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    StartSF ZoneThe OrvilleRezension: The Orville 3x04 - "Sanft fallender Regen" / "Gently Falling Rain "

    Rezension: The Orville 3×04 – “Sanft fallender Regen” / “Gently Falling Rain “

    In der vierten Folge der dritten Staffel geht es für Captain Mercer und seine Crew zur Krill-Heimatwelt. Was die Orville dort erwartet, lest ihr in unserer ausführlichen Episodenkritik.

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    In der vierten Folge der dritten Staffel geht es für Captain Mercer und seine Crew zur Krill-Heimatwelt. Was die Orville dort erwartet, lest ihr in unserer ausführlichen Episodenkritik. SPOILER-ALARM!

    Handlung

    Der amtierende und auf eine baldige Wiederwahl hoffende Regierungschef der Krill, Großkanzler Korin (Matt Gottlieb), besucht mit einer diplomatischen Delegation die Erde, um weitere Details eines Friedens- und Kooperationsvertrages zwischen den Krill und der Planetaren Union zu besprechen. Im Rahmen dieser Gespräche lädt er eine Unionsdelegation, bestehend aus Präsident Alcuzan (Bruce Boxleitner), Senatorin Balask (Lisa Banes) und Admiral Halsey (Victor Garber), zur finalen Vertragsunterzeichnung in die Krill-Hauptstadt Dalakos ein. Die Orville, deren Crew maßgeblichen Anteil am Zustandekommen dieser Anti-Kaylon-Allianz hatte, bringt die Delegation zur Krill-Heimatwelt.

    Doch die Umfragen, die Korin bislang als klaren Favoriten im Wahlkampf gesehen hatten, stellen sich am Wahltag, an dem Korin zugleich die Unionsdelegation empfängt, als fatale Fehlprognosen heraus. Der populistischen Oppositionsführerin Teleya (Michaela MacManus), eine alte Bekannte der Orville-Crew (Folgen 1×06; 2×01; 2×04), ist es mittlerweile gelungen, die Stimmung auf dem Planeten zum Kippen zu bringen. Ihre demagogische Desinformationskampagne geht am Ende auf und ein großer Teil des Volkes wendet sich gegen Korin und seine Friedenspolitik.

    Bereits wenige Minuten nach der Verkündigung des Wahlergebnisses überschlagen sich die Ereignisse. Teleya startet einen Putsch und ergreift umgehend die Macht, ohne dass der Kleriker-Rat dagegen protestiert. Großkanzler Korin wird verhaftet, ebenso die Unionsdelegation, zu der auch Captain Mercer (Seth MacFarlane) und Ensign Burke (Anne Winters) gehören. Kurz darauf wird Korin von Teleya im Rahmen einer öffentlich inszenierten Hinrichtung ermordet.

    Derweil muss sich die Orville im Orbit gegen die Angriffe von mehreren Krill-Kriegsschiffen wehren. Commander Grayson (Adrianne Palicki) gelingt es, zunächst “Direktive 21” auszuführen und anschließend aus dem Krill-Raum zu flüchten. Gemeinsam mit einer herbeigeeilten Unionsflotte macht sich die Orville auf den Weg zurück nach Krill, um die Delegation aus den Händen von Teleya zu befreien.

    Zwar gelingt dieses Unterfangen, aber der Friedensprozess mit den Krill ist vorerst gestorben. Der Union droht nun ein Zwei-Fronten-Krieg. Und für Captain Mercer haben die Ereignisse auf Krill auch noch tiefgreifende private Folgen…

    Drehbuch

    Das Drehbuch zu “Gently Falling Rain” stammt abermals von den beiden “Star Trek”-Veteranen Brannon Braga und André Bormanis. Beiden ist es gelungen, eine enorm inhaltsdichte und gesellschaftskritische Geschichte zu schreiben, die an vielen Stellen nicht nur gut unterhält, sondern zugleich auch etwas sagen möchte. In rund 65 Minuten wird einerseits das Worldbuilding der Serie weiter vorangetrieben, andererseits aber auch die Hauptfigur durch einen erfreulich überraschend kommenden Twist um eine weitere Facette bereichert. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Enthüllung im weiteren Verlauf der Serie noch eine größere Rolle spielen wird.

