Nach 120 Jahren kehrt die Sternenflottenakademie auf ihren Kampus in San Francisco zurück, und “Star Trek” setzt nach dem Ende von “Discovery” die Abenteuer im 32. Jahrhundert fort. Wir besprechen spoilerfrei den Auftakt der neuen Serie “Starfleet Academy”.
Was meinen wir mit “spoilerfrei”?
Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen dazu, was “spoilerfrei” bedeutet. Damit ihr selbst entscheiden könnt, ob ihr die Rezension vorab lesen möchtet, machen wir hier transparent, was wir darunter verstehen:
- Wir verraten keine wichtigen und unerwarteten Wendungen der Handlung bzw. Informationen über die fiktiven Welt und ihre Figuren.
- Was im Vorfeld durch Vorschauclips und Trailer gezeigt wird, ist kein Spoiler.
- Was im Cold Open (vor dem Vorspann) bzw. im ersten Akt (bei Episoden ohne Cold Open) passiert, ist kein Spoiler.
- Handwerklichen Aspekte (Schauspiel, Drehbuch, Bühnenbild, Soundtrack, Spezialeffekte) sind keine Spoiler, sofern sie nichts Wichtiges über die Handlung verraten.
Die Idee zu Star Trek: Starfleet Academy ist fast so alt wie das Franchise selbst. Bereits 1968 äußerte Gene Roddenberry auf einer Convention den Wunsch, die erste Begegnung zwischen Kirk und Spock zu verfilmen – noch während der Produktion der Originalserie. Was als Spin-off-Idee begann, wurde in den 1970er-Jahren als mögliche Handlung für den ersten Kinofilm diskutiert. In der Ära von Harve Bennett diente das Konzept als Druckmittel in den Gagenverhandlungen mit den Originaldarsteller:innen: Es hätte eine Neubesetzung der Rollen von Kirk und Co. ermöglicht, um die Anfangsjahre der Figuren zu erzählen.
Mit dem Start von The Next Generation geriet das Vorhaben jedoch in den Hintergrund, da die Enterprise-D und ihre Crew bewiesen, dass ein erfolgreicher Neuanfang ohne die Figuren der Originalserie möglich war. Abseits von Film und Fernsehen wurde die Sternenflottenakademie jedoch zum Schauplatz von Romanen und dem gleichnamigen Raumschiffsimulator. Schließlich setzte J.J. Abrams’ Reboot die ursprüngliche Idee 2009 als Auftakt seines Kinofilms um.

Unter der Leitung von Alex Kurtzman entstand ab 2017 ein neuer Kanon mit sehr unterschiedlichen Fernsehserien. Auf der Suche nach neuen Zielgruppen legte Kurtzman Wert darauf, mit verschiedenen Formaten unterschiedliche Geschmäcker anzusprechen. Eine wichtige Erkenntnis der Marktforschenden bei CBS: Es fehlt an Nachwuchs – der Kern der mit Berman-Trek sozialisierten Trekkies altert aus der erstrebenswerten Zielgruppe der ausgabefreudigen jungen Erwachsenen heraus. Ein erster Versuch, neue Zuschauer:innen zu gewinnen, war die Animationsserie Prodigy, die nach nur zwei Staffeln eingestellt wurde. Doch die strategische Erkenntnis blieb richtig: Das Franchise braucht dringend frisches Blut, um seinen Marktwert zu erhalten. Mit Scouts und Starfleet Academy folgen nun zwei neue Anläufe, um die nächste Generation von Trekkies zu begeistern.
Hogwarts im Weltraum
Die letzten Staffeln von Star Trek: Discovery näherten sich dem an, was Star Trek in den frühen 1990er-Jahren zu popkultureller Bedeutung verholfen hatte. Gelegentlich – leider zu selten – gelang es den Geschichten um Burnham und Saru, jenen Optimismus und Sense of Wonder hervorzurufen, der frühere Inkarnationen des Franchises auszeichnete. Starfleet Academy versucht mit aller Kraft, an diese bescheidenen Anfänge anzuknüpfen und sie fortzuführen.

Die Stimmung der neuen Serie ist entsprechend einnehmend und von erfreulicher Leichtigkeit. Star Trek kehrt in Starfleet Academy in eine utopische Zukunft zurück, auch wenn die Hintergrundgeschichte weiterhin die Restauration nach dem „Brand“ thematisiert. Das Produktionsdesign trägt maßgeblich dazu bei, dass man sich schnell von der U.S.S. Athena verzaubern lässt. Das „fliegende Klassenzimmer“, das wahlweise Teil des Campus in San Francisco oder ein Ausbildungsschiff im All sein kann, steht in seinem einladenden Charme Hogwarts in nichts nach. So viel Wohnlichkeit gab es zuletzt auf der Enterprise-D.
Besetzung und Produktion
Star Trek: Starfleet Academy setzt die nahezu makellose Erfolgsbilanz bisheriger Kurtzman-Produktionen fort und präsentiert sich mit einem fantastischen Ensemble und tadellosen Schauwerten.

Oscar-Preisträgerin Holly Hunter glänzt als Captain Nahla Ake in einem ansonsten ebenfalls beeindruckenden Cast. Während sich Voyager-Fans über ein Wiedersehen mit Robert Picardo als Der Doktor freuen dürfen und auch Tig Notaro erneut als Commander Reno aus Discovery auftritt, sind es vor allem die jungen Darsteller:innen, die Szene für Szene überzeugen. Zu den frühen Favorit:innen zählen Kerrice Brooks als photonische Lebensform SAM, Karim Diané als klingonischer Kadett Kraag und Bella Shepard als Admiralstochter Genesis Lythe. Weitere Neuzugänge sind George Hawkins als Darem Reymi, Sandro Rosta als Caleb Mir und ab der zweiten Episode Zoë Steiner als betazoidische Präsidententochter Tarima Sadal.

