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Julian Wangler (jw), Martin Weinrich (wc)02.04.09

"Einzelschicksale"

Keith R.A. DeCandido

Vorbemerkung

Erinnert sich noch jemand an "Articles of the Federation"? Es war ein Roman, der einen Blick in die politische Machtzentrale der Föderation warf, indem er die frisch gewählte Präsidentin Nanietta Bacco begleitete, aber auch Akteure der politischen Kultur in der Föderation nicht vergaß. Es war ein Konglomerat kleiner Geschichten mitten in der großen Geschichte um die Diskussions- und Entscheidungsmechanismen der Planetenallianz.

Das Ganze war nicht unumstritten: Manch einer fremdelte mit dieser Darstellung des "Star Trek"-Universums, tauche das Buch doch zu sehr in die Niederungen wirklicher Politik - insbesondere der US-amerikanischen - ab, andere Leser zeigten sich begeistert, dass endlich einmal jemand versuchte, die Funktionslogik des Politischen in "Star Trek" zu erklären, um am Ende festzustellen: Auch in einer vermeintlich utopischen Planetenföderation ist das alltägliche Regierungsgeschäft ein zähes Ringen, angefüllt mit Intrigen und Tücken, mit Lobbyismus, kleinen Fort- und vielen Rückschritten.

Wie auch immer: Seit "Articles of the Federation" im Jahr 2005 erschien, lässt eine Fortsetzung auf sich warten. Obwohl der Roman eingebettet war in das Trek-Book-Universum der "Second Decade" von TNG und "Titan" und die Geschichte auf seine Weise vorantrieb (es wurden vor allem die Nachwehen des Shinzon-Staatsstreichs thematisiert sowie eine nicht unerhebliche politische Zellteilung im Romulanischen Sternenimperium), sah es danach aus, als würde diese spezielle erzählerische Linie verschüttet oder von Anfang an nur als Eintagsfliege vorgesehen worden sein.

Das Jahr 2009 belehrt uns eines Besseren. In Zeiten der realen und globalen Krise nimmt "Articles of the Federation"-Autor Keith R.A. DeCandido wieder den Stift in die Hand und beschert uns einen Quasi-Fortsetzungsroman seines Politthrillers - und der handelt seinerseits von einer gewaltigen und sehr weit reichenden Krise.

Inhalt

Mitte 2381. Die Föderation leidet unter den schrecklichsten Verwüstungen aller Zeiten, seitdem die Borg eine Invasion starteten, die das Ziel hatte, die Planetenallianz ein für allemal auszulöschen. Zwar gelang es im Rahmen der überaus komplexen "Destiny"-Trilogie - wir erinnern uns: einem Crossover aus TNG, DS9 und "Titan" -, das Kollektiv mit Blut, Schweiß und Tränen in die ewigen Jagdgründe zu schicken, aber was diese Auseinandersetzung hinterlässt, schickt sich an, den Dominion-Krieg rückwärtig als "warm-up act" erscheinen zu lassen.

So wie der TNG-Roman "Before Dishonor" mit einer ehernen Trek-Book-Regel brach, indem er mit Kathryn Janeway einen zentralen Protagonisten ins Jenseits beförderte, setzte "Destiny" einen obendrauf: Gleich eine Vielzahl von aus Film und Fernsehen bekannten Welten und Gastcharakteren wurden den Borg geopfert. Noch nie zuvor hat sich das literarische "Star Trek"-Universum so stark von seiner Vorlage emanzipiert. Und hier wären wir: Mitten im Chaos, das selbst vor Kernwelten wie Vulkan oder Andoria nicht Halt gemacht hat, ebenso wenig vor anderen Mächten im Quadrantengefüge.