    Gleichwohl verliert sich leider auch diese Episode wieder in einigen Klischees und nicht unproblematischen Simplifizierungen. Die Anspielungen auf die gegenwärtige US-Gesellschaft sind stellenweise vielleicht doch etwas zu plakativ. Überdies schafft es auch Folge 4 der aktuellen Staffel nicht, ein zufriedenstellendes Finale zu präsentieren, das über Nullachtfünfzehn-Narrative hinausgeht und wirklich mal etwas Originelles zeigt. Der uninspirierte Höhepunkt der Episode trübt somit leider auch den Gesamteindruck.

    Inhaltlich und hinsichtlich bestimmter Erzählmotive lassen sich abermals Anleihen bei “Star Trek” ausmachen. Anaya weist doch starke Parallelen mit Elizabeth auf, der (angeblichen) Tochter von T’Pol und Trip in “Dämonen” / “Terra Prime” (ENT 4×20/21). Oder auch mit Tora Ziyal (Tochter von Tora Naprem und Gul Dukat) aus “Deep Space Nine“. Die Grundthematik des Union-Krill-Friedensprozesses erinnert zudem an “Star Trek VI: Das unentdeckte Land“, die Heimatwelt der Krill mitunter an Qo’noS in “Nimm meine Hand” (DSC 1×15). Telayas demagogische Rede, in welcher sie vor kulturellem Identitätsverlust warnt, ähnelt wiederum den Monologen T’Kuvmas in der ersten Season von “Star Trek: Discovery“.

    Episodentitel

    Der Episodentitel bezieht sich auf Mercers und Telayas gemeinsame Tochter Anaya (Charlie Townsend), denn in der Sprache der Krill bedeutet dieser Name “Sanft fallender Regen”.

    Story & Dramaturgie

    Die Episode beginnt erneut sehr vielversprechend, in diesem Fall mit einer demagogischen Rede von Telaya. Nach dem Intro folgt eine ausgedehnte Szene, die ein diplomatisches Dinner zwischen der Planetenunion und den Krill zeigt. Diese Szene erinnert sicherlich nicht von ungefähr an die Dinner-Szene aus “Star Trek VI: Das unentdeckte Land“, in der die Enterprise-Crew mit den Klingonen über kulturelle Unterschiede und die Sorge vor einem Identitätsverlust diskutiert.

    Und “Gently Falling Rain” macht es hier ähnlich gut. Zunächst werden die üblichen diplomatischen Höflichkeiten ausgetauscht, ehe man auf kulturelle Unterschiede hinsichtlich Symbolik (Sonne), Weltbild (Religion) und Wirtschaftsmodell (Marktwirtschaft) zu sprechen kommt. Ähnlich wie mit Azetbur in “Star Trek IV” gibt es auch in den Reihen der Krill einen Vertreter, der die Situation zum Anlass nimmt, um einen provozierenden Kommentar zu platzieren. Man spürt förmlich, wie die Stimmung zu kippen droht, genauso wie seinerzeit in “Star Trek VI”.

    Unter dem Strich kann die Dinner-Szene also absolut überzeugen, denn sie trägt sehr viel zum weiteren Worldbuilding der Serie (Union & Krill) bei und arbeitet überdies auch den übergeordneten Konflikt sehr gut heraus: Beide Kulturen sind in vielen Aspekten sehr unterschiedlich, suchen aber dennoch eine Basis für Verständigung und Kooperation. Wobei allen bewusst ist, dass es sich hierbei zunächst einmal um ein Zweckbündnis handelt, das der Bedrohung durch die Kaylon geschuldet ist. Bereits hier wird das Dilemma klar: Reicht dieses gemeinsame Interesse wirklich aus, um dauerhaft kooperieren zu können?

