Die vierte Staffel von „Star Trek: Strange New Worlds“ wird das letzte reguläre Produktionsjahr der Science-Fiction-Serie sein, bevor sie 2027 mit einem sechsteiligen Finale das Ende der Kurtzman-Ära beschließt. Den Auftakt bildet eine spektakuläre Effektschau in der Kreidezeit.
Was meinen wir mit “spoilerfrei”?
Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen dazu, was “spoilerfrei” bedeutet. Damit ihr selbst entscheiden könnt, ob ihr die Rezension vorab lesen möchtet, machen wir hier transparent, was wir darunter verstehen:
- Wir verraten keine wichtigen und unerwarteten Wendungen der Handlung bzw. Informationen über die fiktiven Welt und ihre Figuren.
- Was im Vorfeld durch Vorschauclips und Trailer gezeigt wird, ist kein Spoiler.
- Was im Cold Open (vor dem Vorspann) bzw. im ersten Akt (bei Episoden ohne Cold Open) passiert, ist kein Spoiler.
- Handwerklichen Aspekte (Schauspiel, Drehbuch, Bühnenbild, Soundtrack, Spezialeffekte) sind keine Spoiler, sofern sie nichts Wichtiges über die Handlung verraten.
Valles Marineris
Admiral April bietet Pike an, seine Beförderung zum Commodore zu unterstützen, falls er dies wünscht, und gibt ihm bis zum Abschluss der nächsten Mission Bedenkzeit. Bei der Beobachtung eines interstellaren Sturms der Stärke 10 wird das Schiff 65 Millionen Jahre in die Vergangenheit geschleudert.

Schwer beschädigt und ohne Hauptenergie muss ein Außenteam um Una Chin-Riley mit einem Shuttle Iridium von einem nahen Klasse-M-Planeten bergen, damit Montgomery Scott den Warpantrieb neu starten kann. Schnell stellen Nummer Eins und die anderen fest, dass sie ihre Arbeit inmitten gigantischer Reptilien auf der Planetenoberfläche verrichten müssen. Für Pike und die Enterprise wird die Lage zusätzlich kompliziert, als sie ein unbekanntes Raumschiff in Schlepp nimmt.
Handwerkliche Stärken
„Valles Marineris“ zählt zweifellos zu den handwerklich besten Episoden der Serie, und es wäre nicht überraschend, wenn sie als ein Klassiker der Kurtzman-Ära in Erinnerung bliebe. „Star Trek“ + Dinosaurier sind einfach eine zu coole Mischung, um ein Nerd-Publikum kaltzulassen. Auch der Rest der Folge wirkt in sich weitgehend stimmig und weist nur wenige handwerkliche Patzer auf.
Während große Teile des Drehbuchs und der Dialoge noch eher funktional wirken, sind die visuellen Effekte spektakulär und wie so oft über jeden Zweifel erhaben. Von der ersten bis zur letzten Einstellung ist „Valles Marineris“ ein opulenter Mini-Blockbuster mit dynamischer Kameraführung und ausladenden VFX-Sequenzen, die einen echten „Sense of Wonder“ vermitteln.

Die Darbietungen der Haupt- und Gastdarsteller:innen lassen ebenfalls keine Wünsche offen. Besonders Anson Mount überzeugt in dieser Episode als Pike. Man spürt, dass die Schauspieler:innen nun 30 (und im Fall von Rebecca Romijn, Ethan Peck und Anson Mount sogar mehr) Episoden in diese Rollen investiert haben – ähnlich wie bei der Besetzung von „Star Trek: The Next Generation“ scheint die Chemie auch hinter der Kamera zu stimmen.
„Valles Marineris“ ist ein sehenswertes Sci-Fi-Abenteuer, dessen Einzelteile zwar nicht sonderlich originell sind, das aber in der Summe eine Stunde fantastischen Eskapismus bietet.
Die alte Leier vom Determinismus
All dies muss vorangestellt werden, um klarzustellen: „Valles Marineris“ ist eine wirklich gut gemachte Stunde Fernsehunterhaltung – oder neudeutsch „Content“. Ein Werk zum Zeitvertreib, in das offensichtlich viel Zeit, Geld, Können und künstlerische Leidenschaft geflossen sind.
Für meinen Sohn im Vorschulalter sind Raumschiffe und Dinosaurier (neben Zügen) derzeit das Größte. Dennoch habe ich nicht vor, diese Folge in absehbarer Zeit mit ihm zu teilen, denn sie zementiert einmal mehr eine Kernphilosophie von „Strange New Worlds“, die mir seit der zweiten Episode schwer im Magen liegt: ein deterministischer Fatalismus, der im Widerspruch zu dem steht, was “Star Trek” einst zu vermitteln im Stande war.

