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    Kurzrezension: Picard 2×07 – “Monsters”

    In "Monsters" trifft Sir Patrick Stewart auf James Callis. Ob es sich lohnt, einen der besten "Star Trek"-Mimen mit der "Battlestar Galactica"-Prominenz zu sehen, verraten wir in unserer spoilerfreien Rezension.

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    Picard liegt im Koma, die Borg-Königin in Juratis Körper läuft frei herum. “Monsters” ist eine erfrischende, sehenswerte Episode – warum besprechen wir spoilerfrei in unserer Kurzrezension.


    Was meinen wir mit “spoilerfrei”?

    Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen dazu, was “spoilerfrei” bedeutet. Damit ihr selbst entscheiden könnt, ob ihr die Rezension vorab lesen möchtet, machen wir hier transparent, was wir darunter verstehen:

    • Wir verraten keine wichtigen und unerwarteten Wendungen der Handlung bzw. Informationen über die fiktiven Welt und ihre Figuren.
    • Was im Vorfeld durch Vorschauclips und Trailer gezeigt wird, ist kein Spoiler.
    • Was im Cold Open (vor dem Vorspann) bzw. im ersten Akt (bei Episoden ohne Cold Open) passiert, ist kein Spoiler.
    • Handwerklichen Aspekte (Schauspiel, Drehbuch, Bühnenbild, Soundtrack, Spezialeffekte) sind keine Spoiler, sofern sie nichts Wichtiges über die Handlung verraten.
    Tallinn in "Monsters"
    Tallinn in “Monsters”

    Der Cliffhanger der letzten Folge hatte ja bereits nahegelegt, dass “Monsters” Picards Psyche ausleuchten würde. Das gestaltet sich angenehm abwechslungsreich. Jane Maggs’ Drehbuch verwebt sehr geschickt viele unterschiedliche Erzählebenen und fokussiert die Story auf Picard. Wenig überraschend steht die Episode in der Tradition von surrealen Klassikern wie “Frame of Mind”, “Phantasms”, “Emergence” oder “The Thaw”, findet aber seine ganz eigene Ästhetik und Erzählweise.

    Monsters

    Endlich traut sich “Picard” sowohl bei Form und Inhalt in unbekanntes Territorium. “Monsters” wirkt frischer und unverbrauchter als Vieles, was bisher diese Staffel über den Bildschirm geflackert ist. Nicht nur sind die Dialoge griffig und scharfsinnig, die Episode lässt auch ein bisschen Platz für Subtext und Interpretationen – eine Disziplin in der diese zweite Staffel bisher eher schwach unterwegs war.

    Yvette und Jean-Luc Picard in "Monsters"
    Yvette und Jean-Luc Picard in “Monsters”

    Ebenfalls gelungen: Das Drehbuch spielt geschickt mit unserem Wissen um die persönliche Biographie von Sir Patrick Stewart, der als Kind häusliche Gewalt erlebt hatte, ohne dabei die vierte Wand zu durchbrechen. Ähnliches gelingt auch in der letzten Szene dieser Episode, allerdings auf gänzlich andere Art und Weise. Gerne mehr davon, glaubwürdige und originelle Twists nehme ich jederzeit!

    Wirklich ärgerlich ist jedoch, dass die Episode an einer entscheidenden Stelle einfach wegschneidet und uns dann auch noch unter die Nase reibt, dass da wohl etwas ziemlich relevantes ans Tageslicht gekommen ist. Nicht, weil es irgendwie sinnvoll wäre, oder dem Publikum ein Raum für Interpretation gelassen werden soll. Ich bin mir absolut sicher, dass wir diese fehlende Szene nahe dem Finale noch sehen werden.

    Aber offenbar glaubte der Writers Room, es würde dem Rest der Staffel zu viel Spannung rauben, wenn wir schon jetzt Zeuge wären. Diese Entscheidung, künstlich die Spannung hochzuhalten kann man wohlwollend “unbehofen” nennen – mir kam zuerst das Attribut “dreist” in den Sinn. Denn damit wird die A-Handlung dieser Folge ihrer Auflösung beraubt. Das hinterließ bei mir trotz aller anderen Begeisterung für “Monsters” einen bitteren Nachgeschmack, denn es ist ja nicht so, als dass es dieser Staffel an offenen Handlungssträngen fehlen würde.

    Battlestars und Stargäste

    Als absolutes Highlight diese Folge wenn nicht gar Staffel muss James Callis Gastauftritt gelten. Der Star aus “Battlestar Galactica” und “12 Monkeys” liefert eine brillante Vorstellung ab, die vom Fleck eine faszinierende Qualität hat und bis zum Finale nichts an Intensität vermissen lässt. Wahrlich magnetisch ist die Dynamik mit Stewart.