    Nach diesem starken Start in die Folge tritt aber leider das erste Plot Hole zutage. Es ist schlicht unglaubwürdig, dass die Delegation der Planetenunion nicht erst die Wahl abwartet, bevor sie zur Vertragsunterzeichnung nach Krill reist. Dieser Umstand ist ganz und gar der Logik des Drehbuchs geschuldet – und das auch so offensichtlich, dass dieses Plot Hole leider auch einen größeren Schatten auf den Rest der Episode wirft.

    Bild: The Orville 3×04 © 20th Television / Disney, 2022

    Dem vielversprechenden Einstieg in die Episode folgt aber nicht nur dieses krasse Logikloch, sondern bedauerlicherweise auch ein Abdriften in Hollywood-typische Muster und Klischees. Anstatt den Machtwechsel zunächst einmal auf der diplomatischen beziehungsweise politischen Ebene zu thematisieren und dafür auf kluge Dialoge zurückzugreifen, geht “Gently Falling Rain” stattdessen sofort in die Vollen und erzählt (mal wieder) die Geschichte von einem blutrünstigen Putsch, der in politischen Exekutionen kulminiert, die von einer fanatischen Masse frenetisch gefeiert werden.

    Ich muss leider sagen, dass bei mir an dieser Stelle die Stimmung gekippt ist. In den ersten Minuten war die Folge definitiv auf “5 Sterne”-Kurs, aber dieser Twist hat das Bild leider doch sehr eingetrübt. Hier fehlt “The Orville” überraschender Weise der Mut, auf die übliche “Jakobiner-Story” zu verzichten und zunächst einmal die Ursachen für diese politische Entwicklung auf Krill zu beleuchten. Hinsichtlich dieser Frage bleibt “Gently Falling Rain” für meinen Geschmack nämlich etwas zu blass.

    Zwar gibt es im weiteren Verlauf noch den ein oder anderen guten Dialog, in der Summe überwiegt dann aber doch das Lazy Writing, das sich abermals vor allem im letzten Drittel der Handlung manifestiert. Kurz vor der Exekution wird die Unionsdelegation durch das Eingreifen einer Undercover-Einheit (LaMarr & Finn) gerettet. Es folgt die obligatorische Verfolgungsjagd und schließlich das Happ End. Alles schön und gut, zumal auch das Rätsel um “Direktive 21” bei mir funktioniert hat (ich war tatsächlich überrascht). Nichtsdestotrotz schafft es auch Folge 4 nicht, die Auflösung der Story richtig kreativ aussehen zu lassen.

    Der einzige Lichtblick der zweiten Episodenhälfte ist da lediglich der Story-Arc um Captain Mercer und seine Tochter Anaya. Diese Enthüllung verleiht der Figur deutlich mehr Tiefe und eröffnet zudem eine neue und spannende Erzählperspektive für den weiteren Serienverlauf. Gleichwohl ist das Motiv eines Kindes “aus zwei Welten” mittlerweile auch schon recht häufig herangezogen worden, um als Symbol für die Überwindung von kulturellen Unterschieden zu fungieren (siehe Beispiele oben). Originalität war bisher aber nur ganz selten die Stärke dieser Serie.

    Sozialkommentar

    “Gently Falling Rain” ist vollgepackt mit Allegorien, die gegenwärtige Herausforderungen und Probleme der (US-amerikanischen) Gesellschaft widerspiegeln. Allein für diese Ambition gebührt der Episode ein dickes Lob, denn mein SciFi-Favorit “Star Trek” war mir in den vergangenen Jahren diesbezüglich viel zu zurückhaltend, plump und auch zu monoton.

    Die Sozialkommentierung in dieser Episode ist mir an manchen Stellen aber auch etwas zu direkt und teilweise auch zu undifferenziert. Ich habe auch den Eindruck, dass die Autoren diesbezüglich etwas übermotiviert gewesen sind, was dazu geführt hat, dass unter dem Strich doch etwas zu viele gesellschaftskritische Narrative in die Handlung eingebaut wurden. Doch in einer Episode mit einer Laufzeit von 65 Minuten können eben nicht alle diese Narrative auch in angemessener Weise abgearbeitet werden. Und genau dieses Problem merkt man der Episode stellenweise auch an.