Die desolate Lage diktiert wieder einmal die Bedingungen: Mehr denn je zuvor sind Föderation und ihre mehr oder minder gebeutelten Nachbarn dazu gezwungen, miteinander zu kooperieren. Doch überall lauern Gefahren für den Frieden, weil es im vitalen Interesse jeder Nation liegt, "stärker aus der Krise herauszukommen als man hineingegangen ist". "A Singular Destiny" ist so gesehen eine leicht akzentversetzte Fortführung von "Articles of the Federation".

Es zeichnet zunächst eine Collage der allgemeinen Verwüstungen, macht sie vorstellbarer, zeigt aber auch auf, welche politkulturellen Veränderungen die gewaltige Borginvasion bewirkte. So tragen auf dem Planeten Ardana nach der Rettung durch einen romulanischen Kreuzer plötzlich alle den romulanischen Haarschopf - oder der Planet Gault, über den früher so spöttisch als "Bauernwelt" gesprochen wurde, erfährt plötzlich eine nie da gekannte Aufwertung, weil er mit seinem Getreide eine ganze Reihe von Welten zu versorgen hat, denen Technologie und Lebensgrundlagen entrissen wurden. Es sind also die kleinen Intermezzos, die hier von einer neuen Stimmung künden, von einem Schritt in eine Zukunft, die anders wird als wir sie noch aus TNG, DS9 oder "Voyager" kannten (nicht umsonst lautet das Motto des Buches: "A Shape of Things to Come").

Wer aber annimmt, "A Singular Destiny" würde ausschließlich lose, zusammenhangslose Geschichtchen bereithalten, der irrt. Die Klammer für diese ungewöhnliche Story ist die Person des Historikers und diplomatischen Unterweisers Sonek Pran, der von Präsidentin Bacco gebeten wird, nach Achenar Prime aufzubrechen, um dort mit der Imperatorin Donatra - Wagenlenkerin des vor kurzem entstandenen Imperialen Romulanischen Staates (eine Abspaltung des Romulanischen Imperiums in bester Tradition des später zweigeteilten römischen Reichs) - in Verhandlungen zu treten. Konkret gilt es, Donatra davon zu überzeugen, dem größeren, aber schwer von den Borg-Angriffen gebeutelten Sternenimperium unter Führung Tal'Auras Hilfe in Form von Versorgungsgütern zukommen zu lassen.

Dazu bedarf es aber erst einmal der Aufnahme von Handelsbeziehungen - und, um die Voraussetzung dafür zu nennen, der gegenseitigen Anerkennung der beiden romulanischen Nationen. Keine einfache Aufgabe, zumal Donatra und Tal'Aura - einstmals Verbündete während der Shinzon-Machtergreifung - ein tiefer Graben persönlicher Missgunst scheidet.

Bald schon darf Sonek Pran herausfinden, dass seine Aufgabe sehr viel weitreichender ist, als bloße Krisenvermittlung zu betreiben. Da scheinen nämlich von dunkler Hand gezielte Maßnahmen ergriffen zu werden, um den Wiederaufbau der Föderation und ihrer Verbündeten zu lähmen. Noch ahnt niemand etwas. Nur Sonek Pran kommt ein Verdacht...

Kritik

1. Julian Wangler

Was kommt nach dem Ende von "Destiny"? Wie geht es weiter in einer Galaxis, die befreit wurde von ihrer Geißel? "A Singular Destiny" zeigt uns die Stunde Null einer neuen Ordnung.
Zunächst die gute Nachricht: "A Singular Destiny" führt die Geschehnisse aus der "Destiny"-Trilogie im besten Stil von "Articles of the Federation" weiter. Die gut 370 Seiten sind prall gefüllt mit Impressionen aus den von der Borg-Invasion verwüsteten Alpha- und Beta-Quadranten. Nachkriegsordnung im besten Sinne, vielleicht in einem besseren sogar als uns der DS9-Relauch zeigte. Man trifft auf viele bekannte Charaktere, Welten und Zusammenhänge, allesamt vom zurückliegenden Inferno gezeichnet. Überdies hat man mit Nanietta Bacco wieder eine zentrale politische Akteurin, der man über die Schulter blickt, wie sie einmal mehr politische Feuerwehr spielen darf, mit Bürokraten, Botschaftern und Sternenflotte und schwarzen Löchern der Diplomatie jonglierend.

