Die Enterprise ist auf dem Weg zu einer Überholung, und die Crew freut sich auf etwas dienstfreie Zeit. Doch während des Transits gerät das Schiff in einen Slipstream, der diverse Systeme beschädigt und Doktor M’Benga schwer verletzt. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: Die Enterprise droht durch die zunehmende Beschleunigung in weniger als einer Stunde zerstört zu werden.
Was meinen wir mit “spoilerfrei”?
Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen dazu, was “spoilerfrei” bedeutet. Damit ihr selbst entscheiden könnt, ob ihr die Rezension vorab lesen möchtet, machen wir hier transparent, was wir darunter verstehen:
- Wir verraten keine wichtigen und unerwarteten Wendungen der Handlung bzw. Informationen über die fiktiven Welt und ihre Figuren.
- Was im Vorfeld durch Vorschauclips und Trailer gezeigt wird, ist kein Spoiler.
- Was im Cold Open (vor dem Vorspann) bzw. im ersten Akt (bei Episoden ohne Cold Open) passiert, ist kein Spoiler.
- Handwerklichen Aspekte (Schauspiel, Drehbuch, Bühnenbild, Soundtrack, Spezialeffekte) sind keine Spoiler, sofern sie nichts Wichtiges über die Handlung verraten.
Off-Hour
Bei “Off-Hour” handelt es sich um ein Remake der “Star Trek: The Next Generation”-Episode “Disaster“. Die Folge stammt aus der Feder von Bill Wolkoff und wurde von Regisseur Dan Liu inszeniert. Doch auch diese Episode ist keine bloße Rückbesinnung auf alte Tugenden, sondern reiht sich in die Serie von Hommagen ein, die diese Staffel prägen. Denn “Disaster” ist nicht die einziger oder gar entscheidende Inspiration! Die Wahl der Vorlage könnte für “Star Trek” kaum befremdlicher sein, denn dieses Mal dient unverkennbar die Serie “24” als Vorbild.

Echtzeitkatastrophe
“Off-Hour” wird immer wieder von einer groß eingeblendeten, laut tickenden Digitalanzeige des Schiffschronometers begleitet – dem markanten Erkennungsmerkmal von “24”. Zudem greift die Folge den visuellen Kniff der Split-Screen-Einstellungen auf, der ebenfalls ikonisch für die Agentenserie war.
Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein. Schließlich haben viele gelungene “Star Trek”-Abenteuer eine implizit oder explizit tickende Uhr im Hintergrund, die den Plot vorantreibt – nicht zuletzt “Disaster”, das seinerseits eine erfolgreiche Hommage an Katastrophenfilme der 1980er- und 1990er-Jahre darstellt.
In den vergangenen Wochen haben wir im Rahmen anderer Genre-Mixe bereits diskutiert: Der Erfolg einer Hommage hängt letztlich davon ab, ob die Vorlage unreflektiert imitiert oder ob sie genutzt wird, um etwas Originelles aus “Star Trek” herauszuholen. Das Publikum ist vor allem an einer guten Folge von “Strange New Worlds” interessiert – und hieran ist die vierte Staffel bisher weitgehend gescheitert.
“Off-Hour” ist alles andere als perfekt, macht aber mehr richtig als die teils unerträglichen Vorgängerfolgen. Das Katastrophenszenario wirkt trotz einiger logischer Brüche zunächst stimmig für “Star Trek”, ebenso wie die groben Handlungsstränge, in denen die Crew versucht, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Die Inszenierung hingegen überzeugt nicht. Unklar bleibt, welche Unzulänglichkeiten darauf zurückzuführen sind, dass tonal “24” nachempfunden werden sollte, und was schlicht handwerkliche Mängel sind. Während die visuellen Effekte des Naturspektakels außerhalb der Enterprise ein dramatisches Bild der Lage zeichnen, zeigen die Realfilm-Sequenzen ein weitgehend hell erleuchtetes und kaum beschädigtes Schiff. In Dialogen wird zwar immer wieder betont, wie schwer die Enterprise ramponiert sei – doch visuell wird diese Dringlichkeit kaum vermittelt. Der tickenden Uhr stehen kaum Bilder gegenüber, die die Bedrohung unterstreichen.
