschauclips und Trailer gezeigt wird, ist kein Spoiler.
- Was im Cold Open (vor dem Vorspann) bzw. im ersten Akt (bei Episoden ohne Cold Open) passiert, ist kein Spoiler.
- Handwerklichen Aspekte (Schauspiel, Drehbuch, Bühnenbild, Soundtrack, Spezialeffekte) sind keine Spoiler, sofern sie nichts Wichtiges über die Handlung verraten.
300th Night
In der vorletzten Episode der Staffel werden die offenen Handlungsstränge der vorherigen Folgen zusammengeführt. Mit Kirsten Beyer als Autorin und Jonathan Frakes in der Regie ist „300th Night“ eine befriedigende, wenn auch nicht sonderlich überraschende Zusammenführung der bisherigen Ereignisse.
Zwischendurch wirkte „Starfleet Academy“ so, als habe die Serie kein echtes Interesse daran, die im Pilotfilm angelegte Handlung zu einem Abschluss zu bringen. Zwischen zahlreichen Einzelepisoden, die vor allem als Origin-Stories der Studierenden dienten, blieb wenig Raum für die Weiterentwicklung des übergreifenden Handlungsbogens. Damit folgt die Serie der unrühmlichen Tradition der „Star Trek“-Streamingproduktionen, die die Geduld des Publikums mit einer Mystery-Box-Struktur auf die Probe stellen. Zwei Aspekte haben dem jüngsten Ableger des Franchises jedoch zur Rettung verholfen: Zum einen hat die Serie es vermieden, dem Publikum ständig ihre offenen Fragen vor Augen zu führen. Zum anderen waren die Geschichten zwischen den „Mythos-Folgen“ weitgehend interessant und unterhaltsam.

Ähnlich wie „The Life of Stars“ greift „300th Night“ etablierte „Star Trek“-Tropen auf, etwa als Mir sich auf die Suche nach seiner Mutter begibt, ein Shuttle stiehlt und Captain Ake mit einer Minimalbesatzung in der Athena hinterherfliegt. Doch Beyer vermeidet es, abgegriffene Dialoge oder Motive zu wiederholen. Das Publikum weiß, wie die Geschichte verlaufen wird – und die Figuren wissen es ebenfalls. Damit erspart sich Beyers Drehbuch das übliche Drama um Befehle, die ohnehin missachtet werden, sowie Diskussionen über mögliche Kriegsgerichte.
Stattdessen unterzieht die Episode ein weiteres Kernmotiv des „Star Trek“-Universums einem Stresstest: die gewählte Familie. Caleb Mir ist besessen davon, wieder mit seiner Mutter vereint zu sein. Sein gesamter Charakter wird von dieser Suche bestimmt, der er nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch alle anderen Beziehungen untergeordnet hat. Folgerichtig schert er aus, als Kraag seinen engsten Freund:innen am Ende des Studienjahres den rituellen Anschluss an sein Haus anbietet.
Die gewählte Familie
Mir ist offensichtlich nicht restlos von seiner Haltung überzeugt. Doch das Trauma seiner Kindheit lässt ihn nicht los, und er zwingt sich, der selbst auferlegten Verpflichtung nachzukommen, seine Mutter und sich selbst an erste Stelle zu setzen – ungeachtet der Tatsache, dass er sich mittlerweile auch unter seinen Kommiliton:innen zugehörig fühlt.
Es bleibt zu hoffen, dass das Staffelfinale diesen Konflikt zwischen biologischer und gewählter Familie intelligent auflösen wird. „300th Night“ setzt hier punktuell kluge Akzente, an anderer Stelle wirkt die Inszenierung jedoch sehr vorhersehbar.
Etwas gequält und konstruiert erscheint zudem das Endspiel, das Nus Braka im Kampf gegen die Föderation verfolgt. Die letzten Minuten der Episode lösen bei mir Kopfschütteln in der Größenordnung von „That Hope Is You, Part 2“ aus. Hier hat sich eine Metapher so weit verselbstständigt, dass ihre Übersetzung in Technobabble und visuelle Effekte unfreiwillig komisch wirkt – und „rote Materie“ wie einen Pulitzerpreis-würdigen Geniestreich erscheinen lässt.

Wie „der Brand“ aus „Discovery“ (Staffel 3) ist der Plan der Venari Ral konzeptionell ein attraktiver Konflikt, der die Essenz von „Star Trek“ trifft. Doch die Metapher ist so dünn ausgearbeitet, dass die Protagonist:innen sie sofort durchschauen. Das macht sie erzählerisch uninteressant. Da die Bedrohung zudem sofort auf die Spitze getrieben wird, sprengt sie den Rahmen dessen, was das Publikum der fiktiven Welt noch als „suspension of disbelief“ zugestehen mag.
Mit solchem Wahnwitz (nicht zum ersten Mal seit 2009) beschädigt „Star Trek“ sein Standing als Science-Fiction und driftet in Richtung Fantasy ab. Niemand, der auch nur ein Funken Interesse an Astrophysik hat, kann „300th Night“ und dessen Cliffhanger ernst nehmen. Das ist schade, denn der Kern der Geschichte ist solides „Star Trek“, und die Darsteller:innen sowie die Dialoge schaffen streckenweise ein mitreißendes Momentum.
Mit Rücksicht auf die Leser:innen, die die Episoden noch nicht gesehen haben, bitten wir in den Kommentaren zu diesem Beitrag auf Spoiler zu verzichten. Danke!
