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    Zweitrezension: Picard 2×06 – “Two of One” / “Zwei von Eins”

    Mit "Two of One" erreicht die zweite Staffel von "Star Trek: Picard" ihren bisherigen Tiefpunkt. Warum die Episode den Rezensenten nicht überzeugen konnte, lest ihr in diesem ausführlichen Recap. Achtung, SPOILER!

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    Mit “Two of One” erreicht die zweite Staffel von “Star Trek: Picard” ihren bisherigen Tiefpunkt. Warum die Episode den Rezensenten nicht überzeugen konnte, lest ihr in diesem ausführlichen Recap. Achtung, SPOILER!

    INFO:

    Der ursprüngliche deutsche Episodentitel “Gnade” wurde am 23. April 2022 von Amazon Prime Video rückwirkend in “Zwei von Eins” geändert, da auch die achte Episode der zweiten Staffel den deutschen Titel “Gnade” (Original: “Mercy”) trägt. Hier lag scheinbar ein Fehler vor.

    Handlung

    Unterstützt von der “Aufseherin” Tallinn (Orla Brady) schleichen sich Picard (Patrick Stewart) und sein Team auf die große Gala zum bevorstehenden Start der internationalen “Expedition Europa”-Raumfahrtmission. Ihre Mission: Sie müssen dafür sorgen, dass Renée Picard (Penelope Mitchell) unversehrt die Prä-Start-Quarantäne antreten kann.

    Doch sowohl Dr. Adam Soong (Brent Spiner) als auch die Borg-Königin (Annie Wersching) setzen alles daran, diese Mission zu sabotieren. Während es Soong darum geht, Renée Picard zu töten, um seinen Teil der Abmachung mit Q zu erfüllen, hat es die Queen auf Dr. Juratis (Alison Pill) Bewusstsein abgesehen. Beide ringen nach Agnes’ Assimilierung um die Kontrolle von Juratis Geist und Körper. Zunächst sieht es so aus, als könne Agnes die Übergriffigkeit des Königinnen-Bewusstseins abwehren. Doch dann greift die Queen auf einen hinterhältigen Trick zurück, um Jurati endgültig zu überwältigen.

    Derweil sucht Picard das Gespräch mit Renée. Diese ist weiterhin von enormen Selbstzweifeln und Versagensängsten geplagt. Es gelingt Picard sodann, seine Ur-Ur-Großtante zu beruhigen und ihr Mut zuzusprechen. Als beide zusammen aus dem Gebäude gehen, um frische Luft zu schnappen, versucht Adam Soong, Renée mit seinem Auto zu überfahren. Doch im letzten Augenblick kann Picard die junge Frau beiseite schubsen. Bei dieser Rettungsaktion wird Picard allerdings lebensgefährlich verletzt und muss umgehend in die Clinica Las Mariposas gebracht werden, wo Dr. Teresa Ramirez (Sol Rodriguez) versucht, sein Leben zu retten…

    Drehbuch & Kanon

    Das Drehbuch zu dieser Episode stammt von Cindy Appel und Jane Maggs, Regie führte erneut Jonathan Frakes. Appel verfasste auch das Skript zur letztwöchigen Episode “Fly Me to the Moon”, Maggs das für “Watcher”. Mit einer Laufzeit von rund 38 Minuten ist “Two of One” die bisher kürzeste Episode der Serie.

    Man muss es leider knallhart sagen: Dieses Drehbuch ist – bis auf wenige Ausnahmen – erschreckend schwach! Die Handlung ist übersät von kleinen und großen Plot Holes sowie teils sehr banalen Dialogen. Zudem fehlt der Episode ein sinnvoller Spannungsbogen. Die ersten 25 Minuten dümpeln eigentlich nur so vor sich her, erst in den letzten rund 13 Minuten zieht die Handlung etwas an. Ich sehe es daher so wie Christopher: Man hätte “Fly Me to the Moon” und “Two of One” besser zu einer einzigen Episoden zusammenschneiden sollen. Das hätte der Geschichte sichtlich gut getan.