Enttäuschend wirkt hingegen Gina Yashere als Erste Offizierin Thok, deren Figur – Tochter einer klingonischen Mutter und eines Jem’Hadar – wohl als comic relief gedacht ist, aber eher unfreiwillig komisch wirkt, da sie zu überzeichnet geschrieben und gespielt ist. Eine weitere Enttäuschung ist Paul Giamatti, der sich redlich bemüht, dem farblosen Piraten Nus Braka interessante Nuancen abzugewinnen.

Ein weiteres, erwartbares Problem ist, dass viele Figuren zu wenig Raum erhalten, um sich einzuprägen. Die ersten beiden Episoden konzentrieren sich stark auf Ake und Mir, während der Brückencrew der U.S.S. Athena ein ähnliches Schicksal widerfährt wie einst Burnhams Mitstreitenden: Die Uniformfarbe ist zunächst alles, was wir über sie erfahren.
Geschichten und Drehbücher
Nach erst zwei Episoden ist es noch zu früh, um über zu blasse Figuren zu klagen. Auch die besten Figuren der Franchise-Geschichte brauchten Zeit, um sich zu entwickeln. Insgesamt überwiegt ein positiver Eindruck – sowohl was die Darstellenden als auch die durchaus gewitzten Dialoge betrifft. Einige Zuschauende mögen die häufig verwendeten „farbigen Metaphern“ als störend empfinden. Auch ich bin kein Fan davon, da sie nicht zur Ästhetik des Franchises passen. Allerdings halte ich es für kleinkariert, daran die Qualität der Drehbücher und Dialoge zu messen.
Damit kommen wir zur Achillesferse aller bisherigen Kurtzman-Serien (zumindest der Live-Action-Formate): Auch wenn sonst alles stimmt, steht und fällt das Franchise mit den Drehbüchern. Starfleet Academy gelingt es nicht, einen qualitativen Sprung über den bekannten Rahmen von Discovery, Picard oder Strange New Worlds hinaus zu machen. Die Grundzüge der äußeren Handlung wirken fragil. Besonders die Pilotfolge verzichtet darauf, den aus Vorschauclips bekannten Überfall von Nus Braka auf die U.S.S. Athena plausibel zu motivieren oder die folgende Krise in einer glaubwürdigen Abfolge von Ereignissen und logischen Lösungsansätzen zu erzählen.
Stattdessen werden die Figuren mit der Hemdsärmeligkeit einer Comicverfilmung von Szene zu Szene getrieben, damit immer etwas Unterhaltsames auf dem Bildschirm passiert. „Beta Test“ ist dank eines langsameren Erzähltempos gefälliger, doch auch hier wirkt die Handlung ungelenk, wenn es darum geht, von A nach B nach C zu kommen.

Was die Geschichten zusammenhält, findet in kleineren Momenten statt. Von Szene zu Szene setzt die Serie ihre Charaktere gekonnt ein, und die Dialoge wirken frischer als vieles, was in den letzten Jahren in Star Trek zu hören war. Damit erbt Starfleet Academy viele Stärken und Schwächen der jüngeren Discovery-Staffeln.
Was Star Trek: Starfleet Academy uns sagen will
Sucht man nach einem zentralen Thema der ersten Episoden, ist die Serie sehr direkt – fast schon plakativ: Es geht darum, wie die vorangegangene Generation aus Verzweiflung und Opportunismus vermeintlich fest etablierte Werte und Normen beiseitegeschoben und Institutionen ausgehöhlt zurückgelassen hat. Im nun beginnenden Wiederaufbau haben die Verantwortlichen wie Admiral Vance und Captain Ake eine Bringschuld gegenüber den jungen Menschen, die in diese Welt hineingeboren wurden.
Nur in den dünnsten denkbaren Allegorien oder Metaphern gekleidet, verweist Starfleet Academy auf den Zusammenhang zwischen individueller Verantwortung und struktureller Gewalt und rahmt dies in einem Generationenkonflikt. Ähnlich wie die ersten Episoden von Picard Brexit und Flüchtlingskrise aufgriffen, thematisiert Starfleet Academy die Nachwehen der ersten Trump-Präsidentschaft. Dass die Serie nun in einer möglichen zweiten Amtszeit ausgestrahlt wird, und der Mutterkonzern einen öffentlichen Kniefall vollführt, ist nicht ohne Ironie.

In ihrer Direktheit wird die Serie zweifellos einige Zuschauer:innen vor den Kopf stoßen. Die üblichen Verdächtigen, die mit Krawall-Content in sozialen Medien Aufmerksamkeit generieren, haben bereits vor Wochen begonnen, an der Empörungsspirale zu drehen.
Tatsächlich wird die Thematik in den ersten beiden Episoden eher oberflächlich behandelt. Was man der Serie zugutehalten muss, ist der Fokus auf den gemeinsamen Weg nach vorn. Damit ist die zentrale These von Starfleet Academy eine, die mehr verbinden als spalten soll: Unabhängig von der Bescheidenheit der Mittel sei Wandel zum Besseren möglich. Dabei sei Veränderung nicht nur ein Privileg der jungen Generation, sondern etwas, für das auch ältere Generationen konstruktiv Verantwortung übernehmen müssten.
Das Intro der Serie unterstreicht dies passenderweise mit der Überlagerung zweier Zeitraffersequenzen: Einerseits das Wachsen eines Baumes, andererseits der Wiederaufbau des Akademiecampus.
Mit Rücksicht auf die Leser:innen, die die Episoden noch nicht gesehen haben, bitten wir in den Kommentaren zu diesem Beitrag auf Spoiler zu verzichten. Danke!
