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    “Star Trek: Continuum”: Paramount lässt NFTs ausgeben

    NFTs sind der neue Krypto-Hype zum wilden Spekulieren. Mit "Star Trek: Continuum" will Paramount beim Goldrausch dabei sein.

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    Während die zweite Staffel von “Star Trek: Picard” sowohl soziale als auch ökologische Herausforderungen im 21. Jahrhundert thematisiert, will Paramount mit energiehungriger Technik und der “Star Trek”-Marke am NFT-Hype mit “Star Trek: Continuum” mitverdienen.

    Star Trek: Continuum

    Es ist schwierig, einen groteskeren Widerspruch zwischen Fiktion und Realität zu zelebrieren. Die zweite Staffel “Star Trek: Picard” greift sehr direkt und ohne Umschweife den drohenden Klimakollaps und die sich spreizende Schere zwischen Arm und Reich auf der Erde im Jahre 2024 auf. Derweil will der Rechteinhaber Paramount mit seiner Marke “Star Trek” an einem Hype um Kryptotechnologie mitverdienen. 250 US-Dollar ruft Lizenznehmer Recur auf, um ein “einzigartiges” Raumschiff aus zufällig zusammenmontierten Teilen zu erhalten.

    Digitale Kitbash-Schiffe für 250 $ als NFT auf "Star Trek: Continuum"
    Digitale Kitbash-Schiffe für 250 $ als NFT auf “Star Trek: Continuum”

    In einer zweiten Welle dürfen Fans dann noch einmal tief in die Tasche greifen, um auf gleiche Weise eine Crew als NFTs für diese Schiffe zu kaufen. Und noch einmal später sollen diese Schiffe dann zu virtuellen Missionen aufbrechen oder sonst wie in einem Metaversum auftauchen können. Auch für die Zeit danach scheinen Paramount und Recur die Ideen nicht auszugehen, Markenbits und -bytes zu goldgepresstem Latinum zu spinnen. Es sind bereits Verkäufe von Planeten, weiteren Charakteren und Spezies angekündigt.

    Was sind NFTs?

    NFT ist eine Abkürzung für “Non-Fungable Token”, zu Deutsch etwa “nicht ersetzbares Objekt”. Damit sind digitale Güter gemeint, die im Grunde auf der selben Blockchain-Technologie wir Kryptowährungen basieren (Bitcoins sind deren bekannteste Vertreter). Die Idee ist, Eigentumsverhältnisse dezentral abzubilden und digitale Güter zu schaffen, die nicht einfach mittels “Copy-&-Paste” beliebig duplizierbar sind. Zwar verhindern NFT nicht das Kopieren von Bildern oder Musik, aber sie erlauben es, die Inhaberschaft zum handelbaren Objekt zu machen bzw. einzelne “Originale” so auszuzeichnen, dass sie über die Blockchain handelbar werden.

    Aber auch ausgefallenere Modelle sind denkbar, wenn die Blockchain digitale Kontrakte unterstützt. Dann ist es z.B. möglich, dass ein:e Künstler:in ein Musikstück als NFT verkauft, aber eine automatische Tantiemenvergütung im Kaufvertrag enthalten ist. Jedes Mal, wenn die Käufer:in mit dem Musikstück auf der Blockchain Geld verdient, wird dann automatisch ein Prozentsatz an die Urheber:in abgeführt. Von einigen Vertretern der NFT-Technologie wird diese Ermächtigung von Künstler:innen als Hauptnutzen von NFTs hervorgehoben.

    Some #DS9 impressions. I think the last one is my best! @ShimermanArmin @IraStevenBehr
    Credit to the authors @qtrcirclejab @JenKatWrites https://t.co/2kG9ClsOUz pic.twitter.com/j52YbdoajT

    — Jellicle Josh (@joshuamartian) October 11, 2021

    Allerdings haben NFTs viele Kritiker:innen. Zum einen ist der Ressourcenverbrauch für viele Blockchaintechnologien astronomisch hoch. Die Erzeugung eines NFTs auf der Etherium-Blockchain (der am häufigsten verwendeten Technologie) benötigt 260 kWh. Damit sind Kryptotechnologien (Währungen wie Bitcoin eingeschlossen) mittlerweile ein gravierendes ökologisches Problem geworden, das durch den NFT-Hype verstärkt wird.

