Pike erwacht mit einem Kopfverband auf der Krankenstation. Laut M’Benga wurde er bei einem Shuttleunfall verletzt, kann sich jedoch weder daran noch an die übrigen Ereignisse der letzten zwei Wochen erinnern. Spock liegt im Biobett neben ihm – mit einer schweren Herzverletzung im Koma. Chapel und M’Benga irritieren Pike durch ihren unnatürlich dramatischen Duktus, das Schiff durch eine ungewöhnliche Beleuchtung und Geräuschkulisse. Pike vermutet eine holografische Simulation oder eine Anomalie hinter der merkwürdigen Szenerie. Tatsächlich steckt Trelane dahinter, der im Auftrag des Q-Kontinuums eine Seifenoper inszeniert.
Was meinen wir mit “spoilerfrei”?
Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen dazu, was “spoilerfrei” bedeutet. Damit ihr selbst entscheiden könnt, ob ihr die Rezension vorab lesen möchtet, machen wir hier transparent, was wir darunter verstehen:
- Wir verraten keine wichtigen und unerwarteten Wendungen der Handlung bzw. Informationen über die fiktiven Welt und ihre Figuren.
- Was im Vorfeld durch Vorschauclips und Trailer gezeigt wird, ist kein Spoiler.
- Was im Cold Open (vor dem Vorspann) bzw. im ersten Akt (bei Episoden ohne Cold Open) passiert, ist kein Spoiler.
- Handwerklichen Aspekte (Schauspiel, Drehbuch, Bühnenbild, Soundtrack, Spezialeffekte) sind keine Spoiler, sofern sie nichts Wichtiges über die Handlung verraten.
Like Chronitons Through the Hourglass
Der nächste Genreausflug von »Strange New Worlds« stammt diese Woche aus der Feder von Dana Horgan und Bill Wolkoff nach einer Inszenierung von Anna Dokoza. Auch nach der Halbzeit der Staffel erwartet die Zuschauer:innen jede Woche eine neue Hommage an ein mehr oder weniger von »Star Trek« erschlossenes Genre. Zwar drängt sich der Vergleich zu Seifenopern sowohl textimmanent als auch durch einen prominenten Gaststar auf, doch persönlich musste ich zunächst eher an Filme wie »Die Truman Show« und »Free Guy« denken. Da Pike von der ersten Minute an bewusst ist, dass etwas mit dem Schiff nicht stimmt (»Sind wir wieder zurück im Musical?«), dreht sich der A-Plot zunächst um die vierte Wand.

Trelane versucht, Pike sein Experiment schmackhaft zu machen, indem er argumentiert, dass zwischen all den Weltraumabenteuern zu wenig Zeit bleibe, um sich mit den inneren Gefühlswelten der Crew zu beschäftigen – eine Diagnose, der ich nach fast vier Staffeln »Strange New Worlds« nicht zustimmen würde. Tatsächlich stellt Pike ein großes Problem für Trelane dar: Aus unerklärlichen Gründen ist er die einzige Person an Bord der Enterprise, die sich der Veränderungen bewusst ist. Damit gefährdet er nicht nur das Gelingen von Trelanes Experiment, sondern auch das Wohlwollen des Q-Kontinuums – mit ungewissen Folgen für die Enterprise.
Dieses Setup rechtfertigt, dass Pike sich widerwillig darauf einlässt, seine Rolle in den absurden Handlungssträngen der Episode zu spielen. Doch nicht nur er muss mit den Tropen einer Seifenoper kämpfen: Alle Protagonist:innen sind in mehr oder weniger kitschige Konflikte verstrickt.
Der Titel der Episode ist eine Anspielung auf den Intromonolog der Seifenoper »Days of Our Lives«, in dem es heißt: »Like sands through the hourglass, so are the days of our lives.« Um »Strange New Worlds« mit echter Genre-Prominenz zu adeln, tritt in einer Gastrolle als Schiffscounsellor Deidre Hall auf, die seit einem halben Jahrhundert (mit Puasen) in »Days of Our Lives« die Rolle der Marlena Black verkörpert.
Die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest
Obwohl ich der Prämisse zunächst sehr skeptisch gegenüberstand, weckte die Episode anfangs überraschend viel Appetit auf mehr. Die erste Konfrontation zwischen Trelane und Pike ist toll gespielt und zeigt viel Potential für eine ähnlich unterhaltsame Dynamik wie zwischen dem legendäre Duo Q und Picard. Durch Pikes Perspektive gewinnt die Geschichte zudem schnell den dringend benötigten Abstand, um über sich selbst zu reflektieren und den Fokus darauf zu legen, wie Pike den Trickster Trelane überlisten könnte.