    Picard in "Monsters"
    Picard in “Monsters”

    Während Patrick Stewart in manchen Folgen dieser Staffel wie ein Passagier und/oder abgeschlagen wirkte, merkt man förmlich, wie er in den Szenen mit Callis aufblüht. Das ist ohne Zweifel Jean-Luc Picard und der Funke springt auch sofort zum Publikum über. Über die Rolle von Callis sei an dieser Stelle nichts verraten. Dramaturgisch ärgerlich, aber dennoch unter diesem Aspekt erfreulich: Es scheint ganz so als dürften wir uns noch vor dem Staffelende auf ein Wiedersehen freuen.

    James Callis spielt eine Gastrolle in "Monsters"
    James Callis spielt eine Gastrolle in “Monsters”

    Drei weitere Gaststars sind erwähnenswert: Stewards Gattin Sunny Ozell spielt eine Sängerin in einer Bar, Ito Aghayere kehrt als als Guinan zurück und Jay Karnes tritt als Barbesucher auf. Zuletzt haben wir ihn als Lt. Ducane auf dem Zeitschiff Relativity in der gleichnamigen “Voyager”-Episode gesehen. Auffällig abwesend sind erneut John de Lancies Q. Auch Spiner und Briones als die Soongs nehmen eine Auszeit.

    Das große Ganze

    Mit Blick auf die übergreifende Handlung adressiert die Folge endlich mehrere großen Elefanten im Raum:

    • Was belastete Picards Kindheit?
    • Was hat es mit Tallinns romulanischen Equipment auf sich?
    • War es eine gute Idee, die Borg-Königin auf die Erde des 21. Jahrhunderts loszulassen? (Dazu werde ich einst minutenlang im ZoneCast ranten…)
    • Wäre es klug einmal innezuhalten und zu hinterfragen, was eigentlich Qs Motivation ist?

    Insbesondere die letzten beiden Punkte liegen schon lange als Hypothek auf der Staffel und strapazierten die Glaubwürdigkeit und innere Logik der vergangenen Folgen. Mit der Darstellung der Fähigkeiten der Borg-Königin bin ich immer noch nicht im Reinen und empfinde diese Staffel als neuerlichen Tiefpunkt in einer langen Kette von Trivialisierungen der Borg als einst übermächtigen Gegenspieler, die spätestens seit “Voyager” karikierende Züge angenommen hat. Aber wenigstens beginnt diese Episode damit, uns die Drehbuchlogik hinter dem Borg-Handlungsstrang etwas näher zu bringen.

    Nicht alle oben genannten Fragen werden restlos oder immer befriedigend geklärt, aber endlich scheint die Staffel die größte Ausdehnung von ungeklärten Mysterien erreicht zu haben und sich langsam auf ein Finale zu fokussieren. Das Pacing dafür wird herausfordernd sein, denn es verbleiben auch nach “Monsters” mehr erzählerische Großbaustellen als Folgen in der Staffel. Ich mag inzwischen nicht mehr ausschließen, dass uns die zweite Staffel in mindestens einem wichtigen Punkt in ein offenes Ende entlässt, und die dritte Staffel nahtlos ansetzen wird.

    Beobachtungen

    • Die Uniform von James Callis’ Charakter mag nicht recht in den Kanon passen, was aber auch in Ordnung geht und der surrealen Stimmung zu Gute kommt. Material und Kommunikator erinnern an “Voyagers” Modell, Schnitt und Farbgebung an “First Contact”.
    • Yvette erzählt eine Geschichte über einen Zauberer. Ich vermute, sie spricht dabei über Q; Entweder weil sie Bestandteil eines Großvater-Paradoxons ist, oder weil die Autoren dies als Motiv/Parabel einweben. Für ersteres spricht, dass sie Picard voraussagt, dass er einst andere mit inspirierender Sprache durch Krisen führen werde.
    • Die Bilderwelten in Picards Erinnerungen und Unterbewusstsein enthalten bekannte Motive. Zum Beispiel reicht Picards Mutter ihm den Pinsel wie dies Data in der Traumsequenz der Pilotfolge “Remembrance” tat.
    • In Picards “Unterbewusstsein” hört Tallinn Audioausschnitte aus diversen “TNG”-Episoden: “The Best of Both Worlds”, “The Hunted”, “Tapestry” und “Chain of Command”.
    • Rios paraphrasiert gegenüber Theresa ein berühmtes Zitat von Kirk aus “The Voyage Home”.
    • Was Rios diese Folge veranstaltet, lässt mich fassungslos zurück. Temporale erste Direktive, anyone?
    • Guinan verwendet eine Handgeste, mit der sie in “Q Who” auf das Erscheinen von Q reagiert.
    • Nettes Easter Egg zu Ehren von Jay Karnes. Am Ende der Folge treffen wir auf eine Figur namens Wells. Die Relativity aus der “Voyager”-Folge gehört zur Wells-Klasse.