    Zum Zweiten werden NFTs heute hauptsächlich dafür verwendet, digitale Güter, die leicht und kostengünstig zu vervielfältigen sind, künstlich zu verknappen und als Spekulationsobjekte in Umlauf zu bringen. Ubisoft hat sich erst kürzlich öffentlichkeitswirksam blamiert, indem es DLCs als NFTs angeboten hat und kurz darauf die Entwicklung des entsprechenden Spiels einstellte.

    Andere Geschäftsmodelle mit NFTs (Spiele mit “Geldgeld”-Ökonomien) erinnern gefährlich an Schneeballsysteme, was dazu geführt hat, dass der größte Spielepublisher Valve alle blockchain-basierten Spiele von seiner Verkaufsplattform Steam verbannt hat. Selbst Microsofts Spielechef Phil Spencer bescheinigt im Unterhaltungsbereich NFTs vorrangig das Potential, Spieler:innen auszubeuten.

    Selbstverschuldeter Shitstorm

    Die Fans reagierten auch Paramounts und Recurs Ankündigung in den sozialen Medien überwiegend verständnislos bis ungehalten. Kurz nach dem Netflix-Fiasko rund um die vierte Staffel “Discovery” stolpert Paramount völlig unnötig und selbstverschuldet in den nächsten PR-Fettnapf. Überall in der Unterhaltungsindustrie scheint man Entscheidern eingeredet zu haben, dass NFTs der nächste heiße Scheiß sind, und man auf Biegen und Brechen damit Geld verdienen soll.

    The Trouble with NFT's pic.twitter.com/hEluFsA60Z

    — Jellicle Josh (@joshuamartian) November 17, 2021

    Der einzige für mich halbwegs nachvollziehbare Anwendungsfall für NFTs ist, Künstler:innen, die im rein digitalen Raum arbeiten oder anonym bleiben wollen/müssen, eine Möglichkeit zu geben, ihre Originalarbeiten als solche kenntlich zu machen und über die Blockchain digitale Kontrakte bis hin zum Eigentumstransfer abzuwickeln.

    Aber darum geht es weder hier noch in den anderen dreisten Versuchen an jeder Ecke, mit wenig mehr als digitalen Sammelkarten unvorstellbare Summen einzuheimsen. Es gibt wohl kaum eine ungeeignetere Marke als “Star Trek”, um diese Form von überhitztem Hyperkapitalismus durchzuziehen. Zurecht weisen Fans in den sozialen Medien darauf hin, dass die aktuell laufende Staffel von “Star Trek: Picard” mit klaren Worten und Bildern die zerstörerische Kraft des Kapitalismus sowohl ökologisch wie sozial thematisiert. Wie man da zeitgleich die Marke nutzen möchte, um mit horrendem Energieverbrauch virtuelle Spekulationsobjekte für mindestens dreistellige Summen abzuverkaufen, ist an Absurdität kaum zu überbieten.

    Wenn Paramount wenigstens die Eigentumsrechte an echten digitalen Teilen von “Star Trek” veräußern und Käufer:innen künftig mit dem Bruchteil eines Promilles an den Tantiemen beteiligen würde, könnte man zwar immer noch Umwelt- und Sozialaspekte zurecht kritisieren, aber man wüsste zumindest, wofür man Geld auf den Tisch legt: “Ich besitze jetzt dieses Okudagramm, und jedes Mal, wenn die entsprechende Folge ausgestrahlt wird, bekomme ich 0,00001% der Lizenzeinnahmen von Paramount.”

    Die Homepage von "Star Trek: Continuum"
    Die Homepage von “Star Trek: Continuum”

    Aber darum geht es gar nicht. Recur klatscht für 250 $ fünf leicht zufallsversetzte Raumschiffteile zu einem Modell zusammen, an dem Käufer:innen praktisch keinerlei Rechte erwerben, außer das Token auf geeigneten Marktplätzen weiterzuverkaufen. Es ist nicht einmal klar, in welcher Form oder Format man das Modell erhält. Es könnte sich um ein briefmarkengroßes GIF handeln.