Im weiteren Verlauf scheinen Horgan und Wolkoff jedoch davon überzeugt zu sein, diese für »Star Trek« durchaus passende Handlung fallen zu lassen und stattdessen mit ihrer Seifenopern-Prämisse auf dem Weg zu erzählerischem Gold zu sein. Dies ist aber ein schicksalshafter Irrglaube. Pikes Bemühungen laufen letztlich ins Leere, Trelane wird zum narrativen Feigenblatt für die Prämisse der Folge degradiert, und die Episode verliert sich in dramaturgisch absurden Handlungssträngen und überzeichneten Darstellungen, die vorwiegend Fremdscham hervorrufen. Trelane – und scheinbar auch Horgan, Wolkoff und Dokoza – halten dies für dringend notwendige emotionale Arbeit, zu der die Figuren sonst nicht kämen. Merkwürdigerweise darf das Publikum jede Woche über Gebühr daran teilhaben.
Wie schon in den Eskapaden der vorherigen Episoden steht auch hier eindeutig Stil über Substanz. »Like Chronitons Through the Hourglass« funktioniert weder als Hommage noch als Persiflage – und schon gar nicht als »Star Trek«. In einer Serie, in der das Gefühlsleben der Figuren ohnehin mindestens genauso viel Raum einnimmt wie die Science-Fiction-Plots (sofern diese überhaupt auffindbar sind), wirkt eine Folge wie diese einfach nur wie mehr desselben – nur schlechter.
Auch wenn Pike sich dem direkten Einfluss Trelanes entzieht, erlebt er gegen Ende der Episode einen läuternden Moment, der den Höhepunkt der Handlung markieren soll und gleichzeitig das Ende von Trelanes Experiment markiert. Allein aufgrund der Erzählstruktur und des Pathos muss ich davon ausgehen, dass die Autor:innen glauben, hier etwas Ähnliches wie das Finale von »Tapestry«, »The Inner Light« oder »All Good Things« geschaffen zu haben: einen tiefgründigen Moment, der essenziell für das Verständnis und die Entwicklung mindestens Pikes – wenn nicht gar aller Hauptfiguren – sei. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.
Es handelt sich um einen unverdienten Moment – sowohl für die Episode als auch für die Figur. Horgan und Wolkoff stochern auf der Suche nach einer Zielgerade für ihr Seifenkistenrennen in Pikes Vergangenheit herum und kramen die letzten Minuten von »New Life and New Civilizations« hervor, die ihrerseits bereits ein enttäuschender Abklatsch von »The Inner Light« waren.
Den Vogel schießt in dieser Szene eine unironisch vorgetragene Dialogzeile ab, die der größte metaphysischen Unsinn sein muss, den ich in letzter Zeit gehört habe: “Just because it didn’t happen, doesn’t mean, it wasn’t real.” Oder zu deutsch: “Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt.” Schlechtere Ideen sind in Zeiten von Polarisierung und Deepfakes rar.
Dieser “Höhepunkt” fällt wie üblich als Deus ex machina vom Himmel – interessanterweise äußert Trelane sogar explizit, dass er dieses Szenario gar nicht beabsichtigt habe. Böse Zungen würden behaupten, dass auch dies die vierte Wand durchbricht und ein Geständnis der Autor:innen darstellt, die zu diesem Zeitpunkt offenbar längst jede innere Logik haben fahren lassen. Denn nichts davon ist eine nachvollziehbare emotionale Reise für Pike, nichts davon steht in sinnvollem Zusammenhang mit dem Rest der Episode, und nichts davon bietet irgendeine profunde oder gar provokante Erkenntnis.
Mit bereits sieben durchwachsenen Episoden ist »Star Trek: Strange New Worlds« auf dem besten Weg, die zweiten Staffeln von »Discovery« und »Picard« noch zu unterbieten und dem Franchise zum 60. Jubiläum einen absoluten Tiefpunkt zu bescheren.
Mit Rücksicht auf die Leser:innen, die die Episoden noch nicht gesehen haben, bitten wir in den Kommentaren zu diesem Beitrag auf Spoiler zu verzichten. Danke!

Das sind so die Momente wo ich von Herzen sagen kann. Ich Hasse New Trek.