    Mit Rücksicht auf die Leser:innen, die die Episode noch nicht gesehen haben, bitten wir in den Kommentaren zu diesem Beitrag auf Spoiler zu verzichten. Danke!

    Bewertungsübersicht

    Gesamt
    Handlung der Einzelepisode
    Stringenz des staffel- und serienübergreifenden Handlungsstrangs
    Stringenz des bekannten Kanons
    Charakterentwicklung
    Spannung
    Action & Effekte
    Humor
    Intellektueller Anspruch

    Fazit

    Mit dem Casting von James Callis hat "Picard" einen echten Sechser im Lotto gelandet. Steward und Callis sind unzweifelhaft in ihrem Element, während auch der Rest des Casts durchweg unterhaltsam aufspielt. Die Story wirkt frisch und mitreißend. In einem unglücklichen Manöver beraubt sich die Episode aber ihrem eigenen erzählerischen Höhepunkt, wenn sie die Auflösung der A-Handlung dreist wegschneidet, um das Mysterium künstlich weiter durch die Staffel zu schleifen. Davon abgesehen erleben wir eine äußerst sehenswerte und runde Folge "Star Trek" mit viel Herz und Fingerspitzengefühl.
    christopher.kurtz
    Christopher Kurtz
    Seit den frühen 2000ern ist Christopher Redakteur im TrekZone Network. Wenn er nicht in den unendlichen Weiten nach kritisch rationalem Humanismus Ausschau hält oder sich über die Plausibilität fiktiver Technologien und Gesellschaftsformen den Kopf zermartert, findet man ihn meistens in der Nähe von Spielen der geselligen Art, egal ob analog oder digital, ob als Mitspieler oder Gelegenheitsautor.

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    Mir geht es ähnlich wie Alex1605 – rein losgelöst sicherlich keine schlechte Folge für eine X-Beliebige “Drama-Psycho-Serie”. Aber was will ich sehen wenn ich ne SciFi Serie, insbesondere Star-Trek gucke? Richtig! In aller erster Linie ne SciFi Serie und keine Psychoanalystische Sitzung! Ich war ja nach den ersten beiden Folgen der Season extrem begeistert – aber Picard hat mit dieser FOlge IMHO seinen ABSOLUTEN TIefpunkt gefunden! Ich erinnere mich an die DS9 FOlge, in der O Brien und Beshir in das Gehirn von Sloan eingedrungen sind. Ähnlicher Kontext, aber das war trotz dem SciFi und StarTrek. Ich hoffe innständig, dass… Weiterlesen »

    Zu artsy und gewollt. Wer’s mag… Ich kann mit solchem Kram wenig anfangen und habe sicher einen Viertel der Folge überspult. Das Aufarbeiten der Traumata der Protagonisten sind in den meisten Filmen und Serien immer ein Grund für Langeweile. Aber wie gesagt, wer’s mag. Einfach nicht mein Ding.

    Die Folge hebt das Niveau von letzter Woche leicht. Aber sie bleibt weit hinter ihrem Potenzial. Ein kläglicher Versuch, dem Ganzen Tiefe zu geben. Abgesehen davon, dass dieser Versuch nicht verfängt, ist er noch dazu ziemlich altbacken.

    PIC klaut bei Story Elemente und Inszenierung ziemlich ungeniert bei anderen Serien. Eine eigenständige Richtung ist nicht erkennbar und auch der Star Trek Tonus schwindet mit Folge zu Folge.

    Während die Backstory Wound von Picard noch halbwegs funktioniert, gibt es ansonsten sehr viele Logikfehler in der Folge.

    Bei Amazon gibt es schon bei Folge 6 fälschlicherweise eine Vorschau auf Folge 8

    Danke für den Kommentar.
    Mit dieser Folge bin ich nicht zufrieden! Klasse gespielt, fließende Handlungsstränge, aber bin ich gerade noch bei “meinem” Star Trek oder einem Psychodrama?
    Klar, Baltar und JL Klasse, “Märchenwelt” a la Hänssel und Gretel…na ja, das hat mir bei STD auch nicht gefallen. Das Duo Seven und Raffie passt, was Rios da macht…vollkommen daneben. Und die Szenen mit Guinan hat auch abstruse Elemente. Und langsam zieht es sich dahin…
    Also wohlwollende 6 von 10, aber nur wegen der guten Schauspielerei….

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