    Dass es sich bei der Story primär um eine Kritik am “Trumpismus” und Teilen der US-Gesellschaft im Allgemeinen handelt, liegt auf der Hand. Die Episode wurde 2020 geschrieben und gedreht, also in einer Zeit, in der Donald Trump noch im Oval Office saß. Demgemäß sind die Anspielungen auch sehr deutlich: ein überraschender Wahlsieg eines populistischen Außenseiters gegen einen überheblichen und zu siegessicheren Favoriten (U.S. Elections 2016); Kritik am Wahlsystem (Winner-Takes-It-All-Prinzip; Swing States); Isolationismus beziehungsweise Unilateralismus (hier: “Krill first!”); Fake News, Abtreibung und Hybris des Amtsinhabers (hier: Telaya).

    An dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein, ob diese Anspielungen nicht vielleicht doch etwas zu offensichtlich sind. Vielleicht wäre es auch etwas subtiler gegangen, nämlich in Form von Parabeln. Und auch wenn das Drehbuch an diversen Stellen versucht, nicht suggestiv zu sein, wird dieser lobenswerte Ansatz am Ende doch wieder durch die Verwendung von diversen Klischees und pauschalisierenden Unterstellungen ungewollt konterkariert. Um diese Kritik mal etwas zu präzisieren:

    Warum müssen es eigentlich immer gefährlich aussehende und auf dunklen Welten lebende Aliens sein, die zu Radikalität, Extremismus und Kriegslust neigen? Wäre es nicht viel aussagekräftiger, wenn zur Abwechslung auch mal weniger fremdartig aussehende und auf einem hellen, wunderschönen Planeten lebende Humanoide den Verlockungen des Populismus erliegen? Dieser Dualismus von “heller” und “dunkler” Seite ist doch wirklich sowas von abgedroschen.

    Zudem ist mir sowohl die Darstellung von Populismus als auch die von Religion hier etwas zu unterkomplex. Populismus ist ein Politikstil, der sich in vielen verschiedenen Facetten und inhaltlichen Ausrichtungen äußern kann. In “The Orville” wird Populismus aber recht pauschal mit Extremismus gleichgesetzt, was ich aus politikwissenschaftlicher Sicht etwas undifferenziert finde. Ohne jeden Zweifel sind die Übergänge zwischen Populismus, Radikalismus und Extremismus fließend. Darin liegt ja auch die große Gefahr des Populismus, siehe US Capitol Riots (6. Januar 2021). Und dennoch befürwortet wahrscheinlich nicht jeder Populist auch öffentliche Hinrichtungen ohne vorherigen Gerichtsprozess. Aber genau das suggeriert die Episode zumindest unterschwellig, was sie somit leider auch etwas undifferenziert erscheinen lässt.

    Zudem erweckt die Episode stellenweise den Eindruck, dass sich Populismus einzig und allein aus Fake News und Demagogie speist. Dass es zusätzlich aber auch tatsächliche Missstände und entsprechendes Politikversagen sein können, die Populisten in die Hände spielen, wird hier nur unterschwellig gezeigt, nämlich in Gestalt der bettelarmen Krill auf den Straßen der Hauptstadt. Zur Wahrheit gehört hier eben auch dazu, dass das beste Mittel gegen Populismus gutes Regieren ist. Aber dieser Aspekt findet in “Gently Falling Rain” leider so gut wie keine Beachtung, weil man statt einer dialoglastigen Episode lieber die Krill-Version von “la terreur” gedreht hat.

    Meiner Meinung nach hat “Gently Falling Rain” das Phänomen Populismus nicht in Gänze erfasst.