Die Pointe von „Valles Marineris“ ist ein Prädestinationsparadox – eine Zeitreisegeschichte, in der sich Vergangenheit und Zukunft gegenseitig bedingen und keine Veränderung des Zeitverlaufs möglich ist (oder je möglich war). Solche Geschichten gab es zwar bereits seit „Assignment: Earth“ immer wieder im Franchise, doch „Strange New Worlds“ hat sie in eine ideologisches Gesamtkonzept eingebettet, das mir höchst bedenklich erscheint.
Die Serie rahmt harten (Zeitreisen) und weichen (sozialen) Determinismus als etwas Positives – eine Art göttliche Vorsehung, die es zu erfüllen gelte. Traditionell hat sich „Star Trek“ jedoch mit Determinismus als etwas zutiefst Unmenschlichem auseinandergesetzt, da er die Freiheit des Individuums negiert. Stattdessen erzählte die Serie vorwiegend Geschichten über selbstbestimmte Ermächtigung und dem Ausbruch aus solchen äußeren Zwängen. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann dies in einer ausführlichen Analyse am Beispiel von „Yesterday’s Enterprise“ und „A Quality of Mercy“ vertiefen.
Die Handlung von „Valles Marineris“ empfinde ich in diesem Zusammenhang leider als geradezu perfide. Die Auseinandersetzung der Enterprise-Crew mit dem außerirdischen Commander führt den Wert humanistischer Prinzipien bis ins kleinste Detail vor – Pike argumentiert (in einer beunruhigenden Parallele zu „A Quality of Mercy“) äußerst überzeugend für eine aufgeklärte Weltanschauung, um einen auf sozialem Determinismus und Darwinismus beruhenden Konflikt zu überwinden. Die Episode nimmt sich hierfür viel Zeit, nur um Pike im letzten Moment „einsehen“ zu lassen, dass die „richtige“ Entscheidung darin bestünde, tatenlos einen Genozid zu dulden.
Nach 45 Minuten, in denen „Strange New Worlds“ zeigt, wie zugänglich und ansprechend die utopisch-optimistische Zukunftsvision von „Star Trek“ für ein modernes Publikum sein kann, verkehrt sie diese erneut ins Gegenteil einer aufgeklärten Haltung – ertränkt in einem VFX-Spektakel. War “Star Trek” einst im Sinne von Kant ein Vehikel und Ideengeber für den “Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit”, muss es sich heute den Vorwurf gefallen lassen, das Publikum einzulullen.
Der fade Beigeschmack
Die Episode wurde noch vor der Übernahme von Paramount durch die Ellison-Familie geschrieben und gedreht, doch die Probleme von „Strange New Worlds“ mit fatalistischen Geschichten, die unterwürfiger Schicksalsergebenheit huldigen, lassen sich bis in die erste Staffel zurückverfolgen. Gleichwohl lässt sich nicht ignorieren, in welchem größeren Umfeld „Star Trek“ derzeit produziert wird und wie sich die Serie in der aktuellen Medienlandschaft positioniert.
Schon vor der Übernahme durch Ellison begann sich Paramount gegenüber der US-Administration – insbesondere gegenüber Präsident Donald J. Trump – wohlwollend bis unterwürfig zu verhalten. Trump hatte gegen den Paramount-Nachrichtensender CBS wegen der Schnittfassung eines „60 Minutes“-Interviews mit Kamala Harris einen Rechtsstreit angestrengt, der nach Auffassung aller seriösen Rechtsexpert:innen jeder Grundlage entbehrte.
Dennoch zahlte Paramount 16 Millionen US-Dollar an Trump persönlich, um den Streit außergerichtlich beizulegen, noch während die Trump-Administration die Erlaubnis für eben jene Übernahme prüfte. Der Vorgang war derart unerhört, dass Stephen Colbert ihn in seiner „Late Show“ auf CBS öffentlich vor einem Millionenpublikum als Korruption („big fat bribe“) anprangerte. Drei Tage später wurde bekanntgegeben, dass die „Late Show“ – seit Jahren das erfolgreichste Programm auf ihrem Sendeplatz – aus finanziellen Gründen nach der Staffel 2025/26 eingestellt werde.
