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    Zweitrezension: Picard 2×10 – “Farewell” / “Abschied”

    Mit Folge 10 findet die zweite Staffel von "Star Trek: Picard" ihren Schlusspunkt. Ob "Farewell" auch die Kulmination der hier erzählten Geschichte darstellt, klärt unser ausführliches Review. Achtung, SPOILER!

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    Handlung

    Der Start der Europa-Mission steht kurz bevor. Soong (Brent Spiner) plant weiterhin, Renée Picard (Penelope Mitchell) zu töten und die Shango X-1-Rakete zu zerstören.

    Basierend auf Juratis Prophezeiung ist Tallinn (Orla Brady) der Auffassung, dass sie sich als Renée ausgeben und ihr eigenes Leben für sie opfern muss. Picard (Patrick Stewart) möchte sie zunächst davon abhalten, sieht dann aber ein, dass es Tallinn ganz alleine obliegt, über ihr eigenes Schicksal zu bestimmen.

    Seven (Jeri Ryan), Raffi (Michelle Hurd) und Rios (Santiago Cabrera) suchen derweil Soongs privates Labor in L.A. auf, um nach weiteren Hinweisen auf dessen Pläne zu suchen. Hierbei stoßen sie auf Soongs Hightech-Drohnen, mit deren Hilfe er die Shango X-1 zerstören will. Rios gelingt es aber, die bereits gestarteten Drohnen zu vernichten.

    Auch Soongs Versuch, Renée mithilfe eines Neurotoxins zu ermorden, schlägt fehl. Doch der zu zahlende Preis ist hoch: Tallinn, der es gelungen war, Soong zu täuschen, stirbt wenig später in Picards Armen. Sie sieht in ihrem Tod die Erfüllung ihrer Bestimmung als ‘Wächterin’.

    Die Shango X-1 Rakete in PIC 2×10 “Farewell” (Bild: © Paramount + / Amazon Prime Video)

    Zu Hause angekommen stellt ein entsetzter Soong fest, dass Renée noch lebt und die Europa-Mission erfolgreich angelaufen ist. Wenige Augenblicke später nutzt Kore (Isa Briones) eine Remote-Verbindung, um sämtliche Datenbanken Soongs vollständig zu löschen. Soong scheint alles verloren zu haben. Sein letzter Strohhalm ist eine alte Akte aus den 1990er-Jahren, das “Projekt Khan”.   

    Eine erleichterte Kore erhält wenig später eine mysteriöse Botschaft. Am angegebenen Treffpunkt erwartet sie Wesley Crusher (Wil Wheaton), der seit langer Zeit als ‘Reisender’ über Raum und Zeit wacht. Die ‘Reisenden’ sind zugleich auch die Auftraggeber der ‘Aufseher’, denen Tallinn angehörte. Wesley gelingt es, Kore als ‘Reisende’ zu rekrutieren. Gemeinsam verlassen sie die Erde des 21. Jahrhunderts.

    Picard und seine Truppe sind derweil nach La Barre zurückgekehrt. Dort überlegen sie, wie es nun weitergehen soll. Q erscheint und gesteht Picard in einem sehr persönlichen Gespräch, dass ihm viel an ihm liegt. Und dass er sich um dessen Leben und Seelenheil sorgt. Q möchte nicht, dass Picard sein Schicksal, einsam zu sterben, eines Tages ebenfalls teilen muss.

    Mit Qs Hilfe gelangen Picard, Seven, Raffi und der von den Toten auferstandene Elnor (Evan Evagora) zurück auf die Stargazer des Jahres 2401. Rios bleibt auf eigenen Wunsch bei Teresa (Sol Rodriguez) und deren Sohn Ricardo im 21. Jahrhundert.

    Picard (Patrick Stewart) und Q (John de Lancie) in PIC 2×10 “Abschied” (Bild: © Paramount + / Amazon Prime Video)

    Zurück auf der Stargazer zählt Picard eins und eins zusammen: Die Borg-Königin muss Agnes sein, die in den vergangenen vier Jahrhunderten eine neue, friedvolle Borg-Kooperative aufgebaut hat. Picard deaktiviert die Selbstzerstörung und überträgt Seven das Kommando über die Stargazer. Gemeinsam mit den neuen Verbündeten eliminiert die Armada der Sternenflotte eine ebenso gigantische wie gefährliche Raumanomalie im Zentrum des Quadranten. Doch an selbiger Stelle bleibt ein mysteriöses Wurmloch zurück. Die Borg, nun provisorisches Mitglied der Föderation, erklären sich bereit, das neu entstandene Wurmloch künftig zu überwachen.

    Zurück auf der Erde feiern Picard, Seven, Raffi und Elnor in Guinans (Whoopi Goldberg) “Ten Forward”-Bar das Gelingen ihrer schwierigen Mission. Guinan erzählt Picard, dass sie vor über 400 Jahren noch lange Zeit mit Renée, Rios und Teresa befreundet war. Rios und Teresa bauten die medizinische Hilfsorganisation “Mariposas” auf. Renée brachte von Io einen Mikroorganismus mit, den später ein Forscherteam um Ricardo (Steve Gutierrez) dazu verwendete, um die Ozeane und den Himmel der Erde zu reinigen und dadurch die Klimakrise des 21. Jahrhunderts erfolgreich zu überwinden.