    Auf der anderen Seite arbeitet Kunst natürlich auch mit dem Stilmittel der Übertreibung. Vermutlich soll die hier gezeigte Lynchjustiz illustrieren, wie es enden könnte, wenn man Worten auch entsprechende Taten folgen lässt. Donald Trump hat bekanntlich mal gesagt, dass er sich “auf die 5th Avenue stellen und jemanden erschießen” könne und er dennoch “keinen Wähler verlieren” würde. Interpretiert man die Hinrichtungsszene in diesem Kontext, dann kann ich die intendierte Botschaft nachvollziehen. Und dennoch hätte ich es gut gefunden, wenn die Folge an dieser Stelle etwas differenzierter gewesen wäre, zum Beispiel indem wenigstens ein kleiner Teil der Menge dagegen protestiert oder sich abwendet. Das hätte der Szene etwas mehr Subtilität und auch einen kleinen Hoffnungsschimmer verliehen, den ich in “The Orville” auch gerne wieder vermehrt sehen möchte.

    Eine ähnliche Kritik gilt auch für die Darstellung der Krill-Religion. Die Krill werden nahezu in Gänze als radikale Fundamentalisten dargestellt, was natürlich auf fundamentalistische Evangelikale in den USA anspielen soll. Auch hier hätte ich mir mehr religiöse Ausdifferenzierung gewünscht, denn auch in den USA – das vermutete “Vorbild” der Krill – ist die religiöse Landschaft enorm vielfältig. Und nicht jeder religiöse Mensch ist auch ein Fundamentalist. “The Orville” macht hier leider einen Fehler, den “Star Trek” lange Zeit auch gemacht hat. Alien-Völker werden viel zu uniform dargestellt, ohne dass man der Pluralität von Gesellschaften damit gerecht wird. In “Gently Falling Rain” betrifft diese Uniformität aber nicht nur den Habitus, sondern leider auch die Optik. Gerade in Sachen Krill-Mode ist das schon etwas phantasielos, was die Serie hier aufbietet. Natürlich gibt es auch bei den Krill die obligatorische progressive Widerstandsbewegung, aber in der Summe wird mir diese Kultur leider viel zu homogen und indifferent dargestellt.

    Bleibt noch das Thema “Abtreibung”, das durch die Entscheidung des U.S. Supreme Court am vergangenen Freitag noch einmal zusätzliche Aktualität erhält. Die Episode nimmt sich für meinen Geschmack auch hier viel zu wenig Zeit, um dieses Thema auch angemessen auszudiskutieren. All das geschieht nur so nebenbei binnen weniger Minuten. Gleichwohl kam mir die Darstellung des Dilemmas größtenteils recht ausgewogen vor. Einerseits wird der Aspekt der Selbstbestimmung herausgestellt, was staatliche Verbote somit zu illegitimen Eingriffen in die Privatsphäre macht. Auf der anderen Seite werden auch die Folgen von Abtreibung nicht unter den Teppich gekehrt, sondern sogar sehr direkt adressiert: Einem Kind wird die Chance auf ein Leben verwehrt. Und dennoch sollte man ein solch sensibles Thema nicht im Schnelldurchgang abhandeln. Ich fand die Folge hier bisweilen etwas pietätlos.

    Inszenierung

    Bei dieser Folge führte abermals Jon Cassar Regie, wodurch sich auch eine erfreuliche Kontinuität auf der inszenatorischen Ebene der Serie einstellt.

    Im visuellen Bereich spielt “The Orville” weiterhin im oberen Bereich mit, insbesondere die Skyline von Dalakos sieht einfach nur cool aus. Immer wieder aufs Neue beeindruckt bin ich von der Mischung aus echten Kulissen und visuellen Effekten, die nahtlos ineinander übergehen. Eine zumindest kleine Enttäuschung sind jedoch einerseits die monotonen Kostüme der Krill und andererseits auch die wenig beeindruckenden Straßenkulissen (grünes Licht), die stellenweise doch etwas ideenlos und auch billig wirken.

    Bild: The Orville 3×04 © 20th Television / Disney, 2022

    Für die Schwächen des Drehbuchs kann der Regisseur nichts, weshalb ich unter dem Strich auch sehr zufrieden damit bin, wie die Episode inszeniert wurde. Weder an den ruhigen Dialogszenen noch an den rasanten Actionsequenzen gibt es etwas auszusetzen. Dass ich Cassars eher konservative Art zu filmen schätze, habe ich ja bereits in den letzten beiden Reviews betont. Kurzum: Auf der inszenatorischen Ebene kann “Gently Falling Rain” abermals überzeugen.