    Mit “Star Trek” hat das hier Gezeigte indes nicht allzu viel zu tun, daran können auch die eher lustlos eingestreuten Kanon-Referenzen “Nomad” und “OV-165” nichts ändern. Stattdessen bedienen sich die Autorinnen hier absolut ungeniert bei mindestens zwei anderen, prominenten Vorbildern: “Mission: Impossible” und “Battlestar Galactica” (2004-2009). So kopiert man nicht nur den Habitus der Figuren (z.B. geheime Gruppenkommunikation während des Einsatzes wie in “MI”), sondern auch visuelle Elemente, wie etwa das rote Abendkleid von Agnes Jurati, deren ganzer Look frappierend an den von “Number Six” (Tricia Helfer) aus “BSG” erinnert. Sorry, aber ich finde ein solch offensichtliches Abkupfern einfach nur peinlich. Da hätte man auch gleich Tom Cruise aka Ethan Hunt als “Wächter” casten können. 😉

    Die bereits angesprochenen Logiklöcher ziehen sich jedenfalls durch die gesamte Episode. So kann etwa Picard als über 90-Jähriger ungestört den Security-Mann geben. Auch Soongs Attentatsplan scheint mir wenig durchdacht zu sein, basiert dieser doch viel eher auf Zufälligkeiten. Ähnlich seltsam anmutende Koinzidenzen finden sich auch im Plan der Borg-Königin, der mir einfach nicht plausibel erscheint. Denn Juratis Gesangseinlage ist so dermaßen konstruiert, dass sich einem die Zehennägel kräuseln können. Sie geht als Spontan-Gast also einfach mal so zur Band und sagt: “Hey Leute, ich will mal ein Liedchen singen!”. Daraufhin trägt sie den Song ohne gemeinsame Proben in absolut fehlerfreier Weise vor – und das auch noch ohne Mikrofon und im topprofessionellen Sound Mix. Ach ja, das Spotlight dürfte es ob des Stromausfalls doch auch gar nicht geben, oder?

    Auch das ganze Endorphine-Gedöns kann mich hier nicht so recht überzeugen. Assimilation ging in “Star Trek” stets anders. Es stört mich (allen voran aus kanonischer Perspektive), dass dieser Prozess, der Picard damals in ein psychisches Trauma stürzte, beginnend mit “Voyager” und jetzt auch in “NuTrek” so dermaßen uminterpretiert und bagatellisiert wird.

    Ein Meisterstück des konfusen Schreibens ist schließlich auch Picards Verletzung samt Krankenhausbehandlung. Dass man ihn nicht zurück auf die La Sirena bringt, kann ich noch nachvollziehen, schließlich ist Jurati zu diesem Zeitpunkt nicht mehr erreichbar und die anderen Crewmitglieder haben keine medizinische Ausbildung. Gleichwohl habe ich mich schon gefragt, warum Picard hier – gänzlich unbemerkt von Dritten – einfach so abtransportiert werden kann. Zudem hat man sich mit dem ganzen Golem-Schwachsinn in eine narrative Sackgasse manövriert, die jetzt erst so richtig zutage tritt. Ja, was ist Picard denn nun? Woraus besteht sein Gehirn, sein Nervensystem, seine Programmierung? Man muss hier leider sagen: Die Autoren und Autorinnen haben scheinbar selbst keine Ahnung. Da haben die Schreiber von “Et in Arcadia Ego” – Michael Chabon und Akiva Goldsman – wirklich ganze Arbeit geleistet. “Herzlichen Glückwunsch”, einen größeren erzählerischen Scherbenhaufen konnte man hinsichtlich Picards “ach so toller” Transformation wahrlich nicht hinterlassen.

    Ein kleines Licht am Horizont ist da wenigstens der Handlungsstrang um Kore Soong, der scheinbar sehr direkten Bezug auf eine tatsächliche Begebenheit der jüngeren Vergangenheit nimmt. Doch dazu später mehr.

    Der Episodentitel “Two of One” ist gut gewählt, da dieser mehrdeutig interpretiert werden kann. Einerseits bezieht sich der Titel natürlich auf Agnes und die Borg-Königin, also auf zwei Bewusstseine, die in einem gemeinsamen Körper existieren. Und natürlich klingt “Two of One” auch nach einer (umgedrehten) Borg-Bezeichnung.