    Welchen Unterhaltungswert das NFT innerhalb des “Metaverse” und “Star Trek: Continuum” haben wird, erklären weder Paramount noch Recur. Die Versprechen, die Schiffe im virtuellen Raum später nutzen zu können, sind vage und unkonkret.

    Eine größere Katze im Sack kann man für 250 $ (bzw. 500 $, wenn es auf jeden Fall ein Frankenstein-Schiff aus Constitution-Klasse-Teilen sein soll) als Trekkie derzeit nur schwer kaufen.

    Ein paar Alternativen

    Wer wirklich ein Sternenflottenraumschiff zum Anfassen besitzen möchte, dem sei für 35 Euro die mittelgroße Enterprise-D von BlueBrixx ans Herz gelegt. Hier geht es zu unserer Rezension. Der große Vorteil: Das Modell löst sich nicht in Luft auf, wenn irgendwo ein Server abgeschaltet wird.

    BlueBrixx - Midsize Enterprise-D
    Ein Raumschiffmodell zum Selberbauen, Anschauen, Anfassen und weiterverkaufen.

    Das selbe gilt für die nicht gerade billigen Modellschiffchen von Eaglemoss. Was die aktuellen Exemplare taugen, bespricht Tom Götz für uns ausführlich.

    Wenn es doch etwas Digitales sein soll, kann man auch für etwas weniger Geld ein Raumschiff für “Star Trek Online” erwerben. Das Spiel hat eine große Auswahl an kanonischen Schiffen der Föderation, der Klingonen, Romulaner und des Dominions. Je nach Alter sind die 3D-Modelle detaillierter als die Filmvorlage, erst kürzlich tauchte ein ganzer Schwung davon in “Star Trek: Picard” auf. Einzelne End-Game Schiffe gibt es ab 30 Euro. Wer Sonderangebote abwartet oder Bundles kauft, kann aber auch für die Hälfte und weniger davonkommen, was für ein digitales Dingsbums aber immer noch einen Haufen Geld ist. Anders als in der nicht-existenten Welt von “Star Trek: Continuum” kann man im MMORPG so erworbene Schiffe aber tatsächlich schon heute mit Crews, Ausrüstung und Fähigkeiten ausstatten und in viel Dutzend Single- und Multiplayer-Abenteuer schicken.

    Schematische Darstellung der Interpid-Klasse von "Star Trek Adventures - Core Rulebook" (Bild: TZN)
    Schematische Darstellung der Interpid-Klasse von “Star Trek Adventures – Core Rulebook” (Bild: TZN)

    Wer zwar ein Raumschiff als Rollenspielbegleiter attraktiv findet, aber mit der Online-Komponente hadert, kann einen ganzen Zoo von Raumschiffen erwerben. Das Pen-and-Paper-Rollenspiel “Star Trek Adventures” ist in der englischen Ausgabe als PDF für 19 Euro zu bekommen, ein deutsches Regelbuch gibt es als PDF für 25 € (hier geht’s zu unserem Review der englischen Ausgabe). Allerdings kann man sich auch durch den auf dem Spielsystem basierenden Raumschiff- und Charaktergenerator klicken. Ganz umsonst. Die erzeugten Charakter und Rauschiffbögen darf man sogar behalten. Und der Urheberrechtsverweis auf dem Charakterbogen verhindert vermutlich den Abverkauf als NFT…

    christopher.kurtz
    Christopher Kurtz
    Seit den frühen 2000ern ist Christopher Redakteur im TrekZone Network. Wenn er nicht in den unendlichen Weiten nach kritisch rationalem Humanismus Ausschau hält oder sich über die Plausibilität fiktiver Technologien und Gesellschaftsformen den Kopf zermartert, findet man ihn meistens in der Nähe von Spielen der geselligen Art, egal ob analog oder digital, ob als Mitspieler oder Gelegenheitsautor.

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    Klingt doch sehr nach reiner Geldmacherei. Fan-Produkte schön und gut, aber das entspricht so ganz und gar nicht dem, was sich Roddenberry für die Zukunft gedacht hatte. Meiner Meinung nach.

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