    Charaktere

    Auf der Charakter-Ebene steht ganz eindeutig Captain Mercer im Mittelpunkt. Die Geschichte von “Gently Falling Rain” macht einen schönen Bogen zurück in die ersten beiden Staffeln und arbeitet mit einem Mercer-Handlungsstrang weiter, der enormes Potential besitzt. Das ungewisse Schicksal seines Kindes könnte für Mercer zu einer ähnlich emotionalen Hypothek werden wie Pikes Wissen um seine traurige Zukunft in “Strange New Worlds”. Zudem deutet die Episode auch an, dass Eds und Kellys persönliche Beziehung dadurch eine neue Wendung bekommen könnte.

    Ein Problem der aktuellen Staffel liegt sicherlich darin, dass deren Veröffentlichung wegen der Pandemie um rund zwei Jahre verschoben wurde, sodass die Pause von 2019 bis 2022 doch recht lange ausgefallen ist. Das hat zumindest bei mir dazu geführt, dass ich Teleya zunächst gar nicht als wiederkehrende Figur erkannt habe und sie folglich auch nicht dem Mercer-Arc zuordnen konnte. Das ist natürlich nicht die Schuld der Serie, aber es unterläuft in gewisser Weise eben auch die Intention der Episode, die Zuschauer mit einem bereits begonnenen Handlungsstrang abzuholen. Vielleicht hätte man zu Beginn der Episode noch einen kurzen Rückblick “Previously on ‘The Orville'” einbauen sollen, um dieses Problem zu vermeiden.

    Zudem muss ich gestehen, dass ich Telayas Weg in die Radikalisierung nicht besonders glaubhaft finde, auch wenn der Tod ihres Bruders natürlich eine nachvollziehbare Erklärung bietet. Ihr schneller politischer Aufstieg wirkt auch etwas konstruiert.

    Bild: The Orville 3×04 © 20th Television / Disney, 2022

    Die Szenen zwischen Mercer und seiner Tochter Anaya sind schön geschrieben und auch gut gespielt. Wobei Mercer hier fast schon zu abgeklärt wirkt, immerhin ist er gerade Vater geworden. An dieser Stelle fehlt Seth MacFarlane vielleicht doch das nötige schauspielerische Handwerkszeug.

    Wie ich oben schon bemängelt habe, ist das Motiv eines Kindes, dessen Eltern aus zwei verschiedenen (und verfeindeten) Welten kommen, auch nicht besonders einfallsreich. Zumal sich die Episode auch an dieser Stelle wieder viel zu wenig Zeit nimmt, um Anayas und Telayas Leben sowie Mercers Reaktion auf diese Enthüllung ausgiebig zu ergründen. Trotz 65 Minuten Laufzeit hetzt man hier leider nur so durch die verschiedenen Story-Aspekte. Mein Gefühl sagt mir, dass diese Geschichte in einer Doppelfolge (mit entsprechenden Flashbacks) deutlich besser erzählt worden wäre. Stoff genug wäre es sicher gewesen, vielleicht sogar für einen Dreiteiler à la “Die Heimkehr” / “Der Kreis” / “Die Belagerung” (DS9 2×01-03). Ich habe mich in Bezug auf Telaya und Anaya jedenfalls etwas “überrumpelt” gefühlt, hier wäre noch mehr Exposition wünschenswert gewesen.

    Neben Mercer darf sich auch Commander Kelly einmal mehr als fähige Raumschiffkommandantin profilieren. In den Anfangsminuten nimmt sich die Episode aber auch Zeit für die übrigen Hauptcharakter, wenn auch nur kurz und in einem humoristischen Saloon-Setting. Spaß hat es aber dennoch gemacht!

    Schlussbetrachtung

    Licht und Schatten charakterisieren Folge 4 der aktuellen Staffel. “Gently Falling Rain” erhebt den Anspruch, eine enorm gesellschaftskritische Episode zu sein, kann dieser Prämisse aber nicht vollumfänglich gerecht werden.