    Des Weiteren bezieht sich der Titel auch auf Jean-Luc und Renée Picard, die beide einer gemeinsamen Familienlinie angehören und sich in Teilen ihres Charakters, ihrer Lebensziele und ihrer persönlichen Leidenschaften (Raumfahrt, “Dixon Hill”-Romane) auch sehr ähnlich sind. Zudem existiert Renée in ‘zweifacher Gestalt’. Da ist einerseits die Hochbegabte, die mit gerade einmal 24 Jahren bereits eine steile Karriere hingelegt hat. Da ist aber auch die junge Frau, die von Selbstzweifeln geplagt ist und unter depressiven Verstimmungen leidet.

    Man kann den Episodentitel aber wohl auch auf Raffi und Seven beziehen. Einerseits auf deren Beziehung und die Frage, ob beide nicht vielleicht doch zusammengehören. Andererseits nimmt der Episodentitel auch Bezug auf Raffis Innenleben, in welchem zwei unterschiedliche ‘Personen’ schlummern. Da wäre zum einen die ‘neue’ Raffi, die ihre Alkoholsucht unter Kontrolle hat. Und dann ist da auch noch die ‘alte’ Raffi, die wegen ihrer Trauer- und Schuldgefühle hinsichtlich Elnors Tod am liebsten wieder zur Flasche greifen würde.

    In gewisser Weise bilden auch Tallinn und Renée eine “Two of One”-Konstellation, denn Tallinn widmet ihr ganzes Leben der Aufgabe, eine Frau zu beschützen, mit der sie noch nicht ein einziges Wort gewechselt hat.

    Es ist paradox, denn er Episodentitel zeigt eigentlich sehr deutlich, dass sich die beiden Autorinnen durchaus Gedanken über die erzählerische Struktur ihrer Geschichte gemacht haben und dementsprechend einen Plan hatten. Am Ende hat ihnen aber wohl doch das Handwerkszeug gefehlt, um ihren guten Ansatz auch in eine überzeugende Episode umzumünzen. Schade.

    Figuren & Dramaturgie

    Rios, Raffi & Seven

    “Two of One” weiß leider kaum etwas mit Raffi, Seven und Rios anzufangen, wobei man das eigentlich für die gesamte Staffel sagen kann. Die Szenen mit diesem Trio gehören für mich jedenfalls zu den belanglosesten und auch oberflächlichsten Dialogen der Episode. Rios’ Schwärmerei für die Zigarren und das Essen des 21. Jahrhunderts wirkt einfach nur kindisch und ich frage mich ohnehin, warum er das Rauchen im 25. Jahrhundert überhaupt simuliert. Macht das Sinn? Wie ich bereits in meiner Rezension zu Episode 2×03 kritisiert habe, überzeugt mich das Narrativ um Raffis und Rio’s angebliche ‘Anpassungsschwierigkeiten’ im 21. Jahrhundert nichtmal ansatzweise.

    In meinen Augen ist es auch ein Zeichen von Ideenlosigkeit, dass man hier einen eigentlich schon abgeschlossenen Story-Arc aus Staffel 1 bemühen muss, um Raffi wenigstens einen kleinen Charaktermoment zu gönnen. Hier wird nämlich schon wieder auf Raffis langjährige Alkoholsucht angespielt.

    Eine der vielen Stärken von “Star Trek” war es eigentlich immer gewesen, dass einerseits epochenunabhängige Probleme des Menschseins thematisiert wurden, andererseits aber auch epochenspezifische Probleme. Epochenunabhängige Probleme sind die elementaren Fragen des (Mensch-)Seins, wie etwa die Frage nach dem Sinn des Lebens oder dessen Vergänglichkeit. Epochenspezifische Probleme waren zum Beispiel Barclays Holosucht (TNG) oder die Frage, ob Androiden und Hologramme Träger von allgemeinen und unveräußerlichen Persönlichkeitsrechten sein sollten. Probleme wie Drogensucht oder Alkoholismus waren in der Zukunft des “Star Trek”-Universums hingegen obsolet geworden, da sich die Menschheit diesbezüglich endlich weiterentwickelt hatte.

    Das kann man nun für realistisch oder unrealistisch halten, es ist aber schlicht ein fundamentaler Bestandteil der Trek-Utopie. Dementsprechend bin ich – und das ist meine ganz persönliche Meinung – nicht die Bohne an Raffis Alkoholismus-Story-Arc interessiert. Mir ist das einfach viel zu zeitgenössisch, dafür muss ich mir keine Science-Fiction-Serie ansehen. Es gibt schließlich etliche Drama-Serien, die in unserer Gegenwart spielen und genau dieses Thema behandeln. Und es gibt auch schon Colonel Tigh aus “Battlestar Galactica”. Also warum muss jetzt auch noch “Star Trek” dieses Thema zum x-ten Male aufgreifen?