    Nach seiner Rückkehr auf das Chateau bittet ein emotional befreiter Picard Laris (Orla Brady) bei ihm zu bleiben…

    Drehbuch und Inszenierung

    Das Staffelfinale wurde von Christopher Monfette und Akiva Goldsman geschrieben, Regie führte erneut Michael Weaver. Monfette schrieb in dieser Staffel auch die Drehbücher für “Penance” (2×02) und “Assimilation” (2×03). Goldsman ist seit 2017 als Autor und Produzent für “Star Trek” aktiv, neben “Picard” auch für “Discovery” und “Strange New Worlds”.

    An dieser Stelle kann ich den Lesern dieser Rezension das Déjà-vu leider nicht ersparen: Auch das Drehbuch zu “Farewell” biegt sich wieder so einiges zurecht und ist folglich durchzogen von kleinen und großen Plot Holes. Diese sind ob des hohen Tempos und der starken Emotionalisierung der Episode möglicherweise weniger offensichtlich als in vielen anderen Folgen der Staffel. Doch wer zwischendurch – oder spätestens nach dem Abspann – mal kurz innehält und so einige Aspekte der Handlung noch einmal vor dem geistigen Auge Revue passieren lässt, der muss sich zweifellos mehr als einmal fragend am Kopf kratzen.

    Neben der problemlosen und unglaubwürdig raschen Überwindung von großen räumlichen Distanzen (Frankreich-Kalifornien) ist vor allem das Szenario auf dem Raumbahnhof unlogisch und unglaubwürdig. Tallinn sagt, dass die Quarantäne am Starttag “durchbrochen” werde und auch Soong darf als “großzügiger Spender” (mit krasser Negativpresse *hust*) persönlich mit den Astronauten sprechen. Das macht aber leider keinen Sinn. Für was schickt man die Astronauten eigentlich tagelang in Quarantäne, nur um dann kurz vor dem Start doch noch zu riskieren, dass sich einer aus der Gruppe womöglich einen Infekt einfängt?

    Überhaupt ist das gesamte Prozedere (Sicherheitskontrollen, Boarding, Start) dort völlig an den Haaren herbeigezogen, was wohl jedem auffallen dürfte, der sich mal etwas ausführlicher mit Raumfahrt beschäftigt hat. Allein das Anlegen der Raumanzüge, das Boarding sowie die Vorstart-Sequenz dauern normalerweise Stunden. Picard und Tallinn können auch teilweise in Zivilkleidung und ohne Sicherheitsausweis völlig unbemerkt und ungestört auf dem Gelände herumspazieren; und das, obwohl beide doch in den Sicherheitsdateien der Behörden (Stichwort: NASA-Gala) vermerkt sind.

    Mir würden an dieser Stelle noch viele weitere Logiklöcher einfallen, aber das würde den Rahmen dieser Rezension sprengen und ist wohl eher etwas für unser Podcast-Review.

    Podcast zu “Star Trek: Picard” – Staffel 2

    Wir zeichnen gemeinsam mit dem Discovery Panel einen Podcast auf, in welchem wir die zweite Staffel von “Picard” noch einmal Revue passieren lassen. Hinterlasst uns bis Montagnachmittag in den Kommentaren Themen, Fragen oder Meinungen, die Sebastian, Andreas, Tom, Matthias und Christopher diskutieren sollen.

    Wir freuen uns auf euren Input! 🖖

    Ich möchte den beiden Autoren gewiss nicht das Bemühen absprechen, die einzelnen Handlungsfäden der Staffel zusammenführen und sinnvoll aufzulösen zu wollen. Meinem Eindruck nach sind die Altlasten aus den früheren Folgen der Staffel aber schlicht zu erdrückend, als dass dieses Vorhaben auch hätte gelingen können. Die Planungsfehler wurden wohl ganz am Anfang gemacht, nämlich als man den Staffel-Arc konzipiert hat. Auf mich wirkt die zweite Staffel auf der erzählerischen Ebene sogar noch einmal deutlich unausgegorener, noch chaotischer, noch widersprüchlicher als die erste. Die Handlung der zweiten Staffel ist nichts weiter als ein über weite Strecken dilettantisch zusammengeschustertes Konglomerat aus verschiedenen, wenig durchdachten Einzelhandlungssträngen. Hier passt einfach vieles vorne und hinten nicht zusammen. Doch darauf werde ich an den betreffenden Stellen noch etwas dezidierter eingehen.

    Tallinn (Orla Brady) kann ohne Sicherheitsausweis bis zu den Astronautenkabinen vordringen. (Bild: © Paramount + / Amazon Prime Video)

    Für mich liegt die Vermutung nahe, dass sich der Writer’s Room hier mal wieder selbst in eine Sackgasse geschrieben hat. Aber selbst wenn man für das Staffelfinale eine konsistente Handlung auf die Beine gestellt hätte: Eine rund 50-minütige Hatz durch alle verbliebenen Story-Arcs kann einfach nicht ertragreich sein. Das Pacing der Episode ist an vielen Stellen zu hoch, was darauf zurückzuführen ist, dass man vor allem in der Staffelmitte ganz viel Belangloses erzählt hat. Die erzählerischen Unzulänglichkeiten von “Farewell” werden dann – in mittlerweile typischer Weise – durch zahlreiche emotionale Szenen zu kaschieren versucht. Zugegeben, diese Szenen sind im Gros auch gut geschrieben und toll gespielt (insbesondere John de Lancie). Aber braucht “Star Trek” heutzutage wirklich so viel Drama, um das Publikum abzuholen? Wenn ich zahlreiche Kommentare auf Twitter und Facebook lese, dann scheint das für viele Zuschauer – vor allem im anglo-amerikanischen Raum – tatsächlich das entscheidende Kriterium zu sein. Mir ist es jedenfalls zu viel Drama und zu wenig inhärente Erzähllogik.