Schließlich erhielt Ellison die Genehmigung, den Medienkonzern Paramount unter das Dach von Skydance zu bringen. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Einsetzung von Bari Weiss als „Chefredakteurin“ von CBS News – eine Person, die wohlwollend als „Querdenkerin“ charakterisiert werden darf. Sie mischte sich in die Berichterstattung von „60 Minutes“ über Abschiebegefängnisse in El Salvador und die gewaltsamen Tode von US-Bürger:innen durch die Behörde ICE ein.
Seit der Übernahme durch Ellison ist nicht nur der dem Weißen Haus unliebsame Entertainer Stephen Colbert vom Bildschirm verschwunden, auch die journalistische Institution CBS News – insbesondere das Programm „60 Minutes“ – hat an Glaubwürdigkeit eingebüßt.
Produzent Bill Owens trat wegen fehlender journalistischer Unabhängigkeit zurück, Produzentin Wendy McMahon, weil es „keinen gemeinsamen Weg“ mit der Firma gebe. Der Journalist und Moderator Anderson Cooper entschied sich, seinen Vertrag auslaufen zu lassen – ein beispielloser Vorgang für die einst renommierte Position. Korrespondent und Moderator Scott Pelley wurde schließlich entlassen, nachdem er sich intern über das Management – insbesondere Bari Weiss und deren neue Wahl für den ausführenden Produzenten, Nick Bilton – beschwert hatte.
Die Irrlichterei des Raumschiffs Enterprise
Ich schildere diesen ideologischen Umbau von Paramount, um zu verdeutlichen, in welchem Umfeld die letzten Episoden der Kurtzman-Ära entstanden sind, die nun innerhalb der nächsten Monate ausgestrahlt werden. Geschichten wie „Valles Marineris“, die Schicksalsergebenheit predigen, spielen denen in die Hände, die weltweit liberale und demokratische Gesellschaften nach autoritären und reaktionären Mustern umbauen oder immer mehr Ressourcen aus einer überlasteten Ökosphäre und Ökonomie für sich beanspruchen.
Das Erstarken faschistischer Bewegungen, die Klimakrise oder die sozioökonomische Spaltung folgen keinem kosmischen Plan, der unabwendbar eintreten muss. Sie sind allesamt das Ergebnis von Entscheidungen einzelner Menschen. Fatalistische und zynische Erzählungen über die Unausweichlichkeit der Dinge sind billig, weil sie leicht zu selbsterfüllenden Prophezeiungen werden. Niemand kann garantieren, dass Selbstermächtigung, Empathie und Aufklärung gelingen, aber allein die Chance darauf setzt notwendiger weise voraus, dass es Menschen gibt, die sich ihrer Autonomie bewusst sind und sich dafür entscheiden, zu handeln statt zu dulden.

Der Wert von „Star Trek“ bestand einmal darin, eine Mythologie zu spinnen, die voller inspirierender Aufrufe war, eben jenem Determinismus mit Zuversicht zu trotzen. „Strange New Worlds“ hingegen scheint nichts Besseres einzufallen, als die Hände in die Luft zu werfen und sich einzureden, dass alles kommen wird, wie es kommen muss. „Dieses neue Leben, diese fremde Zivilisation? Das war nicht unsere Schuld, die war schon tot.“
Mit Rücksicht auf die Leser:innen, die die Episoden noch nicht gesehen haben, bitten wir in den Kommentaren zu diesem Beitrag auf Spoiler zu verzichten. Danke!

Sehe ich ebenso. War wieder mal entsetzt über die fragwürdige Moral dieser Serie.