    Ich habe leider den Eindruck, dass Alex Kurtzman und Co. für die neuen Serien primär Autoren und Autorinnen engagiert haben, die mit dem Genre Science-Fiction nicht allzu viel anfangen können, denen es diesbezüglich schlicht an Kreativität fehlt. Eine Kreativität, die beispielsweise Sally Caves mit “Hollow Persuits” (TNG 3×21 “Der schüchterne Reginald”) noch hatte. Dementsprechend kommen auch im Falle von “Picard” leider sehr viele ‘zeitgenössische’ und teilweise auch hundertfach durchexerzierte Storylines dabei heraus.

    Picard & Tallinn

    Die in “Fly Me to the Moon” etablierte Zweierkonstellation aus Picard und Tallinn wird in “Two of One” nur minimal ausgebaut. Hier versucht man scheinbar, eine Art romantische Spannung zwischen diesen beiden Figuren aufzubauen, die am Ende wohl dazu führen soll, dass sich Picard seiner Gefühle für Laris bewusst wird. Auch das wirkt auf mich enorm konstruiert, allen voran Tallinns psychoanalytischen Fähigkeiten, Picards tiefe Gefühle für Laris aus einem einzigen, recht kurzen Dialog herleiten zu können.

    © Paramount+ / Amazon Prime

    Seicht, seichter, “Picard”. Mehr kann man dazu eigentlich nicht sagen. Noch immer erfahren wir nichts über die Hintergründe von Tallinns Organisation. Und es scheint Picard auch nicht wirklich zu interessieren, was mich wirklich enorm irritiert. Könnte es nicht vielleicht sogar sein, dass Tallinn für Q arbeitet und Picard hintergeht? Der ehemalige Captain der Enterprise wirkt hier wiederholt extrem blauäugig und handelt bar jedweder Logik und Lebenserfahrung, die er aber eigentlich zuhauf haben müsste. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber Picard agiert in einer Vielzahl der “Picard”-Episoden einfach ‘out of character’. Wer sich zwischendurch immer mal wieder eine “The Next Generation”-Episode ansieht, wird mir da sicherlich beipflichten können.

    Die Picards

    Nahezu keine Fortschritte macht leider auch der Handlungsbogen um Renée Picard. Die Szenen mit Penelope Mitchell und Patrick Stewart sind leider schwach geschrieben, die gesamte Konstellation wirkt an den Haaren herbeigezogen. Renée hat mal wieder eine Angstattacke und flüchtet sich in einen Nebenraum, in dem die Geschichte der Raumfahrt ausgestellt ist. Picard kommt als Security getarnt in den Raum und redet Renée gut zu. Seine pseudointellektuelle Küchenpsychologie (“Sie erinnern mich an meine Mutter…” 😏🙉) knüpft dabei leider an das niedrige Culber-Niveau in “Discovery” an.

    Zudem widerspricht sich Picard hier selbst, was das Thema “Angst” angeht. Zum Vergleich:

    No! Fear is fear. It doesn’t speak in riddles. Fear means you’re smart. You understand the risks.”

    “Nein! Angst ist bloß Angst. Sie spricht nicht in Rätseln. Angst bedeutet, dass Sie schlau sind. Und sich der Risiken gewahr sind.

    Jean-Luc Picard in “Two of One” (PIC 2×06)

    Seltsam, denn in Staffel 1 sagte Picard im Gespräch mit Rios über die Synthetischen noch das Folgende:

    “And fear is the great destroyer.”

    “Und die Furcht ist der große Zerstörer.

    Jean-Luc Picard in “Broken Pieces” (PIC 1×08)

    Wir halten also fest: In Staffel 1 war die Furcht noch etwas Negatives, weil sie zuerst die Zhat Vash und danach auch die Sternenflotte zu einer irrationalen Handlung – einem “Synth Ban” – verleitet hat. Jetzt ist die Furcht urplötzlich das Gegenteil, nämlich ein Beleg für Klugheit, weil man sich durch diese der real existierenden Gefahren bewusst wird. Okay, vielen Dank für diese nette Zweideutigkeit…🤔

    Sind hier etwa Golem-Picards Positronen durchgeschmort oder legt es sich Picard neuerdings einfach so aus, wie es ihm gerade passt? Picard hat einfach keinen klaren Meinungskompass mehr, er labert in dieser Serie einfach nur noch das, was das Drehbuch von ihm verlangt.