    Abgesehen von dieser narrativen Treibjagd sind auch die visuellen Effekte der Episode erschreckend schwach. Mich hat das beim Angucken irgendwie an die von massiven Budgetkürzungen geplagte vierte “Enterprise”-Staffel erinnert. Und das war vor gut 20 Jahren! Vor allem die Umsetzung der Startrampe enttäuscht auf ganzer Linie. Die Szene mit Picard und Tallinn, in der sie den Raketenstart beobachten, sieht leider übelst nach Low-Budget-Film aus.

    Handlungsstränge und Dramaturgie

    Renée Picard und die ‘Europa-Mission’

    Beginnen wir mit dem Handlungsstrang um Renée Picard und die ‘Europa-Mission’, die uns hier als entscheidender Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte verkauft wird. Demnach bringt Renée von einem der Jupitermonde einen besonderen Mikroorganismus mit zur Erde, der später dazu verwendet wird, um die Ozeane und den Himmel der Erde zu “reinigen” (“clean” im Original).

    Here we go again! Die Serie macht sich mal wieder überhaupt keine Mühe, irgendetwas (pseudo)wissenschaftlich zu erklären und somit erzählerische Tiefe herzustellen. Das klingt für mich wieder mehr nach Fantasy als nach Science-Fiction und erinnert leider auch sehr stark an die lächerliche Auflösung von “Discovery”-Staffel 3 (Dilithium-Planet). Erneut präsentiert man uns ihr eine unglaubwürdige Ad-hoc-Lösung für eines der zentralen Probleme unserer Zeit: den Klimawandel. Billiger geht’s kaum.

    Penelope Mitchell als Renée Picard in “Farewell” (Bild: © Paramount + / Amazon Prime Video)

    Zudem habe ich mir die Frage gestellt, ob Renées Entdeckung sowie der Klimawandel angesichts des in “Star Trek” in den Jahren 2026 bis 2053 tobenden Dritten Weltkrieges anschließend überhaupt noch von Bedeutung sind. Kann dieser Mikroorganismus denn auch radioaktive Isotope aus der Erdatmosphäre oder aus den Meeren entfernen? Aber auch darüber (III. WK) schweigt sich die Episode komplett aus.

    Dieser Handlungsbogen erweist sich leider als eine große Enttäuschung. Mal abgesehen davon, dass eine Jupiter-Mission, die schon in zwei Jahren stattfinden soll, aktuell völlig unrealistisch ist, hat man von der ‘Europa-Mission’ einfach viel zu wenig gesehen. Diese Storyline scheint mir – wie auch viele andere in dieser Staffel – wenig durchdacht zu sein.

    Adam & Kore Soong

    Noch enttäuschender ist der Handlungsstrang um Adam und Kore Soong. Dass Soong in Staffel 2 nie über die Charakterisierung eines stereotypen “Mad Scientist” (narzisstisch, skrupellos) hinauskam, haben Christoper, Tom und ich schon mehrmals kritisiert. Aber das ist in meinen Augen nicht einmal das Hauptproblem dieses Staffel-Arcs.

    Vielmehr ist das gesamte Narrativ, Adam Soong sei der Vater einer faschistischen, xenophoben Menschheit (Konföderation), auf Treibsand gebaut. Ich habe aus Staffel 2 keine glaubwürdigen Argumente herauslesen können, die diese unterstellte Entwicklungslinie irgendwie nachvollziehbar gemacht hätten. Sicher, Soong ist ein böser, skrupelloser Narzisst und hat die Kraftfelder entwickelt, die in der alternativen Zeitlinie die Erdatmosphäre schützen. Und aufgrund dessen soll sich in den folgenden Jahrhunderten eine Art ‘Führerkult’ entwickelt haben? Ist mir zu dünn. In “Penance” wird beispielsweise der Eindruck erweckt, Soong habe den faschistischen Slogan “a safe galaxy, is a human galaxy” geprägt. Aber ist das wirklich aus dem abzuleiten, was uns Staffel 2 gezeigt hat?

    Auch das angedeutete Thema “Eugenik” war nichts weiter als eine erzählerische Finte, um künstlich Spannung zu erzeugen. Abgesehen von den ‘Spearhead Operations’-Soldaten hat Soongs Forschungsarbeit auf diesem Gebiet überhaupt keine Relevanz für den übergeordneten Handlungsbogen der Staffel – nicht einmal für die alternative Zeitlinie. Kore ist als Nebencharakter so dermaßen belanglos, dass man sie auch problemlos aus der Staffel hätte streichen können.

    Die Szene mit der Khan-Akte dürfte ein Verweis auf Arik Soong in “Enterprise” und womöglich auch auf La’an in “Strange New Worlds” sein. Aber hat Soong überhaupt leibliche Kinder, die ihm auf diesem Gebiet nachfolgen? Ist Arik etwa Adams Ur-Enkel?

    Wie dem auch sei, auch dieser Handlungsbogen kam bedauerlicherweise über simple Andeutungen und Klischees nie hinaus. Dabei hätte das Thema so viel Potenzial gehabt.

    Auch der Gastauftritt von Wil Wheaton als Wesley ‘der Reisende’ Crusher erweist sich als eine riesige Enttäuschung: Fanservice à la “The Big Bang Theory”. Wesleys Erscheinen ist inhaltlich völlig belanglos, sein Monolog ist nicht besonders gut gespielt und die Konstellation ist im gesamten Kontext total unglaubwürdig, fast schon lächerlich. Also wenn ich eine junge Frau wäre, hätte ich definitiv anders reagiert als Kore hier. Nochmal zur Vergegenwärtigung: Ein Unbekannter schickt ihr eine anonyme Mail mit einem Treffpunkt. Sie geht hin und da kommt so ein bärtiger Typ mit Grinsegesicht um die Ecke und erzählt ihr was von tollen Reisen und einem Leben jenseits des Gewöhnlichen. Also ich würde da an ihrer Stelle ganz gewiss nicht mitgehen, sondern stattdessen das Sittendezernat verständigen.

