Noonien-Singh, Spock und Kirk stoßen während eines Shuttelflugs unerwartet auf die U.S.S. Griffin, ein seit Jahren verschollenes Sternenflottenraumschiff. Obwohl die Scanner keine Lebenszeichen erfassen, begegnet das Trio kurz darauf einer Offizierin der Griffin, die an einer Korridorgabelung auf unerklärliche Weise verschwindet. Die Gruppe hat nur wenig Zeit, das Rätsel zu lösen: Das Wrack verfügt lediglich über Reserven, um die Schiffssysteme – einschließlich der Lebenserhaltung – für eine weitere Stunde zu betreiben.
Was meinen wir mit “spoilerfrei”?
Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen dazu, was “spoilerfrei” bedeutet. Damit ihr selbst entscheiden könnt, ob ihr die Rezension vorab lesen möchtet, machen wir hier transparent, was wir darunter verstehen:
- Wir verraten keine wichtigen und unerwarteten Wendungen der Handlung bzw. Informationen über die fiktiven Welt und ihre Figuren.
- Was im Vorfeld durch Vorschauclips und Trailer gezeigt wird, ist kein Spoiler.
- Was im Cold Open (vor dem Vorspann) bzw. im ersten Akt (bei Episoden ohne Cold Open) passiert, ist kein Spoiler.
- Handwerklichen Aspekte (Schauspiel, Drehbuch, Bühnenbild, Soundtrack, Spezialeffekte) sind keine Spoiler, sofern sie nichts Wichtiges über die Handlung verraten.
The Griffin Incident
Das Drehbuch zu dieser Episode stammt von Robbie Thompson, während Regisseurin Axelle Carolyn für die Inszenierung verantwortlich zeichnet. Die äußere Handlung besteht aus einer Reihe eskalierender, zunehmend blutiger Grausamkeiten, die den drei Sternenflottenangehörigen widerfahren. Dabei zielen die Qualen gezielt auf deren persönliche Unsicherheiten und Schwächen ab: Noonien-Singh hadert mit der Frage, ob ihr genetisches Erbe sie für Größenwahn und Gewalt prädisponiert. Spock ringt mit dem Zwiespalt seiner dualen Herkunft. Und Kirk wird mit seinen Unzulänglichkeiten als Vater konfrontiert.

Horror-Episoden haben in Star Trek eine lange Tradition, die bis in die Originalserie zurückreicht, beginnend mit “The Man Trap”, in der ein vampirartiger Formwandler die Sehnsüchte und Schwächen seiner Opfer ausnutzt, um ihnen lebenswichtige Nährstoffe zu entziehen. Die Struktur von „The Griffin Incident“ ähnelt jedoch eher der TNG-Folge „Frame of Mind“, in der psychologischer und physischer Horror allmählich eskaliert und dessen Trugbilder im Widerstreit und Wettlauf mit den rationalen Aufklärungsversuchen der Protagonist:innen stehen.
Was „The Griffin Incident“ von den meisten anderen Gruselgeschichten im “Star Trek”-Kosmos abhebt, ist zum einen die Brutalität einiger Szenen, in denen Körperteile abgetrennt werden, literweise Blut fließt und Gedärme durch die Gegend fliegen. Zum anderen fehlt der Episode eine explizite Auflösung oder Katharsis. In dieser Hinsicht ähnelt sie der “Voyager”-Episode „Sacred Ground“. Zwar handelte es sich dabei nicht um eine Horrorgeschichte, doch auch hier war die Unerklärlichkeit des Erlebten ein zentrales Stilmittel – eine überraschend deutliche Abkehr von dem rational-kritischen Weltbild, das bis dahin fest in der DNA von “Star Trek” verankert war.
Erklärungen stören nur
In den letzten zwei Jahrzehnten hat “Star Trek” in dieser Hinsicht ohnehin Federn lassen müssen. Das Franchise hat inzwischen einen Punkt erreicht, an dem geneigte Zuschauende zu jedem Zeitpunkt einer Geschichte mit allem rechnen können. Weder werden einzelne Handlungsstränge durch eine stringente innere Logik zusammengehalten, noch verhalten sich die Charaktere konsistent. Der übergreifende Kanon ist auf eine reine Asservatenkammer für Easter Eggs reduziert worden. Die Struktur vieler Geschichten erinnert mich inzwischen eher an den impressionistischen Stil exzentrischer Episoden von “Doctor Who” als denn an Science-Fiction.