Neben David Mack beherrscht Keith R.A. DeCandido wie kaum ein anderer der renommierten Trek-Book-Schreiber die Kunst, auf relativ wenigen Seiten komplexe Vorgeschichten aufzuarbeiten und ihnen eine neue Richtung zu geben. Um aber das Negative nicht zu verhehlen: So sehr DeCandido mit "A Singular Destiny" seinen angestammten Stil zum Besten geben mag, kommt doch die ganze Story diesmal relativ träge in Fahrt. Sonek Pran - den einzigen wirklichen Protagonisten der Geschichte - zu begleiten, ist keine Last, er wirkt allerdings ein wenig hölzern, abgedroschen und wie ein Funktionär. Die Argumente, die er einer Donatra oder Tal'Aura gegenüber vorträgt oder auch vor seinen Studenten klingen oft nach erstbester Wahl, einem Experten der Geschichts- und Diplomatiewissenschaft mithin unwürdig.

Erst ab circa Seite 200 stößt der Roman auf des Pudels Kern: Wie Cover und Titel schon andeuten, soll "A Singular Destiny" eine gewisse verschwörungstheoretische Komponente beinhalten: dass sich nämlich aus den Schauplätzen der Trümmer und Verwüstung in der Milchstraße schleichend eine neue Wahrheit erhebt, und es ist an Sonek Pran, sie aufzudecken.

Wer eine mysteriöse Verheißung erwartet, wird herb enttäuscht werden. Wer hinter Sonek Prans Ermittlungen hingegen neue Kräfteverhältnisse wittert, wird große Freude am Ende des Buches haben. Da ergibt sich zumal ein politisches Erdbeben von gravierender Tragweite. Sah es zu Beginn von "A Singular Destiny" noch so aus, als würde die Föderation im Gefolge der vorangegangenen Crossover-Trilogie die einzig verbliebene handlungsfähige Großmacht sein - am Ende ist sie es nicht mehr. Tal'Auras Sternenimperium, Gorn, Breen, Tzenkethi, Kinshaya, Tholianer - sie alle erklärten sich hinter den Kulissen tatsächlich bereit, eine neue Allianz zu gründen, den sogenannten Typhon-Pakt. Ein neuer gefügter Block im Quadrantengefüge entsteht. Ein Fusionsprozess mit Folgen, der die Föderation unter bedrohlichen Zugzwang setzt, weil er sie geradewegs umzingelt.

Die größte Ironie bei alldem: Durch das Drängen der Bacco-Administration, im Angesicht der Borg-Krise zusammenzustehen, förderte sie erst das Zustandekommen des Typhon-Pakts, der jetzt zur neuen Gefahr erwächst. Die Geister, die ich rief... Als Rattenschwanz der "Destiny"-Trilogie ist das Resultat von "A Singular Destiny" eine wahre Stunde Null für "Star Trek" mit Kurs aufs 25. Jahrhundert. Somit muss man diesem Roman - trotz einer bis zur zweiten Hälfte vorhaltenden Zähigkeit - seine inhaltliche Leistung zugutehalten.

Er ist ein Muss, wenn es um neue Realitäten in der Post-"Nemesis"-Ära geht. Die Frage, ob man die Enthüllung in ein anderes Gewand hätte kleiden, wo man bestimmte Szenen anders hätte aufziehen können, löst sich in Luft auf, wenn man DeCandidos jüngsten Streich zu Ende gelesen hat. Von dieser Warte steht "A Singular Destiny" bestens in der Tradition von "Articles of the Federation": Es wird vor allen Dingen den Liebhaber des politischen "Star Trek" erfreuen.