    Das liegt einerseits daran, dass die Episode einfach zu viele sozialkritische Narrative platziert, die in ‘nur’ 65 Minuten zu hastig abgearbeitet werden. Anstatt den im ersten Drittel eingeschlagenen, dialogzentrierten Ansatz konsequent fortzuführen, biegt die Episode unnötigerweise viel zu schnell auf den actionzentrierten Highway to Hell ab. Das Resultat ist eine weitere, wenig inspirierte Science-Fiction-Version der jakobinischen Schreckensherrschaft, in welcher die Antagonistin leider auch nicht besonders elaboriert wirkt.

    Hinzu kommt eine viel zu homogene Darstellung der Krill-Kultur sowie eine etwas oberflächliche Auseinandersetzung mit dem vielschichtigen Phänomen “Populismus”, die dann doch wieder viel zu schnell zu einer Extremismus-Kritik mutiert. Von einer Science-Fiction-Serie, die sich selbst in der Tradition des “klassischen Star Trek” (Seth MacFarlane) sieht, erwarte ich an dieser Stelle einfach mehr. Die Spaltung der US-Gesellschaft hat gewiss identitätspolitische Ursachen, aber eben auch ökonomische und soziale. Und letztere beiden Aspekte kommen in dieser Episode einfach viel zu kurz, auch wenn sie an einigen wenigen Stellen zaghaft angedeutet werden. Wenn “Gently Falling Rain” als Sozialkommentar bezüglich der zeitgenössischen US-Gesellschaft gedacht war, dann ist die Folge leider viel zu oberflächlich geraten.

    “Gently Falling Rain” ist der Erinnerung an Lisa Banes (1955-2021) gewidmet, die in “The Orville” die Rolle der Senatorin Speria Balask verkörperte. In “Star Trek: Deep Space Nine” spielte sie 1994 die Rolle der Trill-Wissenschaftlerin Doktor Renhol (DS9 3×04 “Das Equilibrium”).

    Lisa Banes (1955-2021) Bild: The Orville 3×04 © 20th Television / Disney, 2022

    Lisa Banes kam am 4. Juni 2021 bei einem Unfall in New York City ums Leben. Der Unfallverursacher beging Fahrerflucht, konnte zwei Monate später aber doch noch verhaftet und angeklagt werden.

    Episodeninfos

    SerieThe Orville: New Horizons
    Episoden-Nr.30 (Staffel 3, Folge 4)
    OriginaltitelGently Falling Rain
    Deutscher TitelSanft fallender Regen
    DrehbuchAndré Bormanis & Brannon Braga
    RegieJon Cassar
    US-Erstausstrahlung23. Juni 2022
    DE-Erstausstrahlung24. Juni 2022
    Laufzeit65 Minuten

    Bewertungsübersicht

    Handlung
    Dialoge
    Charakterentwicklung
    Action & Effekte
    Spannung
    Humor
    Anspruch

    Fazit

    "Gently Falling Rain" biegt ungefähr nach der Hälfte leider falsch ab und lässt somit die Gelegenheit aus, eine perfekte Episode zu werden. Und dennoch bleibt "The Orville" weiterhin deutlich über der 3-Sterne-Marke.
    Matthias Suzan
    Matthias Suzan
    Seine Leidenschaft für "Star Trek" begann 1994 mit "The Next Generation". Es sind vor allem die anthropologischen, gesellschaftlichen und politischen Themen des Trek-Universums, die ihn faszinieren. Seit 2017 ist Matthias Teil der TZN-Redaktion.

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    3 Kommentare

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    Herzlichen Dank für diesen Kommentar. Habe selten eine argumentativ so fundierte Kritik gelesen … habe den Bruch in der Folge ebenso empfunden und bedauert.

    Den Termin der Vertragsunterzeichnung auf dem Wahltag empfinde ich keinesfalls als Plothole. Erstens bestimmt der Gastgeber den Termin und nicht die Gäste, und zweitens traut man es dem Großkanzler durchaus zu, dass er ein eitler Geck ist, der gerne seine Gäste live vor Ort mit seinem triumphalen Wahlsieg beeindrucken möchte.

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