    Meine Güte, wie unprofessionell kann ein Autorenstab eigentlich arbeiten? Die kennen nicht einmal die Dialoge der ersten Staffel. Dabei hat die Serie bis jetzt gerade einmal 16 Folgen. Lazy writing at it’s best…

    Eine wahre Tortur ist mittlerweile auch der Story-Arc um Picards Mutter. Hier will die Serie scheinbar einen neuen Rekord aufstellen: Wie lange kann man einen Mini-Handlungsbogen eigentlich strecken? Werden es die ganzen zehn Episoden oder werden wir vielleicht doch schon in Folge 7 erlöst?

    Ich muss sagen, dass ich mir diesbezüglich langsam echt veräppelt vorkomme. In praktisch jeder Folge bekommen wir die nahezu identischen, wenige Sekunden langen Flashback-Schnipsel hingeworfen. Langsam ist dann auch mal gut. Erzählt die Story oder lasst es einfach bleiben!

    Die Ehe von Picards Eltern war nicht glücklich, seine Mutter hat sich dafür selbst die Schuld gegeben, bekam Depressionen und landete für einige Zeit in einer Nervenklinik. Deshalb wuchs Jean-Luc teilweise ohne seine geliebte Mutter auf, entwickelte ein gespanntes Verhältnis zu seinem Vater und wurde deshalb ein arroganter Angeber, um nach außen hin sein gebrochenes Herz zu kaschieren. Außerdem war die unglückliche Ehe seiner Eltern auch der Grund, weshalb er Bindungsängste entwickelte. End of story.

    Sollte das wirklich alles zutreffen, schuldet mir Herr Matalas eine Patrick Stewart-Autogrammkarte. 😉

    Agnes & Borg Queen

    Nach viel Lob in den letzten Wochen hält sich meine Begeisterung für diesen Handlungsbogen in dieser Folge leider in Grenzen. Dabei geht mein Vorwurf ganz sicher nicht in Richtung der beiden Schauspielerinnen Alison Pill und Annie Wersching, die hier erneut stark performen. Sollte Pill das Lied selbst gesungen haben, dann bin ich ob ihrer Gesangskünste und Stimmgewalt wirklich beeindruckt. Vielmehr ist es das Drehbuch, das dem Fass hier den Boden ausschlägt. Ich habe die krassen Plot Holes weiter oben ja bereits ausgeführt. Leider zieht sich auch dieser Story-Arc mittlerweile wie Kaugummi und lässt folglich keinen Raum mehr für echte Überraschungen. Man kann sich bereits denken, wie es hier weitergehen wird.

    © Paramount + / NBC Universal Television

    Wie vielen anderen Rezensenten sind auch mir die Parallelen zu Number Six (Tricia Helfer) und Gaius Baltar (James Callis) aus dem 2000er-Reboot von “Battlestar Galactica ” aufgefallen. Für meinen Geschmack sind die Anleihen hier aber etwas zu auffällig, auch wenn die Rollen optisch vertauscht wurden. Das wirft einfach kein gutes Licht auf den Autorenstab von “Picard”, wenn man ständig bei anderen Serien und Filmen abkupfern muss. Hat “Star Trek” das wirklich nötig?

    Adam & Kore Soong

    Der einzige Lichtblick der Episode ist der Handlungsstrang um Dr. Adam Soong und dessen Tochter Kore. Wobei die Bezeichnung ‘Tochter’ wohl eher durch ‘Geschöpf’ ersetzt werden müsste. Es deutet nämlich vieles darauf hin, dass Kore ein sogenanntes ‘Designer-Baby’ war und ihre seltsame Krankheit folglich das Resultat einer genetischen Manipulation seitens Soong ist.

    Diese Storyline ist aus zweierlei Gründen spannend. Einerseits könnten wir hier eine Erklärung für die “Eugenischen Kriege” (oder deren Nachwehen) präsentiert bekommen. Showrunner Terry Matalas hat im März bereits angedeutet, dass Spock die “Eugenischen Kriege” in “Space Seed” (TOS 1×22 “Der schlafende Tiger”) aufgrund einer lückenhaften Quellenlage womöglich falsch datiert hat (1990er). Eventuell verlegt man diese in “Picard” nun ins 21. Jahrhundert.