2. Martin Weinrich

Spätestens seit "Articles Of The Federation" ist klar, dass Politik und "Star Trek" sehr gut zusammen passen können. Gerade die Föderation ist prädestiniert als Handlungsort für komplizierte Politikgeschichten.

Dessen ist sich DeCandido offensichtlich durchaus bewusst. Auch in "A Singular Destiny" nutzt er daher seine große Stärke: Geschichten an verschiedenen Orten zu erzählen. Beinahe jedes Kapitel spielt an einem anderen Ort, dennoch wirkt alles sofort vertraut. Gleichzeitig wird jedes Kapitel durch ein kleines Intro eingeleitet. Das sind Logbucheinträge, Zeitungsartikel oder Interviews. Aus allen wird ersichtlich, wie es um die Föderation eigentlich steht.

Zusammengehalten wird die Geschichte diesmal von dem Professor und Präsidentenberater Sonek Pran. Und das ist das Problem der Erzählweise von DeCandido. Wie schon in "A Burning House" erzählt er detailliert und sehr gut die Geschehnisse, aber sie fügen sich nur schwer zu einem spannenden Ganzen zusammen. Reichte es bei "A Burning House" nicht wirklich aus, dass jeder Protagonist zwar an einem anderen Ort war, aber Crewmitglied der Gorkon, so reicht Pran auch hier nicht wirklich als Klammer für die einzelnen Geschichten. Pran ist nämlich leider einfach zu perfekt. Bei allem, was er tut, hat er nicht nur Recht, sondern auch nur Erfolg. Es ist daher komplett unverständlich, dass der vorherige Präsident ihn weggeschickt hat.

Die Geschehnisse selbst sind allerdings richtig spannend. Der Typhon Pact entsteht. Das ist ein Zusammenschluss verschiedener kleiner Nationen, die um die Föderation angesiedelt sind. Sie alle stehen der Föderation eher feindselig gegenüber. Was da auf die Föderation zukommt, ist überhaupt nicht abzusehen.

Aber leider reicht diese interessante Entwicklung nicht, um ein gutes Buch zu machen. Was fehlt, sind die Charaktere. Natürlich gibt es Handlungsträger. Bacco, Dax, Esparanzo und auch andere sind schon aus vorherigen Büchern bekannt. Die Erzählweise ist aber halt eher sachlich als emotional. Das mag ganz gut sein, sorgt aber trotzdem dafür, dass dem Buch das gewisse "Etwas" fehlt.

Dennoch ist das Buch keinesfalls schlecht. Schließlich wird hier wieder einmal ein schönes Bild von den Funktionsweisen der Föderation gezeichnet. Das Besondere an DeCandidos Romanen ist halt, dass sie sich nicht auf eine Person, einen Ort oder ein Schiff fixieren, sondern frei im All "herumschweben". So kann man sich nach "A Singular Destiny" gut vorstellen, wie es um die Föderation bestellt ist.

Fazit: "A Singular Destiny" sorgt mit dem Typhon Pact für eine starke Veränderung im "Star Trek"-Universum. Das ist gut und interessant. Allerdings kommt das Buch erst ab der Hälfte richtig in Fahrt und leidet unter einem fast schon unfehlbaren Hauptprotagonisten. Daher ist der Roman von der Idee her genial, von den Charakteren nicht ganz so gut und pendelt sich so zwischen gut und sehr gut ein.

"A Singular Destiny" ist unter anderem bei Amazon.de erhältlich.

Bewertung

1. Julian Wangler
2. Martin Weinrich

Weitere Infos


Titel "Einzelschicksale"

Originaltitel "A Singular Destiny"

Buchreihe Post-'Nemesis'

Autor Keith R.A. DeCandido

Preis 6,99 Euro

Umfang 384 Seiten

Verlag Simon & Schuster Pocket Books

ISBN 1-4165-9495-7

(jw, wc - 12.11.10)


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