Eine Ausnahme bildet die Darstellung von Verletzungen, die die Serie weiterhin explizit zeigt. Auch in “Off-Hour” gibt es Szenen, die für junge oder sensiblere Zuschauer:innen ungeeignet sein dürften. Ob dies ein Versuch ist, “24” zu imitieren, oder einfach die Fortsetzung eines unerfreulichen Trends, bleibt offen.
Ebenfalls an “24” erinnernd ist der Konflikt im B-Plot zwischen Chapel und M’Benga. Die beiden geraten zu Beginn der Folge in einen ungewöhnlich scharfen und verbitterten Streit. Eine unerwartete Gastrolle verschärft die Situation zusätzlich. Wo in all dem Gene Roddenberrys Vision einer weiterentwickelten Menschheit bleibt, ist nicht ersichtlich. Bezeichnend ist, dass unklar bleibt, ob die harten Dialoge dem generell niedrigen Drehbuchniveau dieser Staffel oder dem missglückten Versuch einer Hommage an die testosterongeladenen Dialoge von “24” geschuldet sind.
24 schlechte Gründe
Wer in den 2000er-Jahren unter einem Stein gelebt hat, dem sei die Vorlage und ihre Rezeptionsgeschichte kurz erklärt: In “24” versucht die Counter Terrorist Unit (CTU) der US-Regierung, in jeder Staffel einen neuen Terroranschlag zu vereiteln. Special Agent Jack Bauer und seine Kolleg:innen jagen die “Feinde der Freiheit” dabei in 24 Episoden, die – abzüglich Werbeunterbrechungen – in Echtzeit einen ganzen Tag pro Staffel abbilden.

Zimperlich geht es dabei post-9/11 nicht zu. Bürgerliche Rechte und ordnungsgemäße Verfahren gelten als Luxus der 90er. In “24” treten Figuren auf, die noch genug “Mumm” haben, um als Ankläger:innen, Folterknechte, Richter:innen, Geschworene und notfalls Henker:innen mit dem “fiesen Migranten von nebenan” und seinen Terrorkumpanen fertigzuwerden. Die Institutionen sind entweder von inkompetenten oder korrupten Funktionär:innen unterwandert, auf deren Konto am Ende die Hälfte aller Anschläge geht.
Fragt man mich, worin die Antithese zu “Star Trek” in der modernen Popkultur besteht, wäre “24” mit Sicherheit in den Top 5. Die Serie verkörpert wie kaum eine andere den Wandel des Zeitgeists nach dem 11. September – oder besser gesagt: wie dieser aus einer bestimmten Ecke des politisch-sozialen Spektrums gelenkt werden sollte. “24” ist nicht nur eine frühe Zuspitzung des durchserialisierten Erzählens zu Beginn des “Goldenen Zeitalters” des Fernsehens, sondern auch ein im Kern zynisches Produkt der Unterhaltungsindustrie.
Die Serie reduziert moralische Fragestellungen auf Nullsummenspiele und stellt Folter als normalen und effektiven Modus Operandi für Bauer und die anderen CTU-Ermittelnden dar. Zudem bedient sie sich ungeniert an Stereotypen über Minderheiten. “24” diente nicht nur dem Publikum als Anschauungsmaterial dafür, warum bürgerliche Freiheiten im “Kampf gegen den Terror” eingeschränkt werden müssten. Selbst der konservative Verfassungsrichter Antonin Scalia verwies öffentlich auf Jack Bauers Abenteuer, um zu begründen, warum Strafverfolgungsbeamt:innen in Krisenzeiten mehr “Beinfreiheit” bräuchten.
Ich halte es für naiv zu glauben, man könne das Stilmittel der tickenden Uhr und des Split-Screens von der ideologischen Prägung der Serie trennen. “24” ist in Ton und Haltung so diametral anders als “Star Trek”, dass die Energie der Dialoge und die innere Einstellung der Figuren schlicht nicht in den Erzählkosmos passen. Selbst wenn man die fragwürdige Botschaft und Wirkungsgeschichte von “24” ignoriert, bleibt die Frage: Wie konnte man diese Serie für eine gelungene Vorlage für eine “Star Trek”-Hommage halten?