    Eigentlich war die Idee gar nicht schlecht, Wesleys als ‘Reisender’ irgendwie in diese Zeitreise-Story einzubauen. Aber doch nicht so…

    Tallinn und die ‘Supervisor’

    Mit dem Griff in die Kanon-Kiste haben es die “Picard”-Autoren leider nicht so. Denn auch die Idee, die ‘Supervisor’ aus der Originalserie zu reaktivieren, ist kaum mehr als ein netter Fanservice, dem es aber ebenfalls an inhaltlicher Tiefe und stellenweise auch an Kanon-Konformität fehlt. Jedenfalls passen Wesleys Ausführungen nicht so ganz zu dem, was der originale ‘Reisende” in “Where No One Has Gone Before” (TNG 1×05) so erzählt. Der sagt hier nämlich zu Picard, dass die ‘Reisenden’ bisher keinen Kontakt zu den Menschen hergestellt hätten, weil diese nicht interessant genug seien. Wesley erzählt uns aber etwas gänzlich anderes. Wobei Zeit hier ohnehin relativ ist. Diesen Widerspruch kann ich folglich noch schlucken, aber trotzdem überzeugt mich das Narrativ von den ‘Wächtern’ nicht so richtig.

    Zumal es mir auch unlogisch erscheint, dass ausgerechnet eine Romulanerin auf die Erde entsendet wird, um die dortige Zeitlinie zu beschützen. Was, wenn Tallinn erkrankt oder durch einen Unfall getötet wird? Ein Alien-Fund würde die Zeitlinie nicht bewahren, sondern verändern. Und was geschieht jetzt nach Tallinns Tod eigentlich mit ihrer Wohnung und den darin befindlichen Gerätschaften? Plot Holes ohne Ende…

    Picard (Patrick Stewart) und Tallinn (Orla Brady) in PIC 2×10 “Farewell” (Bild: © Paramount + / Amazon Prime Video)

    Zwei weitere Aspekte dieses Handlungsstrangs stechen negativ hervor, einer davon ist ein visueller. So ist mir schon im Verlauf der Staffel aufgefallen, dass einige Schauspieler scheinbar Probleme mit ihren Kontaktlinsen hatten, was man an den teils sehr stark geröteten Augen erkennen kann (u.a. bei John de Lancie). Bei Tallinns Sterbeszene ist es dann wirklich extrem auffällig. Nur blöd, dass Romulaner grünes Blut haben und kein rotes. Diesen offensichtlichen Fehler hätte man in der Post-Produktion sicherlich effekttechnisch leicht beheben können. Wenn man denn auf Kleinigkeiten achten würde…

    Eine andere Sache, die mich stört, ist der in “Picard” (und auch in “Discovery”) regelmäßig zur Schau gestellte Fatalismus. Ständig wird von zu erfüllenden Schicksalen und grenzenloser Opferbereitschaft gefaselt. Andauernd muss jemand sterben, um andere zu retten. Die handelnden Personen werden mir mittlerweile viel zu oft zu willenlosen Marionetten des Schicksals abqualifiziert. Niemand benutzt mehr sein Hirn und sucht nach Alternativen. Die hätte es nämlich auch hier gegeben. Mit Tallinns überlegener Technik hätte es doch ein Leichtes sein müssen, Soong zu überlisten und unschädlich zu machen. Aber die Drehbuchlogik dieser Serie braucht nun mal in fast jeder Episode irgendwelche Selbstopfer (zuletzt Jurati, jetzt Tallinn), um “Spannung” und Drama zu erzeugen.

    Seven, Raffi & Elnor

    Neun Episoden lang hat man diesen Handlungsstrang gestreckt, um Seven und Raffi dann endlich ein Happy End zu verschaffen. Zumeist waren es nur zwei, drei kleinere, in der Regel auch enorm redundante Dialogzeilen pro Episode, welche diesen Pseudo-Handlungsbogen “vorangetrieben” haben.

    Ich kann leider nur wenig mit der ‘neuen’ Seven of Nine anfangen, weil ich deren Charakterentwicklung jetzt auch nicht für so überragend halte wie weite Teile der Social Media. Wie gesagt, ich fand Seven in “Voyager” um Längen interessanter, facettenreicher und streitbarer – vor allen in Kombination mit Janeway, Tuvok, Torres und dem Holodoc.

    Wirklich seltsam mutet zudem ihre Ernennung zum Captain der Stargazer durch Picard an. Hat Picard etwa Angst, das Kommando selbst zu übernehmen? Schon Kirks Beförderung vom Kadetten zum Captain (“Star Trek” 2009) war unglaubwürdig und das hier steht dem in nichts nach. Sicher, Seven hat vier Jahre auf einem Sternenflottenschiff gedient, sie ist hochintelligent, mutig und eine Borg-Expertin. Aber genügt das, um sich für den Captains’s Chair zu qualifizieren? Es geht hier ja auch um Führungsqualitäten, Kenntnisse der Regularien, Kommandoerfahrung. Aber halt: Wenn Raffi ihr Kapitänsqualitäten bescheinigt, dann muss das eben reichen…

    Apropos Raffi: Die darf sich in “Farewell” mal wieder aufführen wie die dümmste Hohlbirne, die man in 55 Jahren “Star Trek” in Sternenflottenuniform gesehen hat. Kann diese Frau eigentlich noch was anderes, außer asozial rumzupöbeln, andere anzuklagen, gewalttätig zu werden und ungehemmt rumzuflennen? Wie hat es diese Frau zum Rang eines Commanders gebracht? Raffi ist im Netz überaus beliebt, sie sei die “liebevolle, sorgsame Mutter der Crew”, so der Tenor. Für mich ist sie aber leider das Gegenteil des Advanced Human, den wir aus “The Next Generation” kennen. Das kommt beim Mainstream aber scheinbar gut an. Bei mir nicht.