Hier geht es mir nicht um Petitessen wie das Make-up klingonischer Nasenlöcher, Bodenbeläge oder wer wann wen kennengelernt hat. Vielmehr stellt sich die Frage, ob das Franchise überhaupt noch nachvollziehbare Geschichten erzählen und somit Spannung aufbauen und unterhalten kann. Denn jede Form von Mitfiebern geht beim Publikum verloren, wenn ständig eine Deus ex Machina den Plot zurecht biegt.
“The Griffin Incident” setzt sich mit dieser Problematik recht offen auseinander. Anders als in vielen anderen Episoden sind die Figuren innerhalb der Handlung ebenso verblüfft über die unerklärlichen Ereignisse wie das Publikum. Kurz vor dem Finale gelingt es Spock zudem, dank Logik und Meditation einen Achtungserfolg gegen die unbekannte Macht zu erringen, die das Außenteam langsam in den Wahnsinn treibt. In dieser Hinsicht ist „The Griffin Incident“ erfreulicherweise kein weiterer Sargnagel für das kritisch-rationale Weltbild des Franchise.
Unnötige Grausamkeiten
Am Ende bleibt jedoch die Frage, ob die filmisch inszenierten Grausamkeiten in einem angemessenen Verhältnis zum emotionalen Gehalt und der inneren Entwicklung der drei Hauptfiguren stehen. Es ist sicherlich richtig, dass es faszinierend und erzählerisch lohnend sein kann, Charaktere in Extremsituationen zu zeigen, um verborgene Seiten zutage zu fördern. Das „wahre Ich“ hervorzulocken, ist dann auch das erklärte Ziel der Macht, die auf der Griffin ihr Unwesen treibt.
Kurz gesagt: Ich glaube nicht, dass „The Griffin Incident“ irgendetwas fundamental Neues über die drei Hauptfiguren ans Licht bringt, was dem Publikum zuvor unbekannt gewesen wäre. Der Prequel-Fluch lässt Spocks Entwicklung schon lange stagnieren, Shatners Spiel einer Mid-Life-Krise in “The Wrath of Kahn” ist weitaus packender und vielschichtiger als Wesleys Dauer-Sorgenfalten hier, und La’ans Strang setzt ein Ausrufezeichen hinter eine Entwicklung, die nun auch Zusehende in der letzten Reihe verstanden haben. Nichts von dem, was wir hier über die drei erfahren, setzt zwingend voraus, dass das Publikum literweise Filmblut, Verstümmlungen und andere Grausamkeiten über sich ergehen lassen muss – Darstellungen, die weit über das hinausgehen, was das Franchise uns bisher zugemutet hat.

Wenn man sich bei Paramount fragt, warum das Fandom immer weiter altert, und kaum Nachwuchs in Sicht ist: Solch absurde Brutalität werden Eltern ihren Kindern wohl kaum zumuten.
Man kommt nicht umhin festzustellen, dass hier Schockeffekte wohl um ihrer selbst willen auf die Spitze getrieben wurden, ohne einen narrativen Mehrwert zu liefern. Das ist die eigentliche Schwäche dieser Episode: Figuren und Publikum ohne erkennbaren Grund unnötig mit möglichst drastischen Grausamkeiten zu konfrontieren, bis der Spuk nach einer Stunde endlich vorbei ist.
Mit Rücksicht auf die Leser:innen, die die Episoden noch nicht gesehen haben, bitten wir in den Kommentaren zu diesem Beitrag auf Spoiler zu verzichten. Danke!