Die Kombination passt so wenig zusammen, dass ich in der ersten Hälfte der Folge gar nicht verstand, was ich da eigentlich sah. Stattdessen fragte ich mich nur: “Warum ist diese Uhr so groß, und warum tickt sie so nervig laut?” “Star Trek” und “24” bewohnen normalerweise so weit voneinander entfernte Bereiche meines Gehirns, dass meine Neuronen schlicht nicht zusammenfinden wollten. Als der Groschen endlich fiel, stieg eine immense Wut in mir auf. “Off-Hour” ist die erste Folge von “Strange New Worlds”, die ich beim ersten Anschauen unterbrechen und für einige Minuten laut fluchend beiseitelegen musste.
Wie um alles in der Welt kann man 2026 eine Hommage an eine Serie für eine gute Idee halten, die bestenfalls als Symbol für das Othering von andersgläubigen und andersaussehenden Menschen und schlimmstenfalls als Propaganda für reale Gräueltaten – von Guantánamo bis Abu Ghraib – in Erinnerung geblieben ist? Mir fehlen die Worte. Zwar nicht zum ersten Mal, aber ich bin immer wieder fassungslos, welche Blüten “Star Trek” unter Alex Kurtzman treiben konnte.
Natürlich muss man relativieren: Im Gegensatz zu Folgen wie “Terra Firma, Part II“, “The Last Generation“ oder kürzlich “Valles Marineris“ bagatellisiert “Off-Hour” nicht explizit Menschenrechtsverletzungen oder Völkermord. Und im Gegensatz zu Archer in der dritten Staffel “Enterprise” erleben wir hier keine Figur, die den Bauer raushängen lässt. Dennoch hat sich die Produktion entschieden, viel kreative Energie und Budget in die Hommage an ein Stück Popkultur zu investieren, dessen Ideologie das genaue Gegenteil einer humanistischen Utopie verkörpert. Hätte man diese Energie stattdessen in die eigentlich robuste Prämisse des Plots gesteckt, wäre vielleicht sogar eine brauchbare “Star Trek”-Folge ohne riesige Plotlöcher und mit stringenter Inszenierung entstanden – eine, die ausnahmsweise einmal auf eigenen Beinen gestanden hätte.
Mit Rücksicht auf die Leser:innen, die die Episoden noch nicht gesehen haben, bitten wir in den Kommentaren zu diesem Beitrag auf Spoiler zu verzichten. Danke!

Astreine Kritik. Wieder mal ein SNW Bauchplatscher, ich bin nicht überrascht.
Lieber Herr Kurz! Ich habe die Folge noch nicht gesehen, kann sie daher qualitativ nicht einordnen, aber 0,5 Sterne für “eine durchschnittliche Folge, mit Schwächen bei der Inszenierung und Stringenz des Drehbuchs” zu vergeben, nur weil eine persönliche Disonanz zu “24” bestehen, finde ich übertrieben. Sicher dürfen und sollen Rezensionen subjektiv sein, aber das Subjektive sollte sich am Objektiven orientieren. Eine Aussage wie “Die Figurendarstellung und die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern ist für mich nicht überzeugend, weil …” ist subjektiv, aber auf eine andere Art als “Ich lehne die Hommage an eine bestimmte Serie ab, also werte ich die… Weiterlesen »
Hallo Alexis, danke für das Feedback. Das ist sicher ein legitimer Standpunkt. In völliger Ignoranz von “24” hätte ich vermutlich 3 Sterne vergeben. Der Fairness halber habe ich den Grund für die Abwertung transparent gemacht, statt künstlich nach Vorwänden zu suchen, um die Folge “niederzuschreiben”. Ich gehe davon aus, dass es anderen Rezensenten und Teilen des Publikums egal sein wird, bzw. das es auch einen Schnitt von “24”- und “Star Trek”-Fans geben kann, die die Folge feiern werden. Ich komme aber nicht dran vorbei, dass zum Erbe von “24” auch gehört, dass z.B. Amnesty International einen “Jack Bauer Effekt” attestiert,… Weiterlesen »