    “Wir haben endlos diskutiert. Wir kamen zu dem Schluss, dass es im Dritten Weltkrieg mehrere EMP-Ausbrüche gab, die alle Jahrzehnte zurückgeworfen haben. Die Aufzeichnungen dieser 75 Jahre, ab den 90-er Jahren, waren lückenhaft. Vielleicht lag Spock falsch? Kein einfacher Weg, wenn Sie möchten, dass die Vergangenheit so aussieht und sich so anfühlt wie das Heute.”

    Terry Matalas via Twitter (26. März 2022)

    Andererseits thematisiert “Star Trek” hier endlich wieder ein brisantes Thema unserer Gegenwart (siehe Abschnitt “Gesellschaftskommentar”).

    Gleichwohl gibt es leider auch bei diesem Teil der Handlung wieder einiges zu kritisieren. Auch wenn es für uns Fans gewiss eine tolle Sache ist, dass Patrick Stewart und Brent Spiner erneut gemeinsam für “Star Trek” vor der Kamera stehen, so muss ich leider sagen, dass ich die Figur des Adam Soong in “Two of One” noch eine ganz Spur überzeichneter finde als in der letztwöchigen Folge, in der seine Charakterisierung auch schon hart an der Grenze war: Der böse Wissenschaftler, der keinerlei Skrupel kennt, um sein Lebenswerk vollendet zu sehen. Wie gesagt, auch hier greift man wieder unverblümt in die Klischeekiste der Film- und Fernsehgeschichte. Und man wiederholt zudem Arik Soong aus “Enterprise”.

    Auch der Umstand, dass Kore in ihrer Isolation scheinbar niemals im Internet unterwegs war und sich nun problemlos in den Computer ihres ‘Vaters’ einloggen kann, ist doch arg unglaubwürdig. Nichtsdestotrotz ist Kores Entdeckung für mich das Highlight der Episode, den Rest fand ich nämlich ganz schön langweilig.

    Gesellschaftskommentar

    Letzte Woche bekamen wir schon den Hinweis auf eine sogenannte ‘Shenzhen Konvention’, in “Two of One” wird das Thema ‘Eugenik’ noch deutlicher angeschnitten. Im Zuge ihrer Recherche findet Kore heraus, dass ihr ‘Vater’ Adam Soong von der Öffentlichkeit als “verrückten Wissenschaftler” angesehen wird; und dass sie selbst scheinbar Soongs finaler Versuch ist, einen genetisch verbesserten Menschen zu erschaffen – also einen ‘Augment’, wie man dies in “Star Trek” bisher nannte.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass der chinesische Biophysiker He Jiankui – gemeinsam mit dem fiktiven Arik Soong (“Enterprise” 4×04/4×05/4×06) – als Blaupause für den Charakter des Dr. Adam Soong gedient haben dürfte. He Jiankui lehrte und forschte an der Southern University of Science and Technology of China in der Stadt Shenzhen (daher die fiktive “Shenhzen-Konvention”) und löste Ende 2018 die sogenannte Chinese Crispr Crisis aus.

    Was war passiert? He Jiankui soll – vermutlich als erster Wissenschaftler überhaupt – die Keimbahn menschlicher Embryonen manipuliert haben (sog. ‘Keimbahntherapie’) und zwar unter Verwendung der Genschere CRISPR-Cas9. Hierbei soll er die Keimbahn der beiden Zwillingsmädchen Lulu und Nana, die durch In-vitro-Fertilisation gezeugt wurden, so verändert haben, dass sie angeblich gegen HIV immun sind. Deren Vater war scheinbar mit dem HI-Virus infiziert. Konkret geht es um das CCR5-Gen (für ein Rezeptorprotein), das in den Zellen HIV-infizierter Patienten ausgeschaltet werden soll, um die Zellen dort vor einer Infektion mit dem HI-Virus zu schützen.

