Die Crew der Enterprise untersucht ein weißes Loch, als Lieutenant Uhura einen Funkspruch auffängt, der aus einer fremdartigen Musik besteht. Unmittelbar wird das Schiff von einer Turbulenz getroffen, die das Schiff beschädigt. Kurz darauf hört sie einen verzweifelt klingenden Funkspruch von Scotty, der jedoch anderswo auf dem Schiff unverletzt Reparaturen durchführt. Uhura hegt bald den Verdacht, dass sie ein Ereignis aus der Zukunft mitgehört habe. Auf der Suche nach der Quelle des Signals gelingt es ihr, mit ihrem zukünftigen Selbst Kontakt aufzunehmen, um einen Plan zu schmieden, wie Scotty gerettet werden kann.
Was meinen wir mit “spoilerfrei”?
Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen dazu, was “spoilerfrei” bedeutet. Damit ihr selbst entscheiden könnt, ob ihr die Rezension vorab lesen möchtet, machen wir hier transparent, was wir darunter verstehen:
- Wir verraten keine wichtigen und unerwarteten Wendungen der Handlung bzw. Informationen über die fiktiven Welt und ihre Figuren.
- Was im Vorfeld durch Vorschauclips und Trailer gezeigt wird, ist kein Spoiler.
- Was im Cold Open (vor dem Vorspann) bzw. im ersten Akt (bei Episoden ohne Cold Open) passiert, ist kein Spoiler.
- Handwerklichen Aspekte (Schauspiel, Drehbuch, Bühnenbild, Soundtrack, Spezialeffekte) sind keine Spoiler, sofern sie nichts Wichtiges über die Handlung verraten.
Tomorrow’s Enterprise
Das Finale der vierten Staffel von »Star Trek: Strange New Worlds« stammt aus den Federn von Henry Alonso Myers und Robbie Thompson. Die Inszenierung übernahm Regisseur Chris Fisher.

Die Prämisse von »Tomorrow’s Enterprise« ist eine clevere Zeitreisegeschichte, die in diesem Format für »Star Trek« vergleichsweise unverbraucht wirkt. Wie üblich ist das Setup der Episode nicht besonders elegant konstruiert, doch sobald die Prämisse steht, entfaltet die Folge in ihren ersten Akten eine durchaus faszinierende Handlung. Ein Jahr voneinander getrennt arbeiten die beiden Versionen von Uhura geschickt zusammen – einige der cleversten Szenen der Episode entstehen auf diese Weise.
Leider verliert das Drehbuch in der zweiten Hälftel an Fahrt, und die ursprüngliche Prämisse wird stark modifiziert. Stattdessen entwickelt sich eine Gemengelage, die ein wenig an »Parallels« oder »All Good Things…« erinnert. Die Auflösung ist über alle Maßen konfus: Sie wirft nicht nur die bis dahin etablierte interne Logik der Episode über Bord, sondern entschäft das zentrale Plotproblem mit einer wenig originellen Deus-ex-machina-Lösung.
Wirklich bedauerlich ist, wie wenig sich die Autoren für die wissenschaftliche Grundlage der real existierenden Weltraumphänomene interessieren, mit denen die Folge arbeitet. Schwarze Löcher sind ein reales Phänomen der Astrophysik, das in dieser Episode unnötig trivialisiert wird. Es wäre ein Leichtes gewesen, eine andere Art von Anomalie einzuführen, die über die für die Handlung notwendigen Eigenschaften verfügt, ohne grundlegende astrophysikalische Erkenntnisse zu ignorieren. Dasselbe gilt für die etablierte Technologie der Enterprise: Dass Scotty Energie in den Warpkern (nicht den Warpantrieb) leiten muss oder Uhura in der Shuttlerampe einen Raumanzug anzieht, das Schiff jedoch auf der gegenüberliegenden Seite verlässt, sind unnötige und vermeidbare Schnitzer.
Gestern, heute, morgen auf derselben Enterprise
Der Titel der Episode ist eine Anspielung auf »Yesterday’s Enterprise«, eine legendäre Folge von »Star Trek: The Next Generation«, die beispielhaft für die hohe Qualität steht, die die Serie ab ihrer dritten Staffel immer wieder erreichte. »Yesterday’s Enterprise« gilt bis heute als Lehrstück dafür, wie eine »Star-Trek«-Folge im besten Fall epische Erzählung, charakterbasiertes Drama, High-Concept-Science-Fiction und spannungsgeladene Inszenierung perfekt in Einklang bringen kann. Der Zeitreiseplot ist dabei denkbar einfach konstruiert:

Die Enterprise-C wird bei der Verteidigung des klingonischen Außenpostens Narendra gegen eine romulanische Übermacht in die Zukunft geschleudert, woraufhin sich der Lauf der Geschichte dramatisch verändert. Die Föderation und das Klingonische Reich sind keine Verbündeten mehr, sondern befinden sich in einem Krieg, den die Föderation zu verlieren droht. Eine Intuition von Guinan legt das Dilemma nahe, die schwer beschädigte Enterprise-C zurück in die Vergangenheit – und damit in den sicheren Untergang – zu schicken, um die Chance auf eine bessere Gegenwart zu wahren.
Im direkten Vergleich wirkt »Tomorrow’s Enterprise« zahm und konfus. Einerseits ist es begrüßenswert, dass nicht das Schicksal des gesamten Quadranten auf dem Spiel steht, sondern »nur« Scottys Leben. Andererseits wirkt dessen möglicher Tod wie ein MacGuffin, der kaum Auswirkungen auf den Rest der Episode hat. Die Dynamik wäre vielleicht überzeugender gewesen, wenn der staffelübergreifende Handlungsbogen der Frenemie-Beziehung nicht zwischen Ortegas und Scott sondern zwischen Uhura und Scotty angesiedelt worden wäre. Stattdessen zaubert die Episode aus dem Nichts eine Romanze zwischen den beiden Figuren hervor, um die emotionale Fallhöhe für Uhura zu erhöhen.

Auch wer zum 60. Geburtstag von “Star Trek” ein episches, Generationen-umspannendes Abenteuer unter Beteiligung von Alan Rucks Captain John Harriman auf der Enterprise-B oder Jeri Ryans Captain Seven von der Enterprise-G erwartet hat, geht leider leer aus. Nicht einmal eine budgetfreundliche Geschichte, die mit Sets aus “Discovery” oder “Starfleet Academy” und unbekannten Darsteller:innen eine Enterprise des 32. Jahrhunderts in Spiel gebracht hätten, war für’s Staffelfinale drin. Mit der Anlehnung des Titels an das legendäre »Yesterdays’s Enterprise« haben sich Myers und Thompson Stiefel aus dem Regal geholt, die eindeutig eine Nummer zu groß waren.
Wie viele Folgen dieser Staffel stellt »Tomorrow’s Enterprise« die Entwicklung eines Charakters in den Vordergrund, hier Lt. Uhura. Das Drehbuch kontrastriert die beiden Versionen der Figur plakativ. Das wirkt jedoch unbeholfen und steif, da die beiden Uhuras nur ein Jahr voneinander trennen. Zudem erfahren die Zuschauenden über diese Entwicklung nicht viel mehr, als in Exposition mitgeteilt wird – auch diese Folge verstößt wie gewohnt gegen die Faustregel »Show, don’t tell«. Abgesehen davon, dass der behauptete Kontrast zwischen den beiden Uhuras aufgrund des geringen zeitlichen Abstands kaum nachvollziehbar ist, widerlegt auch Uhuras abgeklärte Täuschung in »Orders of Magnitude« eine der zentralen Prämissen des Drehbuchs: dass der frisch gebackene Lieutenant nicht bluffen könne.
Es tut der Geschichte im Übrigen auch nicht gut, dass analog zu »Lost in Translation« die Crews gleich zweier Raumschiffe Enterprise auf der Suche nach neuem Lebn und neuer Zivilisation die längste Zeit nichts mit der Musik anfangen können, die beide Uhuras am Anfang der Episode empfangen, oder dass Captain Pike keine Verantwortung für die Manipulation der Leitlinie wahrnimmt, die sich auf seinem Schiff entwickelt, sondern Uhura gewähren lässt, als handle es sich um ihre Privatangelegenheit.
So verschwendet das Staffelfinale von »Tomorrow’s Enterprise« viele gute Ansätze und Potenzial für eine spannende Science-Fiction-Geschichte, um am Ende einen weitgehend unnötigen und unzutreffenden Kommentar zur Charakterentwicklung Uhuras abzugeben. Bevor es so weit ist, zieht die Folge das Publikum jedoch mit einem spannenden Geheimnis und einer gelungenen Inszenierung in ihren Bann.
Mit Rücksicht auf die Leser:innen, die die Episoden noch nicht gesehen haben, bitten wir in den Kommentaren zu diesem Beitrag auf Spoiler zu verzichten. Danke!