    Auf der anderen Seite muss aber sagen, dass Michelle Hurd das auch verdammt gut spielt. Aber hätte man ihr nicht einen sympathischeren Charakter schreiben können?

    Evan Evagora als Elnor in PIC 2×10 “Farewell” (Bild: © Paramount + / Amazon Prime Video)

    Für Elnor gibt es nach seiner Auferstehung als Hologramm nun auch eine leibliche Auferweckung. Das war natürlich total vorhersehbar und die szenische Umsetzung ist leider auch noch unfreiwillig komisch. Es ist natürlich Standard, dass ein Kadett im Praktikum in Krisensituationen auf die Rufe der anderen Schiffe antwortet…

    An dem Narrativ der Wiederauferstehung hat sich “Nu Trek” wirklich festgebissen, denn mit Elnor haben wir nach Dr. Culber, Gray und Picard nun schon den vierten Charakter, der innerhalb der vergangenen drei Jahre von den Toten auferstanden ist. Dass sich eine solche Erzählung vielleicht auch mal abnutzen könnte, kommt den Autoren scheinbar nicht in den Sinn.

    Rios und das 21. Jahrhundert

    Für Santiago Cabrera ist “Farewell” der letzte Akt in “Picard”. Rios bleibt im 21. Jahrhundert, gründet mit Teresa und Ricardo eine Familie und setzt sich fortan für hilfsbedürftige Menschen ein, indem er eine medizinische Bewegung namens “Mariposas” ins Leben ruft. Eigentlich ein schönes Ende für Rios, aber sogar hier schaffen es die Autoren, seinen Abschied mit dümmlichen Klischees zu versauen. “Und mit seinen letzten Atemzügen hat er eine Zigarre geraucht…”, so Guinan. Bei solchen idiotischen Textzeilen fehlen mir echt die Worte!

    Dass Rios hier bewusst das Risiko eingeht, wenige Jahre später auf den Schlachtfeldern des Dritten Weltkriegs zu verenden (was aber nicht geschieht), wird natürlich auch mit keiner Silbe erwähnt. Wie gesagt: Kanon interessiert nur, wenn’s ins Drehbuch-Narrativ passt.

    (Bild: © Paramount + / Amazon Prime Video)

    Auch Rios’ Begründung für seine Entscheidung wirkt seltsam. Hätte er einfach gesagt: “Ich liebe diese Frau, ich will mit ihr alt werden”, es hätte vollkommen ausgereicht. Aber nein, stattdessen kommt wieder das Gedöns, dass er eigentlich nie in sein eigenes Jahrhundert gepasst habe, blablabla…

    Warum denn?! Er hatte doch sein Trauma überwunden und eine vielversprechende Karriere als Captain eines der modernsten Sternenflottenschiffe vor sich. Auch hier biegen sich die Autoren den Charakter wieder so zurecht, dass es in ihr Erzählkonzept passt.

    Wenn man bedenkt, wie uninteressiert der Writer’s Room an den Entwicklungen ihrer eigenen Charaktere zu sein scheint, dann ist es wahrscheinlich besser, dass neben Santiago Cabrera auch Alison Pill, Evan Evagora und Isa Briones die Serie verlassen werden. Auf der anderen Seite macht mir diese fragwürdige Attitüde der Autoren große Angst in Bezug auf die Rückkehr des TNG-Casts.

    Q

    Die Rückkehr von Q ist in meinen Augen eine ambivalente Sache. Einerseits sind eigentlich alle Szenen mit John de Lancie große Klasse, weil er Q einfach genial spielt. Sein Gespräch mit Picard über die Angst, einsam sterben zu müssen, ist wohl der beste Dialog in der gesamten Staffel. Aber reicht das, hier wieder nur auf die Tränendrüse zu drücken? Der Teaser-Trailer zur Staffel hatte damals bei mir jedenfalls völlig andere Hoffnungen geweckt. In der Retrospektive wirft der Q-Handlungsstrang leider mehr Fragen auf, als dass er irgendwelche beantwortet hätte.

    Qs Agieren in den vergangenen neun Episoden ist von zahlreichen Brüchen und Widersprüchen geprägt, sodass ich mir auch nach “Farewell” keinen echten Reim darauf machen kann, warum er Picard erst vorwurfsvoll niedermacht und ihm die Nase blutig schlägt, nur um ihm dann ein paar Tage später die Wange zu streicheln und zu sagen, wie viel er ihm bedeutet. Die “Lektion”, die Q Picard hier erteilt, macht in der Art und Weise, wie sie durchgezogen wird, nicht wirklich Sinn. Weder Qs martialischen Worte in “Penance” noch seine fragwürdige Allianz mit Adam Soong scheinen mir notwendig gewesen zu sein, um Picard etwas vor Augen zu führen, das Q ihm eigentlich schon vor 30 Jahren bewusst gemacht hat.

    Denn auch der Q-Handlungsstrang ist ein weiterer, ernüchternder Beleg dafür, wie der Writer’s Room der Serie mit dem Kanon verfährt. Um es mit einem Wort zu beschreiben: Rosinenpickerei. Man sucht sich diejenigen Puzzleteile aus Picards und Qs Charakterentwicklung in “The Next Generation” heraus, die einem ins Konzept passen. Diejenigen Aspekte aber, die das eigene Narrativ ‘falsifizieren’ würden, fallen einfach unter den Tisch. “Picard” erzählt hier im Wesentlichen das, was “Tapestry” (TNG 6×15) schon vor gut 30 Jahren erzählt hat. Nur war diese TNG-Folge um Längen besser als dieses konfuse Erzählwirrwarr. Picard agiert in “Farewell” jedenfalls so, als habe es die besagte TNG-Episode nie gegeben.

    Picard (Patrick Stewart) und Q (John de Lancie) in TNG 6×15 “Tapestry” (Bild: © Paramount)

    Gleiches gilt auch für Q. Der Q in “Penance” war der aus “Encounter at Farpoint” (TNG 1×01); der in “Farewell” gleicht dem aus “Tapestry” und “All Good Things…” (TNG 7×25/26). Macht das Sinn? Des Weiteren lässt “Farewell” offen, warum Q als bislang omnipotentes Wesen nun doch sterben muss und was genau damit gemeint ist. Auch die Tatsache, dass Q Frau und Sohn hat (“Voyager”), wird hier einfach totgeschwiegen, genauso wie in Staffel 1 das Fehlen von Picards Schwägerin Marie und der Tod von Robert und René. Passt eben nicht ins Erzählkonzept.

    Ein übles Plot Hole ist auch der glückliche Umstand, dass Q plötzlich wieder für kurze Zeit seine Kräfte zurückgewinnen kann, um Picard einen letzten Gefallen zu tun. Dieses Lazy Writing ist ohne Kopfschmerztabletten kaum mehr zu ertragen.

    Ich muss es leider so hart sagen: Auch der Q-Handlungsbogen erweist sich als Luftnummer, insofern man nur etwas genauer draufschaut und den “TNG”- und “Voyager”-Kanon kennt.

    Jurati und die Borg

    Wenig überraschend entpuppt sich die maskierte Borg-Königin aus “The Star Gazer” als Agnes Jurati. Der Borg-Handlungsstrang findet in den Schlussminuten von “Farewell” also eine ebenso rasante wie unspektakuläre Auflösung.

    Auch hier sollte man besser das Hirn ausschalten und bloß nicht über die “Logik” des Erzählten nachdenken. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?! Juratis Agieren macht leider ebenso wenig Sinn wie das von Q. Warum beamt sie mit Maske rüber? Warum hat ihr Kollektiv nur ein einziges Schiff? Warum müssen die Borg gleich Mitgliedschaft in der Föderation beantragen, nur um das Wurmloch zu bewachen? Ein Aufenthaltsrecht oder eine temporäre Allianz hätten es doch auch getan. Und was hat sie in den vergangenen vier Jahrhunderten eigentlich so gemacht?

    (Bild: © Paramount + / Amazon Prime Video)

    Ebenso wie Tom gehe auch ich davon aus, dass das Borg-Kollektiv, wie wir es kennen, mit “Farewell” nicht verschwunden ist. Vielmehr dürfte es sich bei Juratis “Kollektiv” um so eine “Borg-Kooperative” handeln wie jene in der “Voyager”-Folge “Unity” (VOY 3×17). Allerdings bleibe ich bei meiner Meinung: Die Borg sind vorerst zu Ende erzählt. Auch die in Staffel 2 erzählte Borg-Story ist bedauerlicherweise ähnlich flach wie jene aus der ersten Season.

    Die Schlussminuten von “Farewell” sind eine wahre Zumutung. Man feuert eigentlich alles raus, was noch im Kanonenrohr ist. Für mich ist es völlig unverständlich, warum Regisseur und Cutter hier nicht korrigierend eingegriffen haben. Dann hätte man die Folge eben auf 60 Minuten strecken sollen.

    Und selbstverständlich darf auch die obligatorische Raumanomalie nicht fehlen, die den gesamten Quadranten gefährdet. Diese taucht aus dem Nichts auf und dank Jurati weiß man auch gleich eine Lösung für das Problem. Beim ‘alten’ “Star Trek” hätten wir an dieser Stelle grundständige Forschungsarbeit zu sehen bekommen. In “Picard” reicht hingegen der visuelle Bombast einer großen Flotte, die mal kurz ihren fetten Energiestrahl zum Einsatz bringt. Meine Güte, flacher und langweiliger geht’s nicht…

    Mal wieder eine gefährliche Raumanomalie… (Bild: PIC 2×10 “Farewell” © Paramount + / Amazon Prime Video)

    Wahrscheinlich soll das neu entstandene Wurmloch als Teaser für Staffel 3 fungieren. Da muss ich leider sagen: Lässt mich total kalt, viel zu redundant und generisch. Selbst wenn man hier wieder die “Übersynths” oder gar die Aliens aus “Conspiracy” (TNG 1×25) bemühen sollte. Man sieht ja: Wenn die “Picard”-Autoren in die Kanon-Kiste greifen, kommt am Ende nur oberflächlicher und höchst unlogischer Kram dabei raus.

    Guinan

    In “Farewell” kehrt Whoopi Goldberg als Guinan zurück. Und auch hier muss man leider sagen, dass deren Rückkehr nicht das gehalten hat, was sich viele von uns wohl erhofft haben. Guinan fügt sich nicht wirklich ertragreich in das Konstrukt dieser Zeitreise-Geschichte ein, außer dass sie schon vorher wieder alles gewusst hat, aber halt nix sagen durfte.