    Eindeutige Beweise für diese Genmanipulation gab es scheinbar nicht, einige vermuteten sogar eine reine Marketing-Aktion. Wie dem auch sei, He Jiankuis Video-Botschaft rief jedenfalls zahlreiche Ethikverbände auf den Plan und stieß eine neue Debatte über Gentechnologie, Eugenik und eben Designer-Babys an. Abgesehen von der ethischen Dimension (Menschenversuche!) hält das Gros der Experten die Genschere auch für noch nicht ausgereift genug, um diese schon jetzt therapeutisch einzusetzen. Sogenannte Off-Target-Mutationen könnten nicht ausgeschlossen werden, das Risiko des Einsatzes von CRISPR sei folglich nicht vertretbar. Zumal die Veränderungen der Keimbahn wohl auch vererbt werden können.

    He Jiankui sowie zwei weitere Forscher wurden 2019 zu Geld- und Haftstrafen verurteilt. Jiankui musste umgerechnet 380.000 Euro zahlen und eine Haftstrafe von drei Jahren verbüßen.

    Inszenierung

    Nach “Fly Me to the Moon” führte Jonathan Frakes (69) auch bei dieser sechsten Episode der Staffel Regie. Im fiel die schwierige Aufgabe zu, ein unterdurchschnittliches Drehbuch so umzusetzen, dass am Ende eine einigermaßen unterhaltsame Episode dabei rauskommt.

    Ich weiß nicht, ob die zeitversetzte Struktur der Folge die Idee der Drehbuchautorinnen oder die des Regisseurs gewesen ist. Wobei es gewiss nicht unkreativ war, “Two of One” praktisch in Echtzeit zu erzählen. Ich sehe es aber ähnlich wie Tom: Der nun schon wiederholte Einsatz von Rückblenden ist nicht so mein Fall. Hier war dies aber scheinbar nötig, weil die ersten 25 Minuten der Folge doch eher langweilig sind. Indem man Picards lebensgefährliche Verletzung schon vor dem Intro spoilert, erzeugt man wenigstens ein bisschen Spannung.

    Jonathan Frakes (links) führte auch bei “Two of One” Regie (Bildquelle: Star Trek on Paramount+ via Twitter)

    Abgesehen davon entspricht “Two of One” dem gewohnt hohen Frakes-Niveau. Die ruhigen und sehr dialoglastigen Szenen werden mittels wechselnder Kameraperspektiven dynamisiert, der Stil der Gala-Inszenierung erinnert sicherlich nicht von ungefähr an “Mission: Impossible” oder “James Bond 007”. Das ist alles handwerklich top, aber halt auch kein gewohntes “Star Trek”.

    Bewertungsübersicht

    Handlung
    Dialoge
    Charakterentwicklung
    Stringenz (Staffelbogen & Kanon)
    Spannung
    Action & Effekte
    Humor
    Intellektueller Anspruch

    Fazit

    "Two of One“ stellt leider den bisherigen Tiefpunkt der zweiten Staffel dar. Konstruiert, unlogisch, belanglos und größtenteils langweilig sind die Schlagworte, mit denen ich die Episode knapp beschreiben würde. Die Staffelhandlung wird fast gar nicht vorangetrieben, die Episode besteht zu gefühlt 90 Prozent aus belanglosen Dialogen und ist unter dem Strich auch enorm handlungsarm. Einzig die letzten rund 10 Minuten erzeugen wenigstens etwas Spannung, allen voran der Adam & Kore Soong-Handlungsbogen. Plot Holes sind in "NuTrek" mittlerweile der Regelfall, aber "Two of One" setzt diesbezüglich noch mal einen drauf. Unter dem Strich steht leider eine ganz schwache Episode von "Star Trek", die man besser schnell vergessen sollte.
    Deutscher TitelZwei von Eins
    OriginaltitelTwo of One
    SeriePicard
    Staffel2
    Episodennummer6
    Produktionsnummer16
    RegisseurJonathan Frakes
    DrehbuchCindy Appel & Jane Maggs
    GastdarstellerBrent Spiner (Adam Soong), Penelope Mitchell (Renée Picard)
    US-Erstausstrahlung07.04. 2022
    DE-Erstausstrahlung08.04. 2022
    Sternzeit / Missionsdatum2024
    Dauer38
    Matthias Suzan
    Matthias Suzan
    Seine Leidenschaft für "Star Trek" begann 1994 mit "The Next Generation". Es sind vor allem die anthropologischen, gesellschaftlichen und politischen Themen des Trek-Universums, die ihn faszinieren. Seit 2017 ist Matthias Teil der TZN-Redaktion.

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