    Guinan (Whoopi Goldberg, rechts) in “Farewell” (Bild: © Paramount + / Amazon Prime Video)

    Auch bei diesem Handlungsstrang trüben leider die Kanon-Widersprüche die Freude über die Rückkehr einer legendären “Star Trek”-Figur. Guinans Leben auf der Erde des 21. Jahrhunderts passt einfach nicht so recht zu dem, was wir in “Time’s Arrow” (TNG 5×26/6×01) und in “Star Trek: Generations” gesehen haben. Trotzdem schön, sie mal wieder gesehen zu haben.

    Picards “road not taken”

    Die größte Enttäuschung der zweiten Staffel ist für mich aber ohne jeden Zweifel Patrick Stewart. Ich kann nicht verstehen, wie er es zulassen oder sogar gutheißen konnte, dass seine ikonische Rolle Jean-Luc Picard so dermaßen auseinandergenommen wird. Was man uns in Staffel 2 über Picard erzählt hat, ist keine spannende Ergänzung seiner Biografie, sondern ein ärgerliches Retcon.

    In etlichen Szenen wirkt dieser einst so führungsstarke und inspirierende Captain der Enterprise wie ein Häufchen Elend, das ob seiner emotionalen und sozialen Inkompetenz ständig die Leviten gelesen bekommt: von Raffi, von Tallinn, von Q. Und was uns hier auch ständig suggeriert wird: Picard kann aufgrund des Selbstmordes seiner Mutter angeblich nicht mit dem Ableben ihm nahestehender Personen umgehen, fühlt sich deshalb andauernd verantwortlich, schuldig und geht meistens auf emotionale Distanz. Hallo?! Picard oder Burnham?!

    Wie viele Crewmitglieder und Freunde hat Picard in “The Next Generation” verloren? Zahlreiche! Aber hat er jemals lange gegrübelt oder anderweitig Schwäche gezeigt? Bitte einfach mal “Skin of Evil” (TNG 1×23) oder “Q Who” (2×16) angucken und den dort gezeigten Picard mal mit diesem in “Farewell” ständig verwirrt guckenden und enorm unsicher wirkenden Mann vergleichen. Das sind doch zwei gänzlich unterschiedliche Personen! Dieser Picard hier ist nur noch ein bedauernswerter Schatten seines früheren Ichs.

    (Bild: © Paramount + / Amazon Prime Video)

    Und selbstverständlich hat Picard über viele Jahre und Jahrzehnte zahlreiche Freundschaften und Beziehungen aufgebaut, da lasse ich mir von dieser Serie auch nichts Gegenteiliges einreden. Und er hat sich auch hin und wieder emotional geöffnet. Ich habe es schon einmal geschrieben: “Star Trek: Generations”, “Star Trek: Insurrection”, “Lessons” (TNG 6×19) und “Attached” (TNG 7×08) ziehen das Narrativ der zweiten “Picard”-Staffel aber ganz gehörig in Zweifel. Sicherlich war Picard immer etwas distanziert, aber in Season 2 wird diese Charaktereigenschaft unangemessen überbetont.

    Ich musste schon schlucken, als man Ende der ersten Staffel aus dem Menschen Picard einen seltsamen Bio-Androiden gemacht hat. Aber jetzt wird nach dem Körper auch noch der Charakter Picards demontiert. Was soll das?!

    Der Story-Arc um die angebliche “road not taken” ist in sich weder schlüssig noch interessant. Die Anknüpfungspunkte zu Renée Picard sind mehr als dünn, es wirkt einfach enorm konstruiert. Gleiches gilt auch für Picards Verhältnis zu seinem Vater Maurice. Das passt vorne und hinten nicht zu dem, wie “The Next Generation” Maurice charakterisiert hat. Oder soll das alles nur eine verzerrte Wahrnehmung von Picard gewesen sein?

    Ich kann diesem Handlungsstrang leider nichts abgewinnen. Warum hat man hier nicht einfach Robert und Renés Tod als Anknüpfungspunkt für Picards Seelenerkundung genommen? Es wäre viel plausibler gewesen.

    Eine herbe Enttäuschung ist auch die Tatsache, dass sich die direkte Interaktion zwischen Picard und Q auf lediglich zwei kurze Szenen in Folge 2 und Folge 10 beschränkt hat und der Handlungsstrang dazu auch noch höchst redundant ist. Wie gesagt, der Teaser hat bei mir gänzlich andere Erwartungen geweckt. Aber vielleicht ist “All Good Things…” eben doch der perfekte Schlusspunkt für deren Beziehung gewesen. Die Umarmung am Schluss von “Farewell” war ja ganz nett, aber hat es dafür wirklich zehn Episoden Vorlauf gebraucht?

    Gesellschaftskommentar

    Zu guter Letzt will ich noch danach fragen, was uns “Farewell” beziehungsweise die gesamte zweite Staffel eigentlich über uns selbst, unsere Gesellschaft und unsere Gegenwart sagt.

    Staffel 2 hat viele Themen angeschnitten (Eugenik/Bionik, Rassismus, Klimawandel, Sterben & Tod, Einsamkeit, Depressionen, Verlustängste), aber fast keines davon auch tiefgründig erforscht. Viel zu oberflächlich und teilweise auch zu einseitig waren die einzelnen Betrachtungen. Mehr als Küchenpsychologie (Reneés Depressionen), genetisch verbesserte Elitesoldaten (Bionik) und simple “Zauberlösungen” (Mikroorganismus, Klimakrise) kam am Ende nicht dabei raus.

    Einzig das Thema Sterben, Tod und Trauer hat man einigermaßen gut bearbeitet. Vor allem der Dialog zwischen Picard und Q in “Farewell” konnte hier überzeugen. Wenn man die furchtbare Tatsache bedenkt, dass eine angemessene Sterbebegleitung während der Pandemie oftmals nicht möglich war, dann wird die aktuelle Relevanz dieses Themas ersichtlich. Wobei diese Thematik ohnehin zeitlos ist.

    Ansonsten bleibt es aber leider dabei: Tiefgründige Gesellschaftskritik ist in “Picard” bestenfalls Beiwerk, der Schwerpunkt der Serie liegt – wie auch bei “Discovery” – eindeutig auf Charakterstudien in Form von persönlichen Traumata, Drama durch Emotionalisierung und über weite Strecken auch actionreiche Popcorn-Unterhaltung.

    © Paramount + / Amazon Prime Video

    Mein persönliches Staffel-Fazit

    Die zweite Staffel startete vielversprechend (3.8), doch schon in den nächsten beiden Folgen sank die Wertung auf einen eher durchschnittlichen Wert. Höchstwertung erreichte Folge 4 (“Watcher”, 4), wobei ich auch diese Episode in der Retrospektive wohl etwas schwächer bewerten würde als bei der Erstausstrahlung. Folge 6 und 7 waren leider sehr langweilig und ereignisarm, mit Folge 8 ging es wieder leicht nach oben. Die letzten beiden Episoden enttäuschten aber wieder auf ganzer Linie.

    © TrekZone Network

    Rein mathematisch betrachtet stehen insgesamt 2,5 von 5 Sternen zu Buche. Das würde allerdings einer durchschnittlichen Wertung (“befriedigend”) entsprechen. Da mir allerdings Aspekte wie Erzählstringenz, Plausibilität, Kanon-Konformität und intellektueller Anspruch (Gesellschaftskritik) sehr wichtig sind, tendiere ich eher dazu, der gesamten Staffel ein “mangelhaft” zu attestieren. Besonders übel nehme ich der Serie, dass die Figur Jean-Luc Picard mittlerweile völlig “out of character” auftritt und somit das Erbe einer “Star Trek”-Legende Stück für Stück demontiert wird.

    In meinen Augen war die zweite Staffel sogar noch konfuser und oberflächlicher als die erste. An einigen Stellen habe ich mich gut unterhalten gefühlt, aber insbesondere in der Mitte der Staffel waren auch enorm langweilige Folgen dabei. Insgesamt eine sehr enttäuschende Season und für mich die bis zum heutigen Tag schwächste “Star Trek”-Staffel überhaupt.

    Trekbarometer zu “Picard” Season 2

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    Bewertungsübersicht

    Handlung
    Dialoge
    Charakterentwicklung
    Stringenz (Staffelbogen & Kanon)
    Spannung
    Action & Effekte
    Humor
    Intellektueller Anspruch

    Fazit

    Mit "Farewell" endet die bisher schwächste Staffel der "Star Trek"-Geschichte. Wie in nahezu jeder anderen Folge der Staffel reiht sich auch in "Farewell" ein Plot Hole an das andere. Praktisch kein einziger der zahlreichen Handlungsstränge wird zufriedenstellend aufgelöst, es mangelt vorne und hinten an Erzählstringenz, Plausibilität und Kreativität. Hinzu kommen große Schwächen bei der Inszenierung der Episode. "Farewell" ist an vielen Stellen viel zu hektisch, legt zu viel Wert auf Emotionalisierung und Drama und vergisst hierbei abermals, was gutes Storytelling ausmacht: "Show, don't tell!" Überraschenderweise sind auch die visuellen Effekte ungewöhnlich schwach für eine Serie aus dem "Star Trek"-Franchise. Ein gelungener Abschied sieht anders aus...
    Deutscher TitelAbschied
    OriginaltitelFarewell
    SeriePicard
    Staffel2
    Episodennummer10
    Produktionsnummer20
    RegisseurMichael Weaver
    DrehbuchChristopher Monfette & Akiva Goldsman
    US-Erstausstrahlung05.05. 2022
    DE-Erstausstrahlung06.05. 2022
    Sternzeit / Missionsdatum16. April 2024 / 2401
    Dauer48
    Matthias Suzan
    Matthias Suzan
    Seine Leidenschaft für "Star Trek" begann 1994 mit "The Next Generation". Es sind vor allem die anthropologischen, gesellschaftlichen und politischen Themen des Trek-Universums, die ihn faszinieren. Seit 2017 ist Matthias Teil der TZN-Redaktion.

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    2 Kommentare

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    2 Kommentare
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    Die Kritik ist angemessen. Eine glaubwürdige Erzählung, die sich ins Franchise einfügt, sieht anders aus. Leider.

    Also ich denke mit pic Staffel 2 wurden die eugenischen Kriege und somit auch wwIII um einige Dekaden nach hinten verschoben. Picard sagt in einer vorherigen Episode dass die Geschichtsschreibung des 21. Jh. äußerst lückenhaft ist. Und da soong die Akte Khan erst 2024 aus der Schublade holt, kann man davon ausgehen dass das Datum 2026 als Beginn des wwIII nicht mehr kanonisch gesichert ist. Ähnliches haben die Produzenten auch in Interviews gesagt.

    Finde die Kritik ansonsten ein wenig hart. Fand es war eine